Alles Er

Jesus und Menschen – viele Menschen: Fünftausend, so berichten die Evangelisten. Er gibt Ihnen das gute Wort von Gott, hilft, heilt. Und er teilt das Brot. Sie werden satt, die fünftausend, an Leib und Seele. „Dieser Jesus! Wenn so einer unser König wäre …“ Die Menschen – sie folgen ihm. Anderntags, nun nicht mehr am Berg der Danksagung, treffen sie in Kafarnaum auf ihn. Er aber: „Schafft Euch Speise, die nicht vergänglich ist, sondern bleibt und zum ewigen Leben führt. Die wird Euch der Menschensohn geben. … Gottes Brot ist das, das vom Himmel kommt und der Welt das Leben gibt …: Ich bin das Brot des Lebens: Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern und wer mir vertraut, den wird nimmermehr dürsten und wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinaus stoßen.“ Es kommt zum Misstrauen: Was sagt der von sich? Das ist doch nur der Sohn von Maria und Josef aus Nazaret – wie kann der so was behaupten? Die Situation ist auf die Spitze getrieben: Einer, der Brot gibt? Ja. So einen zum König? Gerne. Besser als Herodes und sein Lumpenpack und die Römer. – Aber vom Himmel gekommen? Womöglich der Messias, der Retter, der Heiland? Das lebendige Brot – mein Fleisch zum Leben für die Welt? Unerhört! – Da scheiden sich die Geister. Und Jesus spitzt die Situation weiter zu:

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Liebe Gemeinde, Schwestern, Brüder – Kompliziert, nicht wahr? Und durchaus Dinge im Predigttext, die zum Stirnrunzeln führen. Und trotzdem: Ich freue mich darüber, dass wir in den Worten Jesu vom Brot des Lebens mehr erkennen können als die Menschen damals, vor Seiner Passion: Jesus nämlich, der sich, sein Fleisch, seinen Leib wirklich hergibt, ganz und gar, ohne Netz und doppeltem Boden, ohne Rückzugsmöglichkeit in Getsemane und Widerruf auf Golgatha: Bis zum Kreuz. Und das Brot, das wir im Herrenmahl im Vertrauen auf Ihn miteinander teilen – „Christi Leib, für Dich gegeben.“ Und der Kelch, „Christi Blut, für Dich vergossen“, das ist wirklich Leben für die Welt, Hoffnung gegen alles Tote und den Tod, gegen die Resignation, mehr, viel mehr als das zuvor schon gesegnete Brot an die 5000. Wir leben von Ihm. Wir leben von Seiner Hingabe. Wir leben sein Hoffnung weiter.

Im Konfirmandenunterricht – wir sprachen von der Passion – war in der letzten Stunde davon die Rede. Stellen Sie sich vor: Im Fernsehen der Samstagabend-Spät-Edel­western mit John Wayne in der Hauptrolle. Der Held wird von Schurken in die Enge getrieben und in den oberen Räumen des Saloon „Zur wilden Mary“ eine Schlägerei – eine Schlägerei, wie es sie eben nur im Western gibt. Der Held eingekreist, Fäuste fliegen, ein kurzer trockener Haken, Glas und Holz splittert. Unser Held fliegt in hohem Bogen über die Veranda auf die staubige Strasse. Unsanfte Landung – mindestens ein paar Prellungen, Knochenbrüche vielleicht auch? – Aber der steht auf, schüttelt sich den Staub ab und stürmt neu ins Kampfgetümmel. Toll, was John Wayne auf seine alten Tage so noch aushält? Nein: Gar nicht so toll; die heißen Szenen hat ein Stuntman gedoubelt. – Klar, worauf die Geschichte hinaus will: Jesus unser Double am Kreuz.(Q: Diehl – Jesus bringts)

Der Autor des ersten Petrusbriefs – auch auf der Suche, mit welchem Bild er wiedergeben kann, was da mit Leib und Leben Christi geschehen ist – und was das mit uns zu tun hat – in einem anderen Bild: „Ihr wisst, dass ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöst seid von eurem nichtigen Wandel nach der Väter Weise, sondern mit dem teuren Blut Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes.“ (1Pt 1,18f) – Das wahre Himmelsbrot: „Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich in ihm.“

