Das große Los

Liebe Gemeinde!

Der Jackpot ist geknackt, so konnten wir am Freitag in der Zeitung lesen. 20,4 Millionen Euro werden an einen Unbekannten aus dem Ruhrgebiet ausgezahlt. Der Glücklichspilz, so sagen die einen. Mit dem möchte ich nicht tauschen, sagen die anderen. 20,4 Millionen Euro – was soll man denn damit anfangen! Damit kann doch kein Mensch glücklich werden. Da hat man doch keine ruhige Minute mehr!

In der Tat gibt es Berichte davon, dass Lottomillionäre durch ihren Gewinn alles andere als glücklich wurden. Die einen verspielten und vertranken ihr Geld, andere gaben es freigiebig an ihre Freunde aus, die urplötzlich und in großer Zahl auftauchten, wieder andere spekulierten mit ihrem vielen Geld und verloren am Ende alles. Nur von wenigen weiß man, dass sie möglichst normal weiter zu leben versuchten, vielleicht in einem schöneren Haus und einem größeren Auto als bisher, aber ansonsten unauffällig. Werden hingegen Menschen mit ihrem Reichtum auffällig, tragen Sie ostentativ ihren Schmuck und ihre Kleidung zur Schau oder wedeln mit großen Geldscheinen herum, dann sind sie bei vielen unten durch. Die haben es nötig, heißt es dann schnell, und man wendet sich ab. Obwohl man sie insgeheim vielleicht doch beneidet.

Da wurde uns eben von einer Frau erzählt, die nun zwar nicht im Lotto gewonnen hat, denn das gab es damals noch nicht, die aber trotzdem das große Los gezogen hat, wie wir nachher sehen werden. Am Anfang sieht es jedoch deutlich nach Angeberei aus. Sie trägt eine Flasche mit teurem Öl ins Haus. Das war übrigens nicht irgendein Haus und es war nicht irgendein Öl. Der Gegensatz lässt sich kaum krasser beschreiben. Es war das Hais Simons, des Aussätzigen. Also entweder eine Krankenhütte draußen vor der Stadt, wo man als anständiger Mensch sowieso nicht hinging, oder es war das Haus eines geheilten Aussätzigen, der nun versuchte, wieder eine Existenz aufzubauen. Sehr weit wird er es nicht gebracht haben, schlugen ihm doch nach wie vor Vorurteile entgegen – wie einem Alkoholiker oder einem Aidskranken heutzutage. Aber immerhin, Jesus hat sich in dieses Haus hineinbegeben und saß mit ihm am Tisch. Und nun kommt das Öl. In einer kostbaren Flache wird der kostbare Inhalt hineingetragen. Chanel Nr. 5 ist nichts dagegen. Nardenöl ist in dem Fläschchen – etwas nur für ganz Reiche. Könige wurden mit diesem Öl gesalbt, so heißt es, und die reichen Damen der besten Gesellschaft werden sich gelegentlich mit diesem Öl eingerieben haben, um ihren Liebhabern zu gefallen. So etwas trägt nun eine unbekannte, namenlose Frau in Haus Simons des Aussätzigen. Da begegnen sich Welten. Und wir fragen, was sich auch die zufällig Anwesenden gefragt haben: Was um Himmels Willen hat diese

Frau in der armseligen Hütte des Simon zu suchen?

Die kurze Geschichte aus dem Markusevangelium lässt keinen Zweifel: Sie sucht Jesus und geht schnurstracks auf ihn zu. Um Himmels Willen im wahrsten Sinne des Wortes: Denn es ist offensichtlich Gottes Wille, was nun vor den ungläubigen Augen der am Tisch Sitzenden geschieht. Sie zerbricht das Glas, das vermutlich versiegelt war, und gießt das kostbare Öl über den Kopf Jesu. Eine ungewöhnliche Geste für uns – allerdings nicht für die Menschen damaliger Zeiten, denn es konnte durchaus geschehen, dass liebe Gäste vom Hausherrn oder der Dame des Hauses mit einer dezenten, freundlichen und wohltuenden Salbung begrüßt wurden. Aber doch nicht so: Nicht durch eine fremde, dahergelaufene Frau und nicht wortlos und vor allem nicht mit solch kostbarem Öl! Dass der Preis genannt wird, ist Absicht. 3000 Silbergroschen. Wir kennen die Geschichte von den Arbeitern im Weinberg: 1 Silbergroschen ist ein Tageslohn, 300 sind also ein Jahresgehalt. Und 300 ist zehn Mal so viel wie die Summe, die dem Judas dafür gezahlt wurde, dass er Jesus verriet. Also eine gewaltige Summe für einen kleinen Augenblick! Völlig ungehörig und absolut unverständlich! Warum tut diese Frau das? Aus welchem Grund oder mit welcher Absicht?

Die Frau belässt es mit ihrem Schweigen. Und wie so oft in neutestamentlichen Geschichten, wenn Menschen nichts sagen können oder nichts zu sagen haben, da ergreift Jesus selbst das Wort. Er stellt sich vor diese Frau und verteidigt sie. Lasst sie in Frieden.! Sie hat ein gutes Werk an mir getan.

