Vertrauen und Hoffnung

Liebe Gemeinde,

heute am Gründonnerstag inmitten der Karwoche feiern wir die Einsetzung des Abendmahls durch Jesus. Das Abendmahl ist keine spezielle Erinnerung an das Leiden Jesu, sondern ist eines der wichtigsten Kennzeichen der christlichen Kirche überhaupt. Dabei unterscheiden sich die christlichen Kirchen in ihren Grundauffassungen. Dennoch ist das Abendmahl in welcher Form auch immer ein Grundbestandteil der Kirche. Martin Luther hat es zusammen mit der Taufe als Sakrament anerkannt. Sakramente sind Zeichenhandlungen, die durch bestimmte, wiedererkennbare Worte ihre eindeutige Gestalt finden: „Kommt das Wort zum Element, so haben wir ein Sakrament.“ So hieß es schon in der frühen Kirche. Diese Worte und Zeichen gehen auf Jesus Christus selbst zurück, zumindest in ihrer Grundform. Daher haben wir gerade bei der Verlesung des Predigttextes gehört, wie das Markusevangelium die Einsetzung des Abendmahls beschreibt. Der Wortlauf weicht von den im Gottesdienst gesprochenem Text ein wenig ab, weil hierbei auch die anderen biblischen Überlieferungen über das Abendmahl Berücksichtigung fanden. Die Kirche liest in diesem Fall die Überlieferungen der Evangelien als Einheit und korrigiert die Unterschiede. Um nun auf die Einsetzung des Abendmahls durch Jesus einzugehen, wäre der zweite Teil des vorgelesenen Predigttextes anzuhören. Ich möchte die Worte darum jetzt noch einmal wiederholen.

„22 Während der Mahlzeit nahm Jesus ein Brot, sprach das Segensgebet darüber, brach es in Stücke und gab es ihnen mit den Worten: »Nehmt, das ist mein Leib!« 23 Dann nahm er den Becher, sprach darüber das Dankgebet, gab ihnen auch den, und alle tranken daraus. 24 Dabei sagte er zu ihnen: »Das ist mein Blut, das für alle Menschen vergossen wird. Mit ihm wird der Bund* in Kraft gesetzt, den Gott jetzt mit den Menschen schließt. 25 Ich sage euch: Ich werde keinen Wein mehr trinken, bis ich ihn neu trinken werde an dem Tag, an dem Gott sein Werk vollendet hat!«“

Die Zeichen der Mahlzeit, hier das ungesäuerte Brot und der Segenskelch werden mit den deutenden Worten Jesu überliefert. Dabei können wir uns selbstverständlich jede beliebige Mahlzeit vorstellen. Wir können aber andererseits nicht umhin, uns daran zu erinnern, dass die Elemente ja überhaupt nicht neu oder originell von Jesus stammen. Das besondere, das hier auf Jesus zurückgeht, sind allein die Worte. Die Elemente des Mahles stammen aus dem Ablauf einer festlichen jüdischen Mahlzeit. Wenn sich die Mahlzeiten auch an besonderen Feiertagen unterscheiden, so sind es doch immer besondere Teile, die gleich sind. Bevor alle gemeinsam ganz normal essen, wird über dem Brot und über einem Segenskelch ein besonders Wort, ein Dankgebet und ein Segenswort gesprochen. Das ist ja auch in den Einsetzungsworten so gesagt, nur dass eben diese Segens und Dankworte nicht aufgeführt werden. Die frühen Christen waren zunächst Juden und kannten diese Gebete seid ihrer Kindheit auswendig. Auch die dazukommenden Heidenchristen haben sich diesen Gebräuchen selbstverständlich angeschlossen. Wir selbst haben das Dankgebet im Ablauf der Abendmahlsfeier beibehalten, das Segenswort über dem Kelch vor dem Mahl dagegen ist entfallen. Es ist ja auch klar, dass sich die Kirche vom Judentum unterscheidet, aber das Christentum ist aus dem Judentum entstanden. Eine Deutung des Abendmahls ohne diese Erinnerung an jüdische Essensgebräuche ist fast nicht möglich. Jesus ist im Abendmahl nicht nur als der Gekreuzigte gegenwärtig, sondern ebenso als Jude. In einem alten Gebetbuch der frühen Christenheit findet sich folgendes Abendmahlsgebet:

„Wir danken dir, unser Vater, für den heiligen Weinstock Davids, deines Knechtes, den du uns offenbart hast durch Jesus, deinen Knecht, dir die Herrlichkeit in Ewigkeit. Wir danken dir, unser Vater, für das Leben, das du uns offenbart hast durch Jesus, deinen Knecht, dir die Herrlichkeit in Ewigkeit. Wie dies auf den Bergen zerstreut war und zusammengebracht ein Brot geworden ist, so soll deine Kirche zusammengebracht werden von den Enden der Erde in dein Reich! Denn dein ist die Herrlichkeit und Kraft in Ewigkeit.“

Diese Danksagung wird nach der Mahlzeit aufgenommen und weitergeführt, etwa im Sinn eines Dank- und Fürbittengebets für die Kirche.

