Im Zweifel für den Glauben

Liebe Gemeinde!

Der Schnitt soll endgültig sein und radikal. Nichts mehr soll an sie erinnern. Sie war gestorben, plötzlich und viel zu früh. Nach jahrzehntelanger Ehe, in der sie alles gemeinsam gemacht hatten: Kinder großgezogen, ein Haus gebaut, miterlebt, wie die Kinder aus dem Haus gingen und das Haus immer leerer wurde, die Pensionierung und die Geburt der Enkel, mit denen aus Eltern Großeltern wurden. Jede Phase ihres gemeinsamen Lebens hatte seine Höhen und Tiefen und war doch glücklich und erfüllt. Der Tod – ja man hatte darüber gesprochen, hatte vorgesorgt, das Testament geschrieben und die Form der Bestattung festgelegt. Der Tod – ja, formal war alles geregelt.

Dann wurde sie krank und starb innerhalb kurzer Zeit. Und er war plötzlich allein: Allein mit dem Haus, allein mit dem Garten, allein mit sich selbst. Er musste noch einmal völlig neu lernen zu leben.

Wie geht das? Wie lernt man neu zu leben, wenn das alte Leben auf Schritt und Tritt gegenwärtig bleibt? Wenn sich die Depression wie ein Schatten an die Fußsohlen heftet und einen überall hin verfolgt?

Zwei Wochen nach ihrer Beerdigung fasst er einen Entschluss. Er besorgt sich Plastiksäcke und räumt ihre Kleidung aus dem Schrank: Kleider, Hosen, Blusen, Pullover, Unterwäsche. Auch ihre Schuhe, ihre Handtaschen, ihre Kosmetikartikel, alles, was irgendwie an den gemeinsamen Alltag erinnert, wandert in den Müll.

Wozu all die persönlichen Dinge noch aufheben, wenn sie nicht mehr gebraucht werden und ihr Anblick jedes Mal weh tut? Vielleicht, so hofft er, vielleicht wird ihr Tod ja so allmählich für mich greifbar.

Was beweist den Tod? Der Sarg, das Grab, der letzte Blick auf den Verstorbenen? Was beweist den Tod? Der leergeräumte Kleiderschrank, ein paar Plastiksäcke mit den persönlichen Gegenständen des Verstorbenen?

Und was ist das alles gegen die Macht der Erinnerung, die den Verstorbenen auf Schritt und Tritt lebendig werden lässt, Zwiesprache mit ihm führt, ihn unsichtbar gegenwärtig sein lässt?

Für die Jünger am Tag nach Ostern ist die Sache klar: Jesus ist tot. Das Kreuz ist der Beweis. Vom Kreuz kommt keiner lebendig herunter. Seine persönlichen Sachen haben die Soldaten unter sich aufgeteilt – viel hatte er nicht.

Die Jünger am Tag nach Ostern: allein mit sich, mit ihren Erinnerungen, mit ihrer Trauer. Jesus ist für sie bereits Vergangenheit. Doch dann geschieht etwas Unerwartetes. Im Predigttext für den heutigen Ostermontag aus dem Lukasevangelium heißt es:

[TEXT]

Es ist der alte Streit. Seit Jahrhunderten geführt, und die Argumente sind bekannt. Auf beiden Seiten gibt es gute Gründe dafür und dagegen. Trotzdem: Eine Entscheidung steht bis heute aus.

Es ist der alte Streit zwischen der Vernunft und dem Glauben. Die Vernunft verlangt Beweise für das, was sie für wahr und richtig hält. Der Glaube hält dagegen: Es gibt eine Wahrheit, die keine sichtbaren Beweise braucht.

Es gibt Gründe, zu zweifeln. Wissenschaftliche Gründe, philosophische Gründe und Gründe, die in der persönlichen Erfahrung liegen.

Wissenschaftlich betrachtet ist die Sache klar: Die Natur hat ihre eigenen Gesetze. Wir brauchen keinen Gott, um die Welt zu verstehen und das Universum zu erklären. Alles, was geschieht, steht im Zusammenhang von Ursache und Wirkung. Was wäre unser Leben ohne die moderne Physik und ohne die technischen Leistungen des Menschen: Autos, Flugzeuge, Handys, Computer – alles Beweise für das wissenschaftliche Genie des Menschen. Auch ein Flugzeugabsturz, die Flutwelle in Südostasien oder eine todbringende Krankheit ereignen sich nach dem Gesetz von Ursache und Wirkung. Es gibt nichts, was man nicht erklären kann – für Gott ist da kein Platz.

Auch philosophisch spricht vieles dagegen. Die Liste der Einwände ist lang: Der vernünftige Mensch braucht keinen Glauben, sagen die Philosophen. Denken macht frei, Glaube macht abhängig. Religion ist eine Droge, sie hat Menschen schon immer gefügig und willenlos gemacht. Sie ist der Zuckerguss auf einer Welt voller Leiden.

