Der fremde Auferstandene

Liebe Schwestern und Brüder!

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Diese Fremdheit in der Geschichte: Der Auferstandene – ein Fremder. Einer, den man zufällig trifft, am Weg. Einer, an dem man auch vorbei gehen könnte.

Einer, an dem man Gastfreundschaft üben kann. Bleibe bei uns, denn es will Abend werden – das ist gelebte Gastfreundschaft gegenüber einem Fremden. Es wird Nacht, heißt das, geh nicht allein in der Dunkelheit weiter, das ist gefährlich.

Eine traumhafte Geschichte. Im Traum begegnen und begleiten uns manchmal Menschen, die unbekannt bleiben und die wir erst zu einer bestimmten Zeit erkennen. Wir träumen von Unbekannten, und auf einmal, an einer bestimmten Stelle des Traumes, erkennen wir: der Unbekannte ist ja jemand, den wir kennen.

Wieso diese Fremdheit? Wieso begegnet der Auferstandene seinen Jüngern als Fremder? Wieso dieses Nichterkennen? Warum erkennen sie ihn nicht trotz der langen gemeinsamen Wanderung?

Und es ist ja nicht die einzige Geschichte, die von dieser Fremdheit redet: Im Johannesevangelium hält Maria Magdalena Jesus für den Gärtner. Und später, am See Genezareth begegnet der Auferstandenen den Jüngern und sie erkennen ihn erst an der reichen Beute ihres Fischzugs. Wieso diese Fremdheit?

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Zunächst merke ich: Es ist eine Fremdheit, die mir entgegenkommt. Fremd ist die Auferstehung und der Auferstandene auch der Welt meiner Erfahrungen. Unsere Erfahrungen sind die Erfahrungen, die auch die Jünger gemacht haben. Wir erfahren: dass Gewalt die Oberhand behält. Dass der Tod unwiderruflich ist. Dass er uns von lieben Menschen trennt. Dass der Tod Beziehungen einfach unterbricht, abreißen lässt. Dass er traurig macht und Hoffnungen zerstört. Dass er gemeinsame Träume begräbt. Und dass wir daran nichts ändern können. Dass wir ihn hinnehmen, mit ihm leben müssen. In dieser Realität unserer Welt wirkt der Gedanke der Auferstehung fremd.

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Und so geht ein Fremder neben den beiden Jüngern her und sie unterhalten sich. Ein Fremder ist jemand, der aus einem anderen Land kommt, der aus einer ganz anderen Welt kommt. Und jede Erfahrung und Begegnung mit einer anderen Welt kann bereichern. Die beiden Jünger treffen einen Fremden, der ihnen den Tod Jesu deutet, der ihnen die Schrift auslegt, der ihnen die Schrift öffnet, das heißt einen Verständnisweg erschließt. Und der das so macht, dass ihnen ihr Herz brennt, der ein Feuer anzündet, sie begeistert. Auch das ist ein Aspekt der Geschichte, den wir nicht vergessen sollten: Fremdheit eines anderen Menschen muss nicht Skepsis, Argwohn, Angst oder Feindlichkeit auslösen. Wenn man bei uns Politiker reden hört oder Zeitungen liest, denkt man manchmal, dass muss so sein. Begegnungen mit Fremden können bereichernd sein, sie können unseren Horizont erweitern. Wir lernen ein Stück einer anderen Kultur kennen, ein Stück einer anderen Welt. Und wir können mit Gastfreundschaft auf so eine Begegnung reagieren, so wie es die Jünger tun. Bleibe bei uns; denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt – das ist eine Einladung, gerichtet an einen Fremden, den man unterwegs kennen gelernt hat und mit dem die beiden Jünger nichts anders verbindet, als ein gemeinsames interessantes Gespräch.

Einst hat Jesus seinen Jüngern das Gleichnis vom Weltgericht erzählt: Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen – so würde der richtende König zu denen zu seiner Rechten unter anderem sagen. Und die würden erstaunt fragen: Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen? Die Antwort des Königs, die Antwort Jesu: Was ihr getan habt einem von meinen geringsten Geschwistern, das habt ihr mir getan.

Die Jünger haben aus dem Gleichnis Jesu gelernt. Sie bestehen die Probe aufs Exempel. Auf die Begegnung mit dem Fremden reagieren sie mit exemplarischer, beispielhafter Gastfreundschaft.

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Für die Jünger ist die Begegnung mit dem Auferstandenen zuerst einfach die Begegnung mit einem Fremden. Für uns als Leser des Neuen Testaments zeigt sich noch etwas anderes in ihr.