Es ist klar, dass in der Mahlzeit selbst schon so viele Deutungsmöglichkeiten enthalten sind, die im Judentum sicherlich auch bekannt waren. Aus den Evangelium erfahren wir, dass die letzte Mahlzeit Jesu mit seinen Jüngern ihre Vorgeschichte hatte, nicht nur in der Andeutung des kommenden Leidens, sondern auch in den vielen Mahlzeiten Jesu im Jüngerkreis und darüber hinaus. Gerade um Jesu Mahlzeiten hatte es immer wieder Streit mit anderen Gruppierungen gegeben: Einige seiner Jünger waren ehemalige Zöllner. Als Jesus mit ihm und anderen seinesgleichen gemeinsam aß, kam es zum Streit mit den Rechtgläubigen, die ihm vorwarfen, mit Zöllnern und Sündern zu essen. Jesus kam es nicht auf strikte Trennungen an, sondern überwand diese ja gerade. Er aß mit seinen Jüngern auch dann, wenn andere fasteten, denn mit ihm sei das Fasten ja wohl überflüssig. Am Sabbat ging er mit den Jüngern über Felder und sie mahlten sich Korn aus abgepflückten Ähren, was wiederum zu Streit führte. Jesus führte Massenmahlzeiten ein, die er wie gewohnt mit Dankgebet und Segensgebet eröffnete, wobei die vielen Menschen satt wurden, obwohl sie nur sehr wenig hatten. Seine Jünger hielten sich nicht an die Vorschrift, dass man vor dem Essen die Hände zu waschen hatte und beachteten die Reinheitsgebote nicht. Das gemeinsame Essen war wichtiger, als die Einhaltung der Vorschriften. Die Mahlzeiten waren für Jesus und die Jünger so wichtig, dass sie ganz selbstverständlich auch dann danach fragten, als für Jesus die Lage schon schwierig geworden war: „Wo sollen wir für die das Passahmahl vorbereiten?“

Wir können allerdings aus dieser Erzählung nicht heraushören, wo sich der Raum befand. Die Jünger fanden ihn selbst nur durch umständliche Zeichen. Auf dem Weg in die Stadt finden sie einen Mann, der einen Wasserkrug trägt. Diesem Mann folgen sie, bis zu seinem Haus. Sie fragen ihn nun danach, ob er Jesus und seine Jünger zur Passahmahlzeit bewirten wird und er zeigt darauf den Jüngern einen Saal, der schon dafür hergerichtet ist. Auf diese Weise durch gezielte heimliche Zeichen und Absprachen vorbereitet, fanden sie diesen Ort, wo für sie schon alles bereitstand. Interessanterweise bleibt es sogar im Nachhinein ein Geheimnis, wo sich denn dieser Raum befunden haben könnte. Ich denke, dass diese Geheimnistuerei schon etwas mit der drohenden Hinrichtung Jesu zu tun haben wird. Seine Ankündigung des bevorstehenden gewaltsamen Endes war nicht aus der Luft gegriffen, auch wenn das manche Jünger nicht glauben mochten. Doch schon mehrfach hat er im Jüngerkreis zuvor darauf hingewiesen, dass er leiden und sterben würde. Die Mahlzeit selbst war natürlich absolut unstrittig. Das Problem bestand lediglich darin, in dieser Situationen einen geeigneten Ort für das Passahmahl zu finden. Jesus und seine Jünger müssen schon in recht arger Bedrängnis gewesen sein. Wann würde es geschehen? Wann würden die Knechte des Hohenpriesters und des römischen Statthalters ihn finden? Interessant ist hier im Markusevangelium, dass für keinen der Beteiligten eine mögliche Flucht in Frage kam. Als sie am Tisch saßen, kamen Gespräche auf, die sich um die drohende Gefangennahme kreisten. Nicht nur wir als Zuhörer des Evangeliums, sondern auch die Jünger selbst hatten mehr als eine Vorahnung dessen, was geschehen würde. Jesus trifft nun den Nagel auf den Kopf: „Ich versichere euch: einer von euch wird mich verraten – einer, der jetzt mit mir isst.“

