Berührungsmut

An dieser Geschichte fällt mir auf, wie verklemmt wir eigentlich sind und wie natürlich Jesus war. Sie, diese Frau, hat eine gute Tat an mir getan. Wer würde das von uns so sagen, wenn uns jemand etwas Gutes tut? Sind wir nicht eher veranlagt nach dem Motto: das kann ich doch nicht annehmen und erst recht nicht öffentlich. Was die Frau macht, ist ja völlig überzogen. Dass man einem Gast als Ehrerbietung das Haupt mit Öl salbte, ist vielleicht noch denkbar. Ursprünglich war die Salbung ja eine Handlung, die man vor allem Königen zukommen ließ. Aber dass sie das kostbare Öl einfach auskippt, das ist schon stark. Sie muss sehr viel von Jesus halten und tut ihm doppelt Gutes. Sie erfrischt ihn und sie tut es mit einem ungeheuren Wert. Vielleicht war es ihr in dem Moment gar nicht mal bewusst. Auf alle Fälle gibts Ärger. Salben kannst du ihn ja, aber wenn du so viel Geld verschütten kannst, hätten die Armen mehr davon gehabt. Dieses Argument kann man verstehen. Und trotzdem nimmt sie Jesus in Schutz. Obwohl er natürlich weiß, dass es viele Arme Leute gibt und das Geld dort sicher gut angelegt wäre.

Und da höre ich das Argument von Jesus. Ich höre seine Angst vor dem Tod, seine Leidensgeschichte steht ihm vor Augen. Und diese Frau scheint das zu spüren. Und sie tut ihm einfach körperlich etwas Gutes. Sie sagt nicht: Jesus, schau, was ich von dir gelernt habe, so viel Geld gebe ich jetzt den Armen, sondern sie sagt: Es kann gar nicht mit Geld aufgewogen werden, einem Menschen in seiner Angst nahe zu sein. Und das spürt Jesus. Dass die Frau sich da sicher auch ungeschickt verhält, spielt keine Rolle. Ich weiß nicht, wie viel Öl da drin war, aber ich denke, irgendwo hat die Menge auf dem Kopf auch ihre Grenzen. Jesus nimmt das einfach an. Er nimmt auch das zu viel an.

Und das ist eigentlich ein ganz anderer Jesus, als wir ihn sonst kennen. Jesus hat gegeben, viel gegeben. In seine Heilungen hat er seine ganze Kraft hineingelegt, hat sich vielleicht manchmal auch überwinden müssen, wenn er vor Aussätzigen stand oder einem bettelnden Blinden ganz nahe gekommen ist. Er war immer der, der für andere da war. Und er ahnt, dass er sehr bald allein sein wird. Und wenn wir es immer schnell dahin sagen, er hat sein Leben für unsere Sünden gegeben, so einfach wie unsere Glaubenssätze war es wohl in Wirklichkeit nicht.

Ich habe vor drei Tagen einen Besuch im Krankenhaus gemacht und in dem Zimmer lag ein Mann, der darauf wartete zur Operation abgeholt zu werden. Und wie er so da lag, abgewandt, zusammen gerollt, ich wusste, irgendwas müsstest du ihm tun und ich wusste nicht was. Vielleicht wollte er allein sein, habe ich mich beruhigt, du kennst ihn nicht, und was sollst du tun. Als ich nach Hause fuhr, dachte ich, hier hast du versagt. Und dann las ich diese Geschichte: die Frau hats einfach gemacht, ungeschickt, hat Jesus überrollt mit ihrer Zuwendung, sie hatte das Gespür dafür, das ist jetzt dran. Warum tun wir uns so schwer damit, aus Angst, es falsch zu machen, Nähe zu geben, warum habe ich diesem fremden Mann nicht einfach die Hand auf die Schulter gelegt. Sicher, ich habe ihm Gutes gewünscht, aber das wars wohl nicht.

Diese Frau tut einfach etwas, etwas, was über das normale Maß hinaus geht. Etwas, was sie im wahrsten Sinne des Wortes unheimlich viel gekostet hat. Ja, sie musste damit rechnen, dass die anderen das nicht so toll finden. Und Jesus, der nimmt das einfach an. Es hat ihm gut getan und alles andere ist Nebensache. Eure Argumente könnt ihr jederzeit umsetzen, aber die Gelegenheit mit etwas Gutes zu tun, kommt nie wieder. Es gibt Augenblicke, die sind einmalig, da zählt nichts anderes, weder Geld, noch Zeit, nicht mal meine Hemmungen und Ängste. Entweder ich tue es oder ich lass den anderen allein. Den Mann im Krankenhaus sehe ich wahrscheinlich nie wieder und dieses Erlebnis lässt mich noch nicht los. Erst recht nicht nach dieser Geschichte. Ich hatte genügend Argumente – vielleicht gehört er nicht zur Kirche und will das gar nicht, er will bestimmt allein sein, und überhaupt … Jesus würde vielleicht sagen: Du kannst erzählen, was du willst, diesen Mann hast du sicher nie wieder vor dir, du kannst ihm nur jetzt Gutes tun, oder eben nicht.

Ich erzähle euch das, weil es euch vielleicht ähnlich geht. In beider Hinsicht – das kann ich doch nicht tun – das kann ich doch nicht annehmen. Und beides ist falsch. Viel mehr als wir ahnen, und diese Erfahrung habe ich auch schon oft gemacht, sind Menschen dankbar für Nähe, auch körperliche Nähe ohne viele Worte. Und umgekehrt, warum soll ich nicht annehmen, was jemand an Zeit, an Überwindung für mich opfert. Gebe ich doch einfach zu: du tust mir gut. Und Jesus macht deutlich: es zählt der Augenblick, das Heute. Und er macht noch etwas deutlich: auch der scheinbar Starke, der große Jesus, der Gottes Sohn, braucht Zuwendung und Nähe. Und schämt sich nicht, sie anzunehmen.

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