Es gibt etwas zu sehen

<i>[Wertvolle Anregungen verdanke ich der Auslegung von Dr. Hans-Ulrich Weidemann im didaktischen Begleitheft zur diesjährigen Bibelwoche]</i>

Jesus wurde gekreuzigt. Und das Volk stand da und sah zu. Nachdem er gestorben war, heißt es: Und alle Volksmengen, die zu diesem Schauspiel zusammengekommen waren, sahen, was geschehen war. Eine Theorie, so heißt das griechische Wort, das im Urtext steht, breitet Lukas vor uns Lesern aus, ein Schauspiel führt er uns vor. Es gibt auf Golgata etwas zu sehen. Lukas lädt uns ein, genau hinzuschauen, damit wir keine Zuschauer bleiben, sondern Betroffene, Beteiligte werden, damit wir erkennen, dass es an diesem grauenhaften Ort auch um uns geht, um unser Leben und unser Heil, um unser Sterben und um das, was wir erhoffen. Schauen wir also genau hin auf die Theorie, auf das Schauspiel, das Lukas in Szene setzt. Im Mittelpunkt stehen die drei Worte, die er von Jesus am Kreuz wiedergibt.

Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun! Jesus ist gekreuzigt. Sein Blick ist auch jetzt in Todesstunde auf die Menschen gerichtet, die ihn umgeben. Mit Sicherheit leidet er starke Schmerzen. Aber er vergeht nicht in seinem Schmerz und seiner Angst. Er bleibt den Menschen zugewandt bis zuletzt. Niemanden spricht er direkt an. Seine Bitte um Vergebung schließt alle ein, die sich unter dem Kreuz befinden. Diese Bitte geschieht ohne Vorbedingungen. Sie ist weder an eine Schuldeinsicht noch an ein Schuldeingeständnis derjenigen geknüpft, für die er sie erbittet. Sie ist auch nicht an das Opfer gebunden, das Jesu mit seinem Sterben am Kreuz bringt. Jesu Fürsprache und Fürbitte bei Gott bewirkt die Vergebung jeglicher Schuld.

So werden auch wir von Anfang an in das Schauspiel hinein genommen. Denn es geht auch um unsere Schuld, für die Jesus Vergebung erbittet. Das Volk, das zusieht und für das Jesus um Vergebung bittet, ist das Gottesvolk. Darauf weist der griechische Begriff hin. Es ist das Wort, mit dem das Gottesvolk bezeichnet wird. Im Unterschied dazu ist am Ende der Geschichte von den Volksmengen die Rede. Damit sind allgemein die Menschen gemeint. Die ganze Menschheit sozusagen, die Zeuge des Schauspiels wird, das sich auf Golgata ereignet.

Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun! Was für ein starker und tröstlicher Satz. Wie oft geht es uns so, dass wir nicht wissen, was wir tun. Wie oft tun wir etwas Unrechtes, ohne es zu bemerken, ohne ein Bewusstsein für unser Fehlverhalten zu haben. Schon bevor wir erkennen, wo wir etwas schuldig geblieben sind, bevor wir das einsehen und um Nachsicht und Verzeihung bitten, vor alledem bittet Jesus für uns um Vergebung und öffnet uns damit einen weiten Raum. Vielleicht kennen Sie das auch: Es ist ein quälendes Gefühl, wenn man sich einem anderen Menschen gegenüber verkehrt verhalten hat und nun nicht weiß, wie man das wieder ins Reine bringt. Man spürt, dass der andere auf eine Entschuldigung wartet. Aber wie nun das erste Wort hervorbringen? Das kann eine unendliche Mühe kosten und eine unüberwindbare Hürde sein. Jesus nimmt uns diese Mühe ab und reißt die Hürde ein. Er bittet für uns um Vergebung. Wir brauchen diese nur noch dankbar zu empfangen und in uns wirken zu lassen. Ein Freispruch erster Klasse, den Jesus uns anbietet, eine Vergebung ohne Wenn und Aber.

Das Schauspiel des Lukas führt nun vor, wie Menschen damit umgehen. Aber die Oberen spotteten und sprachen: Er hat andern geholfen; er helfe sich selber, wenn er der Christus, der Auserwählte Gottes ist. Es verspotteten ihn auch die Soldaten, traten herzu und brachten ihm Essig und sprachen: Wenn du der Juden König bist, so hilf dir selber. Das ist eine Möglichkeit. Menschen können sich dem Angebot Gottes verschließen, sich darüber stellen und sagen: Vergebung habe ich gar nicht nötig. Es sind bezeichnender Weise die Oberen, die so sprechen und Jesus obendrein noch verhöhnen und verspotten. Wir erleben unsere Oberen ja genauso. Dickfellig bis zur Unerträglichkeit. Unwillig und anscheinend unfähig, irgendetwas zu begreifen, was jenseits ihres Machterhalts liegt oder ihres Willens zur Macht. Und genau den Satz, den damals die Oberen Jesus höhnisch entgegen gehalten haben, trommeln heute die Oberen fortwährend in unsere Ohren: Ein jeder helfe sich selber. Der Staat hilft nur noch denen, die Macht und Einfluss haben. Eine teuflische Botschaft. Das will Lukas mit seiner Wortwahl sagen. Denn genau wie die Oberen unter dem Kreuz sprechen, hat der Versucher zu Jesus gesprochen, bevor Jesus den Gang in die Öffentlichkeit antrat. „Wenn du der Sohn Gottes bist, dann wirf dich hinunter“, sprach der Versucher, als er mit Jesus auf dem höchsten Punkt des Tempels stand.