Der Verrat würde die Sache ins Rollen bringen: Jesus würde gefangengenommen und dem Urteil der Hohenpriester überstellt. Würden sie ihn freisprechen, dann würden sie den Volksmassen aus Galiläa recht geben, aber ihre eigene Macht in Frage stellen, würden sie ihn verurteilen, dann würden sie sich gegen des ewigen Gott und Vater Jesu selbst stellen. Die Verurteilung durch Pilatus dagegen, war sicher nur eine Formsache. War Jesus erst einmal als Aufrührer gekennzeichnet, sogar von Vertretern der jüdischen Religion in Jerusalem, dann hatte der Statthalter nur noch römisches Recht zu vollziehen. So jedenfalls lese ich die Vorgeschichte der Kreuzigung hier im Markusevangelium. Es ist ja auch durchaus noch offen, ob einige Jünger bei der bevorstehenden Verhaftung Jesu mit einer Entscheidungsschlacht gerechnet hatten. Dass sie bewaffnet waren, wissen wir ja aus dem Evangelium. Doch Jesus hatte sich anders entschieden. Er wollte die Entscheidung des Hohen Rates. Er wollte sich wie Martin Luther vor dem Reichstag zu Worms klar und deutlich zu seiner Sendung und zur Botschaft des Reiches Gottes bekennen und hatte vielleicht ein wenig Hoffnung, dass gelingen können, die Repräsentanten auf seine Seite zu bekommen. So hätte Jesus die Kreuzigung als unvermeidliches Schicksal im Fall seines Scheiterns in Kauf genommen, nicht aber selbstmörderisch gewollt. Ich habe dieses nur so ausführlich dargestellt, weil ich mich immer nicht so recht entscheiden kann, ob die Ankündigung des Verrats die Offenstellung des geheimen Verräters ist, was sich spätestens im Garten Gethsemane ohnehin gezeigt hätte. Ich finde: Es liegt auch eine Spur Aufforderung darin, obgleich der Verrat natürlich von der Kreuzigung her gesehen als das schmutzigste Geschäft aussieht, dass man sich nur vorstellen kann. Ich werde aus diesem Judas nicht schlau, der um dreißig Silbertaler eine Handlung vornimmt, die Jesus ans Kreuz bringt und der sich dann anschließend erhängt, als hätte er das nicht von vornherein gewollt. Von seinem Ende her ist auch seine Mission gescheitert. Der Verrat hatte in seinen Augen nicht nur die Bedeutung einer Auslieferung an die überlegene Staatsmacht. An der Stelle des Judas hätte jeder vernünftige Mensch die dreißig Silbergroschen genommen und hätte mit diesem Kapital neu angefangen. Der Tod des Menschensohns, so von Jesus für sich selbst angekündigt, hat dann natürlich eine völlig andere Konsequenz. Der Verräter gibt nicht den Startschuss für den Sieg eines unsterblichen Heldens, sondern liefert den sterblichen Menschensohn an seine Mörder aus. „Es wäre besser, er wäre nicht geboren worden.“ Deutlicher kann man einen Menschen nicht verurteilen, das ist wohl die schlimmste Sünde, die jemand begehen kann: Jesus, den Menschensohn, zu verraten.

An dieser Stelle drängt die so konkrete Geschichte zur Verallgemeinerung, denn schon die anderen Jünger sagten zuvor: „Du meinst doch nicht mich.“ Ist nicht der Verrat des Menschensohns die Gefahr, in der die Kirche Jesu in jeder Situation ihres Handelns steht? Es ist einfach, mit dem Finger auf Judas zu zeigen, einer bestimmten Gestalt der Weltgeschichte. Das gilt ja besonders für die frühe Kirche, als die Zeit in der die Evangelien in den Gemeinden vorgelesen wurden. Der neue Bund mit Gott trat schnell in Konkurrenz mit anderen Angeboten oder auch Verpflichtungen, ja konnte in bestimmten Fällen sogar zu erheblichen Probleme führen. Kann auch die Kirche als Ganze, kann auch eine Gemeinde in einer bestimmten Situation in der Gefahr stehen, zum Verräter Christi zu werden? Wer die Kirchengeschichte nachliest, wird erkennen müssen, dass auch dieses vorgekommen ist.

So ist es schon interessant, dass die Ankündigung des Verrats und die Einsetzung des Abendmahl in einer solch engen Verbindung stehen. Jesu Worte zum Brot und zum Kelch sind mehr als beispielhaft gemeint. Wo diese Worte zu den Elementen kommen ist nach Tod und Auferstehung Jesu doch klar, dass er selbst gegenständlich in der Mitte ist. Jesus ist leiblich in seiner Gemeinde gegenwärtig. Hier entscheidet sich der Glaube an seinen Vater Im Himmel. Jesus erneuert dadurch auch unseren Glauben, der ja letztlich allein der Glaube an ihn, an den Menschensohn ist. Doch auch wenn Jesus Christus in Worten und Zeichen geistlich gegenwärtig ist, so sind wir doch andererseits in der Erwartung, dass sich eines Tages alles endgültig erfüllen wird, was verheißen ist. So glauben wir dem Wort Jesu: „Ich werde keinen Wein mehr trinken, bis ich ihn neu trinken werde an dem Tag, an dem Gott sein Werk vollendet hat.“

Jesus schenkt Vertrauen und Hoffnung durch das Zeichen seines Mahles in unserer menschlichen Gegenwart. So sind durch ihn die Zeichen des Brotes und auch des Kelches vor allem Zeichen der Hoffnung, wie es ja auch schon indem alten Abendmahlsgebet ausgedrückt wurde. Das Backen des Brotes aus vielen Körner zur Einheit führt, und das Keltern eines Weines ebenfalls, zeigt die Hoffnung auf eine universelle erdenweite Gemeinschaft die in die Gemeinschaft des Reiches Gottes hineinführt. Amen.

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