Auf ein Neues!

Liebe Gemeinde,

„Der Fischzug des Petrus“. Das ist bei Bibelkennern ein Begriff. Alle drei Evangelien berichten, dass nach einem erfolglosen nächtlichen Fischzug im See Genezareth die Netze leer blieben. Der Bericht des Lukas ist am 5. Sonntag nach Trinitatis das Evangelium des Tages und von daher vielen bekannt. Weniger bekannt ist der Fischzug im Johannesevangelium, der ähnlich ist, der aber erst nach der Auferstehung Jesu stattfand. Er ist heute der Predigttext.

[TEXT – ohne Vers 14]

Die Geschichte ist spannend erzählt. Einerseits anrührend und sehr menschlich, andererseits aber will sie zeigen, dass der Auferstandene tatsächlich der ist, der sich ihnen wiederholt geoffenbart hatte. Das hat er nicht nur ein oder zweimal getan. Die Apostelgeschichte berichtet, dass Jesus seinen Jüngern „viele Tage“ erschienen ist (13, 31). Auch Paulus erwähnt in einem seiner Briefe an die Korinther dass Christus nach seiner Auferstehung mehrmals gesehen wurde (1. Kor. 15,6). Die Auferstehung Jesu ist also nach der Schrift mehrfach bezeugt. Die Gottesdiensttexte an den Osterfeiertagen haben uns die Bedeutung dieses Zeugnisses eindringlich vor Augen geführt: „Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, wären wir die elendesten unter allen Menschen. Nun aber ist Christus auferstanden von den Toten…“ so die Epistel vom Ostermontag (1. Kor. 15 19-20)

Also, die Offenbarung Jesu nach seiner Auferstehung an verschiedenen Orten und Zeiten ist ein erster Gedanke, der uns heute eine Woche nach Ostern bewegen soll. Jesus ist nicht mehr dingfest zu machen, er ist nicht mehr an einen Ort gebunden. Er kommt und geht. Nicht beliebig und willkürlich, sondern gezielt. Mit einem Auftrag, mit einem Zeichen. Er segnet und sendet. Er tröstet und macht Mut. Er nimmt die Furcht und stiftet Frieden, Maria von Magdala darf ihn nicht anrühren, aber der ungläubige Thomas soll seine Wundmale betasten. Er handelt und entscheidet, aber er ist anders als vor seinem Kreuzestod. So sehr anders, dass er nicht sofort erkannt wird. Und so anders, dass man ehrfürchtig oder scheu schweigt und nichts mehr fragt. So in unserer Erzählung, als er zum Mahl einlädt. Jesus, der Auferstandene hat das Menschliche abgelegt und zeigt seine Gottessohnschaft. Noch zu sehen, aber schon nahe beim Vater. Die Auferstehung ist so unbegreiflich, dass er sich mehrmals zeigen muss, denn er hat den seinen noch einiges sagen und er hat einen großen Auftrag für seine Jünger. Matthäus hat den Tauf- und Missionsbefehl aufgeschrieben. Für Johannes war die Vollmacht zur Sündenvergebung wichtig (20, 23). Für alle Evangelisten ist das gemeinsame Mahl mit Jesus Christus von großer Bedeutung. Auch hier in unserer Geschichte schimmert es durch, wenn er seine Freunde einlädt: „Kommt und haltet das Mahl“.

Der Auferstandene will unübersehbar deutlich machen, dass er lebt. Nun sollen die Worte, die er predigte, in Erfüllung gehen. „Ich lebe und ihr sollt auch leben“. „Ich bin die Auferstehung und das Leben, wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt.“ „ Meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.“

Ein zweiter Gedanke: Diese Geschichte zeigt uns wie die Jünger resignieren. Schildert der Evangelist kurz vorher, wie sie von ihrem Herrn als Apostel eingesetzt und mit dem Heiligen Geist ausgestattet werden, berichtet er hier, wie nach einiger Zeit alles wieder vorbei zu sein scheint. Die Jünger wirken hilflos. Sieben waren beieinander, heißt es. Man kann sich das so richtig gut vorstellen, wie sie dort am See sitzen und trübsinnig übers Wasser schauen. Sie sind wieder dort, wo alles anfing. Sie sind wieder da, wo sie einst alles liegen und stehen ließen, als Jesus sie rief, ihm nachzufolgen. Alles vorbei. „Das war’s wohl“ höre ich Petrus in unserem heutigen Chargon sagen und dann entschlossen aufstehen. „Ich will fischen gehen“. Ich, sagt er. Er fragt nicht, „geht ihr mit?“ Sind ihm seine Freunde egal oder weiß er genau, dass sie folgen werden? Fast möchte es so scheinen. Die sieben kehren zurück in ihr altes Fischerleben. Nichts dazu gelernt. Die Verheißungen und der Sendungsauftrag vergessen. Fischen wie in alten Zeiten. Das können sie, das ist ihr Beruf. Es sieht so aus, als sind die drei Jahre mit Jesus folgenlos für sie geblieben. Der heilige Geist hat sich verflüchtigt. Es ist alles wie es war. Und so fischen sie wieder die ganze Nacht. Aber die Netze bleiben leer.

Liebe Gemeinde, kennen Sie das nicht? Die Leere nach einem schönen Fest, nach einer großartigen Erfahrung. Die ergreifende Feier der Osternacht, der gelungene Familiengottesdienst am Ostermontag haben sie etwas in uns bewegt? Hat sich etwas positiv verändert? Ist der Glaube gefestigt, die Freude gewachsen, hat sich der Friede ausgeweitet? Wurde es uns nun endgültig zur Gewissheit, dass mit dem Tod nicht alles aus ist, sondern alles neu wird? Irgendwie wirkt es doch tröstlich, wenn wir lesen, dass sich bei den Jüngern offenbar kaum etwas verändert hat, trotz allem, was sie mit Jesus erlebt und erkannt haben.

Und so will ein dritter und letzter Gedanke noch aufgegriffen werden: Wer einmal in der Nähe Jesu war, wer sich mit ihm und seiner Lehre auseinandersetzte, wer sich ihm vertrauensvoll hingab, kann auch, um im Bild zu bleiben, einmal ein leeres Netz ins Boot ziehen. Kann enttäuscht werden, kann in eine Hoffnungslosigkeit fallen und resigniert feststellen: „Das war’s wohl“. Den lehrt die Geschichte, dass er sich auf Überraschungen gefasst machen muss. Dem kann es passieren dass jemand auf ihn aufmerksam wird, sich einmischt und Hinweise gibt, die zu befolgen sich als hilfreich erweisen. Und dann kann es sein, dass man überrascht feststellt, dass sich hinter diesem Jemand unversehens Jesus, der Auferstandene verbirgt. Man hat ihn nur nicht erkannt.

Aber ER gibt sich zu erkennen. Er lädt ein zum Mahl. Er gibt persönlich an die verlegen herumstehenden Fischer das, was er schon für sie bereithält: Brot und Fisch. Erinnerung an die Speisung der vielen damals. Erinnerung an das Mahl vor seinem Tod.

Der Evangelist Johannes schreibt, dass Jesus davon sprach, dass sein Vater den heiligen Geist senden wird, der sie an alles, was er sagte, erinnern werde. Liebe Gemeinde, auch wir zehren von der Erinnerung. Die Botschaft des Evangeliums ist eine Botschaft, die erinnert, was Jesus getan, was er gesagt hat. Die österliche Freudenzeit soll bis zum Himmelfahrtsfest anhalten.

Ein letztes: Der Tag heute hat einen lateinischen Namen: Quasimodogeniti. „Wie die neugeborenen Kindlein“. Ein merkwürdiger Name. Aber: auch eine Erinnerung. Will uns erinnern an das Wort Jesu, das auch im Johannesevangelium steht: „Es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde, sonst kann er das Reich Gottes nicht sehen (3, 5). Die Entscheidung bei Jesus zu bleiben, ihm nachzufolgen und damit die Taufe zu bestätigen, was zur Stunde viele Konfirmanden tun, kommt einer Neugeburt gleich. Wiedergeburt nennt das die Bibel. Wir können noch einmal von vorne anfangen. Unser Herr möchte das. Er, der seinen enttäuschten Jüngern nachging, der ihnen einen Ausweg aus ihrer Verlegenheit zeigte und sie dann freundlich einlud, mit ihm das Mahl zu halten, will zur Stunde auch uns einladen. Erinnern. Will, dass wir das Netz ergreifen und noch einmal auswerfen. Vielleicht an einer anderen Stelle. Er wird sie uns zeigen. Auf ein Neues!

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