Eine banale Frage bringt plötzlich alles in Wanken

Liebe Gemeinde,

„ich will fischen gehen“ sagt Petrus, nach allem was passiert ist, will er wieder fischen gehen.

Ob er denn noch fischen kann, nachdem er jahrelang mit dem Wanderprediger unterwegs gewesen war?

„Ich will fischen gehen“, das sagt Petrus, obwohl sich der Auferstandene nach Kapitel 20 des Johannesevangeliums schon zwei Mal seinen Jüngern gezeigt hatte und obwohl Petrus am leeren Grab stand.

Eine rätselhafte Geschichte wie mir scheint, die sich für mich nur nach und nach erschließt.

Eine Antwort finde ich in dem wichtigen Hinweis, dass das 21. Kapitel des Johannesevangeliums ursprünglich nicht vom gleichen Verfasser geschrieben wurde, wie die ersten 20 Kapitel. Das Evangelium des Johannes endete ursprünglich mit den Worten:

„Noch viele andere Zeichen tat Jesus vor seinen Jüngern, die nicht geschrieben sind in diesem Buch. Diese aber sind geschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen.“

Das Kapitel 21 ist ein späterer Nachtrag.

Das schmälert bei weitem nicht seine Bedeutung, im Gegenteil: mit diesem Wissen entschlüsselt sich für mich die Botschaft, die uns der Schreiber vermitteln will.

Spricht Simon Petrus: „Ich will fischen gehen“.

Liebe Gemeinde,

die Erzählung will uns sagen: auch für die ersten Jünger und Jüngerinnen war es nicht leicht, an die Gegenwart des Auferstandenen in ihrem Leben zu glauben.

Trotz allem was sie erlebt und gehört hatten, ist nach Ostern nur ein kleiner Rest der Jüngerschaft übrig geblieben. Von sieben Jüngern ist die Rede. Wo sind die anderen?

Die Gemeinschaft ist anscheinend auseinandergebrochen, jeder ist seines Weges gegangen.

Der auferstandene Jesus ist eben doch nicht der lebende Jesus. Der Auferstandene ist so schwer greifbar, so schwer erlebbar. So schwer zu erkennen.

War vielleicht doch alles nur Einbildung? Ist die Sache Jesu gescheitert?

Diese Jünger hier in Kapitel 21 stehen doch für die Gemeinde am Ende des ersten Jahrhunderts, an die sich der Schreiber des 21. Kapitels richtet.

„Ich will fischen gehen“. Der Alltag ist für die Jünger wieder eingekehrt. Arbeit hilft die Zweifel zu verdrängen, Arbeit hilft den Problemen und den Fragen aus dem Weg zu gehen.

Man möchte doch wenigstens etwas, einen kleinen Erfolg in den Händen haben.

Mit all den Anspielen an die Berufungsgeschichte des Petrus, zeigt uns der Verfasser:

Petrus und die Jünger sind wieder ganz am Anfang. Ganz am Anfang der Nachfolge Jesu.

Ich glaube, dass damit sehr gut die Situation der Menschen damals beschrieben wird und vielleicht auch unsere heute.

Ostern ist vorbei und der Alltag hat schon längst wieder begonnen. Für manche endet Ostern erst heute, weil die Schulferien zu Ende sind, Ostern endgültig aus und vorbei, es geht wieder an die Arbeit.

Es geht wieder an die Arbeit, so als wäre nichts geschehen.

Petrus geht fischen, wir vielleicht ins Büro, in die Kanzlei, in die Schule oder haben genügend Arbeit zu Hause.

Wir haben Auferstehung gefeiert, und jetzt gilt es wieder die Sorgen des Alltags zu meistern.

Ganz so einfach ist es dann doch nicht, nach Johannes 21:

Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot, und in dieser Nacht fingen sie nichts.

Der Fischer kommt mit einem leeren Netz zurück, im Büro gibt’s wieder Ärger mit den Kolleginnen, in der Schule kommt der Frust, wenn die Englischprobe mit einer 5 zurück gegeben wird und die Arbeit zu Hause ist jeden Tag die gleiche.

„Als es aber schon Morgen war, stand Jesus am Ufer, aber die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war. Spricht Jesus zu ihnen: Kinder, habt ihr nichts zu essen? Sie antworteten ihm: Nein.“

Eine banale Frage bringt plötzlich alles in Wanken. „Kinder, habt ihr nichts zu essen?“

Die Frage nach dem Essen ist doch mehr als die Frage nach dem Hunger.

