Mitte der Gemeinde

Ziemlich kurz vor Ostern erreichte mich ein Hilferuf per e-Mail. Sie habe das Gefühl, teilte mir eine junge Frau mit, der Kontakt zu Gott entgleite ihr. Sie könne ihn nicht mehr um sich spüren, sie habe das Gefühl, nichts dagegen tun zu können. Aber andererseits werde sie den Gedanken nicht los, es liege an ihr. "Sonst habe ich bei jedem Vogelgesang, bei jeder Blume, die blühte, gedacht: Wie schön, die schickt mir Gott. Jetzt denke ich, die Blumen blühen, aber irgendwie hat es nichts mit mir zu tun, sie gehen mich nichts an, sind nicht für mich gedacht."

Ich muss gestehen, ich war zuerst ein wenig ratlos, habe von Zieten der Gottesferne gesprochen, die es in jedem Leben gibt. Aber ich hatte nichts Konkretes, was ich der Frau, die offenbar wirklich seelisch in Not war und keinen Grund für diesen Zustand nennen konnte, hätte mitgeben können. Erst kurz danach, beim Lesen der mir längst bekannten Geschichte, dachte ich: Da wäre was drin, auch für diese Frau. Es geht um Menschen, die sich auch alleine gelassen fühlen und mutlos geworden sind, um die Jünger, die ja nach Ostern recht verunsichert herumsitzen, offenbar bemüht, in ihrem alten Beruf wieder Fuß zu fassen: Hören wir den Predigttext aus dem Johannes-Evangelium.

[TEXT]

Irgendwie klingt mir die Schilderung wie die Aufzeichnung eines Traumes. Kennen Sie solche Träume auch? Da kommen in den absurdesten Zusammenhängen ganz konkrete Zahlen vor. So auch in dieser Schilderung: Zum Beispiel 153 Fische. Wer hat sie gezählt? Und auch die etwa 200 Ellen. Auch die anderen Begebenheiten : Fischen so nahe am Land, das macht doch kein gelernter Fischer. Und da tritt dieser Unbekannte auf, von dem sich die Fischer-Profis Tipps geben lassen, die der Vernunft widersprechen, und schließlich ein Netz, das nicht zerreißt. Dann diese merkwürdige Tatsache, dass da bereits ein Feuer am Strand brennt und Fische und Brot aus dem Nichts dorthin gekommen zu sein scheinen. Da passt nichts wirklich sinnvoll zusammen.

Die Jünger sind verstört, nachdem ihr Herr gestorben ist und sich dann mehrfach so eigenartig wieder gezeigt hat, ohne wirklich bei ihnen zu sein. Da können solche wirren Träume wohl zusammenkommen, würden Psychologen sagen. So würde das eben einer erklären, der die Auferstehung ohnehin für dummes Zeug hält, für Einbildung, auf die es nicht wirklich ankommt. Und manche Neutestamentler haben sogar behauptet, die ganze Begebenheit mit dem Fischzug sei lange vor der Kreuzigung passiert, im Johannesevangelium sei etwas in Unordnung geraten, die Geschichte gehöre hier gar nicht hin, sondern in den Zusammenhang, wo Jesus seine Jünger angeworben hat.

Gehen wir einmal davon aus, es war kein traum und niemand hat die Blätter im Skript des Evangelisten vertauscht, sondern es ist genau so geschehen.

Die Jünger sind nach Galiläa zurückgekehrt, wie ihnen gesagt wurde. Sie wissen ohne Jesus nicht so recht, was sie anfangen sollen. Früher waren sie einmal Fischer gewesen, bevor Jesus ihr Leben verändert hat. Petrus kann die untätige Trauer nicht mehr ertragen, er macht den praktischen und konstruktiven Vorschlag, fischen zu gehen, in den Alltag zurückzukehren. „Vernünftig“, würden wir sagen, so, wie ich nach Beerdigungen oft den harten Satz höre.: „Das Leben geht weiter:“ Die Jünger fahren nachts hinaus, wie es ein Berufsfischer tut, wie sie es immer getan haben, wie es schon ihre Väter gemacht haben, und werfen die Netze aus, weit weg vom Ufer. Aber die Fische sind nicht da. Es geht wirklich alles daneben in letzter Zeit. Sowas kennen wir doch alle: Wenn man im Allgemeinen schon schlecht drauf ist, dann klappen auch Kleinigkeiten nicht. Dann springt das Auto nicht an, die Waschmaschine geht kaputt und es hört nicht auf zu regnen draußen. Man fühlt sich so richtig bestätigt in seiner depressiven Stimmung.

Und da kommt nun so ein Besserwisser, als die Erfoglosen müde zurückkommen und mischt sich ein, vielleicht sogar nur weil er etwas zu essen haben will: „Werft eure Netze noch einmal aus…“ Hier, in Ufernähe und am Tag, wider alle Vernunft. Warum die sieben auf ihn hören, wird nicht erklärt. Kein Widerspruch. Aber erst, als das Wunder geschehen ist, sieht Johannes klar und sagt: „Es ist der Herr“. Petrus wirft sich mit Feuereifer ins Wasser, er muss vor den anderen bei Jesus sein – das ist so seine Art. Die übrigen fünf brauchen etwas länger zur Erkenntnis: Kommt und haltet das Mahl! Das ist für sie erst das Schlüsselwort. An Schlüsselworten fehlt es in dieser Geschichte nicht, in der Jesus zum dritten Mal seinen Jüngern erscheint.

