Genau hinhören

Liebe Gemeinde,

der Sonntag "Judika" hatte für mich schon als Kind immer etwas Finsteres. Da ich schon mit zehn Jahren Lateinunterricht hatte, wusste ich sehr wohl, was das Wort "judicare" bedeutet, und der Psalm 43, den wir eben gesprochen haben und von dem der Sonntag seinen Namen hat, war mir aus dem Kirchenchor bekannt, allerdings mit dem bedrückenden Anfang einer alten Übersetzung: "Richte mich, Gott". Die Bitte: "Sende dein Licht und deine Wahrheit", die drang gar nicht so richtig zu mir vor. Für mich war das immer der Sonntag der Hoffnungslosigkeit, der Tiefpunkt der Passionsgeschichte vor dem Karfreitag. Und in meiner Erinnerung meine ich, da sei es auch immer kalt und regnerisch gewesen. Und dann noch so ein Predigttext, ein Text, der zu denen gehört, in denen Gott einem auf einmal ganz fremd wird:

[TEXT]

Was ist das für ein Gott, der einen Vater "versucht", der da das Liebste von ihm fordert, und der einem kleinen Jungen zumutet, auf einem Altar gefesselt zu werden? Ich konnte das nie so leicht nehmen wie Paul, ein Zehnjähriger aus meiner Religionsklasse. Paul sagte, als wir vor ein paar Wochen über Abraham und Isaak sprechen: "Gott wollte die doch nur prüfen – er hätte das niemals wirklich erlaubt". Paul hat einen festen und heiteren kindlichen glauben.

Mir hat man damals erklärt: "Gott hat ja auch seinen eigenen Sohn geopfert, also müssen wir auch bereit sein, alle Opfer zu bringen, die er von uns fordert". Das haben Erwachsene zu mir gesagt, Erwachsene, deren Glaube irgendwie nicht mitgewachsen ist. Erwachsene, die mir einen strafenden Gott vorgehalten haben, einen, der alles sieht: Wenn ich nasche, wenn ich meinen kleinen Bruder nicht gut behandle, wenn ich schlechte Noten schreibe, wenn ich im Gottesdienst geistesabwesend bin. Einen Gott, der keinen Spaß versteht und der mir immer eins draufgeben wird, sofern meine Eltern das nicht selbst tun konnten, weil ihnen irgendeine meiner Schandtaten entgangen war.

Irgendwann habe ich selbst erfahren, dass Gott anders ist. Das ist zum Teil im Studium passiert, durch gute Lehrer, aber zum Teil auch in meinem Leben. Mein Glaube ist ganz langsam erwachsen geworden. Er ist anders geworden als der Kinderglaube. Ich habe eine Freundin, die nichts mehr mit Gott zu tun haben will. Sie beklagt sich: "Mein Kinderglaube ist mir abhanden gekommen, darum trauere ich zwar, aber da ist nichts mehr zu ändern.

Das Leben hat mich eines anderen belehrt." Sie ist ausgerechnet Kinderpsychologin, ein Mensch, der eigentlich wissen müsste, dass man die Kindheit und ihre Befindlichkeiten nicht unverändert festhalten kann, ohne dabei seelisch zu verkümmern. 11 Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war, heißt es im 1. Korintherbrief.

Erwachsen wird in unserer Geschichte auch der Glaube Abrahams. Zuerst tut er alles, was Gott von ihm fordert. Klar, so war er aufgewachsen: Es war üblich, Gott bedingungslos zu gehorchen. Er hatte das Land seiner Väter verlassen, er hatte getan, was Gott verlangte, und es war immer zu seinem besten gewesen. Die erste religiöse Pflicht, so steht es fest, und deshalb gibt es hier auch keinen Widerspruch, ist der Gehorsam. Aber nun, als er mit seinem Sohn da den Berg besteigt, in der festen Absicht, gehorsam zu sein, da zeigt ihm Gott, dass er, Jahwe, ein Gott ist, der sich verändert. In dem schrecklichsten Augenblick, als der Vater das Opfermesser über dem eigenen Kind zückt, greift Gott durch seinen Engel ein. Die Erkenntnis ist zu groß. Nicht einmal in der größten Krise könnte ein Mensch von sich selbst darauf kommen: Eine Offenbarung wirkt die Veränderung. Gott selbst befreit den Menschen von seinem religiösen Gehorsam, der ihn zum Opfer zwingt. Gott will nicht den Opfertod, Gott will das Leben, will den Fortgang des Lebens, will die Ausbreitung seines Segens, der unmöglich würde, wenn der Gehorsam bis zum Opfer fortgeschritten und Isaak, der ersehnte Träger der Segenshoffnung, zum Opfer geworden wäre.

