Beten und handeln

Rogate: Betet heißt der morgige Sonntag – und gleichzeitig: 1. Mai – Tag der Arbeit. In der Regel der Mönche gehört das zusammen: Ora et labora – Bete und arbeite. Für mich ein faszinierender Gedanke, der nicht unbedingt an das Kloster gebunden sein muss. Das Leben so gestalten, dass es eingebettet ist in einen Rahmen aus Arbeit und Gebet, wobei Arbeit ja nicht nur Erwerbsarbeit heißen muss.

Aber am 1. Mai ist natürlich die Erwerbsarbeit besonders im Blick und das Bewusstsein, dass 5 Millionen Menschen in unserem Leben ohne Arbeit sind – und viele die Arbeit haben erpresst werden damit, dass ja viele Andere gerne ihren Arbeitsplatz hätten und sie deswegen noch mehr bringen müssen, um ihren Arbeitsplatz zu behalten. Darum gehört zum verantwortlichen Gebet der christlichen Gemeinde auch das Gebet für die Menschen ohne Arbeit. Das Gebet insgesamt ist etwa, zu dem wir uns gegenseitig ermutigen müssen, weil wir erleben, wie viele Menschen entmutigt sind. Immer mehr Menschen haben heutzutage Schwierigkeiten, Bitte zu sagen. Das widerspricht dem Traum von Individualität, den viele träumen. Bitt zu sagen, bedeutet zu bekennen: Ich schaff es nicht alleine. Ich brauche Hilfe. Dabei ist es Jesus selber, der uns Mut machen will, Bitte zu sagen. Bitte zu unseren Mitmensen und Bitte zu Gott – im Gebet.

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Eine Szene aus dem alten Palästina: Es gibt keinen Bäcker, aber man weiß im Dorf, wer abends noch Brot hat. Den Gast zu bewirten ist Ehrensache. Ich muss aufstehen, muss mich aufmachen, muss mich bei dem Nachbarn unbeliebt machen, ihn und seine Familie wecken. Für den, der Jesus zuhört ist ganz klar. Das alles muss so sein, ist ganz normal.

Ziel der Gedanken Jesu ist: Dass die Bitte des nächtlichen Freundes um ein Brot unerhört bleibt passiert nicht, so etwas ist undenkbar. Wen das schon so klar ist, um wie viel klarer, dann dass der Vater im Himmel auf Bitten reagiert. Darum ist es dem Glaubenden ganz natürlich, dass er Gott bittet. Der Reichtum des Vaters macht es zum Privileg, Gott bitten zu dürfen.

Die Bitte des bittenden Freundes wäre unerhört geblieben, wenn er aus lauter Bescheidenheit oder Misstrauen sich nicht auf den Weg gemacht hätte. Meine Bitte kann unerhört bleiben, wenn ich mich nicht auf den Weg mache.

Es geht nicht um gottesdienstliches Gebet oder das Tischgebet, die jeweils ihren eigenen Platz im Leben von ChristInnen haben, sondern es geht um das ganz private, ganz persönliche Bitten, zu dem Jesus mir Mut macht.

Seit der Tempelvorhang an Karfreitag zerrissen ist, habe ich solchen ganz persönlichen Zugang zu Gott. Das Gebet ist nicht sklavisch ergeben, sondern mit dem Selbstbewusstsein, das aus der Berufung kommt. Ich bin Gottes Kind, und darum bitte ich. So selbstverständlich, wie es im alten Palästina oder auch vor 50 Jahren bei uns war: Wenn einer etwas nicht hatte, dann ging er in die Nachbarschaft: Hast du nicht eine Tasse Zucker oder ein paar Eier für mich? Genauso selbstverständlich kann ich auch zu Gott gehen, mit meinen Ängsten und Problemen, meine Sorgen und Fragen.

Meinen eigenen Weg zu beten, muss ich allerdings selber finden. Und ich erlebe, dass immer mehr Menschen damit ein Problem haben. Das Gebet ist heute keine selbstverständliche Übung mehr – das Tischgebet auf gemeinsamen Wochenenden trifft auf Widerstand. Das Gute-Nacht-Gebet wird immer seltener. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass das in vergangenen Zeiten sich oft zu zwanghaften Ritualen verkehrte. Aber ob es richtig ist, deswegen ganz darauf zu verzichten. Ich bin da unsicher. Die Jünger waren zu ihrer Zeit anderer Meinung und hatten doch ihre eigene Probleme. Sie wussten zwar, wie sie ihren Nachbarn auch dann bitten, wenn er eigentlich gar nicht will, aber nicht wie sie Gott bitten sollten, der ihnen so weit weg schien. Darum ihre Bitte an Jesus: Herr lehre uns beten. Und er antwortet erst einmal mit der Gabe des Vaterunser und anschließend erzählt er diese Geschichte von der Ermutigung zum Gebet.

Das Gebet hat eine Verheißung, auch wenn Menschen oft genug daran leiden, dass sie spüren, meine Bitten werden nicht erhört. Auch das eine alte Erfahrung, die wir im 13. Psalm mit unseren Vorfahren mitgebetet haben. Es gehört zum Gebet, dass ich immer auch auf Gottes Willen und Ratschluss vertraue: Dein Wille geschehe!

Gerade am 1. Mai sollten wir auch die nicht vergessen, die leiden an der Ungerechtigkeit. Auch bei ihnen wird gebetet. (Hauptmanns Weber: ‚Ein Fluch dem Gotte, zu dem wir gebeten / In Winterskälte und in Hungersnöten; / Wir haben vergebens gehofft und geharrt, / er hat uns geäfft und genarrt.’)

Das sind Erfahrungen, die können Glauben niedermachen. Dagegen will Jesus uns helfen, uns Mut machen, dem Herrn, der unser Vater ist, zu vertrauen, ihm immer wieder neu unsere Bitten vorzutragen. So wenig wie ein Vater, der auch einmal hart sein kann, sein Kind wegen einer Bitte in Gefahr bringen wird, indem er einen Skorpion rüberreicht, so wenig will Gott uns verletzen.

Die Antwort Jesu ist eine Einladung. Das Gebet zu Gott ist genauso selbstverständlich, wie Freunde um Hilfe bitten. Eine Einladung zur Unverschämtheit, zu bitten, weil Gott auf das Gespräch mit uns wartet.

Zum Merkmal des 1. Mai gehört genauso die Unverschämtheit, wie zu unserer Geschichte. Hätten in der Geschichte die Gewerkschaften nicht die Unverschämtheit besessen gegen den Kapitalismus aufzutreten, wären wir heute noch keinen Millimeter weiter als zu unseligen Zeiten der ‚Weber’.

Hätten ChristInnen nicht die Unverschämtheit ihren Gott um Frieden, Liebe und Gerechtigkeit zu bitten und die Welt an Gottes Gebot zu erinnern, würden Sie ihre Mission verraten.

Das Gebet und das Tun – sie müssen zusammen passen.

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