Ja und Nein im Streit

Liebe Gemeinde,

Wir erwarten zwar, dass Filme in Kino und Fernsehen ein „Happy end“ haben. Handeln sie aber nur von der schönen und guten Welt voll edler Mütter, wohlerzogener Schwiegersöhne, aufopfernder Ärzte, reuiger Betrüger und dergleichen mehr, dann schmähen wir solche Machwerke als „Schnulzen“. Das Leben in der süßlichen Atmosphäre des Guten allein erscheint uns allzu wirklichkeitsfern. Es fehlt das „Nein“.

Realität ist für viele Menschen durch Verneinung bestimmt. Nun wollen wir nicht in Schwarz-Weiß-Malerei verfallen. Aber gewisse Nuancen von Streit, Krankheit, Unglück und Verrat verderben doch fast allen von uns die klaren Farben des Lebens. Damit rechnen wir. Hoffen aber tun wir darauf, dass das Ja wenigstens am Ende siegen wird. Doch steht uns ein „happy end“ zu, wenn wir außerhalb des Kinos nicht daran geglaubt hatten?

Da soll es zwar Menschen geben, die an Gerechtigkeit glauben und davon überzeugt sind, dass alle anderen Menschen auch ehrlich und friedlich sein könnten. Wer so denkt und redet, kriegt schnell den Ruf des „Pharisäers“ oder eines „Gutmenschen“, wie man solche Idealisten vor allem in Kreisen der Politik spöttisch nennt. Man glaubt nicht daran, dass es „nur gute“ und „nur liebe“ Menschen gibt. Man kennt sich ja selbst genug.

Zur Realität, wie wir sie glauben und wissen gehören das Böse, die Niedertracht und auch Gewalt, Hass und Krieg unabdingbar dazu. Das ist real und wirklich. Das war so und wird auch immer so bleiben.

Nachrichten befassen sich vornehmlich mit Bomben, Krieg, Streit und Verrat. „Nur schlimme Ereignisse sind gute Nachrichten“, heißt es. Und wenn man das Fernsehprogramm in diesen österlichen Tagen ein wenig verfolgt, dann bekommt man auch den Eindruck, es solle einem vermittelt werden, dass unser ganzes Christentum auf Lug und Trug, Frauenfeindlichkeit und Lebenshass erbaut sei. Will sagen: Glaubt denen nicht, die an das Gute glauben. Auch sie sind böse, niederträchtig und voll Dummheit, Fälscherlust und Wahnsinn.

Das Evangelium aber verkündet die fleischliche Realität des Guten: Da trat er selbst, Jesus, mitten unter sie und sprach zu ihnen: Friede sei mit euch! Sie erschraken aber und fürchteten sich und meinten, sie sähen einen Geist.

Bei dieser Erscheinung sind wir nicht gefragt, ob wir sozusagen übernatürliche Begebenheiten zumindest für möglich halten. Sofort wischt Jesus solcherlei Gedanken zur Seite:

Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so erschrocken, und warum kommen solche Gedanken in euer Herz? Seht meine Hände und meine Füße, ich bin’s selber. Fasst mich an und seht; denn ein Geist hat nicht Fleisch und Knochen, wie ihr seht, dass ich sie habe.

Mit dem irdischen, vorösterlichen, nicht-auferstandenen Jesus kommen viele Menschen gut zurecht. Seine ethischen Weisungen fanden und finden viele Anhänger. Der Auferstandene aber erschreckt uns. Mitten in einer Welt, deren Realitätssinn sich an der Unabwendbarkeit des Bösen festmacht, erscheinen Wahrheit, Licht und Leben, mithin Jesus Christus wie ein gefährlicher Traum. Gefährlich deswegen, weil er dazu angetan sein könnte, die Realität falsch einzuschätzen.

ER erscheint und das erscheint uns unglaubwürdig. Das ist doch die Schwierigkeit, die wir mit Ostern haben, dass wir es nicht wirklich glauben können, dass das Gute eines derart fleischliche Wirklichkeit hat und darin mehr Realität als Lebensfehler und –defekte.

