Du gehörst zu mir

Liebe Gemeinde,

eigentlich wollte ich mit einem richtig schönen und gefühlvollen Satz beginnen. Aber dann fiel mir ein, dass es im vergangenen Jahrtausend einen gleichnamigen Schlager gegeben hatte. Der Satz hätte gelautet: „Du gehörst zu mir“. In den Tiefen meines Gedächtnisses verbinde ich damit einen Schlager mit simpler Melodie. Aber irgendwie hat sich da etwas eingehämmert. Es ist schon komisch. Da traut „Mann“ (mit Doppel-N geschrieben) sich nicht, einen so schönen, einfachen Satz einfach zu sagen: “Du gehörst zu mir“. Kaum ruft ihm das Gedächtnis Gefühlsschmalz in Erinnerung, wird er nervös und distanziert sich vorsichtig. Zu wem oder was gegenüber rührt sich der Wunsch nach Distanz? Geht es um Distanz gegenüber der Emotion, den Gefühlen? Um Distanz gegenüber der Verbindlichkeit, die mitklingt? Oder geht es um Distanz gegenüber der Schönheit dieses Satzes weil so viel andere Lebenserfahrungen andere harte Lehren verpasst haben? Oder ist es Angst um Freiheit, die sich intuitiv gegen absolut anmutende Zugehörigkeitssprüche wendet? Oder ist es einfach nur der Wunsch, diese Zeile selbst singen zu wollen, anstatt sie nur zu hören? Jetzt habe ich natürlich noch gar nicht erklärt, warum ich überhaupt mit diesem Satz anfangen wollte. Er kam mir in den Sinn bei der Suche nach einer Zusammenfassung dessen, was unser doch recht schwierig aufgebautes Stück aus dem Johannes-Evangelium überhaupt zum Ausdruck bringen will. Im heute auszulegenden Predigttext liegt eine Verständnisfalle bereit. Haben Sie es noch im Ohr? „Wer mein Fleisch isst … der bleibt in mir. Wer mich isst, der wird leben“. „Wer…der.“ Das klingt sehr gesetzlich. Das klingt wie Anweisung, wie Bedingung. Das klingt wie etwas, was ich tun kann oder tun muss. Wenn das nicht so missverständlich wäre, würde ich sagen, das klingt wie ein „frommes Rezept.“ Aber Liebe spüre ich nicht in Gesetzen. Mit Anweisungen verbinde ich keine Gefühle. Und ehrlich: Wie Johannes das formuliert hat, klingt es doch eher unappetitlich als einladend.

Nun soll ein Prediger immer darauf achten, in welchem Zusammenhang sein Predigttext steht. Der unsrige heute ist das Schlussstück der so genannten „Brotrede“ Jesu im 6. Kapitel des Johannes-Evangeliums. Ihre Melodie, die Jesus im Herzen der Menschen sinnlich, geistlich und dauerhaft verankern will geht – frei nachkomponiert – so: „Du gehörst zu mir und so du das glaubst, wirst du leben in Ewigkeit“. Die Brotrede stellt die Auslegung zur „Speisung der Fünftausend“ dar. Das ist eines dieser Ereignisse, die im Johannes-Evangelium „Zeichen“ heißen, Wegweiser zum wahren Leben.

„Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich in ihm. Wie mich der lebendige Vater gesandt hat … so wird auch, wer mich isst, leben um meinetwillen. Dies ist das Brot, das vom Himmel gekommen ist. Wer dies Brot isst, der wird leben in Ewigkeit“. Unschwer erkennen wir die Bezüge zur Feier des Heiligen Abendmahls. Hören wir darin auch die Einladung zum Leben? Die Gedanken des Johannes sind ja oftmals schwer zu erfassen, weil er soviel auf einmal sagen will.

Es sind vier Gedanken, deren innere Zusammengehörigkeit Johannes darstellt: Der erste Gedanke ist das Glaubensbekenntnis: Jesus ist die Inkorporation wahren Lebens. Gott ruft uns in seinen Leib hinein, um uns am ewigen Leben Anteil zu geben. Der zweite Gedanke stellt drastisch heraus, das Teilhabe am Leib Jesu eine reale, ganz sakramental-dingliche Dimension hat. Wir feiern die Zugehörigkeit zum Leib Christi im Heiligen Abendmahl. Der dritte Gedanke mahnt die politischen Konsequenzen des Glaubens an. „Fleisch ist nichts nütze“ heißt in diesem Zusammenhang: Wenn du einen Ritus vollziehst und kapierst nicht, was er bedeutet, dann ist das ein leeres Spiel. Die Bedeutung liegt nicht in der Feier selbst, sondern im Glauben, im „Geist und Leben“, wozu die Worte Jesu Tür und Tor öffnen. Gott aber, so der vierte und letzte Gedanke, ist es der uns hineinruft in Leben.

