Wir gehören dazu

Liebe Gemeinde,

das ist ja wirklich ein ziemlicher Hammer, was da passiert. Man feiert das Passahfest. Liebevoll hat Jesus sich zuvor darum gekümmert. Er hat dafür gesorgt, dass es einen Raum gibt, wo man feiern kann. Im Jerusalem der damaligen Zeit – und wahrscheinlich heute auch noch – gar nicht so einfach, wenn Passahfest ist. Er hat zwei Zuverlässige aus seiner Gruppe gebeten, das Essen mit allem, was man dazu braucht, vorzubereiten. Alle waren pünktlich da, man konnte anfangen. Und dann das. Noch vor allem anderen, der Paukenschlag: „Einer von euch, der mit mir isst, wird mich verraten!“ sagt Jesus in die Runde. Er nennt keinen Namen, und das ist fast noch schlimmer – oder vielleicht besser? Denn jeder beginnt sofort zu fragen: Bin ich es? Offenbar kann sich keiner so ganz sicher sein, denn alle fragen. Alle, heißt es, wurden traurig – und keiner hat es sofort empört von sich gewiesen. Bin ich es? Keiner weiß es. Und keiner bekommt eine definitive Antwort. Nur die Aussage Jesu: Wer mit mir zusammen den Bissen in die Schüssel taucht, der ist es. Das sagt viel und wenig zugleich. Es stellt alle unter Verdacht, denn sie haben nur eine gemeinsame Schüssel. Und es macht klar: Der Verräter kommt aus dem aller innersten Bereich. Entlasten tut diese Aussage aber nicht. Jeder muss ich weiterhin fragen, überlegen: Bin ich es – oder könnte ich es vielleicht sein, derjenige, der diese Schrecklichkeit begeht? Aber ich will es doch eigentlich gar nicht!

Wie wäre das, wenn bei uns einer so fragen würde? Wären wir uns sicher, dass wir niemals so etwas tun würden? Oder wäre es nicht eher so, dass wir auch unserer eigenen Gedanken und Gefühle nicht ganz sicher wären? Dass es immerhin möglich wäre, dass wir so einen Verrat begehen – obwohl wir das eigentlich nicht wollen? Der Verräter und die anderen Jünger Jesu sind jedenfalls auf keinen Fall die einzigen, die sich fragen: Bin ich es vielleicht, der Böses tut? Auch Paulus überlegt um einiges später genau diese Frage. Wie ist das mit dem Bösen, mit den Verrätern? Heißt, mit Christus zusammen sein, dass man nichts Böses mehr tut? Nein, stellt er fest. Es wäre schön, wenn es so wäre. Aber ich selber hab das nicht einmal geschafft: „Das Gute, das ich will, tue ich nicht, sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich!“ schreibt er in seinem Brief an die Römer. Und dabei hat sich Paulus mit Sicherheit redlich bemüht. alles richtig zu machen.

Auch wir, denke ich, bemühen uns allermeistens, Dinge richtig zu machen. Wir wollen niemandem etwas Böses. Wir wollen mit anderen friedlich auskommen. Wir wollen zu unseren Freunden stehen, wollen sie unterstützen. Wir wollen zu ihnen halten, wenn sie in Schwierigkeiten sind. Aber wer ehrlich ist, stellt fest: es geht nicht. Zumindest nicht immer. „Einer von euch wird mich verraten!“ So eine Aussage trifft alle in einem Kreis. Und vermutlich wird jeder Gründe suchen, warum er oder sie es nicht sein kann. Doch die Ehrlichen werden feststellen: Ich hätte es ein können. Ich hätte Jesus verraten können: Um ihn unter Druck zu setzten, vielleicht. Um ihn zum handeln zu zwingen. In seinem besten Interesse. Oder einfach nur, weil ich sauer war. Mir selbst ist es schon passiert, dass ich Freunde verraten habe, sie bei anderen angeschwärzt habe und mich über sie beklagt habe. Weil sie nicht so waren, nicht das getan haben, was ich wollte. Oh, hab ich mich geschämt, als diese Freunde das mitbekommen haben. Ich wollte sie nie wieder sehen. Und wer sagt, dass es nicht bei Jesus und seinem Verräter auch so war? Dass der Verräter ihn eigentlich nur zum Handeln zwingen wollte – niemals aber seinen Tod wollte? Und dass er entsetzt war über das, was er in Gang gesetzt hat?