Freilich, gute Gedanken kennen wir. Natürlich hat jeder von uns schon Beistand und Hilfe erfahren. Wir wollen es ja auch nicht übertreiben und am Guten überhaupt zweifeln. Aber wenn man „das Gute zu tun“ von Ihnen, liebe Gemeinde, allein fordert, dann zögern Sie doch auch: „Warum soll ich der Blöde sein? Die andern tun´s mir ja nicht gleich.“

Unglaube ist nicht die Leugnung irgendwelcher Übernatürlichkeiten. Glaube heißt nicht, Gott es zuzugestehen, dass er bisweilen Naturgesetze außer Kraft setzt um sich sozusagen als „global player“ in Szene zu setzen. Glaube heißt, um es philosophisch angehaucht zu sagen, dem Ja mehr zu zutrauen als dem Nein. Unglaube hingegen favorisiert das Nein als Inbegriff des Realen. „Um Gottes Willen, so wird es doch jetzt nicht weitergehen!“ mag ein erschreckter Gedanke sein, der Ihnen gerade durch den Kopf schießt. Keine Angst! Wir bleiben zwar beim Thema, bedienen uns aber um willen besserer Verständlichkeit einer einfachen Methode. Wir stellen uns vor, „Ja“ und „Nein“ wären für einen Augenblick Wesen mit menschlichem Antlitz, Wesen wie reale Menschen. Wir lassen „Ja“ und „Nein“ als Allegorien miteinander streiten. Hören wir doch zu, was sie sich zu sagen haben.

„Ich bin der Urgrund des Lebens“, stellt das Ja sich vor, „ich bin Gottes erstes Kind.“

„Darüber ließe sich trefflich streiten“, antwortet Nein mit selbstsicherer Mine, „sprach Gott doch am Anfang ein Nein zum Chaos.“

„Und damit mich als Ja zum Leben“, kommt prompt die Antwort. „Ich bin das gute Wort in Gottes Mund.“

„Aber ohne mich gäbe es keine Form,“ hält Nein dagegen. „Ich setze Grenzen. Ohne mich gäbe es kein Gesetz, keine Ordnung, keine Ethik und keine Kraft zum Leben. Nur wer entsagen muss, ist stark. Durch mich lernen die Menschen dankbar zu sein. Wem ich das Essen verweigere, der betet dankbar über einem Teller gefüllt mit schlimmstem Fraß.“

„So ein Quatsch,“ lacht Ja, „Hinter deiner kalten Fratze ahnen die Menschen die Wiederkehr meiner Schönheit. Und deswegen können sie den Abfall, den du ihnen hinwirfst, herabwürgen. Sie tun es voll Hoffnung auf mich, das Ja zum Leben. Schau doch, ich stifte Ehen – du aber fährst als böser Geist dazwischen. Mich spricht man in der Kirche, dich beim Scheidungsanwalt.“

„Du bist so ungerecht“, protestiert das Nein. „Ich schütze Ehen. Wer von uns beiden ist denn das Grundwort der Zehn Gebote? Du sollst nicht …! Ich als Nein bin das Wort, das so manches Mädchen vor frühem Leid geschützt hat.“

„Aber mich haucht man, wenn es um die Entstehung des Lebens geht“, hält Ja dagegen, „Sieh es doch ein, kalte Schwester, du bist allenfalls mein Knecht, mein Sklave, meine Gehilfin. Ich bin des Vaters erstes Wort. Höher als die „Zehn Gebote“ steht das Gebot der Gottes- und der Nächstenliebe. Ich bin die Realität, du der böse Traum.“

„Was soll ich sein?“, schreit die Schwester N., „Ich soll Traum sein? Schau dich doch um in der Welt: Selbst das leiseste Flüstern meiner Stimme wird von den Menschen gefürchtet. Ängstlich ducken sie sich vor mir. Denn sie wissen es: Wo ich erklinge, wird ihr Leben anders. Täglich horchen sie auf mich. Mich erwarten sie. Mit dir haben sie nichts im Sinn. Und wenn ich vor sie trete in miener ganzen Gößwe, hört ihr Leben auf. Ich bin die Realität. Ich bin das Hauptwort, du dämliche Gans! Mit mir ist alles gesagt.“

„Dann sprich meinen Namen“, sagt Ja.