Der Auferstandene als Fremdling ist ein Bote aus einer anderen Welt, aus der neuen Welt Gottes. Deshalb wirkt der Auferstandene fremd in der Welt, die ihn ausgelöscht und getötet hat. Die Auferstehung ist eine fremde Botschaft in unserer Welt, in der der Tod eine so große Realität ist. Sie zeigt uns, dass Gott Leben will, für uns Menschen, für seine ganze Schöpfung. Wer daran glaubt, wer diese Befreiung spürt, wird sich in unserer Welt, in der der Tod so viele Grenzen setzt, immer auch ein Stück fremd fühlen. Deshalb wird mit dem Wort Fremdling im Neuen Testament auch das Leben der Christen beschrieben: Sie haben ihre Heimat anderswo, sie haben hier keine bleibende Stadt (Hebr 13,14), sie sind Fremdlinge und Pilger (1 Petr 1,11). Fremd wird diese Welt mit ihrer Todesrealität dem, der Erfahrungen mit Gottes neuer Welt gemacht hat. Fremdlinge werden die Christen durch ihren Glauben an den auferstandenen Jesus von Nazareth. Wer Erfahrungen mit Gottes neuer Welt gemacht hat, kann nicht einfach mit der Realität des Todes leben, ohne sich fremd zu fühlen.

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Was die Auferstehung bewirkt, zeigt die Geschichte auch, auf ihre eigene Weise. Auferstehung bedeutet die Umkehrung der Verhältnisse. Auferstehung erfahren heißt: Mitbekommen, dass Gott dem Tod eine Grenze setzt und dadurch alles anders wird, nichts beim Alten bleibt. So wird in der Geschichte am Anfang aus Jesus, dem Auferstandenen ein Fremder. Und dann wiederum, ganz plötzlich, für einen kurzen Augenblick, ist der Fremde für die beiden Jünger als der auferstandene Herr zu erkennen. Und aus Jesus, dem Gastgeber bei seinem letzten Abendmahl, wird hier in der Geschichte der Gast, den die Jünger hineinbitten in ihr Haus. Und dann benimmt sich der Gast plötzlich wie der Gastgeber. An seiner Art, für das Brot zu danken und es zu teilen und weiter zu geben, erkennen die Jünger Jesus. Auferstehung, die große Umkehrung. Auferstehung, die Ahnung von Gottes neuer Welt in unserem Alltag. Der fremde Gast wird plötzlich erkannt als der Freund und Meister, der das Brot austeilt beim gemeinsamen Essen, wie er es zuvor schon so oft gemacht hatte.

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Und die Geschichte spricht von der Auferstehung wirklich wie von einer Ahnung. Kaum, dass die beiden Jünger Jesus erkannt haben, ist er auch schon wieder weg. Der Auferstandene lässt sich nicht festhalten. Er entzieht sich – eigentlich auch unserem Verstehen und Begreifen. Kaum dass einem die Augen aufgegangen sind für die Wirklichkeit der Auferstehung, ist die Ahnung, das Aufblitzen dieser anderen Wirklichkeit, schon wieder vorbei. Da wurden ihre Augen geöffnet, und sie erkannten ihn. heißt es in der Geschichte. Und schon im nächsten Satz: Und er verschwand vor ihnen. Da kehrt die Geschichte wieder zu ihren traumhaften Zügen zurück. Auch in unseren Träumen haben Geschichten oft ein so abruptes, plötzliches Ende.

Die Jünger aber sind gar nicht enttäuscht, dass Jesus wieder weg ist. Ihnen reicht diese traum-hafte Begegnung, reicht dieser kurze Augenblick des Erkennens. Ein Funken nur, ein Aufblitzen von Gottes neuer Welt bringt sie in Bewegung. Die Augen sind ihnen geöffnet worden für die Wirklichkeit der Auferstehung und sie werden nicht mehr blind für sie sein. Sie werden Zeugen sein für Jesus. Dafür, dass Gott ihn nicht im Tod gelassen hat. Dafür, dass Gott ihm, seiner Botschaft, Recht gegeben hat. Für sie ist der Auferstandene Gottes Sohn. Und sie werden seiner Lehre, seinem Lebensentwurf, seiner Anleitung zu einem glücklichen und gelingenden Leben folgen. Sie wissen jetzt, dass Gott stärker ist als der Tod.

Eben noch hatten sie den Fremden gewarnt davor, weiter zu gehen.

Eben noch war ihnen die Dunkelheit des Weges gefährlich erschienen und sie hatten ihn genötigt, zu bleiben und erst am nächsten Morgen weiter zu gehen. Und sie nötigten ihn und sprachen: Bleibe bei uns; denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt. Jetzt nach der Begegnung mit dem Auferstandenen gibt es diese Ängste nicht mehr: Sofort, mitten in der Nacht kehren sie nach Jerusalem zurück, um es den anderen Jüngern zu erzählen: … was auf dem Wege geschehen war, und wie er von ihnen erkannt wurde, als er das Brot brach.

So ist die Geschichte auch eine Ermutigung für uns:

Da wo die Realität der Auferstehung aufblitzt,

wo wir eine Ahnung von Gottes neuer Welt bekommen,

hilft uns das,

dem Dunkel, der Gefahr

und der Todesrealität in unserer Welt

ins Auge zu sehen

und trotzdem aufzustehen

und ihr etwas entgegenzusetzen:

die Botschaft,

dass Gott das Leben will

für seine Welt

und für alle Menschen.

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