Kirche: Osterzeugen werden!

Liebe Gemeinde,

ich gebe zu, dass diese Epistel des Osterfestes zunächst ganz und gar nicht in unsere übliche Anschauung des Osterfestes passt. Das, was wir aus den Erzählungen gehört haben, ist hier zu ergänzen und vorauszusetzen, das nämlich, was am Ostermorgen geschehen ist.

Daher möchte ich zunächst ein Stück aus einer Predigt vorlesen, die eine Pastorin über diesen Text gehalten hat. Da Paulus hier nur von Brüdern spricht, ergänzt sie aus ihrer Sicht einen fiktiven Brief des Paulus an die Frauen, die den Auferstandenen zuerst gesehen haben:

„Liebe Schwestern, ich erinnere Euch an das Evangelium, das Ihr mir gebracht habt, das ich von Euch empfangen habe und an dem ihr auch festhalten wollt. Ihr habt ja schon vor mir und dann auch für mich wichtige Dienste in der Verkündigung getan. Ihr habt weitergegeben, was ihr in Euren Herzen und Sinnen von Jesus bewahrt, was ihr mit ihm erfahren habt. Ihr habt ausgehalten unter seinem Kreuz, als alle anderen weggelaufen waren. Ihr ward auch so mutig, sein Grab zu besuchen. Dabei habt ihr das Risiko auf Euch genommen, selber verhaftet zu werden. Ihr seid hinge3gangen, ganz früh am Morgen, um ihm die letzte Ehre zu erweisen, den letzten Liebesdienst zu tun. Und dann habt ihr das leere Grab gesehen.

Ja, ich gebe zu, wir haben euch nicht geglaubt. Uns schienen es Hirngespinste, was ihr berichtet habt. Weibergeschwätz, Erscheinungen, Halluzinationen, wie sie vorkommen können, wenn die Nerven überreizt sind. Ihr habt euch nicht irritieren lassen: Wir haben ihn gesehen. Wir haben ihn gehört. Er ließ sich nicht anfassen, aber er war es, Er, Jesus. Wir haben ihn gesehen, habt ihr immer wieder gesagt, bis auch die Männer, Petrus und einige andere, ihn gesehen haben, wie Ihr es beschrieben habt, zuletzt auch ich. Gesehen, gehört, aber anfassen konnten wir ihn nicht. Beweise haben wir nicht, dass erlebt. Aber wir wissen es. Wir glauben, dass er dem Tod die Macht genommen habt – Er, kein Gespenst, kein Hirngespinst.“ (Helga Trösken. Gottesdienstpraxis, Serie B, Ostern, Gütersloh 1995, S.96f)

Wir wollen diese Berichte vom leeren Grab und die Bedeutung dieser Zeuginnen hiermit hineinnehmen in diese Worte des Paulus im 1. Korintherbrief. In diesem Sinn, möchte ich mich nun einigen Aussagen des Paulus zuwenden. Paulus übermittelt uns ja keinen anschaulichen Bericht dessen, was alles nach der Kreuzigung und um Ostern herum geschehen ist, sondern ein Bekenntnis, dass dieses alles einschließt. Wichtig ist ihm, dass Jesus erschienen ist, zuletzt sogar ihm selbst, der nach eigenen Aussagen Jesus nicht persönlich gekannt hat. In dieser Erscheinung des Auferstandenen begründet sich sein Glaube und seine Sendung. Jesus ist für ihn der Erstling der Auferstandenen. Jesu Auferstehung macht den Gedanken glaubhaft, dass auch wir der Auferstehung teilhaftig sein werden.

Hier sind zwei Gedanken fest miteinander verbunden:

1. Die Botschaft, der er die Gute Botschaft, das Evangelium nennt umfasst die persönliche Erfahrung mit der Kreuzigung und der Auferstehung Jesu. Die Bedeutung des Todes Jesu, Befreiung zu einem neuen Leben trotz Sünde und Schuld wird durch die Begegnung mit dem Auferstandenen in Kraft gesetzt.

2. Das Zweite ist also zugleich, dass sich jeder Christ und jede Christin in ihrem Glauben auf den Auferstandenen selbst beziehen kann. Paulus setzt sich selbst in die Reihe der Auferstehungszeugen, die eigentlich nur Augenzeugen und Zeitgenossen Jesu vorbehalten bleiben müsste. Sein Vorverständnis von Auferstehung ist in der Auferweckung Jesu bestätigt. Er setzt seinen Namen damit als Leerstelle für uns selbst. Jeder Glaube an Christus ist also nicht nun ein Wissen um das Kreuz und die Auferstehung, wie es etwa im Glaubensbekenntnis wiederholt wird. Sondern jeder Glaube lebt von einer Erfahrung her, der persönlichen Erscheinung des Auferstandenen unsererseits.

