Die kleine Zeit

Joh 16,16-24

Abschied und Wiedersehen

16 »Es dauert noch eine kurze Zeit, und ihr werdet mich nicht mehr sehen. Dann wird wieder eine kurze Zeit vergehen, und ihr werdet mich wiedersehen.«

17 Unter seinen Jüngern erhob sich die Frage: »Wie sollen wir das verstehen …?

18 Was bedeutet ‚eine kurze Zeit‘? Wir verstehen nicht, was er sagt.«

19 Jesus wusste schon, dass sie ihn fragen wollten. Darum sagte er zu ihnen: »Ich habe gesagt: ‚Es dauert noch eine kurze Zeit, und ihr werdet mich nicht mehr sehen. Dann wird wieder eine kurze Zeit vergehen, und ihr werdet mich wiedersehen.‘ Darüber macht ihr euch nun Gedanken?

20 Amen, ich versichere euch: Ihr werdet jammern und weinen, und die Welt wird sich freuen. Ihr werdet traurig sein; doch ich sage euch: Eure Trauer wird sich in Freude verwandeln.

21 Wenn eine Frau ein Kind zur Welt bringt, leidet sie Angst und Schmerzen; aber wenn das Kind geboren ist, denkt sie nicht mehr daran, was sie ausgestanden hat, und ist nur noch glücklich, dass ein Mensch zur Welt gekommen ist.

22 So wird es auch mit euch sein: Jetzt seid ihr voll Angst und Trauer. Aber ich werde euch wiedersehen. Dann wird euer Herz voll Freude sein, und diese Freude kann euch niemand nehmen.

23 Wenn dieser Tag kommt, werdet ihr mich nichts mehr fragen. Amen, ich versichere euch: Der Vater wird euch dann alles geben, worum ihr ihn bittet, weil ihr es in meinem Namen tut und euch auf mich beruft.

24 Bisher habt ihr nichts in meinem Namen erbeten. Bittet, und ihr werdet es bekommen, damit eure Freude vollkommen und ungetrübt ist.«

Liebe Gemeinde,

Ich möchte sie in die Gedanken dieses Textes einstimmen mit einer kleinen Meditation über einen Ausdruck des Textes, der mich besonders fasziniert hat.

Ich habe sie vor einiger Zeit getroffen, sie ist mir begegnet. Ich hatte im Altenheim zu tun. Im Foyer saßen einige Frauen und Männer und schienen nicht besonders viel zu tun zu haben. Sie saßen einfach da, als würden sie warten. Einige waren gerade erst beim Kegeln gewesen, oder an einem anderen Tag beim Gedächtnistraining. Jetzt saßen sie einfach dort im Foyer. Ich fragte, worauf sie warteten, und sie sagten, dass es erst in einer halben Stunde Mittagessen gäbe. Da lohnt es sich nicht, erst wieder auf das Zimmer zu gehen. Daher sitzen sie jetzt hier und verbringen hier eine kurze Zeit im Foyer, sehen einander an, einige sprechen sogar einige Worte miteinander, andere schweigen, andere wiederum sind in den Leseraum gegangen, und haben einen Blick in die Zeitung geworfen.

Ich habe sie dort also getroffen, sie ist mir begegnet, die kleine Zeit. Solche kleine Zeiten kommen in unserem Leben gar nicht selten vor. Eine kleine Zeit steht immer in einem Verhältnis zu einer größeren Zeit, einige Minuten zu einer Stunde, eine Stunde zu einem Tag, eine Woche zu einem Monat und so weiter. Wir leben unser Leben in der Gegenwart, in vielen kleinen Zeiten.

Ich lese jetzt einfach noch ein paar andere Beispiele dafür, dass sie mir an anderen Tagen ebenfalls begegnet ist, die kleine Zeit.

Eine kurze Zeit

Auf dem Bahnhof gewartet

In der Sonne gelegen

Eine Zigarette geraucht

Den Abwasch erledigt

Unkraut gejätet

Das Auto gewaschen

Auf dem Sofa gelegen

Einen Besuch gemacht

Ein Musikstück angehört

Ein Buch gelesen

Im Krankenhaus verbracht

Seite an Seite gelegen

Mit einem Freund gesprochen

Einen Brief geschrieben

Durch den Wald gelaufen

Geruht

Ein Konzert besucht

Eine neue Hose eingekauft

Rad gefahren

Das Beet umgegraben

Geburtstag gefeiert

Die Wohnung gesaugt

Den Regen abgewartet

Die Vögel beobachtet

Einen Urlaub am Wasser verbracht

Von zu Hause weggewesen

Ein Gedicht gelesen oder geschrieben.

