Heilsame Orte

Liebe Gemeinde, liebe oder Schwestern und Brüder,

in den letzten Wochen war auf erstaunliche Weise fast die ganze Welt auf einer Pilgerreise in die ewige Stadt Rom. Menschen aller Konfessionen und Religionen haben Anteil genommen am Leiden und Sterben eines Kirchenführers, der sicher auf seine Art und Weise unsere Zeit und Gegenwart geprägt hat. Menschen rund um den Globus haben sich gefangen nehmen lassen von den feierlichen, ehrwürdigen Zeremonien einer Kirche, die auf den Reichtum und Glanz einer 2000 Jahre alten Geschichte zurückgreifen kann. Fernsehkameras waren im Zeitalter der Telekommunikation gerichtet auf einen Schornstein, der den Wartenden mitteilen, also kommunizieren sollte, dass es einen neuen Papst gibt. Hunderttausende strömten auf den Petersplatz ehe mit den uralten Worten „Habemus papam“ die „frohe Kunde“ mitgeteilt wurde. Vielleicht waren sie ja auch dabei. Ich jedenfalls war fasziniert und gefesselt von dem, was sich da auch an öffentlichem Interesse und an Teilnahme durch alle Generationen hindurch zeigte. Von Desinteresse an Religiösem oder gar von einem nachreligiösem Zeitalter war da nichts zu spüren. Vielmehr habe ich die ebenso uralte Erfahrung wahrgenommen, dass es heilige, atmosphärisch besondere Orte gibt, an denen man glaubt zu spüren, wie sich Himmel und Erde berühren und das Menschen, die ihren Glauben verkörpern und leben, eine wichtige Mittlerfunktion haben, etwas von Gottesgegenwart ausstrahlen können.

Mit Sicherheit war genau das in der Gegenwart Jesu so. Und in der Erzählung des Predigttextes begegnen uns auch eine heilige Gestalt an einem heiligen Ort.

Hätte es damals schon die Telekommunikationsmöglichkeiten unserer Zeit gegeben, so wären die Augen zumindest der Öffentlichkeit in Pälästina/Israel auf diesen Tempelberg in Jerusalem gerichtet gewesen. Wenn die großen Wallfahrtsfeste nahten, dann machten sich viele auf an diesen Ort. Dann waren die Straßen Jerusalems und der Vorhof des Tempels erfüllt von einer besonderen Stimmung.

Sicher auch mit dem Religiösen lässt sich trefflich Geld verdienen damals und heute. Wo heute Papst – T-Shirts verkauft werden oder Taizekreuze , waren es damals die Händler, die für ausreichend Opfertiere sorgten oder die Geldwechsler, die aber letztlich so auch erst den religiösen Betrieb ermöglichten. Alte Gesänge, alte Rituale eines seit vielen Generationen überkommenen Glaubens waren an diesem Tempel zu erleben und sie waren lebendig, so wie die alten Zeremonien der letzten Wochen von mir zumindest als durch lebendig erlebt wurden.

Doch da tritt Jesus mit all der Vollmacht in Erscheinung, die seine Person umgibt und die Menschen anzieht, fesselt und ihm folgen lässt. Und er vertreibt alle Händler und Geldwechsler aus dem Tempel.

Eine Zeichenhandlung – da sind sich heute alle Ausleger einig und auch damals spürten die Menschen gleich: die Tat allein ist schon die Botschaft. Und das kurze und heftige Wort Jesu unterstreicht das noch: Mein Haus soll ein Bethaus sein und ihr macht eine Räuberhöhle daraus. Was werden die Beobachter wohl gedacht haben? Was sagt das über unsere Räume und unsere Traditionen und unsere Bräuche?

Ich könnte Fundamentalkritik wittern und schlussfolgern, alles was wir gottesdienstlich tun, mit aller Pracht und aller Kunst und aller Schönheit ist letztlich Schall und Rauch, die Stille und die Schlichtheit eines Bethauses, gewissermaßen die Zurverfügungstellung des stillen Kämmerleins, in die das Gebet hineingehört, wäre angemessen. Aber das wäre mir zu einfach und letztlich auch zu billig. Tempel oder Geschäftshaus, Kirche oder Kulturhaus, Verkündigung oder Kommerz, das ist eine zu oberflächliche, zu einfache Kritik, die der Botschaft Jesu so auch nicht gerecht wird.

Die Form der Kritik , die Jesus wählt ist sicherlich ungewöhnlich, seine Botschaft aber nicht: „1 Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie und amag eure Versammlungen nicht riechen. 22 Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speisopfer opfert, so habe ich kein Gefallen daran und mag auch eure fetten Dankopfer nicht ansehen. 23 Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören! 24 Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“ – so klingt das beim Propheten Amos und dennoch hat er den alten Kult nicht abgeschafft oder an ihm nicht mehr teilgenommen.