Ich gebe zu, dass dies schon ein sehr weiter Schritt ist, ging es zunächst doch eigentlich um ein vorsichtiges staunendes Herantasten an das Unwahrscheinliche, dass dort von den Frauen und Männern der ersten Stunde über ihre Erfahrung mit dem Auferstandenen berichtet wird. Und es ist schon klar, dass wir uns selber weder mit Maria Magdalena noch mit Petrus und den Zwölferkreis auf eines Stufe stellen können. Dennoch muss ich mit Paulus klar sagen: Jeder Glaube beginnt mit einer Erfahrung des lebendigen Christus im eigenen Leben. Es ist das, was in pietistischen Kreisen die Bekehrung genannt wird. Ich persönlich habe früher immer sehr viel davon gehört und es war mir nicht recht, wie dort von Bekehrung geredet wurde. Im Grund wurde dabei nämlich der Glaube und das Bekenntnis selbst mit dieser Bekehrung verwechselt. Diese Erscheinung des Auferstandenen Jesus Christus in unserem eigenen Leben ist niemals eine eigenen Leistung, ein eigenes Denken und noch nicht einmal eigenes Glauben, sondern einfaches Staunen über die Tatsache: „Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden.“ Damit ist noch nicht einmal klar festzulegen, worin denn für jeden und jede von uns persönlich diese Auferstehungserscheinung besteht. In welchem Sinn der Auferstandene unsere Wahrnehmung und Erfahrung angesprochen hat, dass wird sicher ganz verschieden erlebt.

– Ein Ort könnten natürlich ein irgendwie gearteter Gottesdienst gewesen sein, vielleicht mit Abendmahl. Wir müssen uns ja vor Augen halten, dass das Osterfest ja nicht nur jährlich, sondern zugleich wöchentlich gefeiert wird, am Sonntag im Gottesdienst nämlich. Doch ich möchte es nicht wagen, die Erscheinung des Auferstanden in der Begegnung mit Wort und Sakrament festschreiben zu wollen, denn der heilige Geist handelt ja bekanntlich, wo er will.

– Vielleicht ist es auch auf dem Friedhof gewesen, wo wir bei einem Abschied von einem geliebten Menschen auf einmal verstanden haben: So ist es auch mit Jesus, er ist gestorben, aber nicht im Grab geblieben. Das Grab ist leer, denn Jesus ist hier, unter uns. Ist gegenwärtig in Gedanken, in Taten und Gefühlen. In der Umarmung, dem Kuss, der Liebe, der Zuwendung.

– Oder wir haben uns vielleicht wie Jesus auf den Weg zu Menschen gemacht, die unsere Hilfe brauchen und haben gespürt, wie es auf einmal so leicht wurde, was erst so ungeheuer schwer erschien. Wir haben die Dankbarkeit und die Freude für jede Hilfe erlebt, die nicht von oben herab gegeben wurde. Wir haben gespürt, dass wir im vollen Sinn Menschlichkeit erfahren haben und uns ist damit auf einmal der irdische Jesus von Nazareth als völlig lebendig bewusst geworden, der lebt in seinen geringsten Brüdern und Schwestern.

– Vielleicht war es aber auch in der Politik, im Widerstand gegen einen Krieg, gegen alltägliche Gewalt oder Ungerechtigkeit. Wir haben erlebt, dass der gewaltfreie Weg Ergebnisse zeitigt, die denen der Gewalt immer noch überlegen sind, weil sie Zukunft eröffnen und uns sind Worte und Taten von Jesus bewusst geworden. Jesus lebt in diesen Erfahrungen weiter und das uns ganz speziell berühren.

– Oder wir haben erlebt, dass Menschen untereinander Gemeinschaft im Glauben haben können, obwohl sie in getrennten Konfessionen leben oder sogar aus verschiedenen Kulturen stammen. Wir haben gespürt, dass Jesus da ist und uns über Grenzen und Kulturen, ja auch über die Grenze von Arm und Reich hin weg miteinander verbindet.

– Oder wir haben einmal Situationen erlebt, in denen es nicht mehr weiterging, in denen wir in einer Krise waren und haben vielleicht auch nur ganz wenige Worte zum Beten gehabt, vielleicht gar keine eigenen Worte und haben einfach nur das alte verstaubte Vater Unser aus unserer Erinnerung genommen und schon war Jesu in unserem Leben in diesem Worten lebendig, und gab uns Kraft und Hoffnung, ja ließ uns Wege in die Zukunft gehen.

– Hierzu gehört auch die befreiende Erfahrung der Vergebung, die Paulus ja auch anspricht. Vergebung ist die Erfahrung, dass gegenseitige Verletzungen auch offen oder unausgesprochen ihre Kraft verlieren und stattdessen neues Leben und neue Beziehung, neues Miteinander und neue Liebe wachsen kann. Für Paulus war das ja auch deshalb die Grunderfahrung, weil er vom Gegner und Verfolger der Gemeinde, zum Freund und Apostel geworden ist. Und vielleicht gibt es das auch bei uns, dass wir wirklich bekehrt worden sind in dem Sinn, das wir vom bewussten Unglauben zum Glauben an Jesus gekommen sind.

