Vorgeschmack auf das ewige Leben

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

wir werden Zeugen eines merkwürdigen Geprächsganges. Wer unvorbereitet zu diesem Gespräch dazukommt und die Vorgeschichte nicht kennt, muss sich verwundert an den Kopf fassen und fragen, was denn das zu bedeuten hat: „Mein Fleisch ist die wahre Speise und mein Blut ist der wahre Trank.“

Angefangen hatte alles mit einem Menschenauflauf. Viele hatten davon gehört, was dieser Jesus unter Kranken gewirkt hat, waren neugierg geworden, wollten miterleben, wovon alle erzählen. Und so wurde aus einem geplanten Rückzug Jesu in die Stille auf dem Berg eher ein Kirchentag mit all seinen organisatorischen Herausforderungen. Viele Menschen müssen versorgt werden. 5000 Männer, Frauen und Kinder nicht mitgezählt, das ist eine logistische Meisterleistung, die mit den sommerlichen Treffen in Taize zu vergleichen ist.

Fünf Brote und zwei Fische müssen reichen, um alle satt zu machen. Und es werden alle satt. Dabei steht gar nicht das Wunder im Mittelpunkt, viel eher die beglückende Erfahrung, was möglich ist, wenn Menschen , was sie haben und mitbringen, untereinander teilen. Im Zeitalter des Besitzegoismus und der Besitzstandwahrung ist diese Einsicht und dieses Wissen wohl verloren gegangen.

Jesus sorgt sich um die Menschen, auch um ihr leibliches Wohl, Religion ist eben nicht Opium für das Volk, sondern auch Brot für die hungrigen Mäuler.

Jesus entzieht sich dann aber doch noch der Menge, die Jünger fahren allein über den See nach Kapernaum. Allein, obwohl nicht alleingelassen, bekommen sie es im Dunkeln mit der Angst zu tun, ehe Jesus zu ihnen zurückkehrte. Auch das ist eine grundlegend menschliche Erfahrung.

Wir sind allein in dieser Welt, aber nicht alleingelassen. Wir haben Angst vor so vielen unbekannten Dingen, vor dem Leben und vor der Zukunft, vor Veränderungen und vor Verlusten und vergessen dabei, dass wir doch gar nicht alleine dastehen. Einen Augenblick mag Jesus sich unseren Blicken und unserer Erfahrung entzogen haben. Aber dann kommt er doch wieder in unsere Dunkelheit hinein.

Am nächsten Tag sucht die Menge Jesus erneut. Wer einmal für das Brot gesorgt hat, den lässt man so schnell nicht. Die Herrscher aller Zeiten wussten das. Gebt dem Volk Brot und Spiele und es bleibt ruhig unter den Leuten. Verstärkt die Konsumgüterproduktion, Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik hieß das unter den verschiedenen Vorzeichen in Deutschland.

Jesus dagegen entlarvt diese Täuschung, die so perfekt ist, dass selbst wir auf sie hineinfallen, obwohl wir es doch eigentlich besser wissen: der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Es muss im Leben doch mehr als alles, was ich besitzen kann, geben. Der Mensch lebt von Gottes Wort, von seiner Anrede, er lebt davon , dass er eben nicht allein im weiten Raum dasteht, sondern fähig ist zu einer Beziehung mit Gott, dem Urgrund des Lebens, der Fülle des Lebens. Und manchmal bricht dieser Hunger nach sinnhaftem Leben, nach Erfüllung und Zufriedenheit durch. Nur wo wird er gestillt?

Lange Zeit hatten die Kirchen ein Monopol in allen Fragen der Sinnstiftung. Heute weht ihnen ein kräftiger Gegenwind ins Gesicht. Der Markt ist voller Anbieter. Esoterik, Neuheidentum, Ersatzkulte aller Coleur versprechen Erfüllung. Das Bekenntnis Jesu „Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, wird nie mehr hungrig sein; und wer an mich glaubt, wird keinen Durst mehr haben“ mutet dagegen beinahe schon intolerant an, ist aber eindeutig. Bei ihm, bei Jesus kommen alle Lebensfragen zur Sprache und finden ihre Antwort.

Wer Jesus sieht, wer ihm begegnet, wer im Glauben an ihn das Herz Gottes findet, der erlebt den Himmel und bekommt einen Vorgeschmack des ewigen Lebens. So erzählt jedenfalls der Evangelist Johannes die Geschichte Jesu. Heute würden sicher manche, die meinen, für den Glauben an Gott sei in ihrem Leben kein Raum, lächelnd, zweifelnd oder verächtlich schauen und abwinken.

Das war damals bei denen, die Jesus gesucht und ihn in Kapernaum gefunden haben und Aufsehen unter den Leuten erregten nicht anders. Wie kann einer den Himmel verkörpern und den Himmel dann auch noch versprechen. Da muß doch zumindest die Enttäuschung vorprogrmmiert sein. Aber Jesus bleibt dabei: Ich bin das Brot des Lebens.

Wer von diesem Brot isst, der wird Leben empfangen. Ich bin das Brot – ich mit Fleisch und Blut. Und spätestens hier werden wir hellhörig. Denn diese Sprache kennen wir: nimm hin und iss, das ist mein Leib; nimm hin und trink , das ist mein Blut.

Wie oft haben wir sie schon gehört, wie oft waren sie uns schon vertraut und doch so fremd.

