Das Kostbarste ist gerade gut genug

Liebe Gemeinde,

meine Schwester hat das Glück, einen Mann zu haben, der sie liebt und dem sie sehr am Herzen liegt. Und zu Weihnachten oder zum Geburtstag sucht er meist etwas ganz besonders kostbares für sie aus, etwas, was ganz persönlich auf sie zugeschnitten ist. Das deponiert er dann bei meinen Eltern, damit sie es nicht zufällig findet. Meine Eltern sind Leute, die ihre Kinder immer zum Teilen erzogen haben. Und auch sie selbst haben oft mehr für irgendwelche kirchlichen Spendenaktionen gegeben als es ihrem bescheidenen Einkommen entsprochen hat.

Sie schütteln dann den Kopf, wenn mein Schwager solche Geschenke bringt und meinen, Liebe müsse sich doch nicht in Geldverschwendung äußern. Man hätte das Geld doch auch für "Brot für die Welt" geben könen. Wenn sie dann Weihnachten so etwas noch laut sagen, verderben sie meiner Schwester und ihrem Mann manchmal den Heiligabend gründlich.

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Da ist Jesus bei einem Aussätzigen zu Besuch, Darüber regt sich keiner besonders auf. Anscheinend hat man sich schon daran gewöhnt, dass er dort hingeht, wo "man" eigentlich weg bleibt. Aber dann kreuzt eine Frau auf, mit der niemand gerechnet hat. Lukas wird sie in seinem Evangelienbericht später als eine stadtbekannte Sünderin bezeichnen, bei Markus wird die Frau als Person zunächst nicht gewertet. Gewertet allerdings wird von den Gästen bei Tisch das, was die Fau tut. Jemanden zu salben mit teurem Öl, das war durchaus üblich, aber normalerweise geschah so etwas an Königen. Dreihundert Denare (Luther übersetzt mit Silbergroschen), dafür musste ein normaler Mensch das ganze Jahr arbeiten in dieser Zeit. Das Salböl, eine ganz besondere Mischung, war kostbar und selten – und gewiss hätte es einer wie der Kassenwart der Jünger, Judas, am liebsten verkauft, denn auch die Jünger waren arm. Mancher von Ihnen würde bestimmt ähnlich gedacht haben.

In den letzten Wochen hat unser Kirchenkreis die Zuschüsse zu Bauvorhaben verteilt – manche Gemeinden sind leer ausgegangen, andere können nun Fenster, Türme oder auch Altäre sanieren. Ich habe das mit gemischten Gefühlen verfolgt. Ich weiß, wie arm unsere Gemeinden sind, ich weiß auch, dass es noch ärmere Gemeinden gibt. Ich habe festgestellt, wenn Kollekte für Osteuropa oder andere Notgebiete gesammelt wird, ist meist erheblich weniger im Korb als wenn es um die eigene Gemeinde oder gar gezielt um ein bestimmtes Sanierungsvorhaben geht. In Gerbstedt haben auch Kirchenfremde eine Menge gespendet für den Altar, haben Patenschaften für einen der Engel übernommen.

Unser Altar in Welbsleben ist ein kostbares Stück und müsste dringend restauriert werden. Aber wäre das nicht Luxus? Irgendwie kam mir das in den Sinn bei Lesen des heutigen Predigttextes.

Ich erinnere mich an einen kleinen Disput, den ich einmal in einer Gemeinde hatte. Da hatte jemand "ganz preisgünstig" Abendmahlswein gekauft, für 99 Cent die Flasche, ein ziemlich scheußliches Gemisch von Weinen aus Ländern der EG. Und sie wollte gleich einen Vorrat davon anlegen, da in dieser Gemeinde fast jeden Sonntag Abendmahl gefeiert wurde. Mir kam in den Sinn, mit wie viel Liebe in meinem Heimatort der katholische Pfarrer den Messwein aussucht. Er trinkt ihn nicht allein, dort nehmen seit vielen Jahren die Katholiken die Kommunion in beiderlei Gestalt.

"Das ist doch Verschwendung", meinte die Frau, die den Billigwein besorgt hatte. "Denken Sie mal drüber nach – für Gott ist der billigste Wein also gerade gut genug", entfuhr es mir. Manchmal kommen mir solche Gedanken, wenn ich sehe, wie dürftig es aussieht in unseren Winterkirchen. Wenn zum Beispiel die Tannennadeln von Weihnachten noch auf der fleckigen Altardecke liegen, wenn an den Kerzen gespart wird. Wir laden Gott ein, aber in eine ziemlich lieblose Atmosphäre. Wie sollen da unsere Herzen voll werden? Ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit, sagt Jesus. Sie werden nun sagen: Ja, damals war er ja auch lebendig dabei, und es war eine einmalige Gelegenheit …

Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter euch, sagt Jesus. Und wie empfangen wir ihn? Es kommt doch im Wesentlichen auf die Liebe an, auf die Herzenswärme. Und die zeigt sich dann in solchen "Kleinigkeiten" wie dem teuren Salböl oder auch einem schönen Blumenstrauß auf dem Altar, einem restaurierten Kirchenfenster, manchmal in Kleinigkeiten, die nicht viel mit Geld, aber viel mit liebevoller Aufmerksamkeit zu tun haben.

Wie nun? Sollen wir denn nichts mehr spenden bei all dem vielen Elend in der Welt, das uns verzweifeln lässt und den Gedannken aufkommen lässt: "Ich kann ja doch nichts dagegen tun, selbst ein Lottogewinn würde da ein Tropfen auf den heißen Stein sein." Darum geht es nicht. Es geht darum, dass sich hier in der Geschichte etwas abspielt zwischen Jesus und dieser einen Frau – und dass sich andere dazwischenschalten – Leute, die es im Grunde gar nichts angeht, wenn ein Mensch Jesus seine Liebe zeigt. Hätte Jesus selbst etwas gesagt zu der Frau, hätte er sie darauf hingewiesen, sie solle die Salbe verkaufen, das wäre etwas anderes gewesen. Für Jesus aber hat dieses Ereignis eine besondere Bedeutung. Nur noch zwei Tage, keine achtundvierzig Stunden mehr trennen Jesus von seinem Tod. Und Jesus weiß, was da auf ihn zukommt. Und außer ihm wissen es noch einige andere: in der Runde mit Bestimmheit Judas. Die anderen könnten es wissen, denn Jesus hat bereits darauf hingewiesen. Bald wird keine Zeit mehr sein, ihm körperliche Wohltaten zu erweisen. Und vielleicht wird es dann keine Gelegenheit mehr geben zu einer normalen Behandlung und Salbung seines Leichnams. Die Frau konnte es nicht wissen: Jesus würde bald sterben – für uns. Und für eine solche Liebestat ist keine Salbe zu teuer und zu kostbar.

Jesus hat die Frau in Schutz genommen und verteidigt. Er hat angenommen, was sie ihm geschenkt hat – und im Angesicht des Todes war es für ihn eine Wohltat. In einer Diskussion in einem Bibelkreis , in der wir die Salbungsgeschichte besprochen haben, meinte eine Frau zum Vorwurf der Verschwundung: "Vielleicht liegt es an der Liebe zu der Sache, zu Jesus? Manche Menschen geben ja ihre Gaben nicht den Armen, weil da niemand drüber redet.

Sie wollen ein sichtbares Zeichen setzten ihrer "Opfergabe". Wenn ich aber aus Überzeugung und Liebe zu Jesus ein Kirchendach mitfinanziere, nicht damit jemand meinen Namen irgendwo einmeisselt, sondern, damit in dieser Kirche Jesus verkündigt werden kann, dann ist das doch irgendwie vergleichbar, oder? Ich glaube, dass der Kern in der Haltung zu Jesus ist.

Wenn ich mir aus Liebe zu Jesus ein riesiges Kreuz in den Flur hänge und nicht meinem Nächsten eine Essenspacket gekauft habe, wer will das beurteilen?

Mir fiel dazu ein, dass derjenige, der sei Herz für Jesus geöffnet hat, doch auch automatisch mehr Liebe für andere Menschen aufbringen wird. "Natürlich hast Du recht damit, dass dann immer was für andere abfällt, wenn ich Jesus lieb habe. Klar. Die Sache ist ja, dass andere immer meinen, sie hätten was dazu zu sagen, wie ich diese Liebe zu leben hätte. Hier sind es die Jünger, die meinen, dass das nicht nötig gewesen wäre. Bei uns? Wer sagt denn, dass der Gemeindebeitrag der Ausdruck für Christsein ist, oder überhaupt erst würdig macht in die Kirche kommen zu dürfen? Es ist doch immer ein persönliches Miteinander zwischen mir und Gott. Ich gebe im Moment nirgends meinen zehnten hin. Was ich an Zeit und Liebe anderen gebe, das kann doch niemand messen oder beurteilen."

Jedenfalls ist die Prophezeihung von Jesus eingetroffen: Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in aller Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie jetzt getan hat. Über die Frau mit dem Salböl wird bis heute gesprochen, in unzähligen Gottesdiensten und Bibelkreisen. Viele Künstler haben sie auch bildlich dargestellt. Und daran sollten wir denken, wenn der Streit darum, was die Kirche mit ihrem Geld tut, wieder einmal entflammt.

Wozu Orgelrestaurierung, Innensanierung von Kirchen und Gemeindehäusern, wenn es doch so viele Arme gibt? Aber alles hat seine Zeit und seinen Ort, wenn es denn aus Liebe geschieht, aus Liebe zu Gott und den Menschen. Ja, es hat auch etwas mit Liebe zu den Menschen zu tun, wenn schöne Kirchenmusik möglich ist, wenn die Seele zur Ruhe kommen kann in einem unserer alten Gotteshäuser. "Aber es kommt ja sowieso keiner, weil die Kirchen so leer sind, sind auch unsere Kassen so leer", werden Sie vielleicht sagen. Vielleicht sind aber unsere Kirchen so leer, weil auch unsere Herzen so leer sind, weil wir nichts mehr ausstrahlen können. Schauen Sie sich um in unseren Kirchen!

Unsere Vorfahren haben sich ihre Gottesliebe etwas kosten lassen, und sie haben recht daran getan. Und wenn wir die Spuren dieser Gottesliebe wieder aufleuchten lassen, was sollte daran schädlich sein? Vielleicht findet jemand den Weg in so eine Kirche, vielleicht sogar einmal vor oder nach einem Gottesdienst, der geistlich verarmt ist und vielleicht kann er hier neue Kraft schöpfen und beschenkt nach Hause gehen. Es ist nicht immer nur das Wort allein, es sind alle Sinne, die von der Liebe angesprochen und berührt werden.

Gewiss wäre Jesus auch ohne die Salbung der Frau auferstanden, ebenso wo Gott auch am erbärmlichsten Ort lebendig sein kann. Aber eigentlich sollte uns für ihn das Beste, das Kostbarste, gerade gut genug sein. Nicht aus Pflichtgefühl und auch nicht, damit unser Name "unsterblich" wird, sondern aus reiner Liebe.

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