Ein fröhlicher Artikel unseres Glaubens

Liebe Gemeinde,

ich gehe gerne auf Friedhöfen spazieren, besonders im Frühling. Ich mag diese Orte, wo mich Steine an Glauben und Hoffnung vergangener Generationen erinnern, wo ab und zu auch einmal ein "Ich weiß, dass mein Erlöser lebt" auf einem Grabstein mir die Osterbotschaft bestätigt. Was mir bei solchen Spaziergängen regelmäßig auffällt: Ich treffe da zumindest wochentags fast ausschließlich Frauen, mal zu zweit, mal alleine. Offenbar hat das Tradition, wie wir aus der Ostergeschichte nach Matthäus erfahren. Die Männer um Jesus haben sich ängstlich verkrochen, sich irgendwo eingeriegelt, damit sie nicht eventuell noch als Mitläufer des Gekreuzigten dem Volkszorn zum Opfer fallen. Die Jünger verhalten sich so, dass diejenigen, die Jesus gekreuzigt haben, die Sieger zu sein scheinen: sie haben beiseite geschafft, was ihre Denkwelt gefährdet hat. Gewonnen haben scheinbar die, die gelebten Frieden, gelebte Liebe, Wärme und Güte für gefährlich halten. Gefährlich, weil jemandem, der Gottes Liebe als Antwort weiß auf alle Angst dieser Welt mit allen Machtmitteln dieser Welt eben nicht mehr beizukommen ist.

Die Frauen tun das, was anscheinend bis heute Frauenarbeit geblieben ist: Sie sagen sich: "Wir müssen nach dem Grab sehen". Sie sind nicht bereit, ihre Hoffnung zu begraben. "Das kann, das darf nicht alles gewesen sein", sagen sie sich. "Die Liebe ist stark wie der Tod", steht im Hohen Lied. Und diese Frauen haben Jesus geliebt.

Keine Angst vor den Wachen hält sie ab, am Morgen des ersten Tages nach dem Feiertag ans Grab zu gehen. Übrigens feiern wir Christen aus diesem Grund den Sonntag. Für die Juden war der siebte Tag der Woche, der Tag, an dem Gott nach der Schöpfung ruhte, der Feiertag. Deshalb sind auch die Frauen am Sabbat noch nicht zum Grab gegangen.

Wir feiern den Tag, an dem sie das leere Grab vorfanden und die Botschaft vernahmen: "Er ist auferstanden, wie er gesagt hat". So ist eigentlich jeder Sonntag ein kleines Ostern. Die Frauen gingen "mit Furcht und Freude", um die frohe Nachricht weiterzsagen. "Furcht und Freude, so etwas gibt es doch gar nicht", sagte in einem Predigtvorbereitungskreis ein Mann. Kennt er nicht dieses zwiespältige Gefühl, das so im Magen rumort, wenn man unerwartet eine Nachricht erhält, auf die man nie zu hoffen gewagt hätte? Beispielsweise die Zusage für eine Stelle, die man sich sehr gewünscht hat, die aber viel Verantwortung mit sich bringt – und man freut sich nun, hat aber auch Angst, der Sache nicht gewachsen zu sein. Haben nur Frauen dieses Gefühl? Sind nur Frauen so "uncool"? Wären Männer anders vorgegangen? Hätten sie gesagt: "Klar, er ist auferstanden, das haben wir ja schon vorher gewusst", das war ja abzusehen, er hat das doch immer gesagt". So, wie Politiker, die jede positive Trendwende blitzartig auf ihre eigenen Fahnen schreiben.

Wir wissen es in diesem Fall nicht, sie haben ja gar nicht erst den Versuch gemacht, zum Grab zu gehen. Der gleiche Mann im Predigtarbeitskreis hatte vorher bereits nicht so ganz verstehen können, warum die Frauen zum Grab gegangen waren und suchte nach rituellen Motiven, fragte, ob es im Judentum "Klageweiber" gegeben habe. Trauern Frauen anders? Freuen sich Frauen anders? Inzwischen denke ich fast, das ist so. Männer – wie die Jünger – mauern sich in ihrer Trauer ein und tun dann so, als müsse man zur Tagesordnung übergehen. Gefühle gehen nicht in Wertung. Was zählt, sind Fakten. Zum Grab gehen ist sinnlos, es stehen ja Wachen davor und ein dicker Stein liegt da. Matthäus, der Evangelist, schildert daher vorsorglich, dass die Wachen "wie tot" waren, als der Engel auftrat. Er ist ja in Beweisnot. Für die Auferstehung gibt es keine Zeugen. Da hört das Wissen auf, und da fängt der Glaube an. Glaube ist ja Hoffnung wider alle Vernunft. "Ich glaube an Jesus Christus, am dritten Tage auferstanden von den Toten …", jeden Sonntag wird das im Gottesdienst gesprochen. Aber wenn jemand Sie fragt: "Glaubst du das im Ernst?", was sagen Sie dann? Machen Sie es wie ein Pfarrer, der dieser Tage auswich: "Das ist doch nicht das Wesentliche an dieser Geschichte. Da geht es doch darum, dass Gottes Geist sich nicht einmauern lässt in ein Grab, dass er weiterlebt in den Herzen der Menschen". Gewiss, darum geht es auch. Aber stellen wir mit solchen Aussagen nicht die Basis des Christentums in Frage?

