Nicht ohne Jesus

Liebe Gemeinde,

der Alltag hat die Jünger und Jüngerinnen wieder. Die alte Umgebung, der alte Beruf, das alte Lied. Sie gehen ihrem Handwerk wieder nach. Die große Freude, dass Jesus lebt, dass er auferstanden ist, hat sich gelegt. Das Leben nach Ostern geht weiter. Jesus lebt, aber es geschieht irgendwie nichts. Sollen sie aufgeben oder weiter warten? Und wenn ja – worauf?

„Ohne mich könnt ihr nichts tun“, hatte Jesus einmal zu ihnen gesagt. Aber wo ist er jetzt?

Untätig im Verborgenen sitzen und warten, das kann es doch nicht sein. Das halten sie auch gar nicht aus. Dann lieber zurück in den Alltag, in die Normalität. Petrus ergreift die Initiative: „Ich will fischen gehen.“ Und die anderen sind sofort bereit.

Der Predigttext steht bei Johannes im 21. Kapitel und ist die Fortsetzung des heutigen Evangeliums:

[TEXT]

Liebe Gemeinde, gerade haben die Jünger sich entschlossen, ihr Warten aufzugeben und den Alltag wieder in ihr Leben einkehren zu lassen, da kommt Jesus zu ihnen. Aber er stellt ihre Entscheidung nicht in Frage. Er holt sie nicht zurück, sondern er lässt sie dort, wo sie sind. Der laute Osterjubel „Der Herr ist auferstanden, er lebt!“ hat seine Zeit, ein paar Tage lang. Ein paar Tage des Feierns und der Muße. Aber dann nehmen wir die Osterfreude mit in unseren Alltag. Und es wird sich zeigen, ob sie uns trägt und sich bewährt – außerhalb der Kirchenmauern und der besonderen Tage.

Ob die Osterfreude trägt. Das ist ja etwas, was uns oft zu schaffen macht. Dass die festliche Stimmung so schnell verloren geht. Dass im Alltag so wenig zu spüren ist von dem, was wir hier hören, beten und singen. Ich habe es schon bei der Auswahl der Lieder gemerkt. Es gibt so wunderschöne Osterlieder im Gesangbuch, und die Osterzeit reicht bis Pfingsten. Aber viele dieser Lieder erzählen das Osterevangelium nach oder handeln vom Heute: „Auf, auf, mein Herz, mit Freuden nimm wahr, was heut geschicht …“ Passt das noch, eine Woche nach Ostern?

Wir wünschen uns, dass die Freude bleibt und die Gewissheit: Christus, der Lebendige und Auferstandene, ist uns nah, ganz nah. Aber sie lässt sich so schwer festhalten. Oder sogar umgekehrt: Je mehr wir die Freude und die Zuversicht festzuhalten versuchen, desto schneller scheinen sie zu schwinden. Und die Unsichtbarkeit Gottes macht uns wieder zu schaffen.

Wenn doch nichts geschieht, meint Petrus wohl, dann gehe ich lieber fischen. Das ungewisse Warten ist so zermürbend. Und Hunger haben sie auch, und wovon sollen sie leben?

Aber Jesus, der weiß ja, dass sie auf ihn warten. Er weiß, was sie brauchen und warum sie auf der Stelle treten. Er weiß, wie schwer es ist, die Unsichtbarkeit Gottes auszuhalten und wie leicht wir aufgeben. „Ich glaube ja, aber …“ Nach einer erfolglosen Arbeitsnacht – kein einziger Fisch im Netz – steht er plötzlich am Ufer und fragt liebevoll und fürsorglich: „Kinder, habt ihr nichts zu essen?“

Und dann sagt er ihnen, wo sie die Netze auswerfen sollen, und die Jünger ziehen 153 große Fische an Land und das Netz reißt nicht. „Ohne mich könnt ihr nichts tun!“ Es ist, als wollte er das hier beweisen. Gerade, wenn ihr euch abwendet, bin ich da. Wenn ihr aufgeben wollt. Wenn ihr denkt: Wir müssen ja ohne ihn auskommen. Das müsst ihr nicht. Ich bin da. Unsichtbar, unerkannt, aber immer in eurer Nähe.

