Stein – Engel – Ortskarte

Liebe Gemeinde!

„Herr Pfarrer, warum können Sie Ostern nicht so anschaulich gestalten wie Weihnachten? Da gibt es wenigstens einen geschmückten Weihnachtsbaum, eine Krippe mit Josef und Maria, Ochs und Esel, Hirten und Schafe, die drei Könige zu betrachten?“ – „Was könnte Ihrer Meinung nach zu zeigen sein?“ – „Mindestens Ostereier und Osterhasen, ein bunt geschmückter Forsythienstrauß. Da gibt es doch so viele schöne Dinge auf den Ostermärkten. Schauen Sie sich da mal um!“ – „Nirgendwo werden solche Dinge in der Bibel erwähnt. Davon berichten die Ostergeschichten der Evangelien nichts.“ – Schweigen. – Nach einer Pause des Nachdenkens. „Was anderes – weiß ich auch nicht. Das ist ja übrigens Ihre Sache. Sie sind doch der Fachmann! Lassen Sie sich was einfallen.“

1. Ich habe einen Stein mitgebracht.

Zurzeit Jesu war es üblich, die Verstorbenen in Grabhöhlen beizusetzen. Ein Stein schließt die Grabhöhle ab. Er ist also der Schlussstein eines Lebens. Er besagt. Hier endet alles einmal. Er schließt ab. So erinnert der Stein an das, was einmal war.

Der Stein symbolisiert auch die Schwere die auf der Seele eines Menschen liegt. Der Schmerz um einen geliebten Menschen, den der Tod genommen hat, nimmt mir alle meine Kraft. Der Stein ist der Kummer, der sich um uns wie ein fester Panzer legt. Er drückt uns die Luft ab, lässt uns kaum atmen. Es ist der Stein der Alltagssorgen, der uns täglich neu belastet, heißt er nun Was wird aus mir? Finde ich eine Ausbildungsstelle? Finde ich Lohn und Arbeit? Wer pflegt mich, wenn ich alt bin? Es ist der Stein des Klagens: Warum gerade ich? Warum passiert das mir immer wieder? Es ist der Stein der Wehleidigkeit, der mir die Sicht verstellt, um über den Horizont zu sehen. Es ist der Stein der Resignation. Was kann ich schon ändern? Und folglich wird diese Frage mit Nein beantwortet. Dieses Nein wiederum führt zur Trägheit: Da kann man doch nichts machen!“, allenfalls zum Hinweis: „Die anderen sollen es machen.“

2. Ich habe einen Engel mitgebracht. (Bild von Benjamin West 1738-1820)

Es ist nicht der Engel der Weihnachtsgeschichte, der Maria die Geburt Jesu ankündigt, den Hirten das Geschehen im Stall von Bethlehem deutet. Es ist der Engel, der spürbar die Welt erschüttert, der in Angst und Schrecken versetzt. Darum hat der englische Künstler mit dieser Lithographie nicht einfach die Geschichte nacherzählt, sondern in ein Bild verwandelt, was die Frauen damals erlebten: das eine Weltbild zerbricht: „Mit dem Tod ist alles aus.“ Im Gegenteil eine neue Sicht wird möglich: "Alles ist möglich dem, der da glaubt!" Schauen wir uns das Bild genauer an!

Der jünglingshafte Bote scheint vom Himmel herabzufahren. Er braust auf uns zu. Er blickt uns direkt an. Mächtig breitet er seine Flügel, heftig flattern seine Haare und gewand. Er stürmt über den Stein – eben eine Erscheinung „wie ein Blitz“, das Gewand „weiß wie Schnee“. Und über dem geöffneten Grab ist die Wolke zu sehen. Das uralte Symbol göttlicher Gegenwart. Sie zeigt und verhüllt zugleich. Sie lässt seine Anwesenheit spüren und verbirgt ihn doch vor jedem Blick. So ist der Engel Gottes Herrlichkeit, ist sein Wort Blitz und Erschütterung in die Todeswelt hinein. Seine Gestalt spricht: „Kommt her und seht die Stätte, wo er gelegen hat“ so die eine, rückwärts nach unten ins Dunkel gerichtete Hand. „Er ist nicht hier; er ist auferstanden“, so die andere, nach vorwärts und oben ins Licht gestreckte Hand.

Dabei scheint der Engel geradewegs aus dem Bild auf uns zuzuspringen. Wenn er das täte, könnten wir ihm standhalten? Die Wächter erschraken so sehr, dass sie umfielen und wie tot dalagen. Auch die Frauen erschraken, aber sie hielten stand. Warum? Weil sie mit ihrem Herzen Jesus suchten. So waren sie fähig, die Botschaft aufzunehmen: „Fürchtet euch nicht! Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht. Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt her und seht die Stätte, wo er gelegen hat“. Das versteht der Verstand, das sieht das natürliche Auge: das leere Grab – nichts weiter. Wo Jesus war, ist nichts. Was aber ist das Nichts?

