Das Kostbarste

Liebe Gemeinde,

ein ungewöhnlicher Zwischenfall wird uns hier berichtet. Eine namenlose Frau dringt zu Jesus vor, durchbricht gewissermaßen den Kreis der Jünger und tut Jesus etwas verschwenderisch Gutes: kostbares Öl gießt sie über seinem Haupte aus. Sie salbt ihn mit einer Flüssigkeit, die heute umgerechnet wohl an die 5000 € wert wäre und die damals ein kleines Vermögen darstellte. Warum tut sie das, woher kommt diese Frau? Auf beide Fragen gibt das Bibelwort keine direkte Antwort: wir wissen nicht, wer sie ist – wir wissen nicht, ob sie etwas gesagt hat – wir wissen nicht, was nachher mit ihr geschieht. Aber wir haben die Reaktion der Jünger auf diese seltsame Tat.

Vielleicht spielt es eine Rolle, dass die Jünger hier durchaus alle als männlich gedacht sind, wie mir kürzlich eine Bekannte sagte, denn die Jünger reagieren männlich-rational: "Was für eine Verschwendung!" "Man hätte doch – man sollte doch – wäre es nicht besser gewesen, dass" – natürlich: das Geld den Armen geben. Ist das nicht auch unser Bild von Kirche: da-sein für die Armen und Benachteiligten? Bloß nichts verschwenden, sondern sparen – aufheben für sinnvolle Zwecke. Nun haben wir keine Person bei uns im Kirchenvorstand, die mit Christus vergleichbar wäre, deswegen passt das Bild nicht ganz, aber stellen Sie sich vor: so etwas würde bei uns passieren. Da kommt eine, die etwas Wertvolles hat und sie gießt es aus, sie gibt es weg – aber nicht: oh je, oh nein: nicht in diese oder jene sinnvolle Aktion oder dieses oder jenes sinnvolles Projekt, nein: sie verschwendet es regelrecht. Was würden wir sagen, die Sparer und Bewahrer unserer Kirche? Würden wir sagen: Frau, es ist wohlgetan und sie im Sinne Jesu loben? Würden wir erkennen, was auch mitschwingen mag: dass diese Frau so herrlich emotional handelt, dass sie Schranken einreißt, dass sie Liebe sprechen lässt statt Vernunft? Vielleicht würden wir es ahnen oder spüren. Vielleicht ganz ähnlich, wie wir spüren oder ahnen könnten, welche Symbole diese Frau doch alle mitbringt: Öl für den Gesalbten, welches Christus heißt; Öl, dessen Duft Leben verströmt, obwohl Jesus von seinem Tode spricht. Öl, das den Raum durchdringt und so Weite und Öffnung in die Szene bringt, die doch so eng und so klein dargestellt wird.

Aber es würde uns wohl nicht reichen, liebe Gemeinde: immerhin: "So viel Geld" – "Hätte man nicht vielleicht lieber doch den Armen…".? So möchte ich bei all dem, was dieses Bibelwort noch an weiterer Verheißung in sich trägt doch bleiben bei dieser zentralen Frage, die auch für uns immer wieder zu einer zentralen Frage wird: "sollte man nicht doch lieber das Geld an die Armen verteilen?" und bei der Antwort Jesu: "Ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit."

"Mich aber habt ihr nicht allezeit" – diese Worte deuten zunächst auf das Bevorstehende, dessen wir auch diese Woche gedenken wollen: die Karwoche, das letzte Abendmahl, die Kreuzigung, die dunklen Tage in der Grabeskammer und schließlich die Auferstehung, die Überwindung des Todes: uns allen zugesagt. Jesus zieht also einen Unterschied ein, den unsere Welt schnell zu vergessen bereit ist. Die Zeit der Anwesenheit Jesu und die Zeit seiner Abwesenheit als ein besonderes Zeitschema für seine Jünger. "Solange ihr mich noch um mich habt, mich anfassen könnt, mit mir essen und reden könnt: solange ist die Freudenzeit, die Zeit des Heils: darum lasst uns fröhlich sein, lasst uns feiern, lasst uns diese Zeit der Freude auskosten mit allem, was wir haben und mit allem, was wir sind." (Mal ganz in Klammern: wie gut täte auch dies manchmal unserer trockenen Kirche: Freude und ausgelassenes, verschwenderisches Feiern.) Auch diese Frau gehört dazu – zu dieser Freudenzeit. Wer weiß, wie lange sie auf dieses Öl sparen musste. Sie hat es sich aufbewahrt zu einem besonderen Tag, vielleicht sogar für ihre eigene Beerdigung. Nun aber hat sie erkannt, gespürt, dass mit Jesus ein noch wichtigerer Anlass, ein noch bedeutenderer Tag gekommen ist. Und sie gibt willig und freudig alles Öl, was ihr zur Verfügung steht. Sie feiert auf ihre Weise die Anwesenheit Gottes. Zeiten werden kommen für die Jünger, da wird das alles nicht mehr so einfach sein: Jesus, der Mensch, ist nicht mehr sichtbar, die Jünger verängstigt und verschüchtert drücken sich um ihre Aufgabe, verleugnen ihren Herrn, verkriechen sich in ihren Häusern. Auch später wird davon ein Menge bleiben: wenn sie verkündigen sollen und abgewiesen werden; wenn sie bekennen sollen, und versagen, weil ihnen ihr irdisches Leben lieber ist, als das Leben, welches Jesus ihnen in Aussicht gestellt hat. Jesus, der Christus, weiß von alledem, als ihn diese namenlose Frau mit ihrem kostbaren Öl salbt. Und er betont: "jetzt, wo ihr mich noch habt, seid fröhlich und lasst das Gute geschehen!"

