Eine anstößige Liebe

Liebe stößt an,

Liebe stößt an und bewegt uns,

Liebe stößt an Türen, die verschlossen sind und öffnet sie,

Liebe stößt an Normen und Vorstellungen, die sie einengen wollen,

Gottes Liebe stößt an keine Grenze.

Um uns anzustoßen, ist Jesus oft anstößig geworden,

um uns zu berühren, hat Jesus Menschen berührt, die als unberührbar galten,

um uns aufzubauen, hat Jesus eingerissen, was uns von Gott trennen könnte.

„Skandal!“ haben die Menschen gerufen, die dabei standen als das geschieht, was wir heute bei Markus im 14. Kapitel zu lesen ist.

Wir wollen hören, was da Unerhörtes geschehen ist. Es ist die Geschichte einer anstößigen Liebe.

[TEXT]

Skandal! Jesus kehrt bei einem Aussätzigen ein! Er hat keine Berührungsängste mit denen, die als unberührbar galten, denn Gottes Liebe hat keine Berührungsangst. „Im Namen der Liebe, öffnen Sie die Tür“, hat er gebeten und seine Liebe öffnete Türen und riss die Mauern ein, die die damaligen Moral- und Gesetzes-vorschriften aufgebaut hatten. Die Menschen mieden die Aussätzigen nicht so sehr, weil sie Angst vor Ansteckung hatten, sondern weil sie meinten, in dem Aussatz eine gerechte Strafe Gottes zu erkennen. Wer so gezeichnet war, war unrein, der durfte nicht in Gottes Nähe, der war ausgestoßen. Jesu Liebe kennt keine Berührungsängste, hat keine Angst vor Ansteckung, wirkt aber zum Glück ansteckend und befreieend.

So versammelt sich in Betanien, einem kleinen Dorf kurz vor Jerusalem eine kleine Gruppe von wahrscheinlich überwiegend oder sogar ausschließlich Männern im Haus des Aussätzigen Simon und sitzt zu Tisch.

Da betritt ohne ein Wort zu sprechen eine Frau den Raum, und dringt in diese Runde ein. Das gehörte sich eigentlich nicht für eine Frau. Verdutzt werden die Männer aufgeschaut haben, skeptisch werden sie geguckt haben: Was will die Frau?

Bevor noch einer etwas sagen kann, zerbricht sie einen Flakon, dem augenblicklich ein wunderbarer Duft entströmt. Reines, unverfälschtes Nardenöl. Eine Kostbarkeit ohne gleichen. Aus Indien wurde es importiert und diese kleine Flasche hatte den Wert des Jahresgehalts eines Tagelöhners. Sie gießt es Jesus vorsichtig auf den Kopf, und sie wird es wahrscheinlich in seinen Haaren verteilt und eingerieben haben. Die Jünger sind zunächst sprachlos, sie halten die Luft. Was wird Jesus sagen?

Sie haben guten Grund zu erwarten, dass er sagt: „Lass ab, gute Frau! Der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen.“ Dass er sagt: „Halte ein! Verkaufe dein Öl und gib das Geld den Armen. Denn was du einem von meinen geringsten Brüdern getan hast, das hast du mir getan.“ Dass er sagt: „Verkaufe, was du hast und folge mir nach.“

Doch Jesus lässt die Frau gewähren, vielleicht genießt er es sogar. Es gibt nur wenig andere Geschichten, in der ein Mensch Jesus solche Zärtlichkeit, Nähe und Liebe schenkt. Und Jesus weiß, was die Stunde geschlagen hat, dass sein Tod nahe bevor steht.