Das wiederum versteht das Herz, das sieht das innere Auge: Jesus lebt. Gott hat ihn auferweckt. Hier liegt der Anfang der neuen Hoffnung, der Anfang neuen Lebens. Der Glaube erkennt. Die Rechnung von Intrige, Macht und Gewalt geht nicht mehr auf: Das Spiel ist vorbei, auch wenn immer wieder neu der Mensch dem Menschen ein Wolf wird, seine Würde zertrampelt, sein Leben zerbricht. Das Spiel ist vorbei, auch wenn immer wieder neu der Mensch den Menschen foltert, terrorisiert, bombardiert, ihn verhungern lässt. Das Spiel ist vorbei, auch wenn immer wieder neu der Mensch die Kreatur missbraucht und die Welt ausbeutet. Der Engel weist uns den Weg: „und geht eilends hin und sagt seinen Jüngern, dass er auferstanden ist von den Toten.“

3. Ich habe eine Ortskarte mitgebracht.

Sie zeigt die Straßen unseres Dorfes- Warum? Fragen Sie mich. Die Erzählung weist zweimal darauf, wo der Auferstandene zu sehen ist: in Galiläa. Einmal sagt es der Engel: „Und siehe, er wird vor euch hingehen nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen.“ Und als ob es die Frauen nicht recht verstanden hätten, wiederholt es Jesus noch einmal: „Fürchtet euch nicht! Geht hin und verkündigt es meinen Brüdern, dass sie nach Galiläa gehen: dort werden sie mich sehen.“

Also dort, wo die Frauen und Männer um Jesu zuhause sind, ihre Arbeit haben, wo ihre Familie, ihre Freunde sind. Dorthin werden sie gewiesen. Dort im Alltäglichen, lässt sich der Auferstandene sehen.

Dietrich Bonhoeffer schreibt: „Nun sagt man, dass im Christentum die Auferstehungshoffnung verkündigt würde, und dass also damit eine echte Erlösungsreligion entstanden sei. Das Schwergewicht fällt nun auf das Jenseits der Todesgrenze. Und eben hierin sehr ich den Fehler und die Gefahr. Erlösung heißt nun Erlösung aus Sorgen, Nöten, Ängsten, und Sehnsüchten, aus Sünde und Tod in einem besseren Jenseits. Sollte dies aber wirklich das Wesentliche der Christenverkündigung der Evangelien und des Paulus sein? Ich bestreite das. Die christliche Auferstehungshoffnung unterscheidet sich von der mythologischen darin, dass sie den Menschen in ganz neuer und gegenüber dem Alten Testament noch verschärfter Weise an sein Leben auf der Erde verweist.“

In den Alltag sind wir also verwiesen, die Welt menschlicher zu gestalten. Geben wir diesen Glauben um unser- und Gottes Willen nicht einfach auf und verkaufen wir ihn nicht an den Geist der Zeit. Schauen wir uns doch um: Diese Welt hat ihn nötig.

Stein – Engel – Ortskarte Diese drei Dinge sind mir eingefallen als Zeichen für Ostern. Gott schweigt nicht zu den Steinlasten unseres Lebens. Sein Engel öffnet uns die Augen und das Herz für die Wirklichkeit der göttlichen Liebe und die Ortskarte weist uns den Weg. Es ist kein dunkler Weg, kein Weg der Resignation und Trägheit, denn die Ostersonne bricht durch die Wolken. Rudolf Otto Wiemer hat in seinem Entwurf für ein Osterlied diese Auferstehungshoffnung sehr schön beschrieben:

Die Erde ist schön. Und es lebt sich

leicht im Tal der Hoffnung.

Gebete werden erhört. Gott wohnt

nah hinterm Zaun.

Die Zeitung weiß keine Zeile vom

Turmbau.

Das Messer findet den Mörder nicht.

Er lacht mit Abel.

Das Gras ist unverwelklicher

grün als der Lorbeer. Im

Rohr der Rakete

nisten die Tauben.

Nicht irr surrt die Fliege an

tödlicher Scheibe.

Alle Wege sind offen. Im Atlas

fehlen die Grenzen.

Das Wort ist verstehbar.

Wer Ja sagt, der meint Ja, und

Ich liebe bedeutet jetzt und

für ewig.

Der Zorn brennt langsam. Die

Hand des Armen ist nie ohne Brot.

Geschosse werden im Fluge

gestoppt.

Der Engel steht abends am Tor. Er

hat gebräuchliche Namen und

sagt, wenn ich sterbe:

Steh auf.

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