Was sagt uns diese Beschreibung der kurzen oder kleinen Zeit? Ich persönlich höre folgende Aufforderung heraus:

Lebe jede deine kleinen Zeiten so, als ob sie dein ganzes Leben währen würden.

Und lebe sie trotzdem eben auch als die kleinen Zeiten, die sie sind, denn es steht immer noch etwas aus.

Die Jünger sagten im Bericht des Johannes zu Jesus: Was bedeutet eine kurze Zeit?

Jesus ist ihr auch begegnet, der kurzen Zeit. Er hat sie nun den Jüngern angekündigt. Gemeint ist die zeit zwischen seinem Abschied vor der Kreuzigung und dem Wiedersehen nach der Auferstehung. Die Aussage wird hier wiederholt, da die Jünger vor Ostern dies nicht verstehen können. Doch wir wissen, was mit dieser kleinen Zeit gemeint ist.

Wenn ich etwas fühle und erleben, dann dauert das immer eine gewisse kurze Zeit. Hier geht es um Abschied und Trauer, um Angst und Leiden, das ist die eine Zeit. Doch es ist nur eine kleine Zeit, danach kommt die Zeit des Glücks und der Freude, die Zeit nach der Auferstehung, die Zeit des Glaubens.

Zunächst gibt dieser Wortwechsel Jesu mit den Jüngern schon eine Vorstellung vom Leben nach der Auferstehung Jesu, die für jeden persönlich gilt. Wir sind nicht die Jünger, aber auch wir können uns in ihre Erfahrung hineindenken. Es geht uns mit unserem Glauben eigentlich ähnlich.

Zuerst geschieht etwas, dass uns die lebendige Gegenwart des Auferstandenen erfahren lässt und wir beginnen zu glauben. Wir haben die Wahrheit seiner Worte erfahren, uns steht das Leben des Jesus von Nazareth vor Augen. Durch den Weg Jesu ans Kreuz ist auch für uns Gott mit der Welt versöhnt, und durch die Taufe und ihre Wahrheit haben wir das neue Leben im Geist. Das Leben der Auferstehung Jesu Christi kommt in das Leben der Christinnen und Christen hinein.

Das ist also der Beginn Wir wissen im Glauben, dass Jesus gegenwärtig ist. Wir haben es erfahren. Doch das Leben geht weiter mit all seinen Höhen und Tiefen. Und manchmal will es uns scheinen, als sei er gar nicht da, als wüssten wir es nicht, als hätten wir es nicht selbst erfahren, ja, so als hätten wir keinen Glauben. Ein Christ hat den Glauben nicht als einen zeitlosen Besitz, sondern immer als ein immer neu ergriffenes Geschenk. Doch was geschieht nun, wenn wir in dieser kleinen Zeit der Glaubensnot die zuerst getroffene Entscheidung durchhalten und erneuern?

Wir verstehen unser Leben von Gott her und müssen es nicht aus den Alltagsfragen heraus erklären. Damit ist unser Leben auf das Ganze gesehen ohne Sorge, wenn auch nicht ohne Sorgen. Die Grundfrage ist geklärt, wir sind ein einmaliger von Gott geschaffener Mensch, ein Ich, ein Individuum. Das klingt sicher schwierig, ist aber im Grund ganz einfach zu verstehen.

Ich musste an die Worte einer älteren Frau denken, die mir immer sagt, wenn ich sie sehen: „Man muss zufrieden sein.“ Ob sie es wirklich ist, weiß ich immer nicht so recht. Aber der Satz stimmt. Mit der Antwort des Glaubens auf die Erfahrung der Gegenwart Gottes ist klar: Wir können zufrieden sein. Die Freude des Glaubens heißt: keine Frage mehr zu haben.

Den Grund des Lebens zu kennen und in Gott den Sinn des Lebens zu finden.

Die Zeiten des Glaubens werden im Johannes Evangelium mit Trauer und Freude bezeichnet.

Der Glaube bezieht Trauer und Freude aufeinander. Das ist ja in unserer Gesellschaft sonst gar nicht üblich. Im Gegenteil sind die meisten Angebote, die uns zufrieden stimmen nur von kurzer Dauer, weil sie eine kurze Ablenkung bieten. Immer nur für eine kurze Zeit. Auch hier ist sie zu finden, die kurze Zeit. Und leben wir in diesem Prinzip, und wissen wir nicht, dass wir im Grunde unserer Existenz zufrieden sein können, dann jagen wir nur von einer kurzen Zeit zur nächsten, für die wir oft viel Geld ausgeben müssen.

