Die Kraft des Wortes

Liebe Gemeinde:

Ostern ist das Fest unserer Hoffnung! Der Tod wurde besiegt durch Jesus Christus und in Folge dieses Sieges ist auch uns die Überwindung des Todes verheißen, ja versprochen worden. Wer von Ihnen die vergangenen Tage bewusst miterlebt und mitgefeiert hat, der kann diese Geschichte gut nachspüren. Gründonnerstag mit der Einsetzung des Heiligen Abendmahles – der Zuspruch der Gegenwart Jesu auch über seinen Tod hinaus. Wir werden nachher dieses Abendmahl miteinander feiern: Sie sind eingeladen, dort unserem Herrn zu begegnen, sich fest zu machen an seiner Zusage und dies sinnlich durch Essen und Trinken zu begreifen. Karfreitag dann als das Sterben unserer Hoffnung: mit Jesus wurde das Leben selbst in die Todeskammer verbannt. Dunkel ist es geworden und es ist die Zeit, alle Trauer und alle Zweifel zuzulassen und sie offen zu benennen: das Kreuz ist wie zugedeckt, denn das Angesicht unseres Gottes liegt im Dunkeln. Wer es aushält, diese Trauer, diesen Zweifel, diese dunklen Tage und Nächte in unserem Glauben, der wird um so mehr jubeln, als der Tod nicht das Ende der Geschichte des Christus Jesus darstellt. Mit der Osternacht vor ein paar Stunden ist das Licht zurück gekehrt und die Hoffnung derer, die Jesus nachfolgten, bezieht sich nicht mehr nur auf den Menschen Jesus, sondern auf den Christus, der zur Rechten Gottes sitzt und den wir glauben als Gottes Sohn. So bleibt das Kreuz das Symbol unseres Glaubens, aber es kann es nur bleiben, weil das Kreuz nicht das Ende ist, sondern das leere Kreuz die Überwindung dieses Todes angibt. Neues Leben, liebe Gemeinde, pulsiert in diesem Glauben, der den Tod als besiegt erfährt und Hoffnung hat auf ein Leben mit Gott auch nach diesem irdischen Leben.

Zwei Frauen waren nach dem Bericht des Matthäus die ersten Zeugen dieser Auferstehung und sie liefen nach der Erscheinung des Auferstandenen weg vom Grab "mit Furcht und großer Freude". Die Freude ist unbeschreiblich im wahrsten Sinne des Wortes. Wer will denn meinen Worten glauben, dass ich jemanden gesprochen habe, dessen Tod am Kreuz alle Welt gesehen und miterlebt hat. Unbeschreiblich, unbeschreibbar für alle Menschen, für die der Tod das letzte Wort besitzt. Mit Furcht eilen daher die Frauen vom Grab. Wie den Menschen diese Botschaft bringen, wie den Jüngern, diesen ewig zweifelnden, rationalen Männern? Werden sie diese Botschaft glauben? Werden sie uns als Zeuginnen akzeptieren? Sie wissen, liebe Gemeinde, dass die Frauen Recht behalten haben mit ihrer Furcht: selbst die Männer, die Jesus kannten, mit ihm aßen, mit ihm unterwegs waren: selbst diese glaubten nicht, sondern erst als sie mit eigenen Augen sahen und erlebten, was es heißt: Jesus ist auferstanden!

Liebe Gemeinde, was überwiegt bei uns: die Freude oder die Furcht? Was trägt uns in unserem Leben, wenn wir konfrontiert werden mit all dem, was ein Menschenleben auch mit sich bringt: das Leid, die Schmerzen, den Tod, weiter: Schuld, Versagen, Hoffnungslosigkeit und Zweifel? Wessen Zeugen werden wir in den Momenten unseres Lebens, in denen es darauf ankommt? Denn Zeuge sein verlangt die Osterbotschaft von uns: "geht hin und verkündigt es meinen Brüdern" beauftragt Christus die zwei Frauen und in Folge dann auch uns: sagt den Menschen diese frohe Botschaft: "Jesus ist auferstanden."

