Vorwiegend heiter

Liebe Gemeinde –

vorwiegend ratlos sind die Jünger, als Jesus zu ihnen diese Bemerkung macht: Eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht mehr sehen, und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen. Sehr ausführlich, ja fast ein wenig umständlich wird diese Ratlosigkeit im Predigttext auch wiedergegeben: Was hat er wohl gemeint, als er das gesagt hat – und mit der Bemerkung, „ich gehe zum Vater“, was wollte er damit ausdrücken? So geht es hin und her, und vielleicht kennen Sie das ja auch, dieses unruhige Getuschel, und vielleicht mögen Sie es ja auch gar nicht, wenn man so mit Ihnen redet, so mehrdeutig, so interpretationsbedürftig.

Dabei ist das, was Jesus sagt, ganz klar und eindeutig – aber die Jünger können es nicht verstehen, noch nicht, denn er spricht von der Zeit nach dem Karfreitag, von der Traurigkeit, die sie nach seinem Tod spüren werden, und von der Freude, die seine Auferstehung, das neue Leben für ihn und für alle, in ihnen auslösen wird. Davon ahnen sie noch nichts, das ist jenseits ihres Verstehenshorizonts, und so bleiben sie ratlos, suchen nach einer Antwort, aber in ihrer Ratlosigkeit kommen sie nicht einmal auf das Nächstliegende (nämlich Jesus zu fragen), sondern kreisen um sich selbst. Wie gut, dass er merkt, was in ihnen vorgeht – wie gut, dass er ihnen hilft und sich ihnen erklärt.

Denn sonst wären sie das wohl geblieben, „vorwiegend ratlos“, auch nach Ostern, auch nach der Auferstehung und der damit verbundenen Freude über das Wiedersehen mit ihrem Herrn. Denn das war ja (so wissen wir, und so wusste auch Johannes, als er sein Evangelium schrieb) nur von kurzer Dauer: Gerade einmal 40 Tage, danach war Jesus ihren Blicken wieder entschwunden; sie mussten allein zurechtkommen, konnten ihn gar nicht fragen. Und so gibt diese umständliche Passage aus den Abschiedsreden auch die Ratlosigkeit derer wieder, die sich in der jungen Kirche gefragt haben, wie lange es wohl noch dauern werde, bis Jesus zum zweiten Mal wiederkommen würde: Was hat er wohl gemeint mit: „eine kleine Weile“? Sie spiegelt ihre Überlegungen, ihre Spekulationen darüber, wo er jetzt wohl sein möge, wenn nicht in Tod und Grab und auch nicht mitten unter ihnen: „Wo mag das wohl sein, wenn er sagt: „Ich gehe zum Vater“? Wo mag er sein, den wir doch so dringend bräuchten, den wir doch so gerne selbst fragen würden in unserer Ratlosigkeit – wo können wir ihn erreichen und wie lange dauert es wohl noch, bis wir ihn wieder sehen? Vorwiegend ratlos – so blieben sie trotz der erklärenden Sätze Jesu, und vorwiegend ratlos, so stehen wir heute noch da angesichts dieser Welt, die so dringend auf Erlösung wartet, die doch eigentlich neu werden müsste, nicht erst in einer kleinen Weile, sondern subito – sofort.

