Eine kleine Weile?

Liebe Gemeinde,

auf den allerersten Blick, beim ersten Anhören, klingt es so, als sei diese Rede, die Jesus nach Aufzeichnung des Johannesevangeliums zu Beginn seiner Leidenszeit gehalten hat, nur für die Jünger so rätselhaft. Diejenigen, die das Evangelium Jahrzehnte später hörten oder wir, die wir es heute lesen, wir wissen es ja besser: Jesus sprach von seiner Kreuzigung und seiner Auferstehung, vom Karfreitagsleid und von der Osterfreude drei Tage später. Aber ist das alles wirklich so klar, so einfach? In wenigen Wochen feiern wir das Fest Christi Himmelfahrt, wir erinnern uns daran, dass der Auferstandene nach kurzer Zeit ja schon wieder seine Freunde verlässt, diesmal ein Abschied für länger, nicht gewaltsam, sondern sozusagen freiwillig. Vorbei die Tage, da er durch geschlossene Türen kam und mit ihnen das Brot teilte. Gilt das Wort "Eine kleine Weile" auch jetzt? Die ersten Christen haben das geglaubt, sie waren überzeugt, noch zu ihren Lebzeiten werde das Ende der Zeiten kommen. Sogar der Apostel Paulus war noch der Meinung, es lohne sich nicht mehr, noch zu heiraten und sich zu vermehren angesichts dieser Naherwartung. Der Verfasser des Johannesevangeliums hatte es größtenteils mit Lesern oder Hörern zu tun, die Jesus gar nicht mehr erlebt hatten.

Was also ist "eine kleine Weile"?

Sie wissen wahrscheinlich, wie das ist, wenn man zu Kindern sagt: "bald". Bald ist Weihnachten, bald kommt Papa nach Hause, bald hast du Geburtstag. "Ist jetzt bald?" werden sie immer wieder fragen. Geduld ist nicht unbedingt eine menschliche Stärke – und "bald" ist ebenso so ein Gummiwort wie "eine kleine Weile". Wenn hier Jesus die Jünger mit dem Vergleich der Frau, die in den Wehen liegt, vertröstet, so ist das, finde ich, typisch Mann.

Zum einen ist in diesem Fall der Zeitraum durchaus absehbar, zum anderen kenne ich genug Frauen, bei denen auch Jahre nach der Geburt die Angst noch präsent ist, die sie ausgestanden haben. Und bei denen diese Angst die Freude sogar erdrückt hat. Ich kann eigentlich auch nicht richtig mitreden, weil ich keine Kinder habe – aber meine Großmutter

hat mir immer wieder erzählt, dass sie aus dieser Angst heraus nie ein weiteres Kind gewollt hat. Sie hat es auch nicht bekommen. So konnte ich mich für diesen Vergleich zunächst nicht wirklich erwärmen. Aber es gibt ja, so dachte ich, genügend andere Beispiele dafür, wie Freude ausgestandene Angst total in den Schatten stellen kann. Beim Nachdenken allerdings über traurige Situationen in meinem eigenen Leben ist mir eingefallen, wie wichtig diese Traurigkeit war, damit Freude sich überhaupt entfalten konnte. Ich will nun nicht dafür plädieren, dass jeder Schicksalsschläge braucht, um gute Zeiten schätzen zu lernen. Das wäre zynisch.

Aber ich glaube, es ist wichtig, sich Abschiedsschmerz auch einzugestehen. Heute ist das ja eigentlich gar nicht angesagt. Wer traurig ist und es zugibt, ist ein Weichei. Wem es nicht gelingt, Verletzungen "wegzustecken" und zur Tagesordnung überzugehen, der ist nicht lebenstauglich, heißt es. "Irgendwann muss doch mal Schluss sein", so wird schon wenige Wochen nach dem Suizid eines Elternteils zu einer 17-Jährigen gesagt. "Reiß dich zusammen".

Sie reißt sich zusammen, sie funktioniert wieder. Sie macht ihr Abitur, ihrer Fahrprüfung. Aber sie kann sich nicht mehr freuen. Auch Jahre später noch nicht. Wir werden auf ein stromlinienförmiges Leben hin erzogen, auf ein Leben, in dem möglichst alles seinen Gang geht, lieber ohne Höhepunkte als mit Tiefpunkten. Am liebsten wäre es manchem, er könnte schon mit 25 wissen, wie sein Rentner-Dasein aussieht. Für Gefühle und für den Wunsch, ihnen auch nachzugeben, scheint kein Raum.

Dieser Sonntag heißt "Jubilate", aber man merkt so wenig davon. "Wir haben ja auch keinen Grund zum Jubeln", werden sie vielleicht sagen. Wirklich nicht? Die ganze Woche war ich krank, ich konnte kaum noch sprechen und Hören und hatte Fieber. Heute geht es mir besser. Ist das kein Grund zum Jubeln?