Zeuge sein ist schwer, meinen Viele. "Ja, die Alten", das höre ich oft: "die haben noch richtig geglaubt, die gehen noch gerne in die Kirche – aber heutzutage, kann man das noch, so an Gott glauben?" Wer die Frage so stellt, gibt sich selbst die Antwort: "Nein, ich kann das nicht mehr: so an Gott glauben." "Die Wissenschaft widerspricht doch all dem, was wir in der Bibel lesen können, ist es nicht so, Herr Pfarrer?" Nein, es ist nicht so, liebe Gemeinde, wie der Fragesteller es verstanden hat. Wissenschaft und Bibel, moderne Welt und der Glaube: sie widersprechen sich nicht. Wer eines gegen das andere aufrechnet, bei dem überwiegt die Furcht. Die Furcht, es könnte ihn etwas ergreifen von dieser göttlichen Macht und ihn – vielleicht gegen seine eigene Kontrollfähigkeit – mit hineinziehen in das Geheimnis des Lebens, welches Jesus der Christus für seine Jüngerinnen und Jünger offenbar gemacht hat. Pinchas Lapide hat einmal über das Buch der Bücher gesagt: "Man kann die Bibel nur wörtlich nehmen oder ernst. Beides zusammen geht nicht." Denn wer die Bibel wort-wörtlich nimmt und sie liest wie eine Gebrauchsanleitung für ein technisches Gerät, der wird an ihr verzweifeln müssen. Der liest den Schöpfungsbericht als eine sieben mal 24 Stunden-Einheit und kollidiert zwangsläufig mit den Theorie der Naturwissenschaft. Der liest Adam und Eva als biologischen Vater und biologische Mutter aller Menschen und kommt somit in höchst inzestuöse Schwierigkeiten. Der liest Zahlen und Daten als mathematische Formeln und verheddert sich Rechenbeispielen, wie es auch viele Sekten tun, die schon mehrmals das Ende der Welt ausgerechnet haben. Wer die Bibel aber ernst nimmt und nicht wörtlich, der wird verstehen, dass die Bibel ein Erfahrungsbuch darstellt:

Menschen sind dort ihrem Gott begegnet. Der wird feststellen, dass die Bibel von Beziehungen redet und somit die Beziehung zwischen Gott und Mensch und damit die Beziehung zwischen Mensch und Mensch beschreibt. Und wer von Beziehungen redet, der redet vom Leben und nicht vom Tode. Die Naturwissenschaft kann in unseren Tagen erstaunlich viel beschreiben. Ich bin mir sicher, dass das Ende der Entdeckungen noch lange nicht erreicht ist. War vor hundert Jahren die Telefonie noch quasi undenkbar, so rennt heute jeder mit einem mobilen Telefon durch die Gegend und denkt sich dabei nichts Arges. Aber es bleibt der Wissenschaft eine Grenze gesetzt, die sie einhalten muss, wenn sie Wissenschaft bleiben will: sie kann Regelkreisläufe beschreiben, Temperaturen messen, Datenmaterial erheben und Versuche durchführen. So kann sie z.B. beschreiben, was bei einem Sonnenuntergang passiert: wie sich das Licht bricht, wie die Farben entstehen usw., ihr sind aber die Grenzen gesetzt, wenn sie beschreiben soll, was bei einem Menschen passiert, der solch einen schönen Sonnenuntergang erlebt: welche Gefühle dort freigesetzt werden. Und dort, liebe Gemeinde, bei diesem Menschen geschieht das Leben, von dem die Bibel spricht. Adam und Eva sind deshalb unsere Eltern, weil wir Menschen begreifen sollen, dass wir alle wie Brüder und Schwestern zusammenleben sollten. Die sieben Tage der Schöpfung weisen uns hin auf einen Rhythmus des Arbeitens und Ruhens, der für uns Menschen heilsam ist. Und auf die Verantwortung, die der Mensch tragen soll als Krone dieser Schöpfung, weil er Ebenbild Gottes genannt wird.

Auch die Zahlen sind uns eine Lesehilfe für unsere Beziehungen, nehmen wir als Beispiel die Zahl 40: 40 Tage fastet Jesu in der Wüste, 40 Jahre ist das Volk Israel unterwegs, 40 Tage wandelt Jesus als der Auferstandene unter den Menschen bis zu seiner Himmelfahrt, 40 Tage bleibt Mose auf dem Berg, bevor er mit den Gesetzestafeln heruntersteigt, 40 Tage regnete es, bis die Sintflut zum Ende kam. 40 gibt uns an, dass danach etwas Neues, Großartiges geschieht. Sie ist ein Hinweisschild, von Menschen erdacht, um zu markieren: hier sei aufmerksam: die

Zahl gibt dir die Besonderheit der Geschichte an. So könnten wir lange weiterreden, liebe Gemeinde und ich hoffe, dass sie ein wenig die Begeisterung spüren, die ich empfinde, wenn ich über dieses großartige Buch der Bibel spreche.

