Ich bin Gott unendlich viel wert

Die drei Heranwachsenden vor mir auf der Kirchenbank sehen sich mit sanftem Gruseln an: "Bäh, die trinken hier Blut. Da mache ich nicht mit". Ich sitze in einem Abendmahlsgottesdienst und gerade hat der Pfarrer die Einsetzungsworte gesprochen: "Trinket alle daraus. Dieser Kelch ist das neue Testament in meinem Blut, das für euch vergossen wird zur Vergebung der Sünde. Solches tut, so oft ihrs trinket, zu meinem Gedächtnis." Die drei vor mir wollen nun auch noch unbedingt sehen, ob die Flüssigkeit in dem Kelch rot ist. Ich denke an meine eigene Konfirmandenzeit und daran, dass der Pfarrer uns erklärt hat, in unserer Gemeinde werde nur Weißwein oder weißer Traubensaft genommen, um solche Assoziationen zu vermeiden. Aber will nicht Jesus, dass wir uns bewusst sind, was wir da essen und trinken zu seinem Gedächtnis? Hören wir den Predigttext aus Joh 6:

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Vielleicht sagen Sie auch heute, wie damals einige der Jünger: "Das ist eine harte Rede, war mag die hören?" Streitigkeiten um die Bedeutung des Abendmahls begleiten die Kirchengeschichte seit 2000 Jahren. "Das ist doch nur eine Gedenkfeier", meinen die einen. Die anderen sind überzeugt: Wenn gesagt wird: "Christi Blut für dich vergossen", dann ist das weit mehr. Wirklich beigelegt sind die Differenzen zwischen Katholiken, Lutherischen und Reformierten um das Abendmahlsverständnis bis heute nicht. Das macht gemeinsames Feiern schwer, das ist ein schmerzlicher Riss, der bisher nur teilweise durch gemeinsame Bekenntnisschriften geschlossen werden konnte. Speziell dieser Predigttext ist besonders umstritten!

Mich hat es geradezu amüsiert, zu erfahren, dass es um diesen Text einen ganz aktuellen Streit unter den Auslegern unserer Zeit gibt. Für Katholiken ist Joh. 6 das eucharistische Kapitel, also der Text, der belegt, dass sich bei der Messfeier durch das Geheimnis des Glaubens eine Wandlung von Wein zu Blut und von Brot zu Fleisch vollzieht. Der Kritiker Eugen Drewermann dagegen behauptet in seiner Joh-Auslegung), dass Johannes gerade das Sakramentale auflösen will.

Der aktuelle Streit: Wegen der großen thematischen Spannung zwischen V. 63 (Jesus spricht: das Fleisch ist nichts nütze … und V. 56: Wer mein Fleisch isst, der bleibt in mir) gibt es einen aktuellen Exegeten-Streit. Aber das, worum bis heute gestritten wird, auch das, was Jesus meint?

Der Predigttext Joh 6,55-65 ist dem größeren Zusammenhang der Brotrede entnommen, die Jesus im Anschluss an die Speisung der Fünftausend hält (6,1-21). Jesus befindet sich in der Auseinandersetzung mit den Galiläern, die nