Merkmale der Liebe

In der Ausbildung habe ich gelernt, die Konfirmation ist eigentlich völlig unwichtig. Das, was ihr vorhergeht ist wichtig. Der Kirchliche Unterricht – Informationen über die Liebe Christi – und mehr: Lernen, was es heißt, dass wir aus dieser Liebe heraus leben können. Wie das gehen kann und wie wir uns auf den Weg begeben können. Inhaltlich und formal hat sich gerade im Bereich des Kirchlichen Unterricht viel geändert. Das hat gute Gründe. Aber ob das damals gelungen ist und ob das heute gelingt, immer wieder Menschen auf diesen Weg zu bringen??

Gerade auf diesem Weg aber will mich eine Geschichte aus dem Leidensweg von Jesus Christus begleiten, die höchst irritierend ist:

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Ich versuche mir vorzustellen, was da geschehen ist. Jesus ist – kurz vor dem Passahfest – in Betanien fast am Ziel seines Lebensweges. Das, was er den Seinen schon angekündigt hatte, kommt nun zu seiner Erfüllung. Verhaftung, Folter und Hinrichtung stehen bevor. Und plötzlich bricht in diese ernste Männerrunde eine Frau ein. Wir kennen ihren Namen nicht, sie sagt nichts. Sie ist einfach da und stürzt auf Jesus zu und salbt ihn. Nun war das Salben eines hochgestellten Menschen für sich genommen durchaus möglich. Ir kennen das aus dem Altes Testament von Salbungen der Könige oder Propheten. Aber das hatte eine andere Qualität. Hier ist es eine Totensalbung eines Lebenden. Sie hat ihn ernst genommen. Sie hat geglaubt, dass der Sohn Gottes in den Tod geht und ihn darum gesalbt. Und Jesus nennt dieses Verhalten vorbildlich. Und macht sich damit bei denen, die ihm vorhin noch so gebannt gelauscht haben unbeliebt. Denn er widerspricht ihrem Protest: Verschwendung!

Der Widerspruch der Umstehenden (bei Johannes ist es Judas) ist mir sympathisch. Was soll diese Verschwendung? Es gibt doch wohl Not genug auf der Welt. Da muss man sich doch nicht solchen Luxus erlauben – und das gegenüber dem, de von sich selber sagt, dass er auf allen Luxus verzichtet, keine Wohnung, kein Bett – und auf einem Esel ist er in Jerusalem eingeritten. Und so ein Nardenöl kostete immerhin 300 Denare. Dass sie 300 Denare dafür ausgibt, erschrickt: Das ist der Jahreslohn eines erfolgreichen Tagelöhners, der viel Arbeit hat (1 Denar pro Tag war der Standardlohn). Überlegen Sie doch einmal wie viel das wäre – ihr Jahreslohn. Verschwendung ist das.

Oder ein Beispiel, von dem wir etwas lernen können?: Jesus nennt das Verhalten ‚schön’. Das etwas schön ist hat eben auch seinen Wert im Leben, auch wenn die Vernunft ihm den Wert abspricht. Schönheit brauchen wir auch zum Leben. Und es tut weh mit ansehen zu müssen, wie viele Menschen auch in unserer Gesellschaft ohne schöne Dinge leben müssen – und wie viele dann auch noch ohne schöne Erlebnisse durchs Leben gehen, weil Familien zerbrechen und menschliche Gemeinschaft kaputt geht, weil sich jeder nur noch um sich selber dreht. Diese Frau verschwendet das Schöne, weil sie spürt: Das ist jetzt dran. Und die Umherstehenden denken nur daran, was man aus ihrem Besitz hätte Gutes tun können. Die Frage nach ihrem eigenen Tun stellen sie sich natürlich nicht. Sie schauen nur auf die Frau und ihre Verschwendung.

Aber sie hat wenigstens den Todgeweihten ernst genommen und sich und ihn auf diesen Tod vorbereitet. Sie hat seine Aussagen gehört und ihm ihre Gemeinschaft über den Tod hinaus bekundet. Nicht ihr Name aber ihre Tat wird darum noch nach 2000 Jahren erzählt. Wir können uns davor hüten über ihre Kritiker den Stab zu brechen. Aber wir können zuhören und fragen: Wo wäre ich in dieser Geschichte?

Ich muss für mich lernen: Es gibt wohl auch Momente in meinem Leben, wo Verschwendung sinnvoll ist. Ich muss mich erinnern lassen an das, was Paulus an die Korinther (1. Korinther 13) schreibt: Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib verbrennen und hätte die Liebe nicht, so wäre mir’s nichts nütze. Die Liebe ist das alles andere Überragende in der Geschichte Jesu. An ihr müssen sich meine Taten messen lassen auch meine Toleranz gegenüber den Taten Anderer.

Was ist mit kostbaren Kirchen in armen Ländern – haben die vielleicht ähnliche Funktion? Sind sie vielleicht auch Merkmale der Liebe jener Gemeinden?

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