„Ich bin das Hauptwort,“ tut Nein so, als hätte sie nichts gehört,“ Ich erscheine in Ordnungen und Gesetzen. Verkehrstafeln, auf denen ich stehe gelten mehr als die, wo du erscheinst. Ich koste Geld, du bist umsonst. Ich bin die Realität, du der Traum. Ohne mich wäre alles in Gefahr. Ich bin der Sicherheitshinweis, du das aufgetakelte Dummwort der Werbung. Ich bin die wirkliche Not und du bist die trügerische Hoffnung auf den Jackpott. Ich sage und ich bin das Nein. Ich bin die Wahrheit, die Grenze, der Tod und das Ende. Das wissen alle, bis auf ein paar Träumer. Ich bin Gottes wahrhaftiges Wort in Wirklichkeit: Nein!“

„Sprich meinen Namen,“ beharrt Ja auf ihrer Forderung.

„Pff … so ein Quatsch“, entrüstet sich Schwester N.

„Ach Schwesterlein“, fährt Ja fort,“ wenn wir es genau betrachten, bist du, wie Goethe es sagte, ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und doch das Gute schafft. Du bist mein Werkzeug. Blas dich bloß nicht so auf. Du bist das allenfalls des Vaters zweites Wort, belastet mit dem Makel ungewisser Herkunft. Denn in gewisser Weise bist du unehelich, gezeugt außerhalb der Liebe des Neuen Testamentes. Die Grenze deiner Macht hast du darin erreicht, dass du meinen Namen nicht aussprechen kannst. Denn du weißt es genau, dass deine Existenz im gleichen Augenblick verschwinden würde. Sprich meinen Namen aus!"

Nein schweigt einen Moment lang. Und sie hört, wie Christus sterbend ihren Namen schreit: „Nein!“. Und wie er ihren Namen ausspricht, weiß sie, dass Ja die wahre Wirklichkeit sein wird. Denn „Ja“ kann „nein“ sagen. Aber umgekehrt geht es nicht.

Und so tritt Christus hervor als das wahre Wort des wahren Gottes. Und er fragt seine Jünger:

„Habt ihr hier etwas zu essen?“ Denn fortan will er im Leben bleiben, in der Realität, in der Wirklichkeit als das Ja Gottes. Das Gute braucht Nahrung, damit es wachsen und groß und stark werden kann.

Und sie legten ihm ein Stück gebratenen Fisch vor. Und er nahm’s und aß vor ihnen.

Er sprach aber zu ihnen: Das sind meine Worte, die ich zu euch gesagt habe, als ich noch bei euch war: Es muss alles erfüllt werden, was von mir geschrieben steht im Gesetz des Mose, in den Propheten und in den Psalmen. Da öffnete er ihnen das Verständnis, sodass sie die Schrift verstanden.

Ob wir es begriffen haben? Das muss offen bleiben, denn nur Gott allein hat Macht darüber, sein Ja in uns kräftig werden zu lassen. Es wird wohl offen bleiben müssen, ob wir die Realität des Guten weiterhin in die Traumwelt der „Schnulzen“ verbannen, damit der Lebensraum des Nein bloß nicht eingeschränkt wird. Es muss wohl weiterhin offen bleiben, ob auch wir über „Gutmenschen“ spotten.

Aber Gott sei Dank ist der Raum für das Ja zum Leben geöffnet und all das Nein unserer Welt vermag es nicht, diese Türen je wieder zu schließen. Frohe Ostern!

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