Die Jünger aber können nun nicht mehr an sich halten. Es bricht aus ihnen heraus: „So ein Skandal! So eine Verschwendung!“ Was hätte man alles mit diesem Geld machen können! Wie viele Arme hätte man speisen können, wie vielen Obdachlosen hätte man eine Unterkunft geben können, wie vielen Bedürftige hätten Hilfe bekommen können?“

Doch unerhört. Jesus nimmt die Frau in Schutz. Er sieht die Sache mal wieder ganz anders. Ja, die Jünger haben natürlich Recht, mit dem Geld hätte man anderes, aber in diesem besondern Fall nichts Besseres tun können. Wie Recht hat Jesus doch: die Armen werden wir alle Zeit um uns haben, und wir können und sollen ihnen Gutes tun – mehr denn je.

Doch hier in diesem Augenblick geht es um ihn, um sein Leben, um seinen Tod. Die Jünger erkennen die Situation nicht. Sie wissen nicht, was die Stunde geschlagen hat. Mal wieder ist es eine Frau, die tut, was die Jünger versäumen. Deshalb stellt sich Jesus, nein nicht vor die Frau, um sie zu schützen, denn dann hätte sie verdeckt. Er stellt an die Seite dieser Frau, um ihre gute Tat zu würdigen. „Lasst sie in Frieden! Was betrübt ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan.“ Empfanden die Umstehenden eben noch die Handlung der Frau als anstößig, wendet sich nun der Blick auf Jesus und sein Verhalten, und seine Worte erregen Anstoß.

Jesus lässt sich berühren. Er ist berührt von der überströmenden Liebe dieser Frau. Diese Liebe füllt wie der Duft des Nardenöls den ganzen Raum. So überströmend und verschwenderisch ihre liebe zu Jesus sich zeigt, so überströmend und keine Kosten berechnend ist Gottes Liebe zu den Menschen. Die Frau hat die kosten ihres Parfüms nicht berechnet, sie hat geliebt, Jesus hat sein Handeln und seine Worte nicht berechnet, er hat geliebt. Jesus lässt sich die Liebe zu den Menschen sogar sein Leben kosten.

Die Frau zeigt einen leidenschaftlichen Glauben. Den will Jesus weder verbieten, noch einschränken. Unser Glaube geht nicht allein darin auf, dass man der Moral folgt und den Nächsten liebt. Das ist richtig und das ist gut. Mehr als einmal fordert Jesus uns auf: „Liebe deinen Nächsten – und sogar deinen Fernsten, nämlich deinen Feind, wie dich selbst.“ Aber es heißt auch: „Liebe Gott von ganzem Herzen, von ganzer Seele, mit ganzem Willen und allen Kräften.“ Der Glaube braucht und lebt auch von einer sich verströmenden Liebe zu Gott.

So liebt und glaubt diese Frau. So wie sie Jesus salbt, so wird sie von Jesus gesegnet und selig gesprochen. „Wo das Evangelium gepredigt wird in aller Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie jetzt getan hat.“ Er hat Recht behalten.

Sie hat ihn gesalbt, wie man einen König salbt, wie man einen Propheten salbt – doch hier nun wird in Jesu Worten deutlich, wo wir mit dieser Geschichte stehen. Am Anfang der Karwoche.

Jesus deutet ihre Handlung – wiederum anders als die Jünger es geahnt hätten. Er blickt nach vorne. Er sieht seinen Tod. „…mich aber habt ihr nicht allezeit. Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt für mein Begräbnis.“

Mit einem Mal hat diese Handlung eine völlig neue Bedeutung. Sie wird zur prophetischen Zeichenhandlung, die vom nahen Tod Jesu spricht. Während hinter den Mauern von Jerusalem der Hohe Rat Jesu Verhaftung und Tod planen, ereignet sich am Beginn des Leidensweges und der Karwoche eine Geschichte, die angesichts des bevorstehenden Leidens und des Todes einen überraschenden Akzent setzt. Es ist eine Geschichte, es ist das Evangelium von einer überströmenden Liebe, die zwischen Gott und den Menschen und den Menschen und Gott hin- und herfließt. Diese Liebe kennt keine Berührungsängste und sie kennt keine Schranken. Nicht einmal der Tod wird Gottes überströmende Liebe gefangen halten.

Gottes Liebe stößt an – aber sie stößt an keine Grenzen.

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