Das verändert die Welt

Eben noch im Dunkel des Todes.

Gewänder hüllen den Verstorbenen ein.

Gewänder kleiden die Trauernden, die ihren Halt im Leben verloren haben.

Lichter brennen zur Erinnerung an vergangene gemeinsame Zeit.

Blumen schmücken das Grab als Zeichen der Liebe und Verlorenheit.

Die Sonne geht auf.

Ein neuer Tag – mit dem Herzen voller Verzweiflung?

Wie werde ich ihn überstehen, ohne mich in meiner Trauer zu verlieren?

Wie viele Tage noch?

Da erschallt ein Ruf, eine Botschaft, erst ganz still, voller Zweifel.

Soll es wirklich wahr sein?

Der Herr ist auferstanden?

Der Herr ist wahrhaftig auferstanden?

An den Lichtern der Trauer entzündet sich das Licht der Hoffnung.

Nun brennt es für diesen Tag und für alle Tage, die nun kommen sollen.

Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden, Halleluja!

Leben soll sein.

Leben, wie wir es in den Augen eines Kindes entdecken,

Leben, wie wir es in der Freude der Eltern und Großeltern wiederfinden,

Leben, wie es aus den Gesichtern der Altgewordenen erzählt,

Leben, wie es uns der Auferstandene verheißt.

Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden, Halleluja.

<i>[EG 99]</i>

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

Ostern, da bebt die Erde, sie hebt sich aus den Angeln, als der Engel kommt, um den Stein vom Grab zu rollen, hell wie ein Blitz erstrahlt es und die Wachen fallen wie tot um. Furcht und Entsetzen machen sich breit. Obwohl Matthäus uns nicht die Auferstehung beschreibt, das unvorstellbare nicht in Bilder zu fassen versucht, weiß er doch von großen Dingen zu berichten.

Diese alte nicht wegzudiskutierende Erfahrung der Jünger und noch viel mehr der Jüngerinnen um Jesus herum „der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden“ lässt ihn erzählen, verführt ihn zum Ausschmücken, treibt seine Phantasie an, wo es doch um das Umwälzende des Ostermorgens geht. Das ist eine Erfahrung, eine Botschaft, die nichts mehr so belässt, wie es war, wenn wir sie denn ernst meinen. Das verändert die Welt.

Über das Kreuz brach noch die Finsternis und das Todeselend aller Zeiten und aller Menschen herein, es bündete sich alles Menschenelend – von Menschenhand verübt und von Menschen erlitten – an diesem einen Ort und Zeitpunkt der Menschheitsgeschichte, jetzt fährt nun in diese Finsternis, in der wir auch noch manchen Morgen erwachen und ihre Wirklichkeit spüren, mit gewaltigem Beben und hellem Blitz die Botschaft: er lebt!

Tod, du hast ein für allemal eine erschreckende Endgültigkeit eingebüsst. Du bist nicht mehr das Ende, du bist Durchgang, Station auf dem Weg zu einem großen Licht, zu einer großen Freude, zu einem großen Frieden. Tod, deine Macht ist gebrochen. Wo Menschen dir noch ohnmächtig unterworfen sind, da ist das nicht mehr als ein letzter verzweifelter Kampf. Wahrhaftig einem Erdbeben vergleichbar. Aber von dem Beben scheinen nur die Wachmänner etwas mitzubekommen zu haben.

Um sie herum – in Jerusalem und in den Herzen und Köpfen der Menschen geht alles erst einmal so weiter wie bisher. Die Frauen sind immer noch voller Trauer auf dem Weg, mit ihren Gedanken bei dem Toten, dessen Gegenwart sie verloren haben. Erstaunlich, dass es fast immer Frauen sind, die so trauern und sich so sorgen. Heute wie damals: es wird weiter gelitten, es wird geboren, es wird weiter gestorben. Immer noch haben Menschen Trauer in ihrem Herzen, wenn sie sich auf den Weg zu ihren Gräbern machen und sie finden dann keinen Stein weggerollt, ihnen bleibt nur der Stein als Erinnerung mit einem Namen und einigen Lebendaten, Eckpunkte einer gemeinsamen Geschichte, die das Herz so schwer machen.

Und je länger man trauert, desto deutlicher wird, wie gut es ist, solche Orte mit Erinnerungssteinen zu haben. Schlimm wer keinen Ort hat, zu dem er gehen kann, um sich zu erinnern, zu weinen oder zu reden. So ging es vielen, die Angehörige im zweiten Weltkrieg verloren haben, so geht es in diesen Tagen immer noch Menschen, die wissen, dass ihre Angehörigen bei der Tsunami-Katastrophe ums Leben gekommen sind, die Toten aber nie beigesetzt werden konnten.

