Wir ruhen all in Gottes Hand, lebt wohl, auf Wiedersehn

Nehmt Abschied, Brüder, ungewiss ist alle Wiederkehr, die Zukunft liegt in Finsternis und macht das Herz uns schwer.

Jubilate, freut euch, jubelt, heißt der heutige Sonntag, liebe Gemeinde. Und man sollte meinen, die Osterfreude sollte an diesem Sonntag noch etwas nachklingen. Aber der Predigtext aus dem 16. Kapitel des Johannesevangeliums ist der Passionsgeschichte entnommen. Jesus nimmt Abschied von seinen Jüngern. Und die verstehen nichts von dem, was er sagt. Denn er ist sonderbar geworden in der letzten Zeit. Die Leichtigkeit und Lebensfreude, die er früher ausstrahlte, war immer mehr von ihm gewichen, je näher sie Jerusalem kamen. Früher hatte er ein einnehmendes, ja geradezu einladendes Wesen gehabt. Man hatte keinerlei Scheu verspürt, mit ihm zu reden. Aber nun rückte Jesus von ihnen weg. Geradezu unnahbar wurde er, wenn er Worte sagte, wie die folgenden:

[TEXT Verse 16-18]

Alles an Jesus war nur noch verwirrend. Seine sonst so erheiternden Worte machten nun Angst. Wo war er hin, der Jesus, den sie kannten?

[TEXT Verse 19-23a]

Nun, wir wissen, was Jesus meinte. Natürlich: Wir kennen den Verlauf der weiteren Geschichte: Jesus zieht nach Jerusalem. Er wird gefangen genommen und ermordet – aus den Händen seiner Jünger gerissen. Die Jünger werden weinen und klagen – und die Welt wird sich an ihrem Schmerz freuen. Ihr Schmerz aber wird nur einen kleine Weile dauern. Wir wissen es: Drei Tage. Dann wird Jesus auferstehen und seine Jünger wiedersehen. Er wird ihre Trauer in Freude verwandeln. Wir sitzen wie vor dem Fernseher und blicken auf diesen Jesusfilm. Und wenn wir gut mitgehen, wie mein Opa das immer bei Übertragungen von Fußballspielen tat, dann könnten wir den Jüngern durch den Bildschirm hindurch zurufen: „Dumme Jünger! Denkt an Ostern! Freut euch! Es kommt alles viel besser, als ihr jetzt sehen könnt!“ Und dann könnte es sein, dass sich ein vorwitziger Regisseur erlaubt hat, einen Untertitel einzublenden. Quer über den Bildschirm läuft die Frage: „Wie sieht es denn mit dir aus? Kannst du denn dem Namen dieses Sonntags entsprechen: Jubilate: Jubelt!?“

Unversehens finden wir uns wieder in der Situation der Jünger in unserem Predigttext. Denn wir leben doch wie sie im Grunde vor Ostern, nicht danach: mit all unseren Fragen, die sich im Kreis drehen, wie die der Jünger:

– Wie sollen wir das denn verstehen: „Nur eine kleine Weile werdet ihr mich nicht sehen und dann werdet ihr mich sehen.“ Diese kleine Weile dauert ja nun schon beinahe zweitausend Jahre.

– Wie sollen wir das denn verstehen: „Ich gehe zum Vater.“ Auf dem Grabstein da stehts: „Hier ruht in Gott, mein langersehntes Kind, das schon heimging, bevor es ankam.“ —— „Hier ruht in Gott, mein Sohn, der vor mir starb.“ —– „Hier ruht in Gott meine geliebte Frau, die durch ihre Krankheit langsam meinen Händen entglitt.“ —— „Hier ruht in Gott mein geliebter Mann, mit dem ich fast mein ganzes Leben verbracht habe. Er ist heimgegangen zum Vater.“ —- „Hier ruht in Gott mein Leben.“ Wie sollen wir das denn verstehen?

[TEXT Verse 19-23a]

Ja, werden wir dann auch unsere Lieben wieder sehen? Sag uns doch ein Ja, Herr, damit der Abschied ein Abschied auf Zeit bleiben kann. Und seine Antwort: ICH will euch wiedersehen. Die Freude, von der er spricht, ist nicht auf uns, sondern auf IHN bezogen. Die Härte des Abschieds von unseren Lieben wird nicht weggeredet mit einem ihr werdet euch wiedersehen“, wie es vielleicht manchmal allzu schnell kommt. Im Gegenteil: „Ihr werdet weinen“. Mit beinahe erschreckender Klarheit wird dies ausgesprochen. ICH werde euere Schmerzen in Freude verwandeln, indem ICH euch wiedersehe. Ist das zu wenig? Kann die Freude darin bestehen, daß wir uns gerade nicht selbst freuen müssen? Dann wäre der Name dieses Sonntags keine Aufforderung: Jubelt doch! Nein, er wäre ein Versprechen: Ihr werdet jubeln. ICH sorge dafür.

Das ist vielleicht das größte Geheimnis jenes Wiedersehens; nicht wir müssen sehen. Nicht wir müssen den Sinn dieses Jesusfilms verstehen, der uns hier gezeigt wird. Nicht wir müssen Einblick gewinnen in die Antworten auf unsere Fragen, sondern wir werden gesehen. Christus behält uns und unsere Lieben im Auge auch dort, wo wir die Augen fest verschließen vor ihm. Auch dort, wo die Härte dieser Welt uns die Augen zudrückt.

Die Freude liegt letztlich nicht an uns und unserem ach so tatkräftigen Glauben. Sondern vor diesem Glauben liegt immer schon Christus, der uns wiedersehen will. Und dies ist in Leid, in Trauer, aber auch in Zeiten des Zweifels unser vielleicht stiller, vielleicht nicht demonstrierbarer, aber doch unverbrüchlicher Trost: Wir können gar nicht so mit Dunkelheit geschlagen werden, dass Christus uns nicht wiedersehen kann, wir dürfen und können zu allen Zeiten der Verwirrung und der Leiden uns gesagt sein lassen: »Ich will euch wiedersehen!«

Nehmt Abschied, Brüder, ungewiss ist alle Wiederkehr, die Zukunft liegt in Finsternis und macht das Herz uns schwer. Doch der Himmel wölbt sich übers Land, ade, auf Wiedersehn! Wir ruhen all in Gottes Hand, lebt wohl, auf Wiedersehn.

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