Glaubenskorrektur

Liebe Gemeinde,

diese Geschichte ist nicht nur grausam, sie stellt Fragen, auf die ich keine Antwort weiß. Traditionell ist das eine Geschichte, in der vom Glauben Abrahams als Musterbeispiel erzählt wird. Wir wissen zwar, dass sie gut ausgeht und so ist Abraham der Stammvater des Vertrauens geworden. Vielleicht hat man im Orient diese Geschichte so hören und verstehen können. Aber wenn ich diese Geschichte auf mich wirken lasse, wenn ich sie einbette in unsere Welt, dann kriege ich das Gruseln und viele Fragen. Sicher, Gott kann unbegreifliche Wege führen, sicher, Gott kann auch am Leid wichtige Erfahrungen schenken. Aber dass ein Mensch einen anderen Menschen umbringt um Gottes Willen, das kann keine Prüfung sein. In diesen Tagen wird viel spekuliert, warum diese Mutter mit ihren drei Kindern in den Tod gegangen ist. Ich will nicht weiter spekulieren, aber wir merken daran, wie schrecklich das ist. Und hätte sie überlebt, wäre sie lebenslang ins Gefängnis gegangen. Und Abraham hätte es getan und hätte überlebt. Wie wäre er zu seiner Frau zurück gekommen? Zur Mutter des einzigen Sohnes. Wäre er je damit fertig geworden?

Und überhaupt, wie sind Abraham und Isaak nach Hause gegangen? Vater, und du hättest es wirklich getan? Wie hat Abraham seinem Sohn und seiner Frau in die Augen geschaut, seiner Frau, die nicht einmal Abschied nehmen konnte vom Sohn?

Was hat der Abraham da wirklich gehört? Wir wissen von ihm, dass er an anderer Stelle um das Leben von Menschen mit Gott gehandelt und gefeilscht hat. Und hier steht er auf und geht los, um seinen Sohn zu töten? Wie deutlich spricht eigentlich Gott zu einem Menschen? Wie eindeutig? Gehört nicht unser eigenes Nachdenken, Hören und Träumen mit um die Stimme Gottes herum? Unsere Ängste, Gefühle? Hat das alles Abraham ausgeschaltet, hatte er keine Freunde, mit denen er reden konnte, prüfen konnte, was er da gehört hatte. Und wo war die Mutter des Kindes, hätte sie nicht geschrien, als die beiden loszogen. Nichts von alledem hören wir. Um den großen Glauben darzustellen, wird alles Menschliche herausgehalten. Sicher, man kann vieles aus der Geschichte herausnehmen, es geht ja gut aus, aber geht es immer gut aus? Nicht einmal das stimmt an der Geschichte. Mancher kennt andere Erfahrungen. Wo auch Hoffnungen zerstört wurden, Wege abgeschnitten und es kam kein Engel, der ein Ersatzschaf mitbrachte. Und wo es lange dauerte, bis durch eine tiefe Trauer hindurch ein Sinn entdeckt wurde.

Mir sagt die Geschichte anderes: es gibt wohl solchen Glauben, der ohne Alternativen durchzieht, was er meint, was Gott von ihm will. Ein Glaube, der sogar über Leichen geht. Ein Glaube, den sich Gott lange anguckt und eingreift, Gott sei Dank, eingreift, wenn wir zu weit gehen. Wenn wir im Sinn der Bibel vermeintlich glaubenstreu unsere Kinder schlagen, weil es im Buch der Sprüche so steht, wenn wir uns zugrunde richten, weil wir glaubenstreu unsere Gefühle nicht mehr herauslassen, unsere Wut, unseren Ärger und Liebe falsch verstehen, wenn wir glaubenstreu die verurteilen, die ihre Kinder abtreiben lassen, wir aber nie bereit wären, ein solches Kind aufzunehmen, wenn wir glaubenstreu eine Hetzjagd machen auf Homosexuelle oder gar, wie ich kürzlich hörte, die Aidskranken in Afrika als Sünder abstempeln. Wie viele Menschen werden geopfert auf dem Altar, der da angeblich Gottes Wille heißt? Glaube an Gott auf Kosten anderer oder wie in unserer Geschichte, ein Lob dafür, dass ich zu Entsetzlichem bereit bin, da kann ich nicht mit. Glaube heißt, Gottes Wegen vertrauen, da stimme ich zu, aber nicht, wenn dafür andere geopfert werden müssen. Glaube heißt aber auch, Wege suchen, Gott fragen, anfragen, und mit anderen im Gespräch bleiben.

Glaube im Alleingang ist gefährlich, lebensgefährlich. Gott sei Dank sind dem Abraham im richtigen Augenblick die Augen aufgegangen und er hat entdeckt, was Gott wirklich wollte. Und Abraham hat geglaubt, dass es Gott ist, der ihn von diesem verhängnisvollen Weg abbringt. Und das ist nun wirklich mustergültig, er hat sich und seinen Glauben korrigieren lassen. Er hat im letzten Augenblick entdeckt, das Gott das Leben will. Der Gott, wie es ein Prophet sagt, der Zukunft und Hoffnung gibt.

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