Er hat aber zu Recht angeprangert, dass alles was wir in religiösen Aktionismus oder auch Enthusiasmus tun, den Bezug zu unserer Wirklichkeit verlieren kann. Nichts ist gefährlicher, als wenn alles sich in Äußerlichkeiten und korrekten Vollzügen erschöpft. Das sich unser Singen und Beten und Reden im Alltag und im Leben wiederfindet, darauf kommt es an. Alle sollen spüren und erfahren, dass unsere Räume offene Räume sind und das Gottes Gegenwart in ihnen und in uns lebendig und nicht allein museal ist. Deshalb wendet sich Jesus von den Händlern und Geldwechslern weg direkt den Blinden und Lahmen zu. Er heilt ihre Gebrechen wie er es schon oft getan hat so als ob er sagen möchte: an diesem Ort sollen nicht nur alle einfach staunen oder ergriffen sein, sondern sie sollen es in ihrem Leben spüren, wie Gottes Welt hier schon anfängt, wie heil wird, was im Leben krank und zerbrechlich ist. Heilige Orte sind heilsame Orte, Orte, die unserer Seele und unserem Leib gut tun sollen.

Heilige Orte sind die Orte, wo wir auch mit unserer Gebrechlichkeit, Schwachheit und Endlichkeit aufgehoben sein dürfen. Was mich im Alltag plagt an Körper und Seele, darf hierher gebracht werden, denn zu Gottes neuer Welt gehört, dass auch das heil werden soll – auch heute schon.

Wir alle kennen Menschen, die krank, manchmal auch sterbenskrank sind. Aber wo kommen sie in unseren Gottesdiensten und in unsren Kirchen vor ? Wo gehen wir wie Jesus auf sie zu , beten konkret für sie, segnen, wünschen ihnen Heilung, wenn es Gottes Wille ist? Die Krankensegnung, das Krankengebet und die Krankensalbung waren in der Urchristenheit eine alte gottesdienstliche und gemeindliche Aufgabe. Heute haben wir sie charismatischen und pfingstlerischen Gruppen überlassen. Sicher können sie auch heute Heilung nicht versprechen aber sie können Kranke ermutigen, stärken und trösten. Auch das ist heilsam, ebenso wie das tröstende Wort oder die Gemeinschaft, die wir erleben, wenn wir Brot und Wein miteinander teilen. Ich wünschte uns mehr Mut zu unseren heilsamen Orten, von denen es so viele gibt, die nicht nur in Rom oder in Jerusalem liegen, auch nicht nur in Altplacht, sondern in all den vielen Kirchen in unseren Städten und Dörfern, wo wir dem lebendigen Glauben, dem Trost und der Hoffnung so vieler Generationen vor uns begegnen. Wo die Freude über ein neugeborenes Kind genauso zu Hause war und ist wie die Sorge um den kranken Nachbarn oder die Trauer über den Tod eines Angehörigen oder Freundes. Wie oft und wie lange sind an diesen Orten schon Lieder erklungen, wie jenes im Jerusalemer Tempel: Hosanna dem Sohn Davids, wo nach dem Vorgeschmack des Gottesreiches schon einmal eine Ahnung des himmlischen Lobgesanges zu hören war. Ganz zu schweigen von der heilsamen Kraft, die in dem Geschenk der Musik liegt, mit der sich so vieles im Leben einfacher ausdrücken oder vermitteln lässt.

Hier in unseren Gotteshäusern darf zu Hause sein, was Leib und Seele gut tut. Die alten ehrwürdigen Bräuche und Vollzüge mit ihren eigenen, fremden und doch ergreifenden Klängen, ebenso wie unsere Sorgen und Hoffnungen angesichts der Gefährdung des Lebens durch Krankheit, Armut, Sinnlosigkeit und Tod, die einmal ausgesprochen und abgeladen werden wollen und dann unter den Segen Gottes gestellt werden dürfen, bis hin zu den Liedern, in denen schon etwas anklingt von der Welt, auf die wir hoffen, die Jesus mit seinem Leben geträumt und sichtbar gemacht hat. Die Freude am Leben, das wache Empfinden all unserer Sinne, die Lust auf die Schönheit der Welt dürfen hier ihre eigene Sprache finden.

Hier an diesen heilsamen Orten dürfen wir in Gottes Gegenwart zu Hause sein, mit dem was wir aus unserem Leben mitbringen.

drucken