Und in diesem Sinn sind wir hier in der Kirche alle Auferstehungszeugen. Jesus hat keine Gestalt, die wir berühren können, aber Jesus tritt und entgegen und begegnet jedem und jeder von uns persönlich. Darin ist auch alles eingeschlossen, was wir mit unserem Glauben an Gott erleben können, die Zweifel, die Untreue, die Ungewissheit, die Mutlosigkeit. Ich glaube eben nicht, dass man von Jesus bekehrte Leute daran erkennt, dass sie immer blendendste Gewissheit ausstrahlen. Der tiefe Zweifel in einer persönlich schwierigen Situation zeugen für mich oft von einem tieferen Glauben als das augenscheinlich fröhliche Jesusbekenntnis.

Und das ist vielleicht das wichtigste an diesem Bericht des Paulus: Die Auferstehung lässt sich ja gar nicht beweisen und will auch nicht bewiesen werden. Sie will bezeugt werden. Paulus sagt: Da sind und waren Zeugen. Und das habe ich um Zeugnis der Jüngerinnen und der Mutter Jesu ergänzt. Die Menschen können die Erfahrung des Auferstandnen in ihrem eigenen Leben ja auch immer nur persönlich bezeugen. Das gilt ja sogar für den ungläubigen Thomas, der darin eben gar nicht ungläubig ist, sondern nur sagt und zeigt: Ich kann es erst glauben, wenn Jesus mir persönlich begegnet. Wir stehen ja in unserer Gesellschaft immer ein wenig in einer geistigen Verteidigungshaltung, die man früher Apologetik nannte. Es gibt ja tatsächlich in unserer Gesellschaft viele Menschen, die an Jesus nicht glauben. Denen können wir noch so viel erzählen. Sie werden es erst verstehen, wenn sie die Begegnung mit dem Auferstandenen in ihrem eigenen Leben erfahren haben. Wenn sie also die Wahrheit der Worte so verstehen, dass man sie gar nicht beweisen muss, sondern bezeugen kann. Wenn ein Wort Jesu meiner persönlichen Wirklichkeit entspricht, wenn ich sagen kann, dass Jesus in diesem Wort in meinem Leben lebendig geworden ist, dann bin ich auch ein Auferstehungszeuge. Zum Schluss sollte ich natürlich ehrlicherweise ergänzen, dass zu dieser Auferstehungserfahrung auch die Neugier gehört und ein Hören der Worte von Jesus. In diesem Beispiel des Paulus aus der Zeit der Urkirche wird ja auch sehr gut deutlich, dass die zahl der Auferstehungszeugen sich mit der Zeit vergrößert. Die Erfahrung des Auferstandenen nimmt uns ganz in Anspruch und macht uns dann auch im zweiten Sinn des Wortes zu Zeugen, indem wir davon Zeugnis ablegen. Die Kirche lebt nicht nur von Predigt und vom Angebot der Gemeinden, die Kirche lebt genauso davon, dass Menschen ihr Auferstehungszeugnis in den Alltag hineintragen. Und wo das nicht mehr geschieht, ist die Kirche in der tiefen Krise. In der letzten Kirchenzeitung las ich einen Bericht vom Presbyterinnen und Presbytertag. Ich möchte ihn aufnehmen und sagen: Gewiss ist die Kirche in einer Krise. Aber irgendwie scheint das in solchen Berichten immer etwas mit dem Geld zu tun zu haben. Die Kindergärten sind zu teuer, die Gemeindehäuser sind zu teuer, die Pfarrer sind zu teuer, die Einnahmen bleiben weg, Menschen treten aus oder sterben weg. Doch ich meine: Für wirtschaftliche Probleme müssen wirtschaftliche Lösungen her, da gibt es viele Möglichkeiten und es muss sich auch einiges bewegen. Aber wenn man meint, Pfarrer im Nebenberuf würden der Kirche reichen, dann wird das Gegenteil erreicht. Meine Antwort: Die Krise der Kirche besteht darin, dass viele Christinnen und Christen glauben, die Gemeinde würde sie hautsächlich als ehrenamtliche Mitarbeiter brauchen und beanspruchen. Aber so wird aus einer Volkskirche eine Mitarbeiterkirche. Ich meine, der Anspruch muss tiefer und zugleich höher. Nicht die Stunden, die man ehrenamtlichen Dienst verbringt, zählen für die Kirche, sondern die Minuten, die man damit verbringt, mit anderen Menschen vom eigenen Glauben und von der eigenen Erfahrung mit Jesus Christus zu reden. In diesem Sinn wünsche ich uns und der Kirche: frohe Ostern. Amen.

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