Abraham – ein Unmensch?

Der heutige Predigttext stammt aus der archaischen Vorzeit des Volkes Israel, aus der Zeitz der Überlieferungen über die Stammväter Abraham, Isaak und Jakob. Ich lese aus dem Buch Genesis, 1. Mose 22, die Verse 1 bis 13.

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Schwestern und Brüder in Christus! Natürlich macht sich Entsetzen breit, Entsetzen über Mütter und Väter, die ihr Kind quälen, die ihr Kind verhungern lassen, die ihr Kind sexuell missbrauchen, die ihr Kind wissentlich zum sexuellen Missbrauch verkaufen. Entsetzten auch darüber, dass solche grausamen Schicksale durch Privatsender und Boulevardblätter wie Bild u.a. dann auch noch ordinär und lüstern ausgewalzt werden, um die Einschaltquote oder die Auflage zu steigern, um unsere Sensationslust zu befriedigen.

Natürlich macht sich Entsetzen breit, wenn wir in diese Abgründe menschlichen Tuns schauen.

Und tun wir nicht so, als wären wir ein Engel. Oft genug spricht unser Tun dem Geschenk Gottes, sein Ebenbild sein zu dürfen, Hohn. Ist Abraham so ein Unmensch? Ist Gott selbst ein Unmensch?

Eine wichtige Beobachtung für mich: Abraham liebt seinen Sohn und Isaak liebt seinen Vater. Das Bild, das beide abgeben, entspricht wohl ziemlich der Sehnsucht aller Söhne und Väter dieser Erde. Eine echt gute Vater–Sohn–Beziehung. Ich sehe idyllische Bilder vor mir: der Sohn auf den Schultern des Vaters, Vater und Sohn unbeschwert herumtollend, Vater und Sohn in ein ernstes Gespräch vertieft, Vater und Sohn unzertrennlich.

Eine zweite wichtige Beobachtung. Abraham vertraut Gott und Gott vertraut Abraham. Er ist bereit, das schwerste Opfer zu bringen, was für einen liebenden Vater vorstellbar ist. Er ist tatsächlich bereit, seinen Sohn zu opfern. Abraham ein Unmensch? Gott ein Unmensch, der Abrahams Vertrauen hier bis aufs Äußerste austestet?

Abraham wäre bereit – und es würde ihm das Herz brechen. Gott bricht diese entsetzliche Mutprobe ab, weil er gar kein Opfer will. Gott will das Vertrauen Abrahams, dem er ja mit Sara nach so vielen Jahren ohne Kinder diesen Sohn geschenkt hat. Es ist ja ein absolutes Wunschkind. Papas und natürlich auch Mamas Liebling!

Und hier sind wir an einem ganz wesentlichen Punkt, weil sonst diese Geschichte unentwegt missverstanden wird als Beispiel für einen ungerechten und gewalttätigen Gott. In diesem alten Mythos kommt nämlich genau das Gegenteil zum Ausdruck. Diese alte Überlieferung nimmt zwar das heidnische Motiv des Erstlingsopfers auf, was in den heidnischen Kulten des Umlandes tatsächlich bedeutete, dass der Erstgeborene bei Menschen und Tieren, aber auch die ersten Früchte des Feldes den Gottheiten als Erstlingsopfer dargebracht wurden.

In den jüdischen Vorschriften hat sich aus dieser Zeit Ähnliches niedergeschlagen. Allerdings in der Umkehrung und in symbolischer Bedeutung in dem Sinne, dass die Erstlingsgeburt Gott besonders heilig ist und von Rechts wegen einzig und allein in den Dienst des Herrn treten darf. Eine besondere Ehre und Heraushebung!

Der Heilige Gott braucht kein Menschenopfer! Er hat Abraham in seinem Sohn Isaak gesegnet und dieser dankt es ihm durch ein Vertrauen, dessen Tiefe wir vielleicht nur ahnen können. Abraham war zum Äußersten bereit. Im Blick auf den Menschen durchaus auch eine gefährliche Bereitschaft, die bei manchen religiösen Fanatikern in der Geschichte und auch der Gegenwart zu grausamen Ritualmorden und Menschenopferungen führt.

Der Heilige Gott braucht kein Menschenopfer! Und an dieser Stelle möchte ich den Blick auf das Leiden und Sterben Jesu richten. In diesen Wochen der Passion besinnen wir uns auf seinen Kreuzweg. Hat Gott hier nicht dann doch einen Menschen geopfert? Nicht irgendeinen Menschen, sondern seinen geliebten Sohn – wie eine archaische Gottheit?

Zwei Gedankengänge dazu. Erstens. Jesus wurde von religiösen Führern, von der politischen Elite und vom gemeinen Volk verurteilt, gefoltert und hingerichtet. Richten wir nicht den Zeigefinger auf andere. "Kreuzige ihn", schrie die Menschenmenge. "Kreuzige ihn!"

Und diese Menge ist die Menschheit mit ihrer Blutrünstigkeit, ihrer geilen Sensationslust, ihrem eigenen Trieb, andere fertig zu machen, zu opfern.

Hinzu kommt, dass sich das politische System hinterfragt und gefährdet sah. Das wäre ja noch schöner, wenn der Glaube an Gott auch politische oder gesellschaftliche Konsequenzen hätte. Hören wir einmal kurz in den Lobgesang der Maria bei Lukas, Kapitel 1: "Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen."

Und die religiösen Führer? Sie konnten nicht glauben, was Jesus von sich sagte: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben! Ich bin Gottes Sohn. Das war Gotteslästerung in ihren Augen. Der Unglaube, dass Gott in Jesus zur Welt gekommen ist, hat seinen Tod verschuldet. Jesus ist hingerichtet worden, weil der Boulevard eine Hetzkampagne führte und ein Opfer forderte, weil Gerechtigkeit gesellschaftlich und wirtschaftlich konkret werden sollte, weil der Unglaube die Menschen blind gemacht hat. Das ist das Erste.

Ein zweiter Aspekt noch. Gott selbst ist in den Tod gegangen. Es ist ja der heruntergekommene Gott selbst, der uns in Jesus begegnet, der uns nahe kommt, nicht der unberührbare, der sich fern und vielleicht genussvoll das Schicksal der Menschen durchs Fernsehen oder durch die Bildzeitung reinzieht.

Der Heilige Gott braucht kein Menschenopfer. Er selbst trägt die Last der Welt, all die Schuld und das Versagen, all die Ungerechtigkeit und das Leid. Natürlich ist das mit dem Verstand nicht zu fassen: Jesus – wahrer Mensch und wahrer Gott.

Dass Jesus auf dem Weg zur Hinrichtung unter dem Kreuz zusammenbricht, ist für mich Hinweis auf die Schwere des Leids, auf die ungeheure Last, die er zu tragen hat. Abrahams Versuchung! Eine Geschichte, die uns in die Abgründe menschlichen Wesens blicken lässt, die uns das Leid der Welt vor Augen führt, die uns zum Vertrauen und zum Glauben einladen will an den Gott, der in Abraham die Menschheit gesegnet hat, der in Jesus das Leid der Welt auf sich genommen hat und in dieser Welt Gerechtigkeit will.

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