Et jeht hingerher noch enmol su joot

Liebe Gemeinde,

die Geschichte von Maria und Marta können wir richtig gut nachfühlen. Am Besten Martas Haltung. Wir können uns das richtig bildlich vorstellen. Jesus ist kreuz und quer durch das Land gezogen, und jetzt kommt er mit seinen Jüngern dort vorbei, wo Marta mit ihrer Schwester Maria wohnt.

Klar wenn Besuch kommt, möchte man ihm Gutes tun. Wir kennen das z.B. bei Familienbesuchen. Denn wir wissen: „Wenn sich dr Familich trifft, kütt nur von allem et Best op dr Desch.“ Ja, wenn sich Besuch ansagt, egal ob Familienbesuch oder ein Besuch von Freunden, es gilt die Devise: Nur „Et Best kütt op dr Desch“. Wir bereiten uns vor: Vielerlei wird gemacht, gekocht, gebacken, die Zimmer hergerichtet und anderes mehr. Es gibt aber auch die Momente, in denen sich überraschend Besuch ansagt. Auch in diesem Fall versucht ein guter Gastgeber, den Gast in seinem Hause König sein zu lassen.

Marta lädt Jesus also in ihr Haus ein.

Dass eine Frau ihn aufnimmt, das ist ungewöhnlich und galt sogar zu damaliger Zeit eher als anstößig. Doch Jesus nimmt ihre Einladung an und geht in ihr Haus. Toll!

Marta verfällt in dem Moment, in dem Jesus ihr Haus betritt, in einen blinden Aktionismus. Sie hofft sicherlich auf die Mithilfe ihrer Schwester, aber was macht sie, sie setzt sich zu Jesu Füßen und hört zu, hört auf das, was der Gast spricht, was er zu ihr spricht.

Wenn die Geschichte hier im Rheinland spielte, würde Marta jetzt sicherlich zu Maria sagen: Du fuul Treng! Help mir ens met!

So ähnlich jedenfalls reagiert Marta, jedoch nicht direkt ihr ins Gesicht sagend, sondern über Umwege: „Herr, fragst du nicht danach, dass mich meine Schwester lässt allein dienen? Sage ihr doch, dass sie mir helfen soll!“ [Jesus reagiert auf Martas Äußerung: Er „aber antwortete und sprach zu ihr: Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe. Eins aber ist Not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.“]

Ja, liebe Gemeinde, erwischen sie sich nun auch beim Schubladendenken? Haben sie den Text nicht auch immer so gelesen: Marias Handeln ist gut, Martas dagegen schlecht? Zu vorschnell erfolgt eine Bewertung der Personen hinsichtlich der Frage: Wer handelt richtig? Schnell wird man zu Sympathisanten der einen oder der anderen Person. Prompt ist die eine in dieser Rolle und die andere in jener. Und das schlimme ist: Wer einmal so denkt, tut sich schwer, seinen Blick wieder zu weiten, einen Menschen wieder neu, anders wahrzunehmen. Kennen wir nicht aus dem Alltag genügend Beispiele für unser Schubladendenken? Bei uns selbst und bei anderen? Und Hand aufs Herz: Hat nicht wirklich jeder und jede von uns, diesen Bibeltext in einer bestimmten Weise seit Kindestagen an gelesen und gehört?

Liebe Gemeinde, ich finde es bedarf zunächst einmal einer gegenseitigen Akzeptanz der beiden Gestalten. Beide haben ihre Berechtigung. Beide sind wichtig und bleiben es!

Die vielen Dinge, womit sich Marta abmüht, haben ihre Berechtigung, ihr Dienen – also ihr diakonisches Handeln ist wichtig. Es muss allerdings in entsprechendem Verhältnis zu dem Einen stehen.

Das offene Hören auf das Wort Jesu – Marias Tun – die Bereitschaft sich aus seinen alltäglichen Gegebenheiten zu lösen und zu öffnen für und auf die Botschaft Gottes hin hat ebenso ihre Berechtigung, wie die Sorge um das leibliche Wohl des Gastes.

Wer kann sagen, welchen Dienst der Gast nötiger hat: das offene Ohr oder den gedeckten Tisch? Kann man da wirklich eine Rangfolge aufstellen, die immer und überall gültig ist?

Liebe Gemeinde, wir sind Maria und Marta zugleich, haben eine gewisse Ambivalenz in uns. Natürlich sind die einen von uns mehr wie Martha: Sie wissen etwas mit ihren Händen anzufangen. Sie sind aktiv. Sie sehen die Arbeit, was es auch sei. Sie packen gerne zu und denken nicht erst lange nach. Das sind die, die schaffe, raffe und sich ploge. Und die anderen sind mehr wie Maria: Sie hören gerne zu, ziehen sich auch gerne zurück, können auch mal verträumt eine Arbeit liegenlassen. Das sind die, die weeße, wann se ens en Pus bruche, um widder nöh Kraff ze kreije.

