Damit müssen Sie schon alleine fertig werden

„Damit müssen sie schon alleine fertig werden!“ Vielleicht haben Sie diesen Satz auch schon einmal hören müssen, in einer Situation, die alles andere als einfach war, in einer Situation, in der Sie eben gerade das Gefühl hatten: Ich werde damit nicht alleine fertig.

Das können ganz verschiedene Momente sein: Ich erfahre gerade vom Arzt, dass ich eine schwere Krankheit habe, ich bin in einer wichtigen Prüfung durchgefallen, ein enger Freund möchte mit mir nichts mehr zu tun haben: Ich glaube jeder von uns kennt solche oder ähnliche Momente und weiß, wie weh das tut, wie hilflos man in so einem Moment ist.

„Damit müssen sie schon alleine fertig werden!“ Das tut weh, wenn man das dann gesagt bekommt. Da ist schon diese schlimme Situation, die eigentlich immer einen Verlust mit sich bringt, einen schmerzhaften Abschied – und dann werde ich auch noch allein gelassen mit meiner Not, mit meinem Schmerz, mit meiner Trauer.

„Das Schlimmste, was einem Menschen passieren kann, ist: verlassen zu sein.“ Ein alter, lebensweiser Mann hat diesen Satz gesagt, und er hat sich mir eingeprägt.

Der Text für die heutige Predigt ist aus dem Teil des Johannesevangeliums genommen, der die Überschrift „Abschiedsreden“ hat: Das ist eine Sammlung von Worten, die Jesus vor seiner Verhaftung an seine Jünger gerichtet hat, um sie – soweit möglich – auf das vorzubereiten, was ihnen noch bevorstehen soll: Der Abschied von Jesus, der Abschied von vielen Hoffnungen und Träumen.

Daran wird bereits deutlich: Jesus ist ganz und gar nicht der Meinung: „Damit müssen sie schon alleine fertig werden“ Nein – er denkt viel barmherziger und – wie ich meine – viel realistischer: Sie brauchen Hilfe, Zuwendung, Zuspruch, Unterstützung. Und er will sie ihnen geben. Doch hören sie selbst: Ich lese aus dem 16. Kapitel des Johannesevangeliums:

[TEXT]

Mir ist als erstes aufgefallen: Jesus geht es gar nicht darum, seine Jünger detailliert darüber aufzuklären, was genau geschehen wird. Denn dann hätte er ihnen sagen müssen: Als erstes werdet ihr mich nicht mehr sehen, weil ich als gekreuzigter Krimineller sterben werde. Ihr werdet mich aber wiedersehen, weil ich euch als Auferstandener erscheinen werde.

Dann werdet ihr mich nicht mehr sehen, weil ich aus dieser Welt zu Gott erhöht werde. Wieder „sehen“ im eigentlichen Sinn werdet ihr mich zwar nicht; aber der Gottesgeist, den ich über euch kommen lassen werde, wird euch klar machen, dass ich da bin. Und schließlich werde ich so wiederkehren, dass die ganze Welt von meiner Gegenwart erfüllt sein wird.

Aber das hat Jesus nicht gesagt – denn ich glaube, seine Jünger hätten das auch gar nicht erfassen können.

Ich habe eine kleine Tochter. Sie ist zwei Jahre alt. Und mir ist aufgefallen: Wenn ich sie auf etwas vorbereiten will, dann rede ich ähnlich mit ihr: Ich lasse alle Details weg, die sie auch noch gar nicht verstehen kann und reduziere meine Botschaft auf das, was sie nachvollziehen kann. Und das genügt auch. Und ich glaube, ich habe dabei die gleiche Absicht wie Jesus: Ich will sie nicht informieren, sondern sie auf das Kommende vorbereiten und ihr Vertrauen stärken, dass das alles gut ausgeht.

Nicht der Kopf soll voll werden, sondern das soll Herz gestärkt und ermutigt werden.

Zum zweiten ist mir aufgefallen, wie schonungslos offen und ehrlich Jesus ist: Keine Spur von „ist doch gar nicht so schlimm“ oder „tut doch gar nicht weh“ oder ähnlichen schönrednerischen Floskeln: Nein, er verschweigt es nicht: Weinen und Klagen, Traurigkeit und Schmerzen. Auch wer an Gott glaubt, wer mit Jesus lebt, der ist davon nicht verschont.

In dieser Welt sind Leid und Schmerz unvermeidbar. Auch Christen haben ein Recht darauf, von Schmerz und von Trauer betroffen zu sein, darunter zu leiden und zu klagen. „Ist doch alles nicht so schlimm“ – diese Rede ist unchristlich, ungöttlich und unmenschlich.

Das Leid, der Schmerz, die Trauer, das wird bei Jesus nicht klein gemacht, nicht weggeredet, sondern überwunden: „Eure Traurigkeit soll in Freude verwandelt werden.“, verspricht er. Und an dem Beispiel mit der Mutter, die sich über die Geburt ihres Kindes freut, deren Schmerzen gerade in Freude verwandelt worden sind, da macht er deutlich: Freude hat einen Grund. Da muss wirklich etwas da sein, worüber man sich freut. Dieser Grund, diese Wurzel macht Freude krisenfest. Wetterunabhängig. Wie leicht ist die Stimmung, die Fröhlichkeit zerstört, schon alleine wenn es regnet! Freude bleibt.