Aber einer der Übeltäter, die am Kreuz hingen, lästerte ihn und sprach: Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns! Nicht nur die Oberen sprechen so verächtlich. Die, die ganz unten sind, lassen sich davon anstecken. Das Beispiel, das die Oberen geben, macht Schule. Ihr schlechtes Vorbild spiegelt sich im Verhalten der einfachsten und ärmsten Leute wieder. Dazu gehören die beiden, die mit Jesus am Kreuz hängen. Der eine, der sich den Lästerworten der Oberen anschließt, weiß immerhin noch, dass er Hilfe nötig hat. Aber er glaubt nicht wirklich daran, dass Jesus ihm helfen kann. Und mit der auch ihm zugesprochenen Vergebung kann er schon gar nichts anfangen. Dafür aber der andere um so mehr: Da wies ihn der andere zurecht und sprach: Du fürchtest dich auch nicht vor Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist? Wir sind es mit Recht, denn wir empfangen, was unsre Taten verdienen. Die erfahrene Vergebung hilft diesem Verurteilten, zu seiner Schuld zu stehen. Er weiß, dass er gegen die Gesetze des Staates gehandelt hat und dafür nun die Strafe bekommt, die damals üblich war. Wir heute empfinden diese Strafe als unmenschlich und als eine Verletzung des göttlichen Gebotes. Damals waren die Römer schnell bei der Hand, einen, der ihren Gesetzen den Gehorsam verweigerte, ans Kreuz zu hängen. Der Gehenkte erkennt sein Vergehen und nimmt nun Jesu Angebot der Vergebung für sich in Anspruch: Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst! Dieser Mensch wird zu einem Beispiel dafür, dass die Umkehr zu Jesus noch in der Todesstunde möglich ist. Darum geht es Lukas vor allem. Er will Menschen zur Umkehr bewegen, zum Glauben an den gekreuzigten und auferstandenen Jesus. Dieser, der selbst unschuldig leidet und stirbt, ist der Weg zum Heil. Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein. Das ursprünglich persische Wort bedeutet „Garten des Königs“. Jesus ist König, so steht es oben an dem Kreuz. Er erweist sich als König, indem er nicht sich selbst, sondern andere rettet. Rettung heißt Gemeinschaft mit ihm im Garten des Königs. Sie wird dem Verbrecher für „heute“ verheißen. Dieses „heute“ meint für Lukas mehr als den heutigen Tag. Es ist die Zeit, in der Gott sein Heil offenbar macht. „Heute ist dir und deinem Haus Heil widerfahren“. So spricht Jesus zu Zachäus. Das Heute ist der Moment, wo die Ewigkeit in die Zeit einbricht, wo Zeit und Ewigkeit verschmelzen. Auch an dieser Stelle müssen wir nicht Zuschauer bleiben, sondern können das zu unserer eigenen Hoffnung machen: Wer sich zu Jesus bekennt und ihn um sein Erbarmen bittet, dem öffnet sich das Tor zum Paradies. Der Tod ist dann nichts anderes als ein Durchgang von diesem Leben in das zukünftige Leben im Garten des Königs.

Auf die Stunde des Todes treibt die Geschichte nun zu: Und es kam eine Finsternis über das ganze Land und die Sonne verlor ihren Schein, und der Vorhang des Tempels riss mitten entzwei. Mit Jesu Tod bricht auch der finstere Tag des göttlichen Gerichts an. Gott lässt seine Finsternis über das ganze Land und über den Tempel kommen. In der Mitte des Tages, wo die Sonne am höchsten steht, verliert sie ihren Schein, Dunkelheit senkt sich über das Land. Drei Stunden lang geschieht gar nichts. Die Welt hält gleichsam den Atem an. Die Sterbenden röcheln ihrem letzten Stündlein entgegen. Die Finsternis ist wie eine Decke, die Gott barmherzig über die Todgeweihten gelegt hat. Ihre letzte Qual bleibt den Augen der Betrachter verborgen. Gott gewährt den Sterbenden in den letzten Stunden ein Stück Intimität. So ist die Stunde des Gerichts und der Gottverlassenheit zugleich die Stunde der göttlichen Barmherzigkeit. Auch der zerrissene Vorhang deutet darauf hin. Der Vorhang hat das Allerheiligste im Tempel abgetrennt von den frei zugänglichen Räumen. Dort im Allerheiligsten brachte der Priester das Sühneopfer. Der zerrissene Vorhang deutet an: Es gibt kein Allerheiligstes mehr. Der Sühnekult hat ausgedient. Es ist auch kein Opfer mehr nötig. Jesu Bitte um Vergebung hat alle Opfer abgelöst. Gott braucht keine Opfer, um Menschen Vergebung zu gewähren. Menschen brauchen keine Opfer zu bringen, um Gott zu versöhnen. Der eine Leidensgenosse Jesu hat ein Beispiel gegeben: Es ist genug, Jesus um sein Gedenken zu bitten. Mehr braucht es nicht, um mit ihm ins Paradies zu kommen.

