Karfreitag: kein Feier – Tag

Liebe Gemeinde,

zunächst möchte ich auf eine Schwierigkeit zu sprechen kommen, die mir in unserer evangelischen Kirche mehr und mehr bewusst wird. Es gibt die Meinung, der Karfreitag sei der höchste evangelische Feiertag. Die Bedeutung des Todes Jesu für unseren christlichen Glauben ist aus unserer evangelischen Sicht zentral. Niemand kann sich selbst die Sünden vergeben. Und niemand kann einem anderen die Vergebung zusprechen oder verweigern. Nur Jesus Christus selbst hat durch seinen Tod uns alle mit hinein genommen in den Bund Gottes, hat für uns gelitten und ist für uns gestorben. Dieses „Für uns“ ist allein der Grund unseres Glaubens. Nur durch Jesus selbst erhalten wir den Zugang zu Gott. Das Kreuz ist das Zeichen unseres Glaubens, nicht als Zeichen der Verehrung eines Märtyrers, sondern als Zeichen davon, dass in Jesus Gott selbst auf seine Macht verzichtet und in seiner Menschlichkeit bis zum Tod uns gleich wird. Jeder, der sich bei allem Bösen und allem Unheil unserer Welt über die Machtlosigkeit Gottes wundert oder gar ärgert, ja an Gott daher zweifelt, sollte auf das Kreuz Jesu sehen, an dem Jesus ja nicht seine Hilflosigkeit zur Schau stellt, sondern schlicht hilflos ist. Ich muss gar nicht sagen, dass ihn meine Sünden an das Kreuz geschlagen haben, wie es in einem Passionslied gesungen wird. Ich muss lediglich sehen, dass die Menschheit in ihren Denkstrukturen und Machtverhältnissen letztlich lebensfeindlich wird, mit der Gewalt agiert und sogar manchmal regiert, sinnlose Opfer fordert, und dass Gott selbst in Jesus Christus diesen Machtverhältnissen real hilflos unterworfen ist. Er überwindet sie, indem er sie durchleidet. Am Leiden führt kein Weg vorbei. Soweit wir in diese Machtstrukturen verflochten sind, sind wir meiner Meinung nach tatsächlich am Tod Jesu mitschuldig. Gewalt fordert Gegengewalt. Überwindung im Sinn der Gewaltlosigkeit wie das ja manche Jesus nachgemacht haben, steht zuletzt aller menschlichen Gewalt hilflos gegenüber. Außerdem können wir das Kreuz Jesu und damit die Überwindung der Gewalt letztlich nur von der Auferstehung her deuten. Gottes Macht zeigt sich in einer anderen Zeit als der menschlichen, nicht in anderen Gewalt. Sowie Gott einerseits in vielem der Gewalt und dem Unheil unterworfen ist, ist er doch als die Grundlage unseres Daseins einer anderen Zeit unterworden als wir. „Ehe denn die Berge wurden und die Erde und die Welt erschaffen wurden, war Gott selbst von Ewigkeit zu Ewigkeit.“ So paradox dies eben ist: Gott offenbart mit seinem Mitleiden am Kreuz eben nicht nur die menschliche Begrenztheit, sondern zugleich in der Auferstehung und in der Gegenwart seines Geistes die Unbegrenztheit und das Unbedingtsein. Gottes Liebe ist darin stärker als der Tod, als eben Jesu Christus, den Gekreuzigten auferstehen lässt und als gegenwärtig erfahren in Wort und Sakrament.

Jesus Christus, der Gekreuzigte ist darin bei uns, ist uns menschlich und zeitlich nahe und gibt uns Anteil an der Ewigkeit und Unbegrenztheit Gottes. Diesen Gedanken, der sich oft aller menschlicher Logik widersetzt, gelingt nur im Glauben, also im unbedingten Vertrauen auf die Gegenwart des lebendigen Gottes, trotz seiner oft genug augenscheinigen Machtlosigkeit und Abwesenheit.