Heute so wie damals. Trotz allem Beben liegen die Steine der Trauer immer noch auf dem Herzen, und der Druck wird vergrößert durch die Sorgen, manchmal ganz praktisch: wer wird uns den Stein wegrollen, manchmal global, wenn Gewalt oder sozialer Abstieg plötzlich auch uns drohen. Die Frauen am Ostermorgen, von denen Matthäus uns erzählt, verkörpern die Wirklichkeit, wie sie schon immer war und wohl auch unter uns bleiben wird.: unterwegs, das Herz voller schwerer Gedanken, voller Liebe aber auch, aber letztlich ohne große Hoffnung, immer kurz vor der Resignation. Sie laufen in den beginnenden Tag hinein, von dem sie nicht wissen, was er ihnen bringt. Sie wissen nur, dass sie noch einen Augenblick des Abschiedes und der Erinnerung brauchen. So kommen sie schließlich an das Grab – ohne auch nur zu ahnen, dass alle ihre Sorgen vergeblich sind, ohne zu ahnen, was längst geschehen ist und die Wirklichkeit verändert hat. „Fürchtet euch nicht! Ich weiß, ihr sucht Jesus den Gekreuzigten.“ Wie recht der Bote hat.

Wir sind immer auf der Suche nach den Menchen, die wir verloren haben. Jeder Besuch am Grab, jede Blume, die da gepflanzt wird, jeder Blick auf den Stein, jedes stumme Wort, gilt dem Menschen, der dort seine Ruhe gefunden hat. Auch die Frauen suchen Jesus – mit ihren Gedanken, mit ihren Gesprächen, mit ihrem Besuch am Grab. Jesus – wie sie ihn kannten und wie sie ihn gern in ihrem Herzen behalten möchten. Jesus – wie er in ihrer Erinnerung weiterlebt. Das aber wäre zu wenig. Das ist keine weltbewegende Nachricht. Die Botschaft erschüttert nicht bis ins Mark. Sie ist lediglich ein kleiner Strohhalm, der uns Überlebenden hilft, weiterzuleben mit dem Verlust, aber ohne Hoffnung für den, der seinem eigenen Ende schon ins Auge schauen musste.

„Fürchtet euch nicht. Er ist nicht hier. Das Grab ist leer, er ist auferstanden.“ Das Grab ist also nicht der letzte Ort, von dem es kein Entrinnen mehr geben wird. Das Grab ist nicht der Or der endgüligen Gefangenschaft unter der Macht es Todes. Ihn den Menschen- und Gottessohn konnte es nicht halten Er lebt! Ihr könnt kommen und sehen, ihr müsst nicht an der vermeintlichen Endgültigkeit verzeifeln, sie ist nicht wirklich.

Wahrhaftig und wirklich ist die Entdeckung: das Grab ist leer, der Gekreuzigte ist auferstanden. Der Tod ist nicht das letzte, bestenfalls das vorletzte Wort. So etwas lässt sich nicht mit enem Schlag begreifen. So eine Hoffnung muss erst angekommen, wachsen, sich setzen. Deshalb machen sich die Frauen erst einmal auf den Weg zurück. Mit Furcht und Freude, mit Zweifel und Hoffnung, ob das denn wirklich wahr ist und ob man ihnen Glauben schenken wird.

Auch da sind sie uns ganz nah. Auch wir stehen zwischen Zweifel und Hoffnung, wenn wir gefragt werden, ob wir das denn wirklich glauben, dass Jesus von den Toten auferstanden sei und ob wir wirklich an ein Leben nach dem Tod glauben. Ja, wir spüren die Fragen und den Zweifel und glauben und hoffen doch mit aller Kraft, die uns zur Verfügung steht, weil sonst das kleine und große Sterben in dieser Welt nicht auszuhalten wäre.

Da passiert dann das Wunderbare. Jesus selbst stellt sich den Frauen in den Weg. Begegnet ihnen, grüßt sie, lässt sie erfahren, dass sie sich nicht haben täuschen lassen. Das ist die Erfahrung, die die Frauen umwirft. Sie finden sich zu den Füssen Jesu wieder. Sie haben uns also nicht voraus. Denn auch unsere Hoffnung, dass Ostern diese Welt verändert hat, lebt davon, dass ich immer wieder Jesus Christus begegne, dass er sich mir lebendig und mächtig, wirklich und wahrhaftig in den Weg stellt – auch wenn ich seine Wundmale nicht berühren und seine Füsse nicht küssen kann.

Mich trifft sein Wort, ich kann seine Nähe erleben in Brot und Wein, in Liedern und Gebeten, in der Gemeinschaft der Gemeinde, in dem Leben, dessen Geschenk wir in der Taufe feiern. Das ist genauso konkret und wirklich wie das Erleben der Frauen damals. Genauso überwältigend erfahre ich: er lebt! Ich wünschte mir, dass dieses Beben und dieses Licht noch deutlicher wahrgenommen wird in unserer Gegenwart und unter uns. Denn es hat noch so viel Todbringendes das Sagen und muss noch von der Osterbotschaft überwältigt werden und verwandelt werden. Deshalb müssen wir es wie die Frauen machen: aufbrechen, hingehen, weitersagen: Tod, du hast keine Macht mehr, du wirst dich nicht durchsetzen. Dann wird das Leben siegen und Christus wird vor uns hergehen, lebendig und mächtig und wirklich.

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