Nun sind wir nicht in der gleichen Situation, wie die Jünger damals. Wir können unser Predigtwort daher nicht einfach übertragen und ich zögere bei den guten Gedanken, die wir alle schon angesprochen haben: die Liebe siegt über die Rationalität (die Geschichte der Frau gegen die Männer); der Duft des Öls weitet den Raum (die Sprache der Symbole). Aber ich bleibe doch hängen bei der Unterscheidung, die Jesu einzieht. "Die Zeit, in der ihr mich noch habt." Freilich hat keiner von uns Jesus, den Menschen, je kennen gelernt. Nicht, wie die Jünger, die ihn so menschlich, wie sich selber erlebt haben, mit allem, was dazu gehört: Hunger, Durst, Schlaf und andere menschliche Bedürfnisse. Wir kennen ihn nur vom Ende seiner Geschichte her: als den erhöhten Herrn, der zur Rechten des Vaters sitzt und der uns den Heiligen Geist als Tröster versprochen hat. Wir warten auf diesen Christus am Ende der Zeiten, wieder zu kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Und mit ihm und in ihm die Überwindung des Todes und des Leides für uns alle, die wir an ihn glauben. Wenn wir aber dieses im Blick behalten, so erkennen wir Parallelen, die zu uns heute sprechen wollen. Wir glauben Christus weiterhin anwesend, z.B. in unseren Sakramenten. Wir glauben, dass Gott weiterhin zu uns sprechen will, z.B. in unseren Gottesdiensten. Wir haben also ein Da-sein Jesu Christi, dessen wir gewiss sein können. Freilich finden wir ihn auch außerhalb dieser Dinge, wie wir es schon oft in den Predigten gehört haben. Aber zuverlässig für uns, die wir Trost und Hoffnung suchen, finden wir ihn dort. Wollten wir also die Frau mit dem kostbaren Öl in solch eine Situation hinein versetzen: was wäre das Entscheidende? Und dabei denke ich an Sie, die Sie mit all ihrer Unterschiedlichkeit in die Gottesdienste kommen. Angefangen von unseren Präparanden und Konfirmanden, die erst mühsam lernen müssen, was Gottesdienst bedeuten kann und von denen wir hoffen, dass sich das Geschehen hier für sie eines Tages erschließen wird. Dann weiter: die vielen Einzelschicksale, die wir in unserer Gemeinde haben: die Kranken und Einsamen, die Trostlosen und die Hoffnungssuchenden – jeder und jede mit ihrer eigenen Geschichte. Aber auch: die Dankbaren, die gefunden, was sie gesucht haben. Die, die Antwort auf ihre Fragen bekommen haben und deren Bitten erhört worden sind. Bis hin zu denen, denen der Tod ihrer Verwandten und Lieben noch ins Gesicht gezeichnet ist und denen sich das Angesicht Gottes für Tage und Wochen, manchmal sogar Monate oder Jahre nur verdunkelt zeigt. Wir alle sind die Jüngerinnen und Jünger Jesu heute: wir sind seine Gemeinde, versammelt in seinem Namen unter der Hoffnung auf sein Reich. Ich meine: die namenlose Frau aus unserem Predigtwort würde heute etwas ganz ähnliches tun wie damals. In der grenzenlosen Hoffnung und voll Vertrauen, dass ihr Gott ganz dort wäre, würde sie alles geben, was sie hat. Und dabei geht es nicht zuerst um das Materielle – es geht nicht zuerst, wie die Umstehenden vermuten um das Geld, das als Gegenwert für ihr Öl angegeben wird: es geht um das Kostbarste, was sie selber hat. Diese Frau kommt mit etwas, was ihr ganz wichtig geworden war und setzt alles auf diese eine Karte und bringt es dem dar, von dem sie glaubt, dass er der Retter dieser Welt sein wird. Sie setzt, liebe Gemeinde, ihr ganzes Vertrauen auf diesen Menschen Jesus, von dem sie gewiss ist, dass er mehr als nur ein Mensch ist, dass er nämlich der Gesalbte ist: auf Griechisch: der Christus. Ich meine, dieses Bibelwort will uns einladen, der Frau gleichzutun: bringen wir an die Orte, die uns zugesagt sind, Gottes Gegenwart zu verkünden, das mit, was uns das Kostbarste ist! Kommen wir als die Menschen, die wir sind vor den Augen unseres Gottes in unsere Gottesdienste! Lassen wir uns ein auf die Erfahrungen der Christen vor uns, die uns in den Lesungen begegnen, spüren wir die Nähe Gottes in den Sakramenten und in der Auslegung der Heiligen Schrift, in der Liturgie und in den Gesängen!

