Friede sei mit euch!

Liebe Gemeinde,

gerade zu Ostern ist uns dieser Friedensgruß besonders nahe. "Friede sei mit euch", das sind die Worte, an denen die Jünger ihren Meister erkennen. So tritt der Auferstandene ihnen entgegen. "Friede sei mit euch!" Damit fängt alles an. Auferstehung fängt damit an, dass Jesus die Mauern durchbricht und Frieden zuspricht. Und die Geschichten, die von Begegnungen mit Jesus nach seiner Kreuzigung erzählen, also die Ostergeschichten, handeln weniger von dem, was mit Jesus passiert, als vielmehr davon, was mit den Menschen passiert, die ganz überraschend dem Auferstandenen begegnen.

Da waren zuerst die Frauen, die zwischen Furcht und Freude hin- und hergerissen waren, dann die beiden Jünger, denen auf dem Weg nach Emmaus die Augen aufgingen – und nun kommen wir zu den anderen, die sich zurückgezogen haben in Trauer, Angst und Schock, und die diese Berichte gar nicht an sich heranlassen wollen. "Das kann doch nicht wahr sein", ist ihre Reaktion, als andere sagen: "Wir haben den Meister gesehen, er ist nicht tot. "Hier setzt nun die Schilderung aus dem Lukasevangelium ein:

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Die Jünger meinten, sie sähen einen Geist. Das hat mich stutzen lassen. Mir ging es ein bisschen wie Jesus, der da fragt: "Wie kommen solche Gedanken in euer Herz?" Da haben diese Männer drei Jahre mit Jesus gelebt, haben ihn gehört und haben durch ihn sehen können, wozu Gott fähig ist. Und dann glauben sie eher an Geister als daran, dass eine Verheißung sich erfüllt. Selbst, als sie aufgefordert werden, Jesus anzufassen, sind letzte Zweifel nicht weggewischt.

"Der Zweifel ist der Zwillingsbruder des Glaubens", habe ich gerade gelesen, und ich denke, jeder, der glaubt, kennt den Zweifel. Sonst wäre Glauben nicht Glaube, sondern Wissen. "Ich habe Schwierigkeiten mit Ostern, Weihnachten ist mir viel näher", meinte dieser Tage eine Frau aus einem Gemeindekirchenrat. "Ich kann mir Auferstehung nicht vorstellen". Diese Auffassung teilen wohl viele Menschen, und was sie nicht anfassen und riechen können, kann nicht wahr sein. Bezweifeln kann man allerdings nur etwas, das man prinzipiell für möglich hält.

Doch die Auferstehung Jesu kann man nicht für möglich oder unmöglich halten. Man kann sie nur glauben … oder eben nicht. Ganau hier ist Zweifel unangebracht.

Jesus hatte damals offenbar die Möglichkeit, der Vorstellungskraft nachzuhelfen. Zumindest erzählt Lukas das 50 Jahre später so. Einer, der essen kann, der ist durchaus lebendig, so muss das bei den Jüngern rübergekommen sein. "Naja, nach drei Tagen muss er ja auch einen mächtigen Hunger gehabt haben", sagte ein Bekannter, der zum Konkreten neigt. Offenbar überwiegt für ihn des Menschliche am Gottessohn. Aber ich glaube, Jesus hat hier gezielt das Essen eingesetzt, um zu sagen "Ich lebe – und ihr sollt auch leben". Am Brotbrechen haben ihn auch die Emmaus-Jünger erkannt. Und wer isst, der ist ganz und gar gegenwärtig.

Ostern duldet keinen Stillstand, Ostern eignet sich nicht zum Sitzen bleiben. Ostern führt nach draußen. "Sagt es weiter! Fangt an in Jerusalem! Und dann unter allen Völkern!" Sagt es weiter, was ihr erkannt und erfahren habt! Sagt es weiter, was euch geholfen hat, wieder neu ins Leben zu finden.", diesen Aufruf fand ich in einer Predigthilfe am Gründonnerstag.

Ich telefonierte beim Arbeiten mit jemandem in Quenstedt. Gerade zog draußen Blasmusik vorbei, Aufmarsch zum Osterfeuer – zu Gründonnerstag. In Welbsleben fand es Karfreitag statt. Wie, so fragte ich mich, soll ich Ostern weitersagen zu Menschen, die nicht wissen, nicht wissen wollen, was Karfreitag ist? Wollen die überhaupt zurück ins Leben finden oder sind sie überzeugt, dass das, was sie erleben, ausreicht? Sie mauern sich ein in ihren Garten, sind unzufrieden mit der Welt und wollen in Ruhe gelassen werden, auch von dem, was sie hinter dem Stichwort "Kirche" vermuten. 16 Jahre nach der Wende sind die Ostergottesdienste fast leerer als im tiefsten Sozialismus. Aber das ist kein Phänomen der neuen Bundesländer. Von der Aufbruchstimmung der ersten Christen scheint wenig übriggeblieben.