Das heißt für mich aber, dass Karfreitag für sich allein betrachtet kein Feiertag im Sinn dieses Wortes sein, sondern ein Trauertag sein muss. Jesus starb eines menschlichen, aber nicht eines natürlichen Todes. Jesus ist zu Tode gebracht, ist gefoltert und misshandelt worden. In Jesus wurde das menschliche Angesicht bespuckt, und die nackte Angst des Gefolterten offenbart die blinde Wut der Gewaltmenschen. Jesu Tod, ja auch seine Worte am Kreuz offenbart die Welt wie sie eben ist, unerlöst und schreiend nach Gerechtigkeit, nach Heil und Frieden. Dazu bemächtigt sich der Verfasser dieses Kreuzigungsberichts, sei es Markus oder auch einer, von dem er diesen Bericht übernommen hat, der Worte des 22. Psalms. Dieser Kreuzigungsbericht ist bei all seiner brutalen Anschaulichkeit eine Anwendung dieses Psalms auf das Leiden und Sterben Jesu Christi. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich erlassen.“ Auch wenn dieses letzte Wort Jesu hier nicht angesprochen wird, das zugleich der erste Vers dieses Psalm ist, so sind doch fast alle angesprochenen Ereignisse und Motive schon im 22. Psalm genannt. So traurig es in diesem Fall ja ist: Diese Worte zeigen, dass die Gebete und Texte der Bibel dem Leben abgelauscht sind. Niemals wird Pilatus die Kreuzigung nach einem Psalm inszeniert haben. Aber der Psalm ist so konkret auf das Leiden eines Menschen abgestimmt und zählt so viele Beispiele des Leidens auf, dass sie eben auch in dieser Gewaltszene vorkommen:

Da heißt es: „ Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch, ein Spott der Leute und verachtet vom Volke.“ So auch bei der Kreuzigung: Das Volk stand und sah der Kreuzigung zu. Die Volksvertreter verhöhnten Jesus. Die Soldaten machten sich über ihn lustig. Selbst ein Mitgekreuzigter Verbrecher spricht noch am Kreuz zu Jesus ein Spottwort: „Bist du denn nicht der versprochene Retter? Dann hilf dir selbst und uns!“

Diese ironische Bemerkung über die Hilflosigkeit des gekreuzigten Frommen ist gleichzeitig in Psalm 22 enthalten: „Alle, die mich sehen, verspotten mich, sperren das Maul auf und schütteln den Kopf: »Er klage es dem HERRN, der helfe ihm heraus und rette ihn, hat er Gefallen an ihm.«“

Auch gaben sie Jesus Essig zu trinken gegen den Durst im Todeskampf, der im Psalm 22 so beschrieben wird: „Meine Kräfte sind vertrocknet wie eine Scherbe, und meine Zunge klebt mir am Gaumen, und du legst mich in des Todes Staub.“

Eine ganz typische Szene, die auf fast keinem Kreuzigungsaltar fehlt ist das Würfelspiel der Soldaten, von dem es im Psalm 22 heißt: „Sie teilen meine Kleider unter sich und werfen das Los um mein Gewand.“

Im Psalm selbst geht es zum Schluss versöhnlicher zu, aber wohl eher in der Aussicht auf das überstandene Leiden. Doch diese Motive lassen sich natürlich auch sehr gut von der Auferstehung her auf Jesus deuten, besonders der Satz: „Denn des HERRN ist das Reich, und er herrscht unter den Heiden.“ So könnte man jedenfalls auch das Wort des römischen Hauptmanns deuten, der noch unter dem Kreuz bekennt: „Wahrhaftig, dieser Mensch war ein Gerechter.“

