Wer bin ich am Karfreitag?

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen, das haben wir vorhin gebetet. Dieser Psalm ist bekannt geworden als Psalm, den Jesus am Kreuz gebetet hat. Allerdings berichten davon nur die Evangelisten Markus und Matthäus, Lukas aber nicht. Ich weiß nicht, was Sie bei diesem Psalm gefühlt haben. Manchmal denke ich an Menschen, die Gott anklagen möchten, weil sie mit dem was geschieht nicht fertig werden, nicht mit den Folgen einer Katastrophe oder nicht mit ihrer eigenen Erkrankung, ihrem eigenen Schicksal.

Wenn Jesus am Kreuz so ruft, wie wir eben in diesem Psalm, dann greift er damit Gott an und bekennt gleichzeitig: Ich habe niemanden außer diesem Gott, den ich Vater nenne, der mit helfen kann.

In seinem Leiden am Kreuz tut Jesus Beides. Er streitet mit Gott und er bleibt bei Gott, seinem Vater, auch wenn er laut dem Evangelisten Lukas andere Psalmworte zitiert. Die Botschaft bleibt. Karfreitag ist der Tag, in dem der Sohn im Gehorsam zu seinem Vater leidet:

[TEXT]

Ich stehe am Kreuz und sehe, was da geschehen ist und bedenke, was das mit mir zu tun hat. Ich versuche auf die Details zu achten und wo ich mich darin verstecke:

Da ist der Eine, der zur Hinrichtung geführt wird und die Vielen, die funktionieren. Die Soldaten, die ihren Befehl ausführen im Vertrauen auf ihre Befehlshaber, deren Oberster seine Hände in Unschuld gewaschen hat. Auf die Weisheit der religiösen Führer, die aber nur noch aus Angst um ihre eigene Macht handeln können, die selbst Getriebene sind.

Und mitten drin das Volk, der Souverän, der sich treiben lässt, der sich aufstacheln lässt: Kreuzigt ihn!

Und da steht Jesus, allein – Wo sind die, die er geheilt hat, die, denen er das Reich Gottes gepredigt und Sünden vergeben hat? – Wo bin ich in dieser Geschichte?

Bin ich auch in dem Spott derer, die mit auf dem Wege sind: Bist du der Juden König – hilf dir selber, bis zu dem Mitgekreuzigten: Hilf uns doch Beiden.

Bin ich mit bei denen, die zu Füßen des Sterbenden schon seine Kleider auslosen, sein Erbe verschachern, mit bei denen, die es nicht abwarten könne, bis es ans Teilen des Erbes geht?

Oder bin ich bei denen, die wenigstens ein bisschen persönlichen Respekt bewahren? Der Mitgekreuzigte, der seine Verlorenheit erkennt und um Fürbitte bittet, der Hauptmann, der am Fuße des Kreuzes erkennt: Dieser war wirklich Gottes Sohn.

Für Lukas ist es nicht der gottverlassene Jesus, sondern der Sohn, der bei seinem Vater bleibt. Er bleibt der Gerechte Gottes. Und in seinem Tode passiert Unerhörtes: Der Vorhang im Tempel zerreißt. Das Allerheiligste wird bloßgelegt. Gott selber gibt sich angreifbar, verletzlich, er ist nicht mehr der Unnahbare, sondern der, der bei uns bleibt, der mit leidet gerade dort, wo Menschen keine Kraft mehr haben, leiden – auch an der Gleichgültigkeit derer, die sie peinigen.

Jesu Einheit mit dem Vater wird nicht auf Golgatha zerstört – im Gegenteil. Er wird nicht von Gott verflucht, sondern von Menschen. Darum verflucht er die Menschen nicht. Das Fürbittengebet für die Menschen, die ihn quälen ist das Zeichen, das auch den heidnischen Befehlshaber überzeugt: Dieser ist Gottes Sohn.

drucken