Der Winter scheint endgültig vorbei, der Flieder treibt schon aus, allein das wäre ein Grund zur Freude. Aber irgendwie kommt das alles nicht so richtig an bei uns, ebenso wenig wie die Osterbotschaft. "Der Herr ist auferstanden!", auf diesen uralten Jubelruf bekam ich Ostern die Antwort: "Ach, hast du das auch schon gemerkt!" Fehlte nur noch ein "Na und? Ist mir doch egal!" Das war ein Kirchenmensch, der mir diese Antwort gab. Und gerade in Gemeinden merke ich oft, dass es ganz schwer ist, Gefühle zu wecken, weil keiner mehr sie zulässt. Als Prediger fühlt man sich doch irgendwie ganz eigenartig, wenn das "Halleluja",

sofern es überhaupt noch gesungen wird, sich wie Grabgesang anhört. Und wenn Kinder im Gottesdienst zum ehrfürchtigen Schweigen ermahnt werden an Stellen, wo sie nur allzu berechtigt neugierige Fragen stellen. Ich habe mich vor kurzem darüber gefreut, dass die Kanzel der einzige Ort der Welt ist, wo man wirklich frei sprechen und Dinge beim Namen nennen kann, wo man zum Ausdruck bringen kann, wie vieles heute nicht richtig läuft in unserer Welt, aus der Sicht der Evangelien oder auch der Propheten betrachtet. Manchmal würde ich mir aber auch wünschen, dass Begeisterung oder auch Angst und Trauer sich nicht nur in der Predigt abspielen, sondern auch hörbar würden im Gesang oder ablesbar auf den Gesichtern oder – ja, wenn mal ein Lachen käme oder ein Zwischenruf. Oder eben auch mal eine Frage nach dem Gottesdienst. "An diesem Tag werdet ihr mich nichts fragen", so charakterisiert Jesus den Tag der Riesenfreude, den Tag, an dem sich alle Rätsel lösen werden, den Tag, wo wir ihn von Angesicht zu Angesicht sehen werden. Der Tag ist noch nicht da – aber das Fragen hat jetzt schon aufgehört, zumindest in den Gemeinden.

Das liegt nicht etwa daran, dass die Geduld zur hervorstechendsten Tugend in unseren Reihen geworden ist. Eher wird Geduld ersetzt durch eine andere Eigenschaft: Ich habe manchmal den Eindruck, Gleichgültigkeit ist die vorherrschende Stimmung, und Gleichgültigkeit ist das Schlimmste, was unsere Seele treffen kann. Jesus findet in unserem Text Worte, um Traurige zu trösten, er macht Hoffnung auf unendliche Freude – und er bittet um Geduld. Das alles sind Regungen des Herzens, Seelenfarben. Nur derjenige, der trauern kann, kann sich auch wirklich freuen, nur der, der Tiefen auslotet, erklimmt auch Höhen.

Ich möchte nun nicht mit einer Aufzählung aller im Fernsehen übertragenen prominenten Totenfeiern dieser Tage aufwarten, um Ihnen die Worte Und auch ihr habt nun Traurigkeit näher zu bringen. Ich meine auch nicht so eine oberflächliche Heiterkeit wie in einer Karnevalssitzung, ich würde mich hüten, zum Sonntag "Jubilate" mit einer Pappnase hier vorne für eine kleine Heiterkeitseinlage zu sorgen. Das wäre gewiss nicht das, was Jesus gemeint hat mit dem Satz "Eure Traurigkeit soll in Freude verwandelt werden." Die Gleichgültigkeit aber ist der Tod aller Empfindungen, aller Mitmenschlichkeit – und auch des Glaubens.

Gleichgültigkeit legt sich wie Mehltau auf die Knospen, sie lässt nichts zum Blühen kommen.

Nichts kann sich entwickeln, weder Trauer noch Freude, alles wird grau und matt. Eine Pflanze, die vom Mehltau befallen ist, verliert erst die Blätter, dann sterben ganze Zweige ab, am Ende ist sie zerstört bis an die Wurzel. So geht es dem Glauben auch, wenn die Gleichgültigkeit sich breit macht.

Wie aber sollen wir "ausharren in Geduld", angesichts der fast 2000 Jahre des Wartens auf das verheißene Wiedersehen? "Nur eine kleine Weile", hat Jesus gesagt. Wieviel ist eine kleine Weile? Vielleicht sollten wir uns nicht immer diesen verglichen mit einem Menschenleben unsagbar langen Zeitraum vorstellen, sondern auch daran denken, was Jesus dem Mann am Kreuz nebenan versprochen hat "Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein". Heute noch, nicht dann, wenn der Welt Ende gekommen ist …

"Bleibt in mir und ich in Euch" hat Jesus im Evangelium, das wir vorhin gehört haben, gesagt. Das ist entscheidend, damit unsre Hoffnung lebendig bleibt. Auch dann wird es uns gehen wie den Jüngern, manchmal, dann, wenn wir ganz traurig sind: wir werden wir fragen "Wo bist du überhaupt, wann kommst du wieder?" und wir glauben, Jesus nicht zu spüren. Manchmal, dann, wenn etwas Unerwartetes, Wunderbares geschieht, werden wir voller Freude Jesus, Gott, seinen Geist, ganz nahe spüren, wir werden das Gefühl haben, mit ihm im Paradies zu sein.

Wenn wir aber zulassen, dass Gleichgültigkeit sich breitmacht, dann haben wir beides nicht mehr, weder Traurigkeit noch Freude. "Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat", schreibt Paulus. Wohlgemerkt: "überwunden hat", nicht "überwinden wird". Das ist bereits geschehen und nichts, worauf wir noch warten müssen. "Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende", das sind die letzten Worte des auferstandenen Jesus, die uns im Matthäusevangelium aufgeschrieben sind. "Alle Tage", das ist jetzt, hier, heute, morgen und übermorgen, und darüber dürfen wir uns freuen, immer wieder und immer gerade dann, wenn es

uns bewusst wird.

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