Der Liedermacher Wolf Biermann erzählt gerne die Geschichte, wie er in seiner Ostberliner Wohnung überraschend Besuch von einigen Pfarrern bekam. Einer sagte: »Naja, Herr Biermann, das ist ja alles dummes Zeug mit der Auferstehung. Da sind wir ja längst drüber weg.« Biermann berichtet dann von seinem »gedämpften Wutanfall« und gerät ins Predigen: »Wenn ihr Christen den Glauben an die Auferstehung aufgebt – die ja ganz augenscheinlich eine Erfindung ist – wenn ihr das aufgebt, diesen Protest gegen den Tod, dann seid ihr rettungslos verloren« (Biermann sinngemäß auf dem Ökumenischen Kirchentag Berlin 2004, ähnlich EvKomm 25 (1992), 740f).

Der katholische Theologie-Professor Kramer ist verblüfft, dass nach einer Umfrage so viele Pfarrleute (37,5 Prozent) an die Auferstehung Jesu in Fleisch und Blut glauben. Dass aber die Jüngeren (bis 45jährigen) einen überproportional grossen Ja-Anteil haben (43 Prozent), erstaunt ihn nicht unbedingt. «Die Zahlen zeigen, dass ein grosser Teil der jüngeren Pfarrerinnen und Pfarrer nicht landeskirchlich sozialisiert wurde, sondern persönliche Glaubenserfahrungen die Wahl des Pfarrberufes beeinflussten. In der Praxis neigen diese Leute eher zum Biblizismus oder gar Fundamentalismus.»

Ich muss sagen, ich war erstaunt, dass ausgerechnet ein Theologieprofessor erstaunt ist über den Osterglauben von Pfarrern. Ein Spaziergang durch die Aufsätze von Theologen zum Thema Auferstehung hat mich aber dann desillusioniert. "Der auferstandene Jesus ist die Leiche im Keller der evangelischen Kirche," mit dieser Behauptung hat der Theologe Gerd Lüdemann in den 80er Jahren Furore gemacht. Diejenigen, die dagegen halten, kommen aber ebenfalls nicht etwa mit einem Bekenntnis zum Auferstehungsglauben, sondern beklagen ein wissenschaftliches Dilemma. Von Trauer-Psychose der Frauen oder aber von Visionen wird gesprochen. Merkwürdig: sie trauen Jesus Blindenheilungen und Totenerweckung zu, dem lebendigen Gott aber nicht eine Auferstehung am dritten Tag.

Ich habe dann im Internet eine Predigt von Martin Luther zum gleichen Text gefunden: 12. Das ist nun der herrliche, fröhliche Artikel unseres Glaubens, der allein Christen macht, und doch aller Welt ein Spott ist, und von jedermann geschändet und verlästert wird. Denn selbst der Papst und Cardinäle sind meist von der Art, dass sie diese Geschichte selbst für ein Gelächter und für ein Märchen halten, die darüber lachen, wenn man von einem anderen und ewigen Leben, nach diesem Leben, sagt. So sieht man es an unserem Adel, an Bürger und Bauern auch, dass sie es mehr aus einer Gewohnheit glauben, denn dass es ihnen ein Ernst wäre, dass noch ein anderes Leben ist. Sonst würden sie sich danach halten, und nicht so sehr dieses zeitliche Leben, der Nahrung, Ehre und anderes sich annehmen; sondern mehr nach dem Ewigen trachten. Aber man predige und sage, was man will, so hält es die Vernunft für eine Narrheit. Also wehrt sich dieser Artikel, und will nicht zur Tiefe in die Herzen fallen, wie es nötig wäre. 13. Aber wir, wenn wir rechte Christen sein wollen, sollen diesen Artikel in unserem Herzen fein und gewiss machen, dass Christus, der unsere Sünde am Kreuz getragen und dafür mit seinen Tod bezahlt hat, ist von den Toten wieder auferstanden um unserer Gerechtigkeit willen. Je fester wir nun solches in unserem Herzen glauben, je mehr Freude und Trost werden wir darin finden.

Je fester wir nun solches in unserem Herzen glauben, je mehr Freude und Trost werden wir finden – darum geht es doch. Was hilft es uns, wenn wir den Osterglauben zerpflücken, wenn wir uns den Kopf zerbrechen darum, ob Jesus vielleicht nur im Koma war oder darum, dass bei den Temperaturen damals eine Leiche nach drei Tagen keineswegs mehr auferstehungsfähig gewesen sei? Wenn wir das Licht der Ostersonne nicht in unsere Herzen fallen lassen, dann werden sie leer sein, so leer wie das Grab nach der Auferstehung. Jesus ist nicht mehr darin, er ist weg, wir finden ihn nicht mehr.

Wir sollten es machen wie die Jünger, uns aufmachen nach Galiläa, dorthin, wo alles begonnen hat, dorthin, wo der Engel Maria erschienen ist und ihr etwas verkündet hat, was auch nur geglaubt, nicht verstanden werden kann. Da schließt sich der Kreis. Es sind wohl wirklich Frauen, die es zuerst begreifen: Gottes Liebe ist stärker als die zerstörerischen Kräfte in mir und um mich herum. Das kann man nur glauben, wenn man die Auferstehung Jesu als Tatsache annimmt. Und dann kann man hinauslaufen und – wie die Christen der Ostkirche jubeln "Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden".

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