Die Freude des Glaubens ist die der durchgestandenen Trauer. Die Schmerzen und die Angst einer Mutter sind bei der Geburt eines Kindes überwunden. Auch heute ist eine Geburt nicht ohne Risiken. In früheren Zeiten wie auch heute noch immer in den Entwicklungsländern ist dazu das Risiko sehr hoch, dass eine Frau bei der Geburt stirbt. Der Vorgang der Geburt ist in hohem Maß angstbesetzt. Doch wenn es so weit ist, dann will jede Frau auch, dass das Kind geboren wird. Das dauert dann eine kleine Zeit, bis zur Geburt. Ist das Kind einmal geboren, dann ist die Angst und der Schmerz vorbei. Die Zeit der Trauer wird durch die Freude abgelöst. Die Freude des Glaubens schließt Trauer und Angst bewusst ein, ist lebendige Freude, die man nicht kaufen kann, ist Freude, die sich an der Erfahrung des Lebens erschließt. Die andere Freude in der Welt besteht aus gekaufter Zeit. Hier heißt es: Die Freude währt nur kurze Zeit. Für die Jünger gilt: Die Trauer gilt nur kurze Zeit. Der Sinn des Leben erschließt sich. Jesus ist beim Vater, durch ihn können wir zu Gott beten und wie können zu Christus beten und wissen dass unsere Schuld und Not gut aufgehoben ist.

Und so geht die Ankündigung Jesu, in der er von der kurzen Zeit des Leidens und des Todes spricht, über in die Beschreibung der Kirche. In der Kirche sind Menschen, deren Herz voll Freude ist, die nicht von ihnen genommen werden keine, auch nicht eine kurze Zeit. Das soll die Möglichkeit von Trauer und Verzweiflung natürlich nicht in Frage stellen. Ich stelle mir den Glauben immer ein wenig vor, wie das geistige Gegengewicht gegen die reale Not. Es geht ja um eine Freude, die aus der Überwindung der Trauer folgt und nicht um eine Freude, die die Trauer und die Not einfach wegdiskutiert.

Jesus ist im Glauben gegenwärtig. In der dann gegebenen Freude werde wir Jesus nichts mehr fragen wollen weil wir hören und sehen, ja sogar schmecken, wie nah er uns ist.

Und nun wird das christliche Gebet erklärt: Wir beten zu Gott im Namen Christi. Vor Gott tragen wir Jesu Namen wie einen Ausweis, der uns Einlass gewährt, der uns dort vorsprechen lässt. Wir wenden uns an Gott mit der Anrede: Vater. Das gilt im Glauben, dass wir durch Jesus Geschwister werden, die einen gemeinsamen Vater im Himmel haben. Das oll eben auch für die Bitte gelten. Was zu unserer Freude dient, werden wir erhalten.

Ich habe zu Beginn einige Gedanken zu dem oft genannten Begriff kurze Zeit zusammengefasst. Ich finde es immer wichtiger zu sehen, dass der Glaube uns auf unsere Zeit hinweist und das Leben in der Gegenwart ermöglichen will, ohne Suchen und Fragen.

Dann ging es um den Glauben, der uns hier am Beispiel der Jüngerinnen und Jünger erklärt wird. Voraussetzung ist, Jesus gesehen und erfahren zu haben. Wir haben Jesus im Glauben erfahren, die Jüngern als lebendigen Menschen Jesus von Nazareth. Auch wir haben unsere Zeiten der Trauer, der Not, der Sorge. Doch durch die Anfangserfahrung ist die eine Grundfrage erklärt, was der Grund unseres Lebens ist und wir können zufrieden sein. Im Angesicht Jesu haben wir keinen Grund mehr, etwas anderes zu suchen. Jesus sagt: Ihr werdet mich nichts mehr fragen.

Danach haben wir noch ein wenig auf die Teile des Textes gehört, in denen er Freude und Trauer in ein Verhältnis bringt. Der Weg des Glaubens ist nicht ohne Trauer. Das Leiden wird nicht verdrängt. Die Freude des Glaubens wird bewahrt und erscheint als Ziel. Hier wird der Begriff der kleinen Zeit anders aufgegriffen. Wir müssen uns nicht kleine Zeiten der Freude kaufen, um die Trauer und Not zu vergessen, sondern wir haben die Freude in unserem Herzen, weil wir wissen, dass die Freude am Ende das letzte Wort haben wird. Durch Jesus wird die Beziehung zu Gott als dem Vater geknüpft. Er bringt uns mit Gott zusammen. Unsere Gebete zu Gott gehen über ihn. Wir sind durch Gott Menschen, die den Grund ihres Lebens kennen. Wir können zufrieden sein.

Amen.

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