Als die Finsternis zu Ende ging, rief Jesus laut: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände! Und als er das gesagt hatte, verschied er. Mit dem Abendgebet der frommen Juden beschließt Jesus sein irdisches Leben. Er stirbt in Frieden mit sich selbst, mit seinen Mitmenschen, mit Gott. Er segnet das Zeitliche.

Mit seinem Tod ist das Schauspiel vorüber, das Lukas niedergeschrieben hat. Was jetzt noch kommt, sind Reaktionen auf das, was es zu sehen gab. Lukas richtet seinen Blick zuerst auf einen Menschen, der Jesus fern stand, auf einen römischen Hauptmann. Gerade die Fernstehenden will er für den Glauben an Jesus Christus gewinnen. Als aber der Hauptmann sah, was da geschah, pries er Gott und sprach: Fürwahr, dieser Mensch war ein Gerechter. Was hat der Hauptmann gesehen? Er hat gesehen, wie ein Mensch leidet und stirbt. Vermutlich hat er geahnt, dass dieser Mensch unschuldig war. Er hat gehört, was dieser Sterbende gesagt hat zu den Umstehenden und zu dem Leidensgenossen am Kreuz. Schließlich hat er gesehen, wie dieser Mensch sein Leben in Gottes Hand legte und friedlich starb, obwohl die Umstände äußerst unfriedlich waren. Das alles bringt den Hauptmann dahin, Gott zu loben. Ich finde das sehr bemerkenswert. Wenn heute Menschen unschuldig leiden und sterben, dann klagen viele Menschen Gott an: ´Warum lässt Gott das zu? Wo ist er, dass so etwas geschehen kann?` So hätte auch das Sterben Jesu zur Klage über die Ungerechtigkeit der menschlichen Machthaber und zur Anklage gegen die scheinbare Teilnahmslosigkeit und Untätigkeit Gottes führen können. Der Hauptmann aber sieht Gott am Werke gerade in diesem Leiden und Sterben. Er sieht, wie ein Menschen im Vertrauen auf Gott seinen Frieden findet und in Frieden das Zeitliche segnet. Dafür preist er Gott und er preist den, der seinen Geist in Gottes Hände gelegt hat: Dieser Mensch ist ein Gerechter. Der Gerechte ist ein jüdischer Ehrentitel für einen Menschen, der die Weisungen Gottes befolgt und ein rechtschaffenes Leben geführt hat. Einem solchen Menschen kommt Heimatrecht im Hause Gottes zu.

Und als alles Volk, das dabei war und zuschaute, sah, was da geschah, schlugen sie sich an ihre Brust und kehrten wieder um. Das Volk, hier ist allgemein von den unter dem Kreuz versammelten Menschen die Rede, sahen das gleiche wie der Hauptmann. Betroffen schlagen sie sich an die Brust. Ein solches Tun ist Ausdruck von Schuldbewusstsein und Reue. Nun erkennen alle, dass Jesus unschuldig gestorben ist und dass sie zu Unrecht geschrieen haben: „Kreuziget ihn!“ Sie kehrten um. Lukas will sicher mehr damit sagen, als dass sie sich auf den Heimweg machten. Sie kehrten um von ihrer ablehnenden Haltung Jesus gegenüber. Mit ihrem reuevollen Verhalten bestätigen sie die Aussage des Hauptmanns.

Es standen aber alle seine Bekannten von ferne, auch die Frauen, die ihm aus Galiläa nachgefolgt waren, und sahen das alles. Zu den Bekannten zählen auch die Jünger, die Jesus in der Stunde des Leidens im Stich gelassen haben. Als es darauf ankam, haben sie sich nicht als Jünger bewährt. Sie haben alle – wie Petrus es ausdrücklich getan hat – ihre Jüngerschaft verleugnet. Deshalb sind sie jetzt nur noch „Bekannte“. Lukas lässt offen, wie sie reagieren auf das Gesehene.

Unter die Bekannten können auch wir selbst uns einreihen. Was ist unsere Antwort auf das Schauspiel, das sich am Kreuz ereignet hat, auf die Theorie, die Lukas vor uns ausgebreitet hat? Als Christen haben wir eine Antwort gefunden: Dieser Gekreuzigte ist für uns der Gerechte, der Messias, der, in dem Gottes Liebe sichtbar geworden ist. Er hat vorgelebt, wie ein Mensch im Vertrauen auf Gott leben und auch sterben kann. Von diesem Jesus erfahren wir Lebenshilfe und, wenn es denn einmal sein muss, auch Hilfe im Sterben. Dieser Jesus bittet auch für uns: „Vater vergib ihnen“. Und er gedenkt an uns, wenn wir ihn darum bitten. Im Vertrauen auf ihn kann jeder Tag zum Tag des Heils werden.

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