Offen für alle

Liebe Gemeinde,

diese Geschichte kennen Sie alle. Zwar vielleicht nichts auswendig wie die Weihnachtsgeschichte des gleichen Lukas, aber doch in allen Details. Und vielleicht geht es Ihnen wie mir: Sie haben auch schon mal überlegt, wo Sie sich selbst unter diesen vielen Menschen wiederfinden, die da dem grausamen Spektakel der Kreuzigung zuschauen. Vielleicht geht es Ihnen auch da wieder wie mir, Sie denken, da wären Sie gar nicht hingegangen, das hätten Sie sich nicht anschauen wollen, auch nicht von ferne, wie die Bekannten Jesu. "Ich will hier bei dir stehen, verachte mich doch nicht" – ich denke mir, das hätte ich nicht gekonnt. Es ist ja immer schwer, abzugrenzen, auf der einen Seite, was man sich zumuten kann und auf der anderen, wo die Schaulust beginnt.

Allerdings: Die meisten, die Lukas hier beschreibt, mussten dabei sein: die Soldaten, weil es ihr Beruf war. Und die beiden Verbrecher als ebenfalls Betroffene. Es ist ja im Grunde ein ganz schauerliches und makabres Gespräch, was da von Kreuz zu Kreuz geschieht. Warum, so fragt man sich, muss dieser eine "Übeltäter", wie ihn Lukas nennt, in diesem schrecklichen Moment noch provozieren? Aber ist es wirklich Provokation? Ist es nicht vielleicht auch eine verzweifelte, wahnwitzige Idee von Hoffnung, die nun gleich im Keim erstickt? So ein Gedanke: "Da hängt der neben mir, der mit Sündern gegessen und der Tote lebendig gemacht hat – und da müsste doch auch für mich noch was drin sein.

Wenn wirklich was dran ist an seinen Fähigkeiten, wird der doch jetzt was tun. Das kann doch nicht wahr sein, dass die Oberen da unten mit ihrem Spott auch noch Recht haben. Wie kann es sein, dass da einer etwas mit sich machen lässt, was er leicht zu verhindern im Stande gewesen wäre?"

In den Augen des Verbrechers mag das die Qual noch erhöhen – der Ausweg, ein Strohalm, wäre ja immerhin möglich. Kann man es einem Sterbenden verdenken, wenn er in diesem Augenblick gar nicht daran denkt, warum er da oben hängt? Und dass der Schmerz ihn wütend macht. Ganz abgesehen davon, dass die Todesstrafe, vor allem in dieser Form, auch durch das schwerste Verbrechen nicht gerechtfertigt ist.

Umso erstaunlicher ist die Klarsicht des Mannes auf der anderen Seite: Und du fürchtest dich auch nicht vor Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist? 41 Wir sind es zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsre Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan.

Da hat einer über sein Leben nachgedacht, da hat einer abgeschlossen mit seiner Vergangenheit und steht zu den Konsequenzen seines Handelns. "Gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst", sagt er. Nur so viel. Nicht "nimm mich mit". Und doch liegt ein ganzes Glaubensbekenntnis in den Worten. An diesen Mann muss ich oft denken, wenn mir Kirchenmenschen erklären wollen, was dazu gehört, um am ewigen Leben teilzuhaben: Die Taufe zum Beispiel. Wir wissen nicht, was dieser Mann getan hatte, wir wissen nicht, ob er vorher gläubig war. Aber seine letzten Worte genügen Jesus, um ihm zu versichern: "Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein." Dieses "heute noch" ist ein großer Trost. "Wo ist er jetzt?", das fragen manchmal Menschen, die einen Angehörigen verloren haben. Und ich denke an dieses "heute noch wirst du mit mir im Paradies sein" bei jeder Beerdigung. Wir sprechen da nicht zu einem Toten, sondern zu einem, der uns vorausgegangen ist in eine andere Welt. Diese Zuversicht können wir schöpfen aus dem, was hier auf Golgatha so schrecklich beginnt und am Ostermorgen so strahlend weitergeht.

Sicher, zunächst ist alles finster, die Sonne verliert ihren Schein – Gott verhüllt sich. Es ist ihm nicht gleichgültig, was hier geschieht. Was wäre er für ein Vater, litte er nicht mit seinem Sohn.

Wenn es nach Gott gegangen wäre in dieser Welt, dann hätte es niemals einen Karfreitag gebraucht. Er hat den Menschen seine Liebe immer wieder angeboten, und immer wieder haben sie es nicht geschafft, darauf zu antworten. Wir haben einen gebraucht, der alles erlebt, was Menschen einander antun können: Demütigung, Gewalt, Spott, Verleugnung, Folter, Ungerechtigkeit, die Masse, die eine brutale Eigendynamik entwickelt („Kreuzige ihn!“), Todesstrafe, Hinrichtung, Alleingelassenwerden. Und wir haben diesen Einen gebraucht, der sich in der Spannung zwischen Himmel und Erde bewegt, der sich nicht in einer Opferrolle verliert, sondern bei aller Erniedrigung noch er selbst bleibt, eins mit seinem Gott und dadurch mit allen Menschen. Auch mit diesem Mann neben ihm da oben am Pfahl. Hören wir noch einmal die Verse des Propheten Jesaja zum Kommen des Gottesknechtes:

"Weil seine Seele sich abgemüht hat, wird er das Licht schauen und die Fülle haben. Und durch seine Erkenntnis wird er, mein Knecht, der Gerechte, den Vielen Gerechtigkeit schaffen; denn er trägt ihre Sünden."

Das Kreuz ist nicht das Ende. Jesu ganze Gewaltlosigkeit unterbricht die Spirale von Schlag und Gegenschlag. Seine scheinbare Schwäche ist seine Stärke, eine Stärke, die alle Gewalt überwindet, letzten Endes auch den Tod. Die Mitte der Nacht ist der Beginn des neuen Tages. Das gilt nicht nur für Karfreitag, das gilt für unser ganzes Leben und unser Sterben.

Selbstbewusst aufgerichtet zwischen Himmel und Erde hat Jesus gewaltfrei Widerstand geleistet. Er hat uns den Himmel geöffnet, der eigentlich in jedem Menschen vorhanden ist, der nur allzu oft zugeschüttet ist durch Hass und Gewalt. Sich nicht ducken und auch nicht zurückschlagen, das ist der Versöhnungsweg, den Jesus uns zeigt.

"Wir sahen seine Herrlichkeit", wir sahen sie genau hier, wir können sie heute und jetzt sehen auf Golgotha, wo der Erniedrigte erhöht wird, wo der Stamm des Kreuzes senkrecht von unten nach ganz oben reicht und wo der Gekreuzigte die Arme weit ausbreitet. Wir sehen, wenn wir denn hinschauen – und wir sind nicht fähig, entsprechend zu handeln. Aufeinander zuzugehen und näher zueinander zu rücken, Gläubige zu denen, die suchen, die aufgegeben haben oder die orientierungslos durch den Supermarkt der Weltanschauungen irren, mit frierender Seele. Das scheint der ewige Karfreitag in unserem Leben zu sein. Vielleicht nehmen wir die ungeheure Dimension dieses Ereignisses nicht wahr, blind vor Tränen, vor Wut oder vor Scham.

Der Vorhang im Tempel ist zerrissen. Der Durchgang durch die Finsternis des Todes eröffnet den Weg ins Allerheiligste, zum Angesicht Gottes. Geöffnet für uns, nicht durch uns. Jetzt offen für alle.

Wir dürfen traurig sein, entsetzt, fassungslos – aber wir dürfen auch die Freiheit sehen, die uns hier in einmaliger Weise offenbart und angeboten wird. Ich möchte schließen mit einem Gedanken von Jörg Zink. "Wer unter dem Kreuz steht und den Willen Gottes bejaht, weiß noch lange nicht, dass es ein Durchkommen, eine Befreiung, eine Lösung in allen Fragen gebe wird. Aber er glaubt es. Das ist, am Maß des Elends gemessen, wenig. Aber es ist das Größte, was ein Mensch in dieser Welt erlangen wird."

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