Dabei bleibt uns heute besonders deutlich doch das Todesereignis Jesu vor Augen. Daraus kann man eben nicht ein Freudenfest machen, auch kein reformatorisches. Dieses stellvertretende Leiden Christi ist nicht nur stellvertretend um unserer Erlösung willen, es ist auch ein Leiden das stellvertretend jedem menschlichen Leiden und jedem Todeskampf gleich ist. Natürlich wird Jesus gerade auch in diesen Worten als der erlebt, der dies bewusst mitvollzieht, der sich zwar nicht selbst opfert, der aber seinen Verfolgen hier nicht den Gefallen tut, um sein Leben zu betteln. Diese Haltung hat sicherlich auch etwas soldatisches an sich und ist ja auch bis ins letzte Jahrhundert von den Kriegsverherrlichern unter den Christen oft genug missbraucht worden. Als ob Jesus hier am Kreuz verwechselt werden könnte mit einem Söldner der einer vermeintlich guten Sache oder einfach aus Pflichtgefühl in der Ausübung der Gewalt sein eigenes Leben riskiert. Der Vergleich hinkt, weil Jesus ja gerade jeder Gewalt abgeschworen hat und vehement gegen den militärischen Kampf war. Aus römischer Sicht ist hier tatsächlich der Falsche gekreuzigt worden. Ich persönlich sehe diese Kreuzigung daher immer ein wenig auch als eine Vorgeschichte des großen Jüdisch – Römischen Krieges um 70 nach Christi an, der mit der völligen Eroberung Jerusalems und dem Untergang jeden jüdischen Widerstand zugrunde ging. Wenn ich es recht in Erinnerung habe, heißt es in der Schilderung dieses Krieges, dass die Straßen außerhalb Jerusalems mit Kreuzen getöteter Widerstandkämpfer regelrecht überfüllt waren, auch als Abschreckung gegen weiteren Widerstand gedacht. Dieses Motiv könnte jedenfalls plausibel auch auf Pontius Pilatus zutreffen, der schon einmal vorher oder nachher unter jüdischen Festpilgern in Jerusalem ein regelrechtes Massaker angerichtet hat, wohl um jeden militärischen Widerstand im Keim zu ersticken. Doch Jesus wollte die römische Herrschaft nicht mit Waffen besiegen, sondern lediglich durch seine Predigt daran erinnern, dass der Herr des Himmels, dem Vater im Himmel allein Ehre, Macht und Verehrung zusteht, dass alle irdische Macht nur anvertraut und von Gott geliehen ist. Als Jahre später von den Christen verlangt wurde, die Statue des Kaisers als Gott zu ehren, verweigerten sich zu recht den Kaiserkult, während sie nicht auf die Idee gekommen wären, dem Kaiser die Steuern nicht zu zahlen. Dennoch geht auch aus dieser Schilderung deutlich hervor, dass Pilatus Jesus hat kreuzigen lassen und warum: „Dies ist der König der Juden.“ Dem Machtanspruch des Kaisers kommt auch ein religiöser Messias in die Quere, mit dem sich nach jüdischer Lehre ohnehin politische Herrschaftsanspruch verbindet, zumindest im Sinn einer Alleinherrschaft Gottes als des Herrn der Welt.

Wir sollten zum Schluss noch einen Blick auf Jesu Worte am Kreuz werfen. Die bekannten sieben Worte Jesu am kreuz verteilen sich auf die verschiedenen Evangelien. In der Überlieferung des Lukas sind es nur drei Worte:

– „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Hier hat also die Rede von der Vergebung ihren Ort, dass der zu unrecht verurteilte, der Märtyrer, der Jesu zweifellos ist, noch im Zentrum seiner Niederlage denen vergibt, die ihn in diese Lage gebracht haben. Er hätte ja auch Gedanken und Worte der Rache gebrauchen können. Jesus kennt die Schuld und das Böse in der Welt. Die Bitte des Vater Unser wird hier praktisch von ihm selbst vorgelebt: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ Die Vergebung Gottes ist kein Pfennigartikel. Sie lässt sich weder durch gute Taten noch durch eine Kollekte für Brot für die Welt erkaufen. Sie lässt sich nur leben, sodass der auf Vergebung hofft, der selbst dafür eintritt. Das heißt ja nicht, dass dem Bösen nicht zu wiederstehen wäre. Als ein Leisetreter wäre Jesus nicht ans Kreuz gekommen.