Vorwiegend ratlos stehen wir den Veränderungen in unserer Gesellschaft gegenüber, in der sich das Verhältnis der Generationen umzukehren droht. Immer ist es so gewesen, dass die Jungen für die Alten zu sorgen bereit waren, wenn es an der Zeit dafür war – immer waren auch Mittel und Wege dafür vorhanden. Wird dies aber auch noch so sein, wenn sich die Alterspyramide weiter dramatisch umkehrt? Oder müssen wir fürchten, dass die Solidarität zwischen den Generationen einem Egoismus weicht, der nur noch Jungen, Gesunden, Produktiven ein Lebensrecht einräumt? Die Vorzei-chen eines solchen gesellschaftlichen Klimawandels sind schon zu erkennen. Sie werden sichtbar in einer Tabuisierung von Leiden und Sterben, sie lassen sich hören im zunächst verschämten, dann aber immer ungenierteren Fragen nach „Sterbehilfe“ und dem Verweigern medizinischer Maßnahmen ab einer gewissen Altersgrenze. In dem Moment, wo Ärzte bei der Behandlung eines Patienten der Frage ein hohes Gewicht einräumen, ob sich die notwendige Therapie überhaupt noch lohne „in diesem Alter“, ob sie sich rechnet oder womöglich gar dafür sorgt, dass dieser Mensch den Rentenkassen noch Jahre und Jahrzehnte zur Last fallen könnte … in diesem Moment spätestens verstehen wir, was Jesus mit der Traurigkeit gemeint hat, die uns erfasst, während „die Welt“ sich freut. „Die Welt“, das sind in der Sprache des Johannesevangeliums die Menschen, die in ihrer Lebensgestaltung nicht nach Gott fragen, sich nicht von seinem Willen leiten lassen und nur Unverständnis haben für die Botschaft und die Hoffnung derer, die zu Jesus gehören. „Die Welt“ glaubt an die eigene Vernunft, an den Fortschritt, an das, was man sehen kann. Und es ist ja auch beeindruckend, was sich da getan hat und immer noch tut, es ist faszinierend, die wissenschaftlichen Deutungen des Lebens zu studieren – nicht nur Einstein, dessen Relativitätstheorie vor 100 Jahren veröffentlicht wurde, hat dazu beigetragen. Aber an seinem Beispiel lässt sich wieder sehen: So faszinierend seine Erkenntnisse sein mögen, so viel wir durch sie gelernt haben (ich weiß noch, wie beigeistert ich gewesen bin von Stephen Hawkings „Kurzer Geschichte der Zeit“ – verstanden habe ich sie natürlich bis heute nicht!) – so ratlos stehen wir der so gedeuteten Welt gegenüber: Einsteins Erkenntnisse, so sagt man, machten die moderne Weltraumfahrt erst möglich. Und die Atombombe. Und Kraftwerke, die uns billige Energie und unglaublich teure Folgeschäden liefern.

Gerne leben wir in einer Welt, in der wir bequem und rasch weite Entfernungen zurücklegen können. Und zugleich erschrecken wir darüber, was wir sehen in dieser klein gewordenen Welt, was sich ergibt aus diesem Fortschritt, wie die Globalisierung der Wirtschaft Wohlstand erzeugt, indem Arbeitsplätze vernichtet werden, wie Wachstum soziale Härte erzeugt, wie die Macht des Marktes die Politik zu diktieren scheint – mit einem Wort: wie dringend wir darauf angewiesen wären, dass uns jemand erklärt, was uns so ratlos macht (weil es ja nichts nützt, wenn man eine Formel aufsagen kann, die man nicht versteht – so nützt es auch nicht den Jüngern, dass sie ihr Sprüchlein sagen können, wenn sie nicht begreifen, was damit gemeint ist).

Denn wenn wir schließlich auf die Kirche sehen, die Gemeinschaft der Heiligen, die Gemeinde Jesu Christi, dann ist es genauso: Auch hier bleiben wir „vorwiegend ratlos“, wenn wir uns der Frage nach der Verbindlichkeit von Inhalten verschließen wollen, wenn das Bedürfnis nach Indiviualität, nach ganz persönlich gestalteter Frömmigkeit (so wichtig sie ist) uns unfähig macht zum Dialog, wenn wir uns nicht einmal mehr austauschen über das, was wir glauben, aus Angst, dann die Gemeinschaft untereinander zu verlieren. Dabei brennen uns diese Probleme buchstäblich auf den Nägeln – nicht nur, weil es um die materielle Existenz unserer Kirchlichen Strukturen geht: Wie wollen wir es halten im Gegenüber von Mysterium und Intellekt, Geheimnis und Verstand (Wie gestalten wir also unser Gemeindeleben: weltoffen-engagiert oder kontemplativ-spirituell oder, was natürlich ideal wäre, in einer ausbalancierten Mischung aus beidem) – wie „cool“ darf die Botschaft denn rüberkommen, ohne an Substanz zu verlieren (das ist der Punkt, an dem die KonfirmandInnen bei der Vorbereitung ihrer Beiträge gerade knabbern) – wie verbindlich sind unsere Bekenntnisse und Normen in einer Welt der Beliebigkeit (das war die Frage der Church of England an ihren künftigen König und an seine frisch angetraute Ehefrau nach über 30 Jahren außerehelicher Beziehungen)?

