Flügel

<i>[In Zusammenarbeit mit Pastor Hartmut Talke / Schwanewede]</i>

Liebe Ostergemeinde,

eben noch hieß es: Es ist aus. Er ist tot! Blitzschnell hat sich die Nachricht vom Tod Jesu im ganzen Land verbreitet. Das war damals nicht anders als heute. Schlechte Nachrichten verbreiten sich zigfach schneller als gute: Hoffnungslos, der wird nicht wieder! Den kannste vergessen. Aus die Maus! Schon wenige Stunden später hat es so gut wie jeder gewusst und manche haben gefragt: Und was wird nun? Wie soll es weitergehen? Nichts geht mehr! Der hat den Löffel abgegeben. Ins Gras gebissen, als er am Kreuz hing! Ende, aus, vorbei! Die kurze Zeit der Hoffnung ist vorbei gegangen wie Nichts. Und nichts würde sich ändern. Der Silberstreif am Horizont hat sich als Fata Morgana entpuppt. Ja, einen Moment lang hatten sie gedacht, das Leben kann anders sein: mehr als nur Mühe und Arbeit und zwischen drin ein bisschen Fröhlichkeit und Spaß, der schnell wieder verlogen ist. Hatten gedacht, dass es so etwas wie Erfüllung gibt, die bleibt. Die trägt. Aber nix da.

War es nicht so wie immer? So wie am Ende jedes Tages eine lange Nacht wartet und am Ende des Lebens der Tod? Sie haben ihn totgesagt. Wie sie all die anderen totgesagt haben, die nicht mehr da waren. Wie wir die totsagen, von denen wir Abschied nehmen: Vielleicht war es das so beste, eine Erlösung. Damit müssen wir fertig werden. Wir werden es schon schaffen. Das Leben muss ja weiter gehen. Welches Leben? Ohne ihn! Und dann das!

Auf die schlechte Nachricht folgt schnell die gute, von erschrockenen Frauen erzählt: Er ist auferstanden von den Toten! Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden. Ostern, liebe Gemeinde. Das Leben geht weiter! Welch ein Leben, mit ihm! Wie das aussieht? Bestimmt leichter – erleichtert. Bestimmt fröhlicher und voller Dankbarkeit. Bestimmt zuversichtlich – mit neuer Sicht auf die Zukunft.

Der russische Dichter Leo Tolstoi hat mal gesagt: „Wer die Lehre Christi begreift, hat dasselbe Gefühl wie ein Vogel, der bis dahin nicht wusste, dass er Flügel besitzt und nun plötzlich begreift, dass er fliegen, frei sein kann und nichts mehr zu fürchten braucht.“ Ist das nicht ein wunderbares Bild für die Hoffnung, die wir haben. Für die Kraft, die kommt aus dem Ruf: „Jesus lebt! Er ist auferstanden.“ Wenn diese Wahrheit wirklich von uns Besitz ergreift, dann sind wir wie ein Vogel, der plötzlich begreift, dass er Flügel hat und fliegen kann, dass er frei sein kann und nichts mehr zu fürchten braucht. Ich stelle mir die Frauen vor, wie schwer und schleppend sie am Ostermorgen zum Grab Jesu gegangen sind. So schwerfällig und schleppend, wie wir uns manchmal in unserem Alltag bewegen: Wenn in der Schule die Klassenarbeit ansteht. Der Weg zur Arbeit – zum Kollegen, der einem manchmal das Leben zur Hölle macht. Der Weg, den wir gehen vom Arzt, der sagt: „Es tut mir leid, der Krebs ist wieder ausgebrochen; wir müssen wieder mit der Behandlung anfangen.“ Und schließlich der Weg, den wir gehen müssen, wenn wir einen geliebten Menschen zum Grab tragen – so schwer sind die Schritte, kaum dass wir uns auf den Füßen halten können …

Und dann: plötzlich merken: „Ich habe ja Flügel! Ich kann ja fliegen! Ich bin ja frei!“ So ist es den Frauen ergangen, nachdem sie gehört hatten: „Er ist auferstanden“ Jetzt sind ihre Schritte nicht mehr schleppend und schwer. „Sie gingen eilends weg vom Grab mit Frucht und großer Freude und liefen, um es seinen Jünger zu verkündigen.“ – heißt es im Text. Auf einmal sind die beiden ganz leichtfüßig, fast ist es ihnen, als schwebten sie über dem Erdboden. Am liebsten würden sie fliegen, um die gute Nachricht weiterzugeben – und innerlich tun sie es vielleicht auch ein bisschen.

Haben Sie das schon mal erlebt, dass Sie das Gefühl haben: „ich schwebe ein Stück über der Erde. Ich bin ganz selig vor Glück“? Mir ist als erstes eingefallen, wie das ist, wenn man frisch verliebt ist (Konfis?) – da hat man ja sogar die sprichwörtlichen Schmetterlinge im Bauch, hat also wirklich etwas mit Fliegen zu tun, dieses Gefühl der Verliebtheit. Ein Vater sagte mir, dass er nach der Geburt seiner Tochter tagelang wie auf Wolken geschwebt wäre. Mir ging es so nach meinem ersten Examen: nach soviel Schinderei und Lernerei, wochen- und monatelangem Lernen, nach Klausuren und schriftlichen Hausarbeiten – endlich geschafft, gut geschafft. Als ich nach meiner mündlichen Prüfung nach Hause fuhr, da fühlte ich mich so leicht und unbeschwert, also ob ich fliegen könnte.

Sicher, das sind zeitlich begrenzte Glücksgefühle. Irgendwann landen wir wieder auf dem Boden der Tatsachen, hat der Alltag uns wieder. Aber wie wäre es, liebe Gemeinde, wenn wir die Osterbotschaft trotzdem als solch eine gute Nachricht für unser Leben nähmen: als eine Botschaft, die uns fliegen lassen kann. Und diese Botschaft ist nicht zeitlich begrenzt, sondern ewig. Am Ende, unter dem Strich, kommt heraus, was mich glücklich machen kann: Ich habe es geschafft. Ich bin gerettet. Ich bin frei. Der Tod steht mir bevor – aber er ist nicht das letzte. Manche Not drückt uns – aber Gott hilft mir zu tragen und hält mich. Schuld und Verzweiflung sind noch nicht abgeschafft, aber unterm Strich steht das Endergebnis: Ich bin erlöst.

Es wäre schön, wenn man uns das anmerken könnte, dass wir Osterchristen sind, dass wir schon erlöst sind, dass wir fliegen können! Nicht im Sinne von Abgehobensein, weltfern, ohne Sinn für die Wirklichkeit des Lebens. Nicht im Sinne von Gleichgültigkeit gegenüber der Welt und ihrer Nöte. Fliegen können im Sinne von innerer Freiheit und Trost und Zuversicht für die Zukunft: weil wir einen kleinen Vorsprung haben. Wir wissen, dass wir Flügel haben. Wir wissen, dass Jesus auferstanden ist. Woran werden die anderen es merken? Weil wir mehr strahlen, mehr lachen, freundlicher sind, uns ihnen zuwenden können? Mutiger sind, zuversichtlicher, lebendiger! Ostern, die gute Nachricht: Totgesagte werden lebendig, Totgesagtes wird auferweckt! Jesus lebt, mit ihm auch ich. Diese Botschaft macht uns zu Menschen, die wissen, dass sie Flügel haben und entdecken, dass sie fliegen können und frei sind.

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