– „Ich versichere dir, du wirst noch heute mit mir im Paradies sein.“ Dieser Satz gilt dem Mitgekreuzigten, der Jesus vor dem Spott des anderen in Schutz nimmt, und sagt, Jesus habe Unrecht getan. Jesus aber seine Schuld gesteht und sogar meint, er selbst sei zu Recht gekreuzigt. Ich denke, dass ist zusätzlich zu den Leidensworten des 22. Psalm eines der Hauptmotive dieses Kreuzigungsberichts immer und immer wieder einzuschärfen, dass Jesus unschuldig gekreuzigt worden ist. Es kommt im ersten Wort indirekt auch vor, indem die Henker nicht wissen, was sie tun. Doch ins Paradies kommen nicht nur die Unschuldigen, sondern auch die, die ihre Schuld eingestehen können, wie der Mitgekreuzigte. Und das Paradies wird auch nicht erst irgendwann einmal sein, sondern schon direkt nach dem Tod beginnen. Jesus kündet hier von einer positiven Einstellung, dem Glauben an ein Leben nach dem Tod.

– Jesus starb mit den Worten: „Vater, ich gebe mein Leben in deine Hände.“ Das was uns der Schöpfer gibt, erhält er im Tod von uns zurück, unser Leben. Das Leben ist also ein Geschenk. Nur darum hat Jesus uns gelehrt zu Gott Vater zu sagen und darum hat er sich selbst als Kind Gottes angesehen. Am Ende zählt das Vertrauen in das Leben, das Vertrauen in die Gegenwart des Schöpfers, obwohl sie ja gerade in diesem unschuldigen Leiden nicht spürbar ist.

Heute haben wir gehört, wie qualvoll und grausam Jesus am Kreuz gestorben ist. Wir haben gehört, dass er seine Würde und seinen Glauben gerade darin bewahrt hat, dass er selbst auf Gewalt verzichtet hat. Er, der Unschuldige und Gerechte musste leiden. Gott schweigt und erlöst ihn nicht aus diesem Leiden. Gott bleibt unsichtbar im Hintergrund als die Wirklichkeit, die auch jenseits unserer Grenzen wirkt, der wir uns im Sterben und im Leben anvertrauen können. Jesus hat kein blutiges Opfer vollzogen, und Gott, so wie ich ihn verstehe, auch nicht. Gott ist im Leiden dabei, indem er das gleiche Gesicht trägt. Man sagt, er ist im Leiden solidarisch, ist schlicht ein Mitleidender. Und so trägt Jesus hier Gottes Gesicht in unsere Welt, und so zeigt er sich hier als Gottes Sohn. Er hat uns hier das menschliche Angesicht Gottes offenbart, das uns dennoch nun in seiner Unsichtbarkeit im Glauben zugänglich ist. Den Schaulustigen ist auf einmal nicht mehr so schaulustig zumute. Die Stille des Todes macht sich breit, in der wir einfach an diesen Menschen denken, dessen Tun und Leben in den Evangelien überliefert ist, der uns als Gottes Sohn gezeigt hat, dass auch wir Gott Vater nennen dürfen. Als der Gekreuzigte, als der leidende Sohn des Vaters ist er in unserer Mitte, ist er uns gegenwärtig in Worten und Zeichen. Der lebendige Gott ist durch das Sterben des Sohnes keinesfalls besiegt. Im Gegenteil, die Auferstehung des Gekreuzigten weckt unseren Glauben, und so ist Jesu auch unter uns, hier in der Kirche lebendig und geht mit uns.

Amen.

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