So wunderbar groß

Liebe Gemeinde,

im letzten Schuljahr habe ich in einer Klassenarbeit Schüler aus der zweiten Klasse gefragt: Wer war Jesus? A) ein Zauberer B) ein Filmstar C) der Sohn Gottes E) ein Polizist. Knapp die Hälfte der Schüler entschieden sich für den Gottessohn, dann kam der Filmstar, dann der Zauberer, eine Antwort gab es auch für den Polizisten. Für dem Filmstar habe ich noch einen der möglichen drei Punkte gegeben, weil einige Kinder Jesus-Filme gesehen hatten und es ihnen schwer fiel, einzusehen, dass da Jesus nur durch einen Schauspieler dargestellt wurde.

Diejenigen, die sich für den Zauberer entschieden haben, fühlten sich schlecht behandelt. Schließlich hatten sie gerade die Geschichte gelesen, in der der blinde Bartimäus geheilt wurde. Und sowas, meinten die Kinder, kann eben nur ein Zauberer. Die Frage ist offen, was für Siebenjährige mehr wert ist: der Zauberer oder der Sohn Gottes, denn von Gott haben sie keine so genaue Vorstellung. Für Jesus allerdings können sie sich so oder so begeistern. Am liebsten singen meine kleinen Schüler am Schluss der Stunde ein afrikanisches Lied: "Jesu akupenga jo" oder auch "Assante sana Jesus". Was es genau heißt, haben sie längst wieder vergessen, aber es ist fröhlich und hat etwas Jubelndes. So ähnlich stelle ich mir diese Kinder im Tempel vor, die da staunend bewundert haben, wie Jesus Kranke heilt. Hier im Matthäus-Evangelium wird erwähnt, dass sie "Hosianna" schreien, Hosianna (hebr. ‚hilf doch!‘), war zuerst alttestamentarisch ein Bittanruf Gottes, später allgemein ein Jubel- und Preisruf.

So singen die Bewohner und Gäste beim Einzug Jesu in Jerusalem am "Palmsonntag". Das hebräische Wort Hosianna ist mit dem hebräischen Wort für Jesus "Jehoschua"(übrigens ein gebräuchlicher Name): "Jahwe ist Hilfe" verwandt. Dieser ursprüngliche Bittruf, der später "allmählich ein freudiger Zuruf zu Gottes Ehre wurde" (A. von den Boon), bedeutet: "(Gott), hilf doch!" Wir nehmen diesen Lobpreis in hebräischer Sprache bis heute vor allem in unseren Abendmahlsfeiern auf, singen ihn aber auch in einem bekannten Adventslied.

Für die Kinder damals war es ein Ruf, den sie aus dem Gottesdienst von drinnen vom Hören her kannten, vielleicht wussten sie nicht mal, was es heißt. Ein Ruf zur Ehre Gottes wird Jesus zugedacht, von Kindern, die nicht mal ins Tempelinnere dürfen, sondern immer draußen im Vorhof rumhängen – und das ist es, worüber sich die Pharisäer so entsetzten.

Sie sind diejenigen, die für alles, was im Tempelinnern geschieht, zuständig sind, sie sind die "Kirchenfunktionäre". Gerade haben sie mit Ingrimm erleben müssen, wie Jesus im Tempel rigoros aufgeräumt hat und die Händler und Wechsler rausgeschmissen hat. Diese Händler und Wechsler waren wichtig für die Kirchenoberen, denn diejenigen, die bei ihnen ihre Geschäfte machten, bezahlten auch ihre Tempelsteuer. Und wahrscheinlich zahlten sie beträchtliche Gebühren dafür, dass sie hier ihre Tische aufstellen durften. Jesus hat da ein florierendes Geschäft verdorben. Nun aber lässt Jesus die zu Ehren kommen, von denen die Kirchenfunktionäre rein gar nichts haben, die Kranken und die Kinder. Sie sind gar nicht tempelwürdig, sie müssen im Vorbezirk sitzen. Und diese "Unwürdigen" feiern Jesus mit einem Ruf, der eigentlich Gott zugedacht ist – das bringt die Pharisäer auf die Palme.

Jesus hat offenbar keine Lust, sich wieder einmal mit ihnen auseinanderzusetzen. Er wirft ihnen einen Psalmvers zu, von dem er annehmen kann, dass sie die Fortsetzung kennen: "Aus dem Munde der jungen Kinder und Säuglinge hast du eine Macht zugerichtet um deiner Feinde willen, daß du vertilgest den Feind und den Rachgierigen." Diesen letzten Teil des Psalmverses spricht Jesus nicht aus. "Wenn ihrs nicht wisst, schaut doch nach …", und lässt die Rachgierigen und Feinde einfach stehen. Jesus fordert sie heraus in ihrer Kompetenz als Schriftgelehrte, auf die sie sich immer wieder berufen.

Das ist ein zorniger, eifriger Jesus, den wir da erleben, einer, der uns den Gott des Alten Testaments näher bringt. Aber er ist eben nicht zu allen zornig. Zu den Blinden und Lahmen nicht, auch nicht zu den Kindern. Ihnen gehört seine ganze Barmherzigkeit.

Wütend ist er nur auf die, die eigentlich alle Voraussetzungen hätten, sich dieser Schwachen anzunehmen, aber stattdessen die Distanz festzimmern, den Abstand halten: "Ihr Schwache gehört in den Vorhof, wir Frommen sind nahe bei Gott". Der Dünkel hat ihr Herz verdunkelt.