Zeugen sollen wir also sein, Zeugen der Osterbotschaft, so wie es die Frauen waren. Die Furcht des Zeugenseins werden wir wohl nie ganz los werden, denn wir werden uns immer erwehren müssen dieser Menschen, die sich skeptisch und misstrauisch dem Zeugnis des lebendigen Wortes entgegenstellen. Aber welche Freude können wir empfinden, wenn wir selbst ergriffen werden von diesem lebendigen Wort – wenn wir merken, wie es in unser Leben wirkt – wenn wir merken, wie es beginnt, uns zu verwandeln. Und, wenn wir sehen, wie dieses Wort anfängt, auch andere Menschen zu berühren und zu verändern.

Das Wort von der Auferstehung, das Wort vom Sieg des Lebens über den Tod ist dabei das kräftigste Wort, welches die Bibel zu bieten hat. Menschen haben es in ihrem Leben erfahren: dieser Jesus, dieser Mann aus Nazareth, der Schreiner war und der bloß ein bis drei Jahre überhaupt gepredigt und geheilt hat, dieser Mann, der leibliche Brüder und Schwestern hatte und der schließlich wegen seiner Ideen am Kreuz brutal hingerichtet wurde: dieser Mann lebt weiter. Menschen haben aber noch mehr erfahren: es ist nicht nur der Mensch Jesus, der weiterlebt – vielleicht so, wie es andere große Menschen vergangener Zeiten auch tun, durch ihre Reden und Gedanken oder durch ihre Werke, die sie angestoßen haben. Es ist nicht nur der Mensch, der dort weiterlebt und es ist nicht nur: "Die Sache Jesu", die "weitergeht", nein: Menschen haben erfahren: in diesem Wort von der Auferstehung des Jesus von Nazareth lebt eine andere Kraft weiter und wir haben kein anderes Wort für diese Kraft als "Gott" selbst. Gottes Kraft wird hier offenbar: sein Wille wird offenbar. Und dieser Wille ist der Wille zum Leben, es ist der Wille, der dem Tode gegenüber steht. Was für ein kräftige Wort, liebe Gemeinde: Gott will nicht das Leiden, er will nicht den Schmerz, er will nicht das Versagen, er will nicht die Schuld: er will all das nicht, woran wir heute wie damals zugrunde gehen können. Gott gibt ein Ziel an mit diesem Menschen Jesus. Er sagt: "dies Ziel ist das Leben – es ist die Überwindung der dunklen Macht des Todes". Und er sagt noch etwas: "das Ziel ist bereits erreicht in meinem Sohn, dem Christus. Und ihr hängt an ihm. Durch sein Sterben wird euch neues Leben geschenkt."

Im Abendmahl spüren wir die Kraft dieser Zusage. Ostern, liebe Gemeinde, verändert unser Leben nicht wie ein Zauberspruch aus dem Märchen: aus dem armen Kindelein wird nicht plötzlich mit einem Fingerschnipp eine glückliche und reiche Prinzessin. Nein, Ostern geschieht subtiler, geheimnisvoller. Wer dem österlichen Wort glauben kann, wer auf es vertrauen kann, der wird in seinem Leben kleine Veränderungen bemerken: vielleicht ein geduldigeres Leiden, vielleicht ein trostvolleres Sterben, vielleicht ein erlösteres und nicht so verkrampftes Dasein. Vielleicht aber auch anderes: ein leidenschaftlicheres Lieben, ein engagierteres Einsetzen für die Umwelt, ein hoffnungsvoll-hoffnungsloses Streiten für soziale Gerechtigkeit, eine tiefe Dankbarkeit in den Momenten des persönlichen Glücks.

"Das ist zu wenig", werden die Zweifler und Negierer des Glaubens rufen. "Es ist mehr, als ihr mir je bieten könntet", würde ich ihnen antworten. Zeuge sein, wie die Frauen, mit Furcht, weil wir unser Leben niemals im Griff haben werden, aber mit großer Freude über diese Anfänge des Osterwortes in unserem eigenen Leben. Das ist die Botschaft des leeren Grabes.

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