„Du gehörst zu mir. Du gehörst dazu“. In der Kirche stellen wir diesen Satz in der Taufe an den Anfang menschlichen Lebens. Wir bezeugen diesen Satz in der kirchlichen Diakonie gegenüber denen, die ansonsten ausgeschlossen wären. Wir verkünden diesen Satz an den Gräbern: Auch im Tod gehörst du zu Gott. „Du gehörst dazu“. Dieser Satz bedarf keinerlei Einschränkung. Er ist an keine Bedingung geknüpft. Er ist gegründet in tiefem, unendlichen Reichtum an Liebe und Zuwendung. „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen“, heißt es in der Brotrede. „Ich bin das Brot des Lebens“, sagt Jesus. Schöne Worte voller Heimat. Aber nun wollen wir uns nicht ins Süßlich-Fromme verlieren und nicht etwa in religiöser Zuckerwatte kleben bleiben. Hören wir den Gegensatz:

„Du gehörst nicht dazu“. Dieser Satz, dieser Gegensatz betrifft unser Leben gelegentlich hart und direkt. Wo haben wir ihn nicht schon überall gehört? Das hat schon im Kindergarten angefangen -„Geh weg, mit dir spiele ich nicht“ – und sich im Sportunterricht fortgesetzt, wenn man bei der Mannschaftswahl übrig blieb. Wir haben diesen Gegensatz gehört. Wir haben ihn aber auch bisweilen gerne ausgesprochen.

Es ist schon eigenartig, etliche Menschen fühlen sich überhaupt erst wohl und anerkannt, wenn sie zu einem Kreis gehören dürfen, der „exklusiv“ – was auf Deutsch ja heißt „ausschließend“ – ist. Weil diese seltsame Sehnsucht wohl in jedem Menschen steckt, sind wir auch der uns unverhohlen manipulierenden Werbung schutzlos ausgeliefert. Von Kopf bis Fuß könnte man sich mit Marken bekleben, deren geheime Botschaft lautet: Ich gehöre dazu – und du nicht.

Jeder von Ihnen weiß darum, wie sehr man einen Menschen verletzen kann, indem man ihm mehr oder weniger direkt bedeutet: Für dich gibt es keinen Zutritt. Mein Herz ist dir verschlossen. Meine Familie zeigt dir die kalte Schulter. Du bist entlassen. Dich mögen wir nicht. Du bist uns zu teuer, zu doof, zu arm, zu katholisch, zu türkisch, zu fremd. Hau ab. In einem kurzen Nebensatz spielt unser Bibeltext auf das biblisch Manna an. Ein wohl klingender Name. Schaut man aber genau hin, dann war „Manna“ das Armenbrot in der Wüste. Die Israeliten wussten nie genau, ob es am nächsten Tag noch da ist. Und deswegen wurden sie – obwohl von Gott selbst versorgt – geizig. Man raffte das Manna und versteckte es voreinander. Ein ähnlich geiziger, lebenskärglicher Zug ist unserer Zeit zu eigen. Da wird es wieder, wie früher. Wenn damals Menschen aus der Fremde in die Dörfer dieser Region kamen, betrachte man sie nur ungern als Gäste, weil Lebensmittel knapp waren. Und so lange ist das noch nicht her, dass man dumpfe, todbringende Politik mit fressneidiger Verachtung der „unnützen Esser“ machen konnte.

„Das ist eine harte Rede; wer kann sie hören“, heißt es in unserem Predigttext. Ich hoffe, dass Ihnen – auch wenn man das am Sonntag in der Kirche so ungern hört – die politische Bedeutung der Zugehörigkeit zum Leib Christi deutlich geworden ist. Wenn Sie nicht nur fromme Worte hören wollen, und wenn Sie nicht nur erbaut davon schweben möchten, dann nehmen Sie das als Auftrag mit in die nächste Woche: Überprüfen Sie Ihr Denken über die Menschen in Ihrem Umfeld. Wen schließen sie aus, obwohl sie das nicht tun sollten?

Überprüfen Sie Ihren Umgang mit den so drängenden Fragen unserer Zeit. Wie lästig ist Ihnen die täglich wachsende Zahl der Arbeitslosen? Versuchen Sie herauszufinden, ob sie es Christus im Gebet gestehen würden, dass Ihnen dieses Thema vollkommen gleichgültig ist. „Bin ja nicht betroffen“.

Fragen Sie sich aber auch, wie reißfest Ihre Verbindung im Glauben an Gott ist. Rufen Sie doch Ihrer Seele zu: „Zittere nicht immer so. Du weist doch, du und ich, wir gehören zu Gott. Wir sind Glieder am Leib Jesu. Wir gehören dazu.“

Freuen Sie sich doch darüber, dass es Ihnen möglich ist, am Sonntag in einen Gottesdienst zu gehen. Freuen Sie sich darüber, dass Sie zur Kirche gehören. Freuen Sie sich darüber, dass Sie von den Worten und vom Geist Jesu erfasst sind. Freuen Sie sich darüber, zur Gemeinde zu gehören. Freuen Sie sich darüber, dass Ihnen die Melodie Gottes nichts zu süßlich oder kitschig ist. Lasen Sie die Menschen in ihrem Umfeld an dieser Freude Anteil haben. Lassen Sie es andere spüren, dass Sie ihnen nicht gleichgültig sind. Das ist ein bescheidener, aber ganz wesentlicher politischer Beitrag zur Wahrung der Menschlichkeit in unserer Gesellschaft. Freuen Sie sich darüber, dass sie zum Leib Christi gehören. Und wenn Ihnen das gelingt, ohne dabei überheblich zu werden, dann sind Sie auf dem richtigen Weg.

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