Und was tun wir dagegen? Im ganzen Mansfelder Land gab es einen einzigen Gottesdienst zu Gründonnerstag. "Kein Bedarf" meldeten die meisten Gemeinden. Und Ostern selbst? Der Karsamstag, der Tag der Grabesruhe, ist der Stresstag Nr.1 für Bau- und Gartencenter geworden. Die Menschen pflanzen zu Ostern Hecken und ziehen Zäune, statt die Auferstehung zu feiern.

"Bringt Ostern auch zu denen, die noch traurig sind und niedergeschlagen. Alle sollen teilhaben an der Osterfreude.", lese ich in der Predigthilfe. Und ich denke daran, was ich gerade anderswo gehört habe: Der katholische Theologie-Professor Kramer ist verblüfft, dass nach einer Umfrage so viele Pfarrleute (37,5 Prozent) an die Auferstehung Jesu in Fleisch und Blut glauben. Dass aber die Jüngeren (bis 45jährigen) einen überproportional großen Ja-Anteil haben (43 Prozent), erstaunt ihn nicht unbedingt. «Die Zahlen, so Kramer, zeigen, dass ein großer Teil der jüngeren Pfarrerinnen und Pfarrer nicht landeskirchlich sozialisiert wurde, sondern persönliche Glaubenserfahrungen die Wahl des Pfarrberufes beeinflussten. In der Praxis neigen diese Leute eher zum Biblizismus oder gar Fundamentalismus.»

In der Tat ist auch meine recht späte Berufswahl durch persönliche Glaubenserfahrung beeinflusst worden. Dennoch halte ich mich zwar für an der Bibel orientiert, aber nicht biblizistisch. Ich frage mich, ob es Biblizismus ist, wenn ich an die Auferstehung glaube, und wenn ich diesen Glauben als Grundlage für meinen Beruf begreife. Ich kann mich doch wohl nicht hinstellen und das Glaubensbekenntnis sprechen "am dritten Tage auferstanden von den Toten" und hinter vorgehaltener Hand sagen: "Aber wir Theologen haben so etwas Naives nicht mehr nötig". Bislang hatte ich mich auch nicht für fundamentalistisch gehalten, gegenüber "ismen" bin ich zeitlebens skeptisch gewesen. Ich betrachte allerdings den Osterglauben als Fundament des Christentums. Was sage ich als Seelsorger bei einer Beerdigung, wenn ich nicht an die Auferstehung glaube? Dann kann ich meine Ansprache auch gleich dem Bestatter überlassen.

Der Glaube an die Auferstehung ist wohl der stärkste Protest gegen alles, was Leben be- und verhindert. Denn wenn selbst dem Tod die Macht genommen ist, was ist dann noch unmöglich? Deshalb galten die ersten Christen als so gefährlich, so umstürzlerisch, deshalb wurden sie verfolgt.

Was tut Jesus in dieser Ostergeschichte, als er den Fisch gegessen hat? Er sprach aber zu ihnen: Das sind meine Worte, die ich zu euch gesagt habe, als ich noch bei euch war: Es muss alles erfüllt werden, was von mir geschrieben steht im Gesetz des Mose, in den Propheten und in den Psalmen. 45 Da öffnete er ihnen das Verständnis, sodass sie die Schrift verstanden.

Vielleicht hätten nicht nur die, die Karfreitag das Osterfeuer entzünden, sondern auch viele unserer Pfarrer eine solche Lektion beim Auferstandenen nötig, damit sie den Osterjubel weitertragen können anstatt herumzueiern und einzuräumen: "Naja, mit der Auferstehung habe ich auch so meine Probleme, aber das ist ja nicht so wesentlich. Wesentlich ist die Liebe des lebendigen Jesus, sein vorbildliches Leben".

Aber wer die Auferstehung nicht glaubt, wie kann der Weihnachten glauben? Wie kann er glauben, dass Gott Mensch geworden ist? Gott wollte bei den Menschen sein, er wollte mit ihnen mitgehen und ist darum Mensch geworden. Er hat seinen Sohn gesandt, weil er in ihm das Leid der Menschen teilen, in ihm ihre Last tragen, in ihm den Weg bis in den Tod mit ihnen und durch den Tod hindurch für sie gehen wollte. Das Rätsel des Todes ist damit nicht lösbarer und verstehbarer geworden, aber es ist ein großer Trost, wenn man den Tod nicht mehr als namenloses, grausames Schicksal erleben muss, sondern selbst ihn aufgehoben, überwunden wissen darf von der größeren Macht Gottes.

Alle sollen hören von der "Kraft aus der Höhe", die uns lachend weiterleben lässt. Darum ist diese Geschichte von Lukas aufgeschrieben, darum ist sie bis heute weitergegeben worden. Sie will uns ermutigen und befähigen, anderen Menschen jene "Kraft aus der Höhe" zu bringen, die Kraft, die Mauern durchbricht. Dazu müssen wir allerdings erst selbst einmal lebendiger werden und bereit sein, Rede und Antwort zu stehen über unseren Glauben. Alle, nicht nur die Pfarrer. Es gehört wenig und doch unendlich viel dazu, über Mauern und Zäune hinweg Menschen, die sich voll Schmerz oder auch voll Resignation ins Schneckenhaus zurückgezogen haben, zuzusprechen: "Friede sei mit euch!"

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