Vielleicht fällt einigen auf, dass diese Geschichte eine Parallele hat. Und zwar in der Geschichte, die wir jedes Mal hören, wenn Kinder getauft werden. Da kommen Frauen mit Kinder zu ihm und werden von den Jüngern angefahren. Hier ist kein Platz für euch! Jesus wird unwillig und sagt zu ihnen: Lasst die Kinder zu mir kommen, denn ihnen gehört das Reich Gottes.

Wenn also jemand zu Jesus kommt – ob mit einem Kind auf dem Arm oder einem Ölfläschchen in der Hand – ist automatisch auf dem richtigen Weg. Auf dem Weg zum Reich Gottes. Der enge Raum im Haus Simons des Aussätzigen wird da auf einmal ganz weit. Irgendwie tut sich der Himmel auf, wenn Jesus nun sagt: Diese Frau hat getan, was sie tun konnte: Sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt für mein Begräbnis. Und wo das Evangelium gepredigt wird in aller Welt, das wird man auch von ihr reden. Karfreitag, Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten fallen in diesen wenigen Worten zusammen. Die Begegnung mit Jesus wird nicht nur für die Frau zum entscheidenden Erlebnis ihres Lebens – wobei wir nach wir vor nicht wissen, wie sie dazu kam, Jesus zu salben – sondern diese Begegnung, die vielleicht nur wenige Minuten dauerte, wird auch für Simon und alle anderen im Haus zu einer Begebenheit, die sie nie wieder vergessen sollten. Sonst wäre uns diese kleine Episode ja wohl auch nicht überliefert worden. Sie öffnet allen, die dabei waren oder davon hören, die Augen dafür, dass das einzige, was wir Menschen verschwenden können und sollen, die Liebe ist.

Denn das sündhaft teure Salböl ist nichts anderes als ein Zeichen der Liebe, der Ehrerbietung, der Zuwendung. Die Frau bringt sozusagen alles, was sie ist und was sie hat, in diesem Augenblick zu Jesus. Zu dem, der Gottes Liebe in Person ist, was diese Frau wahrscheinlich irgendwann erfahren hat, der aussätzige Simon vielleicht auch. Aber sie bringt nun zurück, was sie empfangen hat. Mit Worten kann sie es nicht, mit guten Taten tut sie es vielleicht später, aber jetzt in diesem Moment, wo Jesus noch in greifbarer Nähe ist, da tut sie alles für ihn. In Zeiten, wo Jesus nicht mehr unter den Menschen ist, soll das anders aussehen, erklärt Jesus praktisch im gleichen Atemzug, in dem er die Frau vor ihren Kritikern in Schutz nimmt: Arme habt ihr allezeit bei euch – geht hin und helft ihnen, überwindet Armut und schafft Gerechtigkeit, helft den kranken und tröstet die Traurigen. Aber jetzt in diesem Augenblick lasst zu, was die Frau tut und schaut zu und lernt von ihr.

Das, so könnte man sagen, ist die richtige Art, Gottesdienst zu feiern: Im Angesicht Jesu praktisch alles andere zu vergessen, sich ganz und gar, mit allem, was man hat und kann, auf ihn einzustellen. Und dann, wenn die Zeit da ist, sich den Armen, das heißt allen Aufgaben, Herausforderungen und Problemen der Zeit zu stellen – und zwar mit der ganz en Kraft und Liebe, die man aus der Begegnung mit Jsus gewonnen hat. Wer so lebt und glaubt, ja, der hat das große Los gezogen, der hat gewonnen, auch wenn es nicht 20,4 Millionen Euro sind.

Aber immerhin geht es in unserem Text um eine abenteuerliche Verschwendung! Wir hören diese Geschichte zum Beginn der Karwoche, die im Kirchenjahr die ernsteste und ruhigste ist. Unzählige Menschen haben schon in den Wochen vorher versucht, freiwillig auf etwas zu verzichten oder regelrecht zu fasten. Auf jeden Fall unnötige Verschwendung zu vermeiden. Und da soll das Verhalten dieser Frau ein Beispiel sein? Ja, es ist ein Beispiel, weil sie nicht für sich selbst verschwendet, sondern dieses für Jesus tut. Und weil daraus verschwenderische Liebe für alle Menschen erwachsen kann, die uns begegnen und die uns brauchen.

Verschwenderisches Nardenöl für Jesus wie für einen König, allerdings in einem Augenblick, in dem dieser König kurz darauf eine Dornenkrone tragen wird und völlig machtlos wird. Aber aus dieser Machtlosigkeit, die sich auch darin zeigt, dass sich dieser König ausgerechnet im Haus des aussätzigen Simon aufhält und sich die Berührung durch eine unbekannte Frau gefallen lässt, gerade aus dieser Machtlosigkeit wächst jene ungeheure Kraft, die wir Ostern nennen. Danach schließt sich der Kreis: Am Ostermorgen, so werden wir hören, kommen Frauen ans Grab Jesus und wollen seinen Leichnam salben. Aber das ist nun nicht mehr nötig. Der Tote ist nicht mehr da, deutlicher noch: der Tod ist nicht mehr da, hat seine Macht verloren, und die Frauen werden vom Grab weggeschickt – ins Leben hinein, um dort Zeuginnen Jesu zu sein. Und da, an ihrer Seite, ist unser Platz bis heute – nicht mehr mit Salbgefäßen in der Hand, nicht mit Händen, die gut riechen, sondern mit Händen, die Gutes tun – im Auftrag Jesu.

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