Allerdings: Dazu gehört etwas. Vertrauen. Glauben, das ist das etwas verbrauchtere, traditionelle Wort. Damals ebenso wie heute. Und Vertrauen hat seinen Preis. „Ich vertraue Dir, Jesus,“ meint ja: „Ich brauch das. Ich hab das nötig.“ – Moment: Hab ich das nötig? Kann ich den Karren nicht selbst wieder aus dem Graben ziehen? Sehr persönlich: Ich brauch das. Ich heiße nicht Baron Münchhausen. Ich kann mich nicht am eigenen Kragen aus dem Morast ziehen. Ich bin nicht in der Lage ein Leben zu führen, an dem Gott nichts auszusetzen hat. Dabei geht es auch gar nicht um Sünde, einzelne Verfehlungen oder deren Summe – es geht um die Haltung, mitten im Alltag faktisch gottlos oder jedenfalls: gottvergessen zu leben. „Du sollst den Herrn lieben mit von ganzem Herzen, von ganzer Seele, mit all Deiner Kraft …“-? Im Prinzip schon. Im Prinzip. Sagen Sie mal Ihrer Frau, Ihrem Mann, Freund, Freundin „Im Prinzip hab ich Dich lieb …“ Machen Sies bitte auf eigene Gefahr. Für hinterher gebe ich Ihnen gerne die Adressen von Ehe- und Partnerschaftsberatern …

Ich brauche einen, der mein Leben heil und Gott recht macht – alleine habe ich keine Chance.

So ein Eingeständnis verletzt den Stolz. Hab ich das nötig? Und der Stolz sucht Ausflüchte und Auswege und findet Verbündete im Misstrauen, dass ohnehin in mir wohnt (in Ihnen auch?) – das Misstrauen, die hässliche kleine Schwester des Vertrauens.

Ich erkenne aber auch – und da kann ich mich gar nicht freuen –, dass der Spalt des Misstrauens bis in den Kreis der Jünger geht: Damals: „Aber es gibt einige unter Euch, die glauben nicht – die trauen mir das nicht zu – die vertrauen mir nicht …“ Und die werden mich ans Messer, nein: ans Kreuz liefern.

Einer war’s dann, Judas. Zwei eigentlich. Petrus: „Jetzt lass mich endlich in Ruhe: Ich kenne diesen Jesus nicht.“ Und die anderen, die wegliefen, als es zur Sache ging? Auch nicht besser. Und die gibt es immer noch – heute. Liefert ihn aus, verrät ihn, lässt ihn im Regen stehen – und das ist so leicht und das Vertrauen nicht jedem gegeben. Eine ganz üble Sache – und wir mitten drin? Wenn’s denn so ist – was tun?

Helmut Gollwitzer, damals Pfarrer und Professor der Theologie in Berlin, schreibt – ich meine in den sechziger Jahren – das Buch „Krummes Holz – aufrechter Gang.“ Er schreibt davon, dass Gott sogar auf den krummen Linien unserer Leben immer noch gerade Zeilen schreiben kann. Und in diesem Buch ein Kapitel, dessen Titel allein mich schon fasziniert hat: „Gute Nachricht für Judas Iskariot“ Das ist die gute Nachricht. „Ich werde keinen hinaus stoßen, der zu mir kommt.“ Keine Spekulationen über Judas – aber Evangelium für das an mir, das jetzt noch sich dem Vertrauen sperrt.

Und das alles er. Der Brot gibt, der sich selbst gibt, ganz und gar: Mein Leib – mein Fleisch und Blut – für Euch gegeben. Das Brot, das was es nun wirklich zum Leben braucht, für die ganze Welt. An anderer Stelle sagt er: „Die können sich freuen, die mein Wort hören und sich nicht daran ärgern.“ (Lk 7,23)

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