„Ohne mich könnt ihr nichts tun!“ Das bedeutet nicht: Wir sind unfrei und abhängig. Marionetten, deren Fäden Jesus oder Gott selbst in der Hand halten. „Ohne mich könnt ihr nichts tun!“ Das bedeutet: „Ohne mich“, ohne Jesus – das gibt es gar nicht für die, die an ihn glauben.

Wir können nichts tun, ohne dass er dabei wäre. Mitten im Alltag mit seinen leeren Netzen, mit seinen Misserfolgen und Enttäuschungen. Da ist einer, der fragt: Woran fehlt es dir? und der sagt: Verlass dich auf mich. Ich sorge für dich.Wie dieses Sorgen geschieht, das wird hier ganz einzigartig geschildert.

Nicht genug damit, dass das Netz von Fischen nur so wimmelt. Nein, als die Jünger mit ihrem Fang ans Ufer kommen, da steht Jesus dort und brät bereits Fische und Brot. Er braucht die Fische nicht einmal, die die Jünger gefangen haben. „Kommt, denn es ist alles bereit! Schmecket und sehet, wie freundlich ich bin.“ Wie schön, dass wir am nächsten Sonntag dieser Einladung folgen und mit allen gemeinsam das Abendmahl feiern. „Ohne mich könnt ihr nichts tun!“ – Eine Verheißung, die wir in ihrer Größe kaum erfassen können.

Eine Verheißung, die auf unserem ganzen Leben ruht. Nicht nur auf den besonderen Momenten, sondern auf der Normalität. Auf den Aufgaben des täglichen Lebens. Wir sollen und können sie erfüllen in der Gewissheit: Jesus begleitet uns. Es kommt nicht an auf unsere Erfolge, auf volle Netze. Wir wissen ja selbst nur zu gut, wie oft wir die Netze flicken müssen. Wie oft sie leer sind, abgesehen vielleicht von ein paar Flusskrebsen oder kleinen Fischen, die wir doch wieder ins Wasser werfen.

Es kommt nicht an auf volle Netze, denn Jesus steht ja am Ufer und hält für uns bereit, was wir brauchen. Wenn wir daran zweifeln oder so wenig spüren von der Fürsorge Christi, dann befinden wir uns immerhin in bester Gesellschaft. Die Jünger haben ihn ja auch nicht so recht erkannt, trauten sich nicht mal zu fragen, ob er’s wirklich ist.

Manchmal fällt es eben schwer, fröhlich auf Gottes Beistand zu vertrauen. Im Presbyterium und in den Gemeindebeiräten können wir ein Lied davon singen. Die Struktur- und Finanzfragen belasten uns mit großer Verantwortung, die wir umsichtig wahrnehmen wollen.und müssen. Aber wir wünschen uns doch auch die Leichtigkeit des Glaubens, der einfach fest darauf vertraut: Gott führt und trägt uns durch die Zeit.

Gott sei Dank lachen wir auch viel miteinander. Und es kommt mir vor wie ein Osterlachen, befreiend und hoffnungsfroh.

„Kinder, habt ihr nichts zu essen?“ fragt Jesus. Gegen alle Vernunft werfen sie die Netze noch einmal aus und erfahren, dass sie ihn wirklich und wahrhaftig beim Wort nehmen dürfen, wenn er sagt: „Ich bin das Brot des Lebens. Ich gebe dir lebendiges Wasser.“

Jesus sorgt für die, die an ihn glauben. Und er ist uns nah, wenn wir unsere Aufgaben erfüllen, so gut wir eben können. Jesus sieht, was uns fehlt, und füllt uns die Hände. Unsichtbar ist er bei uns und beschenkt uns mit seiner Fürsorge, seinem Trost, seiner Kraft. Er schenkt uns das Leben selbst, immer wieder neu.

Wenn wir in seiner Nachfolge fragen: Habt ihr nichts zu essen? und teilen – dann ist er da. Wenn wir fragen: Hast du keinen Menschen? und zuhören – dann ist er da. Wenn wir fragen: Spürst du nicht Gottes Nähe? und von ihr erzählen – er ist da. Unsichtbar ist er bei uns und segnet, was wir in seinem Namen tun.

„Ohne mich könnt ihr nichts tun!“ sagt Jesus. Dann ist es ja gut.

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