Ich muss noch einmal meine Kinder als Beispiel hernehmen: Seit sie bei uns sind, hat es auch viele schlechte Tage gegeben. Tage, an denen ich todmüde war, weil sie die ganze Nacht vor Bauchweh geschrien haben, Tage, an denen sie unermüdlich ihre Grenzen austesten mussten und zielsicher genau das getan haben, was Mama und Papa am meisten nervt – und doch ist kein einziger Tag vergangen, an dem ich mich nicht riesig darüber gefreut habe, dass es sie gibt.

Was ist denn der Grund der Freude, die Jesus hier verheißt? Es ist – Jesus selber. Er selber ist der Grund der Freude.

Er hat Vergebung aller Sünde gebracht. Luther schrieb einmal: „Wo Vergebung der Sünde ist, da ist Leben und Seligkeit!“ Seligkeit – ich glaube, man kann dafür auch „Freude“ einsetzen.

Wer jemals von Schuld gequält worden ist, die wie ein Grabstein im Magen herumlag, und der davon befreit worden ist, erlöst worden ist durch die Vergebung, die Jesus schenkt, der weiß, was für eine tiefe, unaussprechliche Freude das ist!

Er hat die Überwindung der Todesgrenze gebracht. Der Tod ist zwar furchtbar – aber er hat nicht mehr das letzte Wort.

Und er hat das Ende der Gott-Verlassenheit gebracht. Wer an Jesus glaubt, der ist niemals allein gelassen. Niemals.

Als ich den Predigttext die ersten Male las, da verstand ich den ersten Satz immer so: Noch eine kleine Weile, dann werde ich euch verlassen, alleine lassen, und abermals eine kleine Weile, dann werde ich wieder zu euch kommen. Dazwischen werdet ihr alleine sein. Mir ist dann plötzlich klar geworden: Das steht ja gar nicht da! Jesus redet immer nur davon, dass er mal sichtbar sein werde und mal nicht. Sichtbar, das heißt: wahrnehmbar, erkennbar, fühlbar, erlebbar. Aber auch wenn er nicht sichtbar ist, also scheinbar abwesend ist, dann ist er da.

Mir ist da wieder meine Tochter eingefallen: Wenn sie bei ihrem Papa auf dem Schoß sitzt, dann ist sie ganz glücklich und geborgen. Sie sieht mich, sie spürt mich, sie erlebt das Gefühl, gehalten zu werden. Und dann geht sie auf die Straße – wir wohnen am Ende einer kleinen Sackgasse – und spielt, und ich beobachte sie durch das Küchenfenster. Ich sehe sie – aber sie sieht mich nicht. Ich bin bei ihr, ganz in der Nähe – aber sie spürt nichts davon. Und nach einer gewissen Zeit, da wird sie unruhig und fängt an, mich zu suchen. Aber auch, wenn sie mich nicht findet, mich nicht sieht, ist sie trotzdem in meinem Blickfeld.

Manchmal stehe ich unmittelbar hinter ihr, und sie hat es gar nicht mitbekommen, dass ihr Papa da ist, dass ich ihr so nahe bin. Und wenn ein Auto kommt, dann bin ich bei ihr und bringe sie in Sicherheit, lange bevor sie überhaupt nur ahnt, in welcher Gefahr sie schwebt.

Mir ist das zum Gleichnis geworden, wie das zusammenzubringen ist: „Ich bin bei euch alle Tage“ auf der einen Seite und auf der anderen Seite die Erfahrung, sich von Gott verlassen und vergessen zu fühlen, das Gefühl, meine Gebete bleiben an der Zimmerdecke hängen.

Kinder brauchen das beides: Die Erfahrung der Nähe, der Geborgenheit und auch die wiederkehrende Erfahrung, dass solche Momente der Verlassenheit, dass solche beängstigende Situationen auch eine gute, beglückende Wendung haben können. Schmerz, Trauer, Angst, Panik: Das ist alles unvermeidbar.

Darum ist es so wichtig, in dem Vertrauen geborgen zu sein: Ich bin doch nicht allein. Ich werde getragen. Ich werde gehalten.

Solches Vertrauen muss wachsen, es muss reifen. Durch Erfahrungen der Nähe, der Freude, der Geborgenheit. Und es kann erbeten werden: Glauben und Vertrauen – das ist im Neuen Testament gleichbedeutend.

„Damit müssen sie schon alleine fertig werden“ – Nein, ganz und gar nicht. Im Gegenteil: Ich bin bei dir, in jeder Situation, und ich helfe dir, sagt Jesus. Und manchmal, manchmal wirst du es auch merken, es spüren, als ob ich dich in den Arm nehme.

Damit dein Vertrauen wächst, damit deine Geborgenheit tiefer wird, damit deine Traurigkeit in Freude verwandelt wird. In eine Freude, die „niemand von euch nehmen wird.“

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