Ein findiger Zahlenathlet hat herausbekommen, dass 153 siebzehn mal drei mal drei ist. Und wenn man diese Zahlen in Zusammenhang mit Buchstaben bringt, dann ergeben sie die Anfangsbuchstaben eines Namens für Jesus: Brot des Lebens. „Verrückt“, mögen Sie sagen, aber mancher braucht solche Zahlenspiele, um ihren Glauben bestätigt zu sehen. Die Bibel wimmelt von Zahlen, die alle nicht zufällig dastehen, und gerade in dieser Geschichte häufen sie sich: vor allem die Drei, Symbol der Dreieinigkeit, fällt ins Auge, aber auch die Sieben: es müssen sieben Jünger sein, die sich da zusammengefunden haben, in sieben Tagen wurde bekanntlich die Welt erschaffen.

Ich muss wieder an die Frau denken, die das Gefühl hat, ihren Kontakt zu Gott zu verlieren. Sie würde, so denke ich, ihm durch die Erklärung solcher Zahlenspiele nicht wieder näher kommen. Vielleicht ergeht es ihr gerade wie diesen Jüngern am Anfang: sie erkennt ihn nicht, weil sie aufgehört hat, mit ihm zu rechnen oder weil sie auf eine ganz bestimmte Begegnungssituation eingestellt ist und Gott nur so und so erwartet. Sie brauchte Menschen, die ihr andere Blickwinkel eröffen. Die Jünger lernen hier gerade, auf eine neue Weise mit Jesus zu leben: Sie merken, dass das, was sie an seiner Seite erlebt haben, unweigerlich Ausstrahlung auf ihren Alltag hat, auch, wenn sie in ihren alten Beruf und ihre alte Lebenssituation zurückgehen. Eingespielte Muster passen auf einmal nicht mehr. Was immer so war, nämlich, dass die Fische nur in der Nacht ins Netz gehen, ist keine unveränderliche Tatsache mehr, wenn Jesus seine Hand im Spiel hat. Nun können Dinge gelingen, die dem Menschenverstand aussichtslos vorkommen. Wenn Jesus mit den Seinen das Mahl halten will, wird immer etwas zu essen da sein. Darauf, das zeigt sich hier, lohnt es zu vertrauen. Und wo einige Versammelt sind in seinem Namen, da ist er mitten unter ihnen. Damals wie heute nehmen wir die Gegenwart Jesu auf ganz unterschiedliche Weise war: Die einen spüren ihn eher als alle anderen, so wie Johannes, dem sein herz sagt: „Es ist der Herr“, als der erneute Fischfang gelingt. Das kann er nicht für sich behalten, er muss es dem Petrus weitersagen. Und den hält nichts mehr, er sucht die Nähe seines Meisters, gequält noch von Schuldgefühlen, die nur Jesus selbst ihm abnehmen kann. Er denkt nur an sich und seine Sache mit Gott, springt ins kalte Wasser und schwimmt ihm entgegen. Gut, dass die anderen fünf noch da sind und das Boot und den Fang sicher zum Ufer bringen. Damit ist die Existenz zumindest für diesen Tag gesichert. Wie hätten wir reagiert? Betrachten wir doch einmal, wie heute unser Miteinander in den Gemeinde aussieht: Sicher gibt es in jeder Gemeinde von allen einen Vertreter: diejenigen, die ein Gespür dafür haben, was wir Jesus alles verdanken, diejenigen, die noch etwas mit ihm zu klären haben und deshalb viel zu sehr mit ihrem eigenen Innenleben beschäftigt sind, als dass sie noch einen Kopf für Bauangelegenheiten, für Haushaltpläne und andere ganz reelle Notwendigkeiten in der Gemeindearbeithätten – und dann die Verantwortungsbewussten, die zunächst mal sehen, dass der äußere Rahmen in Ordnung ist, ehe sie sich entspannen und das genießen, was Gott uns immer wieder schenkt.

Alle diese so verschiedenen Typen werden gebraucht, einer ist auf den anderen angewiesen. Das ist Gemeinde: sich ergänzen, sich stärken, miteinander über Erfahrungen reden und damit Jesus in uns lebendig halten. Wenn einer zum anderen sagt: „ich spüre Gott nicht mehr“, dann wird er, wenn die Gemeinde funktioniert, einen anderen finden, der ihn näher ans Feuer bringt, der ihn aus der lähmenden Trauer herausholt. Und auch ohne dass wir es uns jeden Tag wieder neu versichern, setzen wir auf das, was die Jünger hier erst neu lernen müssen: Jesus ist die Mitte der Gemeinde, er sieht, wo etwas fehlt – und er bietet uns an, was wir zum Leben brauchen. Und selbst wenn wir gerade viel zu kaputt sind, zuzugreifen und Hand anzulegen, selbst dann hat er noch etwas bereit: Das Feuer brennt, Brot und Fisch warten schon.

drucken