Diese namenlose Frau, liebe Gemeinde, streift ab, was sie bisher zurückgehalten hat, ihr kostbares Öl einzusetzen. Sie dringt ein in die Runde derer, die ihrem Herrn nachzufolgen versuchen und kommt dem ganz nahe, was sie als ihren Gott bekennen mag. Sie zerbricht ihr Gefäß und es kommt hervor: ihr Schatz, ihr Kostbarstes. Jesus verspricht der Frau: "wo das Evangelium gepredigt wird in aller Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie jetzt getan hat." Wer sich darauf einlassen kann, auf das Geschehen, wo ihm oder ihr Gott begegnen will, der wird erfahren, dass das Ausgießen des Öl keineswegs Verschwendung war, sondern dass es genau das Richtige war, was im Angesicht Gottes getan werden konnte!

Bedenken Sie, liebe Gemeinde, was die Kirche alles in unserer Gesellschaft tut: sie ist aktiv in Umweltfragen etwa: das Umweltengagement allein könnte aber auch jemand anders tun. Sie kümmert sich um Beratung in Familien-, Kinder-, Schuldnerfragen: die Beratung allein aber könnte auch jemand anderes tun. Die Kirche mischt sich ein in Fragen der Wirtschafts- und Sozialpolitik: waches, politisches Handeln allein könnte aber auch jemand anders tun.

Eine Liste wäre sehr lang und meine 10. Klassen sind immer wieder erstaunt, wo die Kirche überall sich einsetzt und "ihr Geld gibt für die Armen". Aber all das, liebe Gemeinde, wäre alles besser aufgehoben in den jeweiligen gesellschaftlichen Gruppen und Kreisen, wenn es nicht diese eine, innere Motivation gäbe, die diese von jenen unterscheidet: es ist das Bekenntnis zu Christus, dem Gesalbten, der als Mensch Jesus von Nazareth Geschichte geschrieben hat. Dieser innere Grund lässt alles andere als Äußeres, als Äußerungsformen zurücktreten. Nicht, dass sie deswegen unwichtig wären, denn siehe: "es sind allezeit Arme bei euch und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun", aber es bleibt doch das eine Zentrum: Grund und Hoffnung unseres Glaubens. Wer wie diese namenlose Frau sich über diesen Grund freuen kann und wer bereit ist, diesem Grund und dieser Hoffnung sein Kostbarstes zu geben, der hat begriffen, worum es im Kern des Christentums geht. Und im Kleinen, liebe Gemeinde, ist es unser Gottesdienst, der eine Übung dazu darstellt. Denn der Gottesdienst ist ebenfalls zweckfrei: wir feiern nicht Gottesdienst, um etwas zu erreichen, um ein Ziel zu formulieren. Der Gottesdienst ist kein Unterricht und keine Vereinssitzung, er ist keine moralische Veranstaltung und keine Konzertbühne. Der Gottesdienst ist unsere Antwort auf Gottes Gegenwart: hier wollen wir ihm, wie die namenlose Frau, unser Kostbarstes geben, nämlich uns selbst: offen sein für sein Wort; hier können wir ablegen, was uns am wahren Menschsein hindert; hier können wir sein, wie Gott uns selber sehen mag: mit unserer Freude und unserer Trauer, mit unserem Zweifel und mit unserer Hoffnung, mit unseren Macken und mit unseren Begabungen. Und danach können wir dann wieder in die Welt gehen, von der wir wissen, dass dort allezeit Arme bei uns sein werden und uns einbringen in diese Welt, aber aufgrund unserer Hoffnung und unseres Glaubens.

Der Palmsonntag leitet die Karwoche ein: lassen Sie sich mit hineinziehen in die Geschehnisse um den Gesalbten herum: gehen Sie mit ihm in den Garten, um zu beten. Feiern Sie Abendmahl, als wäre es Ihr letztes. Erleben Sie den Tod unseres Gottes und legen Sie all ihre Trauer in die Abwesenheit der dunklen Tage. Feiern Sie dann seine Auferstehung und erleben Sie den Grund Ihrer Hoffnung: den Sieg über den Tod als Vorausbild des Sieges jedes Einzelnen von uns über seinen Tod und spüren Sie die Hoffnung, die aus dieser Auferstehung uns allen erwächst.

Ich stelle mir die namenlose Frau vor, wie Sie Jesu Geschehen in jener letzten Woche seines irdischen Lebens verfolgte, wie Sie dabei war von jener Salbung bis hin zur Botschaft des leeren Grabes und ich bin mir sicher, sie wird selbst erfahren haben, wie sehr ihre Verschwendung des Öles, ihre Hingabe ihres Kostbarsten richtig und gut war.

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