Letzte Worte

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

letzte Worte haben ein eigenes Gewicht und sind bedeutungsschwer. Einmal ausgesprochen stehen sie im Raum, sind unauslöschbar, stehen zwischen Menschen, sind Vermächtnis oder auch Last. Ein Wort im Zorn ausgesprochen kann im Tod nicht mehr zurückgenommen werden. Ein Wort der Zuneigung und Wärme kann nicht mehr gesagt werden. Viele Menschen leiden unter dem, was als letztes zwischen ihnen und einem/einer Verstorbenen gesagt wurde.

Wir haben heute schon einmal den Bericht vom letzten Weg Jesu mit den Worten des Johannesevangeliums gehört. Auch die Evangelien halten ihre ganz eigene Sicht des Todes Jesu mit seinen letzten Worten fest. 7 sind uns in den vier Evangelien überliefert, allein drei davon bei Johannes und drei beim Evangelisten Lukas. Ich will nicht noch einmal die ganze Passionsgeschichte nach Lukas verlesen, ich möchte sie erzählen und dabei besonders auf die letzten Worte Jesu achten.

Das Volk, die Oberen des Volkes und der Klerus, Soldaten und zwei Verbrecher, die ebenfalls den Kreuzestod sterben sollen, sind Zeugen der Kreuzigung, die einen ganz nah, die anderen in gebührendem Abstand, aber neugierig. Alle sind beteiligt, sie alle hören, wie Jesus sagt: Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Alle sind schuldig geworden an dem Leid dieses Mannes. Die Soldaten, die dem Gewalt antun, der keine Gewalt kannte, nur die Gewalt des Wortes und der Liebe und Barmherzigkeit, werden schuldig, obwohl sie doch nur ihre Pflicht tun. Sie folgen, wie viele nach ihnen, wie viele bis heute, nur ihren Befehlen. Sie tun ihre Pflicht und machen Beute, losen um die Kleider Jesu, wie Soldaten es zu allen Zeiten und an allen Orten in Kriegszeiten getan haben. Wie viel Leid ist mit dem Befehlsnotstand in der Geschichte der Menschheit entschuldigt worden …

Auch die Oberen, die weltlichen und religiösen Führer werden schuldig. Sie sehen sich als Sieger der Geschichte haben Barmherzigkeit und Mitleid buchstäblich zum Gespött gemacht: „helfe er sich doch selber, wen er der Christus ist“ rufen und sie und ich höre förmlich ihr höhnisches Lachen. Und das Volk schaut zu, tatenlos und stumm, aber begierig das Spektakel ja nicht zu versäumen. Wo Menschen leiden, sind die neugierigen Blicke nicht fern. Schon damals waren die Augen auf das Kreuz und die Männer an den Kreuzen gerichtet, so wie heute die Kameras das Leid und Blut auf den Straßen oder an den Küstenstreifen Asiens oder in den Trümmern Bagdads festhalten und brandaktuell ins Wohnzimmer liefern.

Jesus wird Opfer der Blicke, des Spottes und der Gewalt, Opfer der Masse, der Oberen und der Soldaten. Aber er flucht nicht, er klagt nicht, er betet. Er ist in diesem Augenblick der größten Menschenverlassenheit ganz nah bei Gott. Er bittet um Vergebung und tut damit menschenunmögliches. „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“

Der Märtyrer, der Mensch, der zu Unrecht leidet, der für seine Sache, an die er glaubt, zu sterben bereit ist, der verflucht im Angesicht des Todes seine Mörder und fordert Gerechtigkeit für sich und seine Sache. Aber Jesus bittet um Vergebung für Schuldige, so wie er Vergebung und Versöhnung gelebt hat. Er ist sich und seinem Auftrag treu geblieben, denen nachzugehen, die draußen sind und es (noch) nicht begriffen haben.

Und in diesem Augenblick, wo er vor Gott für seine Mörder eintritt, da geschieht wieder Versöhnung, selbst wenn die Täter sie noch nicht verstehen und ergreifen können. So wird das Kreuz durch das Gebet Jesu zu einem Zeichen der Versöhnung zwischen Opfer und Tätern, zwischen Gott und Mensch. Ein Zeichen der Versöhnung, das das Gesicht der Welt verändern kann.