Ein bisschen musste ich an den Dünkel der Phariäser denken, als ich am Mittwoch die Nachricht vernahm, der neue Papst werde seine erste Messe in lateinischer Sprache lesen: vorbei an den "Unmündigen", an Kindern und allen, die "nicht tempelwürdig" sind … das hat mich traurig gemacht.

Können wir die Reaktion auf die Pharisäer aus diesem Blickwinkel noch halbwegs verstehen, so lässt uns die Sache mit dem Feigenbaum fast ratlos zurück. Nur, weil Jesus gerade Hunger hat und der Baum, an dem er vorbeikommt, zufällig keine Früchte trägt, muss der Baum dran glauben? Der Feigenbaum ist Symbol für das Volk Israel, die ersten Leser des Matthäus-Evangeliums haben das noch gewusst. Alle Voraussetzungen waren da, dass dieses Volk "Frucht bringt", aber diejenigen, die sich für Hüter des Glaubens halten, wollen den Messias nicht erkennen. Was aber hat das mit uns heute zu tun? Ich frage mich, ebenfalls angesichts der Entwicklung in Rom, ob wir Hauptamtlichen in der Kirche nicht auch manchmal so sind wie dieser Feigenbaum, den Jesus zum Verdorren bringt: Voller Blätter, aber die Früchte fehlen. Vielleicht sollte uns diese Handlung doch ein bisschen den Spiegel vorhalten und uns fragen lassen, was eigentlich dran ist, was von uns überhaupt verlangt ist, wie wir unseren Glauben leben. Latein ist für diejenigen, die die Möglichkeit hatten, es gründlich zu lernen, eine schöne Sprache, aber eine Messe auf Latein halten, das ist auch ein Zeichen von Arroganz der Priester.

Ich bemühe mich immer, den Verlauf des Gottesdienstes, seinen Aufbau, der uralten traditionen folgt, den Menschen verständlicher und durchschaubarer zu machen, Fremdworte zu erklären. "Der Herr sei mit Euch", das ist heute schon schwer genug zu verstehen, so grüßte man sich im Mittelalter, aber doch heute nicht mehr. "Dominus vobiscum" aber, da gerät dieser Gruß zur unverständlichen Floskel. Ist das wirklich eine Antwort auf die Glaubensnot im 21. Jahrhundert, den Menschen vorzuführen, wie Kirche früher einmal war:

Unnahbar, prunkvoll und fern? Ich habe auch auf evangelischer Seite gehört, dass viele an diesem neuen Papst seine moralische Eindeutigkeit, seine konservative Haltung schätzen und meinen, da könnte unsere Kirche sich was abgucken. Aber: Wenn es darum geht, sich auf Werte rückzubesinnen, die in der heutigen Zeit abhanden kommen, ist dann Kirchenlatein die angemessene Antwort? Geht es nicht um ganz andere Werte, die uns Jesus vorgelebt hat: Um Liebe zu Schwachen zum Beispiel, aber auch um unerschütterlichen Glauben. Um einen Glauben, der immer wieder auf die Probe gestellt wird, der aber sich aber auch immer wieder bewährt.

Ich habe in den Predigten Albert Schweitzers geblättert, eines Mannes, der wirklich nahe bei den Menschen war und der sein ganzes Handeln unter dem Aspekt des Lebens Jesu gesehen hat. Er sagt:

"Viele Menschen müssen durch diesen innerlichen Bankrott hindurch, sie müssen erfahren, dass das, was sie für ihren Glauben halten, gar kein wirklicher innerer Glaube ist, sondern dass sie sich ihren Glauben erst erringen und erbeten müssen; sie müssen innerlich arm werden, damit sie erst sehen, was für ein Reichtum der Glaube ist, der ihnen eine Gewohnheitssache war. Wer diese geistige Armut empfindet, der ist nicht verloren, wenn er auch schwer ringen muss, wenn er auch für den Augenblick durch das dunkle Tal der Verzweiflung hindurch muss."

(Albert Schweitzer, Predigt am 16.2.1902)

Wir müssen wissen, dass weder dieser Papst noch wir es sind, die die Kirche erhalten – oder auch zugrunde richten – können, zu Zeiten Jesu waren es genauso wenig diese Pharisäer. "Unsere Vorfahren sind es nicht gewesen und unsere Nachfahren werden es nicht sein", sagte schon Martin Luther, "Die Kirche steht und fällt mit unserem Glauben an Jesus Christus."

Und hier sehe ich eine vornehmliche Aufgabe für uns Christen in der heutigen Zeit: Wir sollten um unseren Glauben ringen, die beste Hilfe dazu ist das Gebet – der nächste Sonntag heißt "Rogate". Beten lernen müssen wir eigentlich alle wieder neu. Wir dürfen wissen, dass wir alles zu Gott bringen können, all unsere Anliegen, aber es gehört auch das feste Vertrauen dazu, dass unsere Sache bei ihm wirklich gut aufgehoben ist. Jesus sagt:

Wenn ihr zu diesem Berge sagt: Heb dich und wirf dich ins Meer!, so wird’s geschehen. Und alles, was ihr bittet im Gebet, wenn ihr glaubt, so werdet ihr’s empfangen.

Wie aber kommen wir zu einem solchen Glauben? Ich denke, da können wir uns ganz gelassen ein Beispiel an den Kindern nehmen, die damals aus vollem Herzen sangen: "Hosianna dem Sohn Davids" – und die auch heute so gerne singen. Meine Religionskinder haben ein Lieblingslied, das ich auch Ihnen ans Herz legen möchte: "Gottes Liebe ist so wunderbar, so wunderbar groß".

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