Die Glut des Feuers

<i>[Zu dieser Predigt stand anfangs G. Jakob Pate mit einer Ansprache aus dem Jahr 1979 („Gott dienen ist höchste Freiheit III,2 o. J. Walter Schlenker, Hg), von der ich aber angesichts der Gegebenheiten hier und der – wie träumenden – Atmosphäre des Evangeliums abgegangen bin. Die beiden Seiten des Missionsbefehls bilden in meinen Augen eine parallele Struktur zu Fischzug und Mahl. Beides versuche ich an Hand der Frage „Wo schlägt das Herz unserer Gemeinde?“, die eine Reihe unserer Mitarbeitern bewegt, zwischen Vergangenheit und Gegenwart miteinander zu „versprechen.“]</i>

Eigentlich hat Johannes sein Evangelium schon abgeschlossen. Alles ist gesagt: Der Gekreuzigte ist der Auferstandene. Er zeigt sich den Frauen und Männern, die Ihm nahe sind. Und Er hat alle Macht.

Doch nun hebt Johannes noch einmal an. Warum? Spekulation. Vielleicht so, wie Sie es auch von Briefen kennen: Da ist der Gruß geschrieben – und dann fällt einem doch noch etwas ein, das unten, rechts, links, irgendwo eben, wo noch Platz ist, hingeschrieben. Könnte es so gewesen sein? Beim überlegten Johannes kaum zu glauben – aber: warum auch nicht? Da lese ich in Johannes 21:

[TEXT]

Liebe Gemeinde, Schwestern, Brüder – So sehr ich mir Mühe gebe – ich erkenne das Geschehen – und erkenne es doch nicht – und weiß, dass Johannes das nicht zum Spaß geschrieben hat. Ein Bild, dieser Abschnitt am, nach dem Ende des Johannesevangeliums.

Ein Bild wie etwa wenn ich an einem Septembermorgen früh von Gaienhofen über den See zur Reichenau paddle und es scheint, als würde die Insel über dem leichten Dunst auf dem Wasser schweben. Real – und doch nicht real. Was sind das für Bilder, die wir sehen? Ein Fischzug, eine Mahlzeit am Ufer – aber dahinter noch mehr …

<b>(1) Der Fischzug.</b>

So einen Fischzug gab es schon einmal damals, als Petrus von Jesus berufen wurde. Damals war er nach dem im Grunde aussichtslosen Fischzug zur falschen Zeit und am falschen Ort angesichts der Zahl der Fische und der Last im Netz panisch geworden. Er hat die anderen gerufen. Gemeinsam haben sie das Netz geborgen. Und dann? Keine Siegerfreude – „Das haben wir gut gemacht.“ Sondern zu Jesus: „Geh weg von mir – ich bin ein sündiger Mensch.“ Diesmal keine Angst. Das Netz hält: „Wiewohl ihrer so viele waren, riss das Netz nicht.“ Und die doch recht merkwürdige Zahl an Fischen: 153 – Man sagt, so lese ich, das sei die Zahl der damals bekannten Fischarten gewesen. Und man sagt, die Zahl stünde stellvertretend für alle Völker, die die Jünger einmal ins Reich Gottes einbringen sollen: Mission. „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker …“

Mir fallen Missionare ein, damals, heute. Und die Vielzahl der Sprachen, in welche die Bibel heute ganz oder in Teilen übersetzt und unter die Menschen gebracht worden ist. Und Berichte von Gemeinden und Kirchen anderswo, weit weg, die wachsen. Wann wird die Aufgabe beendet sein? – Da, ja …

Und zugleich sehe ich in diesem Bild uns, die HöriGemeinde, die Kirchenältesten beim Verfassen des Visitationsberichts mit der Frage: „Wo schlägt das Herz unserer Gemeinde? Wo sind wir – von Gundholzen bis Schienen und Riedern nicht nur auf dem Papier eine organisatorische Struktur, sondern lebendig Leib Christi?“ Und die Frage ist ernst gemeint – es gibt Menschen unter uns, die leiden an dieser Frage, denen lässt das keine Ruhe (Gott sei Dank, dass es Menschen gibt, die so fragen, fühlen … „Wo schlägt das Herz unserer Gemeinde?“ – Die Frage schreit förmlich bei allen Fischzügen und Coups, die wir da und dort landen – oder auch nicht dort, wo drei oder vier Fische im Netz sind oder auch gar nichts und nur die Blasen an den Händen und an den Seelen bleiben – nach „Innerer Mission.“ – Keine 153 Fische, auch wenn ich das Bild nun dehne: Jedenfalls nicht bei uns. Unsere Fischzüge waren nicht danach – oder doch? Die Kinderbibelwochenenden, Kirchenkaffees und, wenn auch unter dem Verdikt des Gewöhnlichen, Gottesdienste, die gelungen sind … Gutes, Gelungenes, das aufblitzt, das ermutigt. Aber dann: Wie sollen unheile Menschen auch umfassend Heiles schaffen? Ist der Anspruch nicht unmenschlich hoch? Und gibt es ein Paradies ohne Schlange? Und immer noch: „Wo schlägt das Herz unserer Gemeinde?“

<b>(2) Das Mahl</b>

Ich schaue weiter, weg vom vollen Netz am Strand. Da ist schon einer, anders und gleich wie immer. Sie fragen nicht, wer er ist – sie wissen es mit einer tiefen Gewissheit: Jesus. Er ist da. Er am Ufer. Er da, wo Menschen zur Ruhe kommen. „Kommt und haltet das Mahl.“ Brot und Fisch wie in Emmaus. In den Katakomben dieses Zeichen. Und der Fisch, schnell hingehuscht damals IXTHYS – Jesus Christus, Gottes Sohn und Retter.

Liebe Gemeinde – weder geht es dem Johannes um irgendeinen Fischzug noch um ein Picknick im Grünen. Beides ist schön – aber beides ist nicht gemeint. Brot und Fisch. Das ist Er. Das ist die Eucharistie, das Abendmahl. Kommt mit allem, was Euch bewegt und stärkt Euch erst einmal bei mir. Und der Fisch nicht erst aus dem Fang der Jünger sondern schon auf dem Feuer: „Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist.“ Und die Jünger

– und die mit den vollen Netzen

– und die mit den halbvollen Netzen

– und die mit den leeren Netzen

– und die mit den gerissenen Netzen

– und die mit dem Stiefel, der Konservendose und dem Seegras drin: „Kommt her zu mir, die Ihr mühselig und beladen seid – und die Erfolgreichen und die Mittelmässigen und die, die nicht wissen, wo sie hin gehören – stärkt Euch bei mir: Ich will Euer Herz frisch machen.“ „Und siehe, ich bin bei Euch alle Tage bis an der Welt Ende.“

Ich spinne die Geschichte weiter – nun nicht mehr die mit den Jüngern damals, sondern die mit Jüngern irgendwann und irgendwo und rund um die Erde – oder mit uns. Das Mahl wird enden, die Glut des Feuers verlöschen. Sie werden wieder aufbrechen. Es gibt noch Arbeit, Arbeit gibt es genug. Aber etwas von der Glut des Feuers, etwas von der Wärme Seiner Anwesenheit, eines seiner guten Worte wird mit ihnen mitgehen und Mut machen, wenn sie neu ausfahren und die Netze auswerfen und einziehen und wieder und wieder und wenn sie – hier etwa– fragen „Wo schlägt das Herz unserer Gemeinde?“ Und sie werden es neu versuchen und immer wieder, hier, anderswo, Vorboten der neuen Welt Gottes. ― Und irgendwann wieder ein Feuer am Ufer und Er dabei und das Mahl …

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