Als in der Nacht vom 14. zum 15. November die deutsche Luftwaffe die englische Stadt Coventry und mit ihr die mittelalterliche Kathedrale zerstört, wird unter dem Kreuz mit dem Nagelkreuz des verbrannten Dachgebälks eine Bewegung der Versöhnung geboren. Noch heute wird an diesem Ort jeden Freitag um 12.00 Uhr mit den Worten Jesu gebetet: Vater, vergib!

Versöhnung ist stärker als aller Spott und Hohn oder die verletzende Neugier, die auch die Privatsphäre des Sterbens nicht verschont. Einer der Übeltäter, die mit Jesus gekreuzigt wurden, muss das gespürt haben, als er den schutzlosen Jesus vor den Spöttern und Lästerern in Schutz nimmt und die erbetene Vergebung für gibt bis sich in Anspruch nimmt: „Denke an mich, wenn du in dein Reich kommst.“ Er bittet um Gedenken und seiner wird bis heute so gedacht. Aber die Antwort Jesu gibt bis heute viele Rätsel auf : „Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein.“ Was meint dieses „heute“? Was passiert im Augenblick des Todes? Ist heute schon „Auferstehung der Toten zum ewigen Leben“?

Wie Jesus sich dem Verbrecher neben ihm zuwendet, leuchtet ein Stück Ewigkeit auf, hier begegnet eine Ahnung von Osterhoffnung mitten im Sterben. Das größte Leid selbst im Tod ist nicht der Untergang, das Aus oder die Vernichtung, sondern Eingang in das Leben, in die Auferstehungswelt Gottes. So wird das Kreuz zu einem Symbol beständigen, verwandelten Lebens, obwohl es unweigerlich den Tod bringt. Aber auch das ist ja alte Menschheiterfahrung: der Weg ins Licht führt auch hier durch das Dunkel.

Hoffnung, Vertrauen zu diesem Jesus, dem man am Kreuz ganz nah sein kann und der uns in seinem Kreuz ganz nahe ist, bewahrt nicht vor dem Dunkel. Deshalb erinnern wir an diesem Tag an all die Menschen in ihrem Leid in dieser todverfallenen, gewalttätigen und unversöhnlichen Welt. Wir geben dem Schmerz, der Trauer, der Verzweiflung und der Stille ihren Raum, heute und morgen. Wir stellen uns unter das Kreuz: Versöhnung den Unversöhnlichen, Leben den Todverfallenen, Hoffnung den Verzweifelten.

Unsere Gesellschaft krankt daran, dass sie all dem, der Trauer und dem Schmerz und der Stille, keinen Raum mehr lässt, sie lärmend übertönt, wo Ostern schon vor dem Karfreitag zelebriert wird und die Würde des Menschen gerade im Angesicht des Leides und des Sterbens ignoriert wird. Sterben ist Leben und der Mensch ist auch im Sterben immer noch Mensch. Und es gibt ein Menschenrecht auf Trauer und Würde im Angesicht des Todes. Jesus selbst lebt diese Menschenwürde bis zu seinem letzten Atemzug, gibt den Menschen ihre Würde , die auch Sterben ermöglicht, zurück, als sie ihm genommen wurde. Er vertraut sein Leben ganz und gar den Händen Gottes an: „Vater, in deine Hände befehle meinen Geist“ . Wir lernen nur mühsam und langsam den anderen Umgang mit dem Tod. In den Hospizen gilt würdiges Leben bis zum letzten Atemzug und doch streitet sich zugleich die Öffentlichkeit über Komapatienten zwischen Leben und Tod, werden im Eilverfahren auch im Namen des Glaubens Gesetze verabschiedet und moralischer Druck ausgeübt, während die Todesstrafe gnadenlos durchgezogen wird. Den einen wird das Recht auf Sterben, den anderen das Recht auf Leben abgesprochen.

Jesus hält die Nähe zu Gott durch und erfährt dessen Nähe bis zuletzt. Er lebt und stirbt uns vor, dass wir uns im Leben und im Sterben in Gott bergen dürfen und im Tod geborgen sind. So wird das Kreuz auch zu einem Symbol des respektierten Todes als Teil menschlichen Lebens. Mit dem Tod Jesu verdunkelt sich die Welt, bleibt für einen Augenblick stehen. Auch wir halten einen Augenblick inne – heute und morgen.

Letzte Worte haben ihr eigenes Gewicht. Sie machen aus dem Kreuz, eigentlich einem Symbol der Gewalt, einen Ort der Vergebung, der Hoffnung auf beständiges Leben im Angesicht des Todes, den wir als Teil unseres Lebens annehmen dürfen.

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