Paulus fasst auch das in Worte. „Ich elender Mensch!“ schreibt er. „Wer wird mich erlösen von diesem todverfallenen Leib?“ Vielleicht haben die Jünger Jesu das auch gedacht. Es ist eine harte Formulierung. Wer will schon ein elender Mensch sein? Aber vielleicht hat der ein oder andere sich das sinngemäß schon mal gedacht. Und festgestellt: Ich hätte der Verräter sein können. Ich habe schon jemanden verraten. Ich bin schuld. Wer erlöst mich?

Jesus hat vom Verräter gewusst. Jesus hat vermutlich auch gewusst, oder zumindest geahnt: Alle anderen werden Panik bekommen und mich im Stich lassen. Ich werde ganz allein sein. Und Jesus feiert das Passahmahl mit ihnen allen. Das Passahmahl, eines der wichtigsten Feste im jüdischen Glauben. Es ist ein Familienfest, ein Fest der Freundschaft und der Verbundenheit untereinander. Es ist Ausdruck der Hoffnung und des Vertrauens auf Gott: Gott meint es gut mit uns, Gott geht mit uns mit und eint uns. Jesus feiert dieses Fest mit seinen Jüngern und sagt nicht: Mit euch treulosen Seelen will ich nichts mehr zu tun haben. Ihr könnt selber sehen wo ihr bleibt. Er feiert das Fest nach traditioneller Weise, singt mit einen Jüngern den Lobgesang. Aber er tut auch nicht so, als wenn nichts passiert wäre. Er ändert etwas am Ritual, besser gesagt, er fügt noch etwas zusätzlich ein. Und das, was er da tut, deutet er auf sich. Er tut und er sagt, was unbedingt noch getan und gesagt werden muss.

Er segnet das Brot und den Wein, er teilt es unter seinen Jüngern aus. Er fordert alle auf: „Nehmt und esst davon – das ist mein Leib, der unter euch verteilt wird. Nehmt und trinkt davon: Das ist mein Blut, von dem ihr alle etwas bekommen sollt. Ihr sollt alle etwas von mir haben“, vielleicht sogar: „Ein Teil von mir werden?“ Er kündigt an: „Ich werde nichts mehr von diesem Wein trinken auf dieser Welt.“ Er weiß, dass sein Leben bald ein Ende haben wird. Und er weiß, daß ihn kein leichtes Sterben erwartet. Er weiß, dass er ein an Körper und Seele zerbrochener Mensch sein wird. Und er weist im gleichen Atemzug darüber hinaus: „Im Reich Gottes – da werde ich wieder vom Weinstock trinken. Es gibt eine Zukunft, in der ich kein zerbrochener Mensch mehr sein werde.“

In diesem Moment, wo er das Brot und den Wein unter den Jüngern verteilt, ist beides verbunden. Das zerbrochene, zerstörte – und das Reich Gottes. In dem Moment wird deutlich, wo das Reich Gottes ist, und wie es ist. Das Reich Gottes ist hier und jetzt, in diesem Augenblick, in dieser Gemeinschaft da. In dieser Gemeinschaft, wo jeder weiß: Einer ist der Verräter. Jeder bekommt Brot und Wein. Krank oder Gesund, Arm oder Reich, Gerechter oder Verräter, Mutiger oder Feigling. „Nehmt – esst Brot, trinkt Wein“, sagt Jesus. „Das bin ich. Das ist Gottes Reich für euch. Nimm, Petrus. Judas, auch du. Und jeder von euch anderen auch. Jeder soll das Brot und den Wein mit mir teilen. Das Zerbrochene, zerstörte, das Böse, das ihr nicht wollt und doch tut – das gehört da rein. Und es ist kein Grund, ausgeschlossen zu werden. Für euch ist das Reich Gottes da. Euch soll es zum Heil werden: Was zerbrochen ist, soll heil werden. Nicht zugekleistert und versteckt. Aber heil: So, dass es euch nicht von Gott trennt. Und so, dass es euch nicht mehr von anderen Menschen trennt.“

Wir sind die heutigen Jünger Jesu. Wir haben, denke ich, alle irgendwann die gleiche Erfahrung gemacht wie Paulus: Das Gute, das wir wollen, tun wir nicht. Und das Böse, das wir eigentlich nicht wollen, das tun wir. Doch trennt uns das nicht von Gott. Uns ist im Abendmahl seine Gemeinschaft zugesagt. Uns ist versprochen: Wir gehören dazu, wir werden nicht ausgeschlossen. Und das feiern wir, jedes Mal, wenn wir zum Abendmahl gehen – so wollen wir auch heute zusammen das Abendmahl feiern: Als ein kleines Stück vom Reich Gottes, das jetzt bei uns sichtbar wird, und für uns alle da ist.

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