Ich höre hier: „Habt ihr denn nichts, wofür es sich zu leben lohnt?“ „Habt Ihr nichts, was euerem Leben Sinn gibt?“ „Habt ihr nichts gefunden was eueren Hunger und Durst nach einem erfüllten Leben stillt?“ Und „Sie antworteten ihm: „Nein.“

Liebe Gemeinde,

Jesus von Nazareth hat dafür gelebt und ist dafür gestorben, dass die Menschen in dieser Welt glücklich, ja selig werden, wie er es in den Seligpreisungen verheißen hat.

Seine frohe Botschaft, sein Evangelium verändert Menschen und ruft sie immer wieder aus dem Alltag heraus. Der Tod am Kreuz hat Jesus nicht mundtot gemacht, er ist lebendig in seiner Botschaft im Herzen seiner Jüngerinnen und Jünger und er ist gegenwärtig in der Feier des Mahles.

Schon vor Jahren wurde ein Satz geprägt, der für mich heute noch die treffendste Interpretation des Unbeschreiblichen Geschehen von Ostern ist: „Die Sache Jesu geht weiter!“.

Das ist es auch, was die sieben Jünger am See Tiberias erleben. Sie sind zwar nur noch eine kleine Schar von sieben, aber die Zahl sieben steht doch auch für die Vollkommenheit. Es sind zwar wenige, aber das reicht aus, um die große Aufgabe zu tun, die Botschaft Jesu in die Welt zu tragen.

An die Auferstehung glauben, heißt für mich daran glauben, dass Gott an jedem Morgen am Ufer steht und mich nach dem Sinn meines Lebens fragt. Doch nicht in der Weise, dass mir die Sinnlosigkeit meines Tuns vorgeführt wird, sondern, dass mir gezeigt wird, wie wichtig ich bin, die Sache Jesu weiter zu tragen.

153 Fische gilt es an Land zu ziehen. Viele sehen in dieser Zahl einen Hinweis auf das Ganze, was es zu bewältigen gilt. Jesus wollte die Welt verändern und seine Sache geht weiter, wenn wir das tun, was er gelebt und gepredigt hat.

So ist der heute Predigttext letztlich auch eine Nachfolgegeschichte.

Dietrich Bonhoeffer, dessen Ermordung in Flossenbürg vor 60 Jahren, wir in der nächsten Woche gedenken, hat dazu gesagt: „Nachfolge geht nicht nur durch Kopf und Herz, sondern fordert den ganzen Menschen“

Liebe Gemeinde,

Nachfolge ist immer wieder der Ruf heraus aus dem Alltag. Ist immer wieder die Frage: „Habt ihr nichts zu essen?“ Die Frage nach dem Sinn unseres Lebens.

Nachfolge heißt sich anstecken lassen, von der Begeisterung des Petrus, der als ihm die Augen aufgehen ins kalte Wasser springt und als erster dort sein will, wo sein Leben wieder einen Sinn bekommt.

Und als sie alle zusammen waren:

Spricht Jesus zu ihnen: Kommt und haltet das Mahl! Niemand aber unter den Jüngern wagte, ihn zu fragen: Wer bist du? Denn sie wussten, dass es der Herr war.

Da kommt Jesus und nimmt das Brot und gibt’s ihnen.

Es gibt kein stärkeres Symbol der Gegenwart Gottes, der Gewissheit, dass die Sache Jesu in unserem Leben weitergeht, als das Teilen von Brot.

Kein Wunder, dass wir von den ersten Christen in der Apostelgeschichte lesen: „Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet.“

Das Brechen des Brotes war so unverzichtbar in den Gottesdiensten, wie das Gebet oder die Predigt, und wenn wir heute in den Gottesdiensten das Brot brechen, dann ist das für mich kein trauriges Gedenken an den Tod Jesu, sondern ein freudiges Vergewissern, dass Jesus in unser Leben auferstanden ist.

Den Jüngern am See Tiberias, wie auch den Emmausjüngern, sind erst die Augen beim Brechen des Brotes aufgegangen.

Drei Mal musste sich Jesus den Jüngern offenbaren, bis sie den Auferstandenen in ihrem Herzen erkannt haben.

Das gibt auch uns Hoffnung, die wir nach Ostern vielleicht schon wieder zu sehr in den Alltag zurückgekehrt sind.

Dort im Alltag, ganz egal, wo wir gerade stehen können wir dem Ruf des Auferstandene in die Nachfolge hören, in eine Nachfolge die nicht nur durch Kopf und Herz geht, sondern unser ganzes Leben fordert.

Amen

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