Liebe Gemeinde, beides hat im Leben eine Berechtigung: das Tun und das Hören, das Arbeiten und das Beten, das mit den Händen arbeiten und das mit dem Kopf denken! Das eine ist nicht schlechter als das andere.

Ich weiß nur allzu gut, aus eigenen Erfahrungen, das so ein richtiger Handwerker, die Arbeit der anderen am Schreibtisch, im Labor, in der Bibliothek oder vielleicht auch in der Kirche nicht so hoch schätzt, wie das praktische Tun, bei dem schon bald die nützlichen, hilfreichen, schönen Resultate sichtbar sind. Das eine ist offenbar echter Fleiß und ob das andere nicht doch bloß Drückebergerei, vielleicht sogar Faulheit ist, darüber ist der eine oder andere fleißige Handwerker sich noch nicht ganz im Klaren.

Wir brauchen beides im Leben: Nicht zuletzt sieht deshalb der heilige Benedikt auch für den gelehrtesten Klosterbruder und eifrigsten Beter zwei Stunden der Handarbeit vor. ORA ET LABORA, Bete und arbeite und dies nicht bloß in einem Neben- und Nacheinander, sondern in gegenseitiger Durchdringung. Martas Arbeit ist Dienst am Gast und in dieser liebenden Fürsorge auch Gottesdienst und Marias Gespräch ist Arbeit, die Arbeit sich an Jesu Wort auszurichten und den alten Menschen abzulegen.

Liebe Gemeinde, Maria und Marta stellen unsere zwei Seiten dar. Die Frage ist, ob die beiden Seiten in uns im Gleichgewicht sind oder ob wir nicht eher wie Marta die aktive Seite, aber auch die sorgende Seite betonen. Immer wieder neu sehen, worauf es gerade ankommt, darum geht es: „Eins aber ist Not“, sagt Jesus, und meint damit nicht, dass immer nur das Hören auf Gott das Notwendigste sei. Das eine, das notwendig ist, ist immer etwas anderes, je nach der Situation. Einmal muss ich zupacken, ohne lange nachzudenken und hin und her abzuwägen. Das andere Mal muss ich wieder alles stehen und liegen lassen und still sein und hören, um meinetwillen und um Gottes willen.

Konkret: Wer wollte in einer christlichen Gemeinde die beiden Aspekte gegeneinander ausspielen. Was ist wichtiger: Das Lesen der Schrift, das Gespräch darüber und das Gebet oder der diakonische Dienst am Nächsten?

Liebe Gemeinde, kehren wir noch einmal zur Geschichte zurück.

Dass eine Frau Jesus aufnimmt, ist – ich sagte es zu Anfang schon – ungewöhnlich und galt eher als anstößig. Genauso zeigt das Zu-Füßen-Sitzen Marias ein anderes Lehrer-Schüler-Verhältnis und Verständnis als es zur damaligen Zeit üblich war, denn kein jüdischer Rabbi hätte je eine Frau in seinen Schülerkreis aufgenommen.

Jesus stellt durch sein Handeln geltende Ordnungen auf den Kopf, nicht um die Ordnung zu verunglimpfen, sondern um nach dem tieferen Sinn zu fragen, um des Menschen willen. Die bestehende Ordnung wird karnevalisiert, umgekehrt:

· Eine Frau wird Schülerin des jüdischen Rabbi Jesus.

· Er heilt am Sabbat und pflückt am Sabbat Ähren.

· Er stellt die nichts wissenden Kinder als Beispiel dar für den Weg ins Reich Gottes und stellt andererseits die gelehrten Pharisäer als Menschen dar, die wenig vom Reich Gottes verstanden haben.

Viele Beispiele lassen sich anführen aus dem Leben Jesu, wo er bestehende Ordnungen durch provokantes Handeln hinterfragt und durchbricht.

Jesus hat sich in seinem Leben aus der Sicht der anderen oft zum Narren gemacht. War für viele ein Jeck! Schon der greise Simeon sagt: Er ist ein Zeichen, dem widersprochen wird! Und Jesus wurde zum „verrückten“ Außenseiter“ für uns Menschen und zu unserem Heil. Gott sei Dank gab es ihn!

Jesus, Gottes Sohn, der das Leben der Menschen wollte. Der vielleicht heute sagen würde: Maht üsch jet Freud. Hollt ens Luff, und ihr süd ens seen: Et jeht hingerher noch enmol su joot!

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