Und so drehen und wenden auch wir die Worte Jesu und die Verheißungen der Bibel und fragen uns: „Wie ist das wohl gemeint?“ – und wünschen uns, dass er doch bald wiederkäme, uns zu erklären, was wir nicht verstehen, und unsere Ratlosigkeit in Freude zu verwandeln. Denn als er damals merkte, dass die Jünger verwirrt und sorgenvoll die Köpfe zusammensteckten, da hat er ihnen mit einem ebenso schlichten, wie eindrucksvollen Bild gedeutet, was geschehen würde. Mit den Schmerzen bei der Geburt eines Kindes vergleicht er seinen Weg, und mit der Freude über das neue Leben, die die ganze Schinderei vergessen lässt. „Vom Ergebnis her müsst ihr das ganze betrachten“, sagt er. Ihr müsst von Ostern her auf Karfreitag schauen – und von der neuen Schöpfung am Ende der Zeit auf das Leben hier und jetzt. Der neue Himmel und die neue Erde, das sind die richtigen Maßstäbe für unser Denken, und die Aussicht auf das kommende Gottesreich sollte es sein, die unsere Stimmungslage prägt, also nicht vorwiegend ratlos, sondern vorwiegend heiter – die Welt nicht ignorierend, aber wohl wissend, dass sie vergeht, dass der am besten lacht, der es zuletzt tut, denn: Ich will euch wieder sehen, und euer Herz soll sich freuen und eure Freude soll niemand von euch nehmen. Dann werden alle Fragen beantwortet sein, sagt Jesus – und dann spätestens werden wir verstehen, was uns heute noch ratlos macht.

Freilich – noch sind wir in dieser Welt, noch ist die „kleine Weile“ nicht verstrichen, die doch nun auch schon ganz schön lange dauert. Aber im Gegensatz zu den Jüngern, die sich vor dem Karfreitag noch wunderten, liegt Ostern hinter uns. Wir wissen Bescheid. Wir sehen Jesus – sehen ihn als Bruder der Alten und Schwachen, sehen ihn in den Pflegeheimen und Hospizen, in den Krankenhäusern und auf den Fluren der Arbeitsämter, sehen ihn nahe bei denen, die unsere Hilfe brauchen, damit aus ihrer Traurigkeit Freude werden kann. Wir wissen, dass wir uns an unseren Herrn wenden können mit unseren Fragen. Er ist unser Ratgeber, wenn wir die Worte der Bibel immer wieder hin und her drehen, so wie die Jünger es damals taten – und wir tun gut daran, es ihnen nachzutun: Gemeinsam mit anderen in der Heiligen Schrift zu lesen und nach Orientierung zu suchen – gemeinsam mit anderen Rat suchen bei Jesus, unserem Bruder und Freund – einander gegenseitig in der Hoffnung bestärken, dass er wiederkommen wird und unsere Welt verwandelt.

Wir wissen Bescheid. Wir hoffen auf den neuen Himmel und die neue Erde nach seiner Verheißung und sind uns bewusst, dass das, was wir hier in dieser Welt tun oder lassen, vor Gott aufgedeckt wird. Wir stehen in seiner Schuld, weil wir gar nicht anders können, als immer wieder schuldig zu werden an unseren Nächsten und an unserer Berufung zu einem Leben in Wahrhaftigkeit und Recht. Gerade weil unsere Welt ist, wie sie ist, weil wir ihr vorwiegend ratlos gegenüberstehen – auch die scheinbar Selbstsicheren, auch die vordergründig Erfolgreichen tun dies! – gerade deshalb tut es uns gut, uns daran zu erinnern, dass Jesus diese Welt erlösen will. Gerade weil wir so sind, wie wir sind, suchen wir seine Nähe in der Gemeinschaft mit anderen. Er ist der Herr der Kirche, und auch da, wo wir uns ganz persönlich in seiner Nähe fühlen und im Stillen mit ihm eins sein wollen, da weist er uns an die Geschwister in der Gemeinde und rät uns: Seid froh!

„Ich freue mich. Freut ihr euch auch“, soll Papst Johannes Paul II. kurz vor seinem Tod gesagt haben. Auf seinem ganz persönlichen Weg in das Haus des Vaters hat er bei aller Innerlichkeit der Gottesbeziehung noch einmal die angeredet, die ihm geschwisterlich verbunden waren. Im Licht der eigenen, nahen Erlösung deutet sich da, was unklar schien und hilflos machte, und somit gilt für jedes Christenleben: Unsere Stimmung sei nicht vorwiegend ratlos, so als wüssten wir nichts von Ostern und nichts von der Zukunft, die dieser Welt und uns selbst in Jesus Christus blühen wird. Sie sei auch nicht vorwiegend traurig und deprimiert, so als wäre uns Jesu Rat fern und als könnten wir nicht sehen, wie er uns in anderen Menschen begegnet, uns raten und uns begleiten will. Sondern sie sei vorwiegend heiter, wie es denen zusteht, die diese dunkle Welt im Licht ihres Herrn sehen – nur eine kleine Weile noch, dann verstehen wir alles und merken: Diese Freude kann uns niemand nehmen.

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