Gott sagt: "Ich will keinen blinden Gehorsam – ich bin ein sehender Gott. Und deshalb sollst du auch genau hinschauen," "Morija" Gott sieht" heißt der Berg, wo das geschah – und in der Überlieferung ist das der Berg, wo später der Tempel von Jerusalem steht. Schon öfter haben wir im Alten Testament erfahren, dass Gott sich verändert, weil er mit seinen Menschen mitgeht, sei es nach der Sintflut, als ihn sein Tun gereut, oder sei es am Ende des Buches Hiob. Unser Gott ist ein sehender Gott.

Abraham wie Isaak, stehen in der religiösen Tradition des Landes, im traditionellen Gehorsamsglauben: Gott will Opfer, wir Menschen haben Gottes Willen zu erfüllen, selbst unsere Kinder und uns selbst geben wir zum Opfer hin, wenn es denn verlangt wird. Wir können nicht einmal sagen, dass die beteiligten Personen in eine tiefe Krise geraten durch diese göttliche Forderung. Gehorsam schützt vor der Krise. Die Friedhöfe der Welt sind entsetzlicherweise voll solcher freiwillig, im Vollzug religiöser Pflicht gegebenen Opfer. Und die islamischen Selbstmord-Attentäter unserer Tage leben immer noch in diesem blinden und lebensfeindlichen Gehorsamsglauben. Für sie ist Isaak (sie nennen ihn Ismael) der Held der Geschichte, weil er bereit ist, sich für Gott abschlachten zu lassen – und sie fühlen sich berufen, sich selbst zum Opfer zu machen, also das zu Ende zu bringen, was Gott gar nicht mehr wollte. Gott aber hat mit dieser Geschichte gesagt: "Ich, Jahwe, will keine Menschenopfer, und Israel hat mit und durch Abraham begriffen, dass von nun an jedes Menschenopfer angesichts dieses Gottes eine Sünde wird.

Es ist spannend, der Geschichte in der hebräischen Bibel zu folgen: Da ist zuerst für Gott immer das Wort "Elohim" verwendet, das pauschal "die Götter" bedeutet, aber in dem Moment, wo der Engel erscheint, steht da "der Engel Jahwes". Jahwe, das sind die vier Buchstaben, die den Eigennamen Gottes bezeichnen und die ein frommer Jude aus Ehrfurcht niemals aussprechen würde. "Adonai", der Herr, wird da aus jüdischen Bibeln gesprochen, im Text steht nur ein "a". Es war auch die jüdische Auslegung, die auf diese auffällige Veränderung im Text hingewiesen hat:

Der Gott, der das Opfer des Kindes fordert ist „Elohim“, benannt mit dem Begriff der alten kanaanitischen Götterwelt. Der Gott, der aber das Menschenopfer ablehnt und die Möglichkeit des Ersatzes anbieten ist „Jahwe“, der sich Israel persönlich offenbarende Gott. Es geht also bei der Ablösung des Menschenopfers durch das Tieropfer um ein Wachstum im Glauben, aus der alten fordernden Religion wird der Glaube an einen Leben schenkenden Gott.

Warum ist das so wichtig? Es ist wesentlich, weil es später noch einmal einen einschneidenden Wandel im Glauben an das, was Gott von uns will, gibt: Gott hat seinen Sohn geschickt, und sein Sohn geht, gehorsam wie es die Gebote fordern, den Weg zum Kreuz. Hier schaltet Gott keinen Engel ein, der im letzten Moment "halt" sagt. Gott wollte, dass die Menschen wieder etwas begreifen: dass das Kreuz auf Golgatha das Ende jeglichen Opfers sein muss, denn der Gekreuzigte ist das Opfer für alle Zeiten.

Hier könnte ich nun "Amen" sagen, zu deutsch "so ist es". Aber ist es wirklich so? Ich habe viele Predigtkommentare gelesen bei den Vorbereitungen für die Auslegung heute. Und ich habe beängstigende Entdeckungen gemacht. Da finden sich Aufforderungen zum Vorleben von widerspruchslosem Glaubensgehorsam bis hin zum Martyrium. Als genüge den Predigern der Opfertod von Gottes Sohn nicht, als müsste da noch eins draufgesetzt werden.

Es ist zwar sprachwissenschaftlich nicht ganz einwandfrei, aber im Wort Gehorsam steckt auch das Wort "hören". Und ich denke, wir sollten ganz genau hinhören, was Gott wirklich meint, wenn er uns etwas auferlegt. Wir beten im Vaterunser "Dein Wille geschehe". Damit lassen wir uns auf eine unbekannte Größe ein, denn Gottes Wille ist uns nur durch die Brille unserer menschlichen Sichtweise bekannt, ganz erfassen werden wir ihn in diesem Leben nie. Aber eines können wir wissen: Er liebt uns mehr als wir es uns vorstellen können. Und deshalb können wir mit dem Psalmbeter sprechen: "Sende dein Licht und deine Wahrheit, dass sie mich leite". Dass sie uns leite, durch Jesus Christus, den Anfänger und Vollender unseres Glaubens.

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