Ein merkwürdiges Gespräch dessen Zeugen wir werden und das doch nichts von seiner Aktualität verloren hat, weil es sich letztlich zuspitzt auf die Fragen: Was geschieht eigentlich, wenn wir miteinander Abendmahl feiern? Was für Bilder lösen die uns so bekannten Spendeworte, die wir auch heute wieder hören werden aus? Christi Leib – für dich gebrochen, Christi Blut – für dich vergossen.

Die Geschichten um dieses Gespräch herum versuchen schon uns mögliche Antworten zu geben. „Stärkung an Leib und Seele“ ist beispielsweise so eine Antwort. Das Abendmahl ist nicht nur eine Feier der Innerlichkeit, sondern nimmt den ganzen Menschen in den Blick, mit Haut und Haar, oder aus Fleisch und Blut. Jesus hat eben nicht nur den spirituellen Hunger seiner Zeitgenossen gestillt, sondern auch den leiblichen. Allzuoft wird beides gegeneinander ausgespielt.Aber das eine ist nicht lohne das andere zu denken.

Zur Abendmahlsfeier in ihrer Würdigkeit und in ihrem sakramentalen Charakter darf auch ruhig einmal das Feierabendmahl kommen, das auch dem leiblichen Wohl gut tut (z.B. mit einer anderen Gründonnerstag- Abendmahlsfeier?) Wer Jesus kennt, weiß dass er gern mit allen, an denen ihm lag, zu Tisch saß oder lag Ein zweite Antwort entdecke ich in diesen Geschichten.

Trost in den Dunkelheiten unseres Lebens will uns dieses Himmlesbrot sein, das Jesus heißt. Uns geht es doch genau so wie den Jüngern. Da wird es mit einem Mal dunkel und Angst und Einsamkeit macht sich breit. Nichts ist schlimmer als das Gefühl plötzlich ganz allein auf sich gestellt zu sein. Eben noch war es der Schrecken nach dem Tsunami, heute ist es die Todesnachricht, die ich im Briefkasten fand, morgen i st esdie Angst vor dem, was der Arzt, die Ärztin mir sagt, übermorgen kommt die Sorge dazu, ob ich denn noch mein Auskommen, meinen Arbeitsplatz haben werde.

Gemeinschaft leibhaftig könnte da die Antwort im Abendmahl sein. Ich bin doch gar nicht allein auf mich gestellt. Größere Nähe, als dass wir ihn leibhaftig empfangen, geschenkt bekommen, ist doch gar nicht möglich. Bei unseren katholischen Schwestern und Brüdern wird das ganz sinnhaft deutlich in der Veehrung der Hostie, die im Ttabernakel aufbewahrt wird. Ihretwegen brennt das ewige Licht und macht deutlich , daß in dieser Kirche Christus leibhaftig gegenwärtig ist. Deshalb verbeugt sich jeder gläubige Katholik aus Ehrfurcht in der Gegenwart Christi. So weit mag unser Abendmahlsverständnis nicht gehen. Aber diese unmittelbare Erfahrung kenne ich,daß Christus mir unendlich nahe kommt in diesem Stück Brot und in diesem Schluck Wein. Er kommt mir als Person ganz nahe und er kommt mir mit seiner Geschichte, seiner Leidensgeschichte ganz nah. Da begegnet er mir als Mensch, zerbrechlich, am Ende zerbrochen und zertreten, wie das Stück Brot in meiner Hand, oder die Trauben in der Kelter. Ich kann mich bergen mit meiner Angst, meiner Not und meinem Schmerz bei ihm, der das alles kennt. Da entdecke ich mich als Mensch mit meiner Leidensfähigkeit, mit meinem Mitleid, aber auch mit meinem Lebenswunsch und meinem Lebenshunger.

Der wird gestillt, wo der Mensch glaubt, ist eine alte Erfahrung der Christen. Sicher ist das nicht machbar. Die Skeptiker halten das für Hokuspokus (eine Redewendung, die übrigens aus der lateinischen Abendmahlsliturgie kommt). Da unterscheiden sie sich nicht von den jüdischen Gesprächspartnern Jesu damals.

An der Masse prallt diese Botschaft Jesu ab. Unglaube oder Gleichgültigkeit sind keine seltene Reaktion auf die Begegnung mit Jesus, damals wie heute. Der Glaube ist eben auch uns, Mitstreitern und Mitbetern, nicht verfügbar. Gottes Geist macht es. Aber dieses Leben, das der Glaube neu schreibt, verwandelt, erfüllt, verwurzelt und tiefgründig macht, das kann ich erfahren in einem Stück Brot und einem Schluck Wein, weil ich so Jesus Christus begegne. Und damit begegne ich dem Leben selbst.

Nicht nur seinem vergänglichem, bedrohten und bald erloschenem Leben, sondern auch dem Geheimnis und Wunder seines verwandelten Lebens des Ostermorgens. „Geheimnis des Glaubens. Seinen Tod verkünden wir und seine Auferstehung preisen wir bis er kommt“- auch das ein altes wiederentdecktes Stück lebendiger Abendmahlsliturgie.

Johannes spricht in unserem Predigttext eine sehr sakramentale Sprache. Das macht uns Mühe. Aber die Mühe lohnt, denn es gilt einen großen Schatz nicht allein wiederzuentdecken, sondern Stück für Stück tiefer zu begreifen und zu staunen. Wir sind uns dessen gar nicht recht bewußt, was uns in der Feier des Abendmahls anvertraut ist. Aber Jesus sagt es uns deutlich: das Leben, der Himmel, Gott selbst. Lassen wir uns also auch heute beschenken mit dem Leben, mit Gottes Liebe, mit seiner verwandelnden und vergebenden Gegenwart.

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