Und dann sind da die persönlichen Gründe, die vielleicht das größte Gewicht haben, weil sie auf Erfahrung beruhen. Und Erfahrung wiegt schwerer als Vernunft und Logik. Da ist die unendliche Liste der Grausamkeiten, die Menschen sich gegenseitig antun und die kein allmächtiger Gott verhindert. Da ist die kranke Mutter, das kranke Kind, denen trotz aller Gebete, am Ende doch kein Arzt mehr helfen konnte.

Gründe zu zweifeln gibt es viele. Und sie sind älter als Wissenschaft und Philosophie. Der Zweifel ist so alt wie der Glaube. Er ist seine Begleitmusik von Anfang an.

Doch die Unterscheidung zwischen denen, die glauben und denen die zweifeln, ist in dieser Form falsch. Wer glaubt, der zweifelt auch. Wahrscheinlich ist unter uns Christen die Gruppe derer, die beides tun: glauben und zweifeln, mit Abstand am größten.

So sieht es auch das Neue Testament. Die Antwort auf die Botschaft vom Ostermorgen und auf die Erscheinung des Auferstandenen ist erst mal nicht die Gewissheit: „Ja, er ist es wirklich!“ Die Antwort der Jünger klingt anders, ratlos, unsicher: „Stimmt das denn? Bist du’s wirklich?“

In der Tradition heißt der ungläubige Jünger Thomas. Der „ungläubige Thomas“ glaubt nur, was er sehen und anfassen kann. Er ist der einzige unter den Jüngern, der einen Beweis verlangt.

Bei Lukas ist es kein einzelner Jünger und er hat auch keinen Namen. Lukas weiß: Es sind nicht einzelne, die zweifeln, sondern es sind viele. Zu viele, um ihre Namen aufzuzählen. Und sie sind, anders als Thomas, mit dem klassischen Beweis der Nägelmale nicht zufrieden. Sie wollen mehr von Jesus: Einen klaren Beweis seiner Lebendigkeit.

Und Jesus? Die Jünger sollen ihren Beweis haben. Aber anders als erwartet. Es gibt keine Demonstration der Göttlichkeit. Keinen keine Sturmstillung, keine Krankenheilung, keine Verwandlung von Wasser in Wein. Es gibt keine Demonstration der Göttlichkeit, sondern einen Beweis der Menschlichkeit: „Ihr glaubt mir nicht, dass ich lebe und bei euch bin? Dann gebt mir was zu essen! Ich habe Hunger!“ Und dann macht Jesus, was nur ein Lebendiger kann: Er isst und trinkt vor ihren Augen.

Für einen kurzen Moment ist noch einmal alles so wie früher. Für einen kurzen Moment sind die vertrauten Bilder und Rituale wieder da: das gemeinsame Essen, die Gespräche über die Bibel, die Gemeinschaft.

Und mit dem gemeinsamen Essen bekommt auch ihr Glaube neue Nahrung. Schon jetzt ist klar: Er wird nicht ewig bei ihnen sein. Er wird sie wieder verlassen. Und dann haben sie die Aufgabe, seine Gegenwart zu verkünden und zu leben.

Er wird sie wieder verlassen. Und der Zweifel wird sie begleiten. Ihr eigener Zweifel. Der Zweifel anderer an der Wahrheit ihrer Worte. Die Ungewissheit, ob das Licht des Ostermorgens den Schatten von Golgatha jemals vertreiben wird.

Was beweist den Tod? Viele sagen: Das Kreuz beweist den Tod. Dann aber bliebe der Glaube beim Karfreitag stehen und das Christentum wäre ein Totenkult.

Aus christlicher Sicht gehört diese Frage zusammen mit einer anderen: Was schenkt uns Gewissheit? Was gibt unserem Glauben Nahrung, und was gibt uns Geduld in Zeiten, in denen wir hungern und dürsten nach Antwort?

Sicher, liebe Gemeinde: Für all diese Fragen gibt es inzwischen andere Antworten. Für den Glauben an den Schöpfer der Welt und an den Ursprung der Moral gibt es Alternativen: wissenschaftliche und philosophische Alternativen. Sie liefern viele Antworten, die uns der Glaube schuldig bleibt.

Aber ein Fundament für das Leben sind sie nicht.

Ich habe ein Handy in der Tasche und einen PC auf meinem Schreibtisch, ich fliege mit dem Flugzeug in den Urlaub und gehe, wenn ich krank bin, zum Arzt.

Ich zweifle, wie die meisten, an vielem, was in der Bibel steht.

Trotzdem: Viele Fragen, die das Leben berühren, und viele Antworten, die es tragen, finde ich nur dort.

Oder, etwas griffiger formuliert: Im Zweifel für den Glauben – so könnte unser Motto lauten.

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