Heimlichkeiten

Gibt es eigentlich noch Heimlichkeiten? Früher gab es sie, natürlich. Der eine von uns hat heimlich unter der Bettdecke die Taschenlampe angeknipst und Winnetou II gelesen. Die andere hat ihrem Tagebuch manche Geheimnisse anvertraut, die dann gut versteckt aufbewahrt wurden. Aber heute wird das immer schwieriger damit, Heimlichkeiten verborgen zu halten. Das Finanzamt hat Zugang zu allen Konten. In Berlin geschieht nichts, weder bei Tag noch bei Nacht, das nicht Stunden später entweder in der Bild Zeitung oder auf einer Pressekonferenz Erwähnung findet. Früher waren die eigenen vier Wände und vor allem das Schlafzimmer absolut privat, seit Big Brother kann man im Fernsehen den Alltag anderer beobachten. Und die Hastedter Gemeinde kriegt auch sofort mit, wenn ihr Pastor einen Tag früher als angekündigt aus dem Urlaub kommt und im Pfarrhaus das Licht anknipst. Man kann aber auch gar nichts mehr verheimlichen.

Heimlichkeiten haben durchaus ihre Berechtigung. Manche ganz privaten Geschehnisse ans Licht der Öffentlichkeit bringen ist wirklich unanständig, schamlos. Aber ein Geschehnis, das sich im Dunkel, im Morgengrauen abspielte, darf nicht im Verborgenen bleiben. Die Welt muss es deutlich und klar wissen: Jesus ist auferstanden. Gott hat den Sieg! Deshalb und nur deshalb sagen wir: frohe Ostern!

Aber immer wieder, bis heute, wird diese frohe Botschaft von Heimlichkeiten gedämpft. Ja, schon um den Anfang und um das Ende von Jesu irdischen Leben ranken sich Heimlichkeiten. Und die haben zu tun mit Heimlichtuern namens Josef. Das schöne daran ist: Beide Heimlichtuer haben dann doch Flagge gezeigt und sich zu Jesus bekannt. Der erste, der bekannte Josef ist der, der zu Maria gehört. In der Kirche bekannt ist vor allem die Herbergssuche der Heiligen Familie aus der Weihnachtsgeschichte. Weniger rühmlich ist seine vorherige Absicht, Maria zu verlassen, als sich ihre Schwangerschaft heraus stellte. Matthäus berichtet (GN-Übersetzung): "Mit der Geburt Jesus Christi verhielt es sich so: Seine Mutter Maria war mit Josef verlobt. Aber noch bevor die beiden die Ehe eingegangen waren, stellte sich heraus, dass Maria durch die Wirkung des Heiligen Geistes ein Kind erwartete. Josef, mit dem sie durch die Verlobung schon rechtsgültig verbunden war, war ein anständiger Mann und wollte sie nicht öffentlich verklagen. Er daschte daran, sich stillschweigend von ihr zu trennen. Ehe es jedoch dazu kam, erschien ihm im Traum ein Engel des Herrn und sagte zu ihm: Josef, du Nachkomme Davids. Scheue dich nicht, Maria zu dir zu nehmen. Denn das Kind, das sie erwartet, kommt vom Geist Gottes. Sie wird einen Sohn bekommen, den sollst du Jesus nennen. Denn er wird sein Volk von aller Schuld befreien." Am Ende von Jesu irdischen Wirken taucht ein anderer Josef auf. Er ist vielen unbekannt. Wenigstens in Hastedt erreichte er einen gewissen Bekanntheitsgrad an den Familiengottesdiensten der Herbert Otte Ära, wo in einer Evangelienharmonie die wichtigsten Osterszenen nachgespielt wurden. Dazu gehört eben auch die eben verlesen Passage von der Veranlassung der Kreuzesabnahme durch diesen Josef. In die kirchlichen zur Lesung und zur Predigt an und um Osternvorgeschlagenen Abschnitten ist er nicht vorgedrungen. Das liegt wohl daran, dass seine Wirksamkeit genau zwischen den großen Ereignissen liegt: Dem Tod Jesu am Kreuz, den die Kirche an Karfreitag bedenkt, und dem Ostermorgen, wo wir die Auferstehungberichte beleuchten. Dieser Josef liegt genau dazwischen. Die Passion ist vorbei, Jesus ist tot und der Ostermorgen noch fern.

Und doch kann das, was er tut, uns Vorbild und Ansporn sein. Auch bei ihm begann es mit Heimlichkeiten. Der Evangelist Johannes berichtet von ihm: Danach bat Josef von Arimathäa, der ein Jünger Jesu war, doch heimlich, den Pilatus, dass er den Leichnam abnehmen durfte. Der Evangelist Markus weiß weitere Einzelheiten: Als es schon Abend wurde, und weil es Rüsttag, war, das ist der Tag vor dem Sabbat, kam Josef von Arimathäa, ein angesehener Ratsherr, der auch auf das Reich Gottes wartete.

Dieser Josef war angesehen und wohlhabend. Er gehörte dem hohen Rat an, der obersten jüdischen Behörde. Mitglied darin wurde man durch Geburt. Die alten Familien, aus denen die Priester stammten, sandten Männer aus ihren Reihen in den Hohen Rat. Zwar hatten die Römer seit Antritt ihrer Herrschaft die Rechte des Hohen Rates beschnitten. Aber er war immer noch ein mächtiges Organ. Seine Macht lag vor allem im Atmosphärischen, in der Meinungsbildung. Es gab in dieser obersten religiösen Behörde, wie wir das auch in der Kirche kennen, verschiedene Richtungen. Josef gehörte zu den Bibeltreuen. Zu denen, die mit der baldigen Erfüllung der Weissagungen des Alten Testaments rechneten. Sie glaubten an den baldigen Anbruch des Reiches Gottes, also des Endes der Zeiten. Davon hatte Jesus viel gesprochen, und natürlich war Josef darauf aufmerksam geworden. Der Hohe Rat versammelte sich zu seinen regelmäßigen Sitzungen. Anders in jener Nacht, als Jesus verhaftet wurde. Es wurde nächtlich eine Sondersitzung anberaumt. Jesus wurde vom Hohen Rat hart beschuldigt. Dabei wird von Einsprüchen einzelner Ratsmitglieder nichts erwähnt. Josef missbilligte das Vorgehen, aber er traute sich nicht den Mund aufzumachen. Vielleicht hat er gedacht, andere würden es tun, oder es würde glimpflich ausgehen.

Der Verlauf des Prozesses, die Überführung zu Pilatus, der Schuldspruch, die Kreuzigung zeigt dem Josef, wie weise es anscheinend gewesen war, sich zurück zu halten. Aber sein Gewissen gibt keine Ruhe. Vielleicht sind ihm beim Prozess oder im Verlauf der Ereignisse, als Pilatus dem Volk den Gegeißelten vorführt, sehet, welch ein Mensch, die Augen geöffnet worden: Dies ist der Messias. Der bringt das Reich Gottes. Der ist die Erfüllung meiner Hoffnungen!

Als Jesus am Kreuz gestorben ist und die Jünger sich verdrückt haben, sie sind zurückgekehrt in ihre Heimat Galiläa, da merkt Josef: Ich bin gefordert. Einer muss jetzt handeln. Ein unwürdiges Verscharren auf dem anonymen Gräberfeld, das darf ich nicht zulassen. Und er wird tätig. Josef ist mit anderen Randfiguren der Passionsgeschichte gewissermaßen ein Beispiel, dass es sehr wohl echten, vorbildlichen Glauben außerhalb der Kirche gibt. Ich erwähnte vorgestern Simon, den Bauern, der auf dem Heimweg vom Feld war. Unversehens wurde er von den Römern gezwungern, den Balken für Jesus zu tragen. Hier wieder ein heimlicher Anhänger Jesu, der sich vielleicht der Kirche nie angeschlossen hat. Und doch legt er ein sehr deutliches Bekenntnis ab. Er stiftet sein Grab. Er wagt den Weg zur Gerichtsmedizin, dazu muss er Pilatus persönlich aufsuchen. Für einen Juden kostete das damals sehr große Überwindung, man sprach vielleicht aus der Entfernung mit Römern, suchte sie aber grundsätzlich nicht zu Hause auf, das machte unrein. Also auffälliger ging es nicht, Josef riskierte sein Ansehen, seine Karriere, vielleicht sogar sein Leben. Aber er spürte einfach: ich muss das jetzt tun.

Bis heute kommt so mancher in seinem Leben an Punkte, wo er sich gezwungen sieht, eine Entscheidung zu treffen. Eine Entscheidung, die das Leben verändert, hinter die man nicht mehr zurück kann. Und wenn man spürt, das ist jetzt Gott der mich ruft, ich muss jetzt eine Antwort geben. Wie gut ist es, wenn man sich zu dem überwinden kann, wozu man sich gerufen fühlt. Hast du schon einmal vor einem solchen Schritt gestanden? Vielleicht bist du zurück gewichen vor dem, was du eigentlich hättest tun sollen, und fandest im Nachhinein noch beruhigende Erklärungen dafür. Im Neuen Testament steht der spannende Bericht, wie der Statthalter Felix, der 30 Jahre nach Pilatus dieses Amt inne hat, den Apostel Paulus zu einer Anhörung vorladen lässt. Felix und seine Frau sind schwer beeindruckt. Ohne die geringsten Berührungsängste fordert Paulus den Statthalter zum Glauben heraus. Felix will sich keine Blöße geben und vertagt die Angelegenheit. Es heißt: "Als aber Paulus von Gerechtigkeit und Enthalsamkeit und von dem zukünftigen Gericht redete, erschrak Felix und antwortete: Für diesmal geh. Zu gelegener Zeit will ich dich wieder rufen lassen!"

Du kannst dich nicht darauf verlassen, dass sich diese Chance bietet. Josef hätte auch sagen können, ich höre mich erst mal um, ich warte erst mal ab, wie sich das mit der Grablegung vollzieht. Irgendjemand wird sich schon kümmern. Er wurde tätig. Er ließ die Heimlichkeiten beiseite und trat hervor.

Erfreulicherweise ist er nicht der einzige, der dem toten Jesus einen Dienst erweisen will. Auch drei Frauen haben sich für ein Liebeswerk verabredet. Sie haben genau beobachtet, wo sich das von Josef zur Verfügung gestellte Grab befand. Am nächsten Morgen machen sie sich dorthin auf.

Überraschend werden sie zu den ersten Zeugen vom Wunder aller Wunder. Das Grab steht offen. Der Leichnam, den sie salben wollen, ist fort. Mehr noch. Ihnen begegnet ein Engel. Er verkündet ihnen: Jesus ist auferstanden.

Müssten sie jetzt nicht von Freude überwältigt sein? Statt dessen sind sie verstört. Sie behalten ihre Entdeckung für sich. Wie kommt das? Kann es daran liegen, dass die Auferstehung etwas nie da gewesenes ist. Wenn sie nur erfahren hätten, Jesus ist doch nicht tot, er hat es überlebt, das wäre in Analogie zu dem, was wir uns vorstellen können. Aber er war ja wirklich tot und nun war er lebendig in einer neuen, einer anderen Qualität, unsterblich, herrlich! Sie konnten das einfach nicht glauben, das war zu unerhört.

Machen wir uns das eigentlich klar? Das Osterereignis hat keinerlei Parallele zu dem, was sonst an Vorstellungen und Träumereien über das Dasein nach dem Tode herum geistert. Ob a la kleiner Prinz, oben leuchten als ein neuer Stern, ob fernöstlich, Wiedergeburt in einer anderen Existenz, ob griechisch-römisch, die umherischwerbende Seele, ob humanistisch, das weiterleben in den Herzen der Lieben. All das sind bestenfalls nur fromme Wünsche, Angelesenes, von anderen Kulturkreisen übernommenes. Die klare, wenn auch harte Antwort vom Wort Gottes auf diesen Unsinn lautet: Fehlanzeige. Er ist nicht hier.

Was nach dem Tod wirklich kommt, reimt sich nicht auf die Träume der Religionen und der Poeten. Was nach dem Tod wirklich kommt, lässt sich nicht ausrechnen und einplanen. Nur der Schöpfer selbst ruft ins Leben hinein und er ruft ab, er schenkt Leben hier und ewiges Leben dort. Aber dort wo Jesus ist, ist immer das Leben, sind die Kräfte der Ewigkeit. Da hat das Böse und der Tod nichts mehr zu melden. Diese gute Nachricht muss hinaus in alle Welt. Sie lautet, schauen wir genau hin, nicht etwa allgemein: Es gibt eine Auferstehung. Sondern sie lautet: Er ist auferstanden.

Das sollen sie weitersagen. Aber statt dessen: Heimlichkeiten. Die Frauen sind überwältigt nicht von Freude, sondern vom Schrecken. "Und sie sagten niemandem etwas, denn sie fürchteten sich." Zum Glück hat Gott dafür gesorgt, dass sie die Ereignisse vom Ostermorgen doch noch herumgesprochen haben am selben Tag. Die parallelen Erlebnisse vieler machen dann auch den Zauderern Mut. Die Osterfreude breitet sich aus. Aber am Anfang waren die Heimlichkeiten. Und daran laboriert die Kirche bis heute.

Wenn man die Umfrage sieht aus dem Weser Kurier vor einigen Tagen, was den Leuten zu Ostern einfällt und zum Osterglaube, wenn der Tenor wäre, die Kirche redet zwar von der Auferstehung, aber wir glauben nicht daran, das wäre ja noch akzeptabel. Aber statt dessen ein Sammelsurium verschiedenster Ansichten über ein eventuelles Weiterexistieren, bunt wie Ostereier.

Und verantwortlich für dieses Halbwissen und Unwissen sind die in der Kirche gepflegten Heimlichkeiten. Als hätte sie etwas zu verbergen, verausgabt sich die Kirche in Bestandswahrung und Kulturprogrammen, Betätigung auf sozialem Gebiet, dabei mehr Ratschläge als Aktionen, in Unterhaltungsangeboten, mit Niveau natürlich. Alles für sich genommen gar nicht mal schlecht. Aber das war nicht der Auftrag. Der Auftrag des Engels war: "Er ist auferstanden. Geht hin und sagt das weiter!"

Wo immer die Kirche sich auf diesen Auftrag besinnt, kommt Leben in eine sterbende Welt. Kommt echte Osterfreude in verzagte Gemüter. Kommt Bewegung in Herzen, die erwartungslos gleichmäßig im Takt der Langeweile ticken. Mein Herze geht in Sprüngen und kann nicht traurig sein, ist lauter Freud und Singen, sieht lauter Sonnenschein. Die Sonne, die mir lachet, ist mein Herr Jesu Christ.

Das ist die Ostermelodie, auf die uns dieses Fest einstimmen will! Ach, dass wir uns in Bewegung setzen ließen, dass wir wie einst der Josef von Arimathäa aller Heimlichkeit und Verzagtheit den Abschied geben und uns hinauswagten in eine Welt, die sich im Grunde sehnt nach diesen herrlichen Klängen. Christ ist erstanden! Das sei der Osterruf, der Ostergruß, den wir einander, dieser Stadt und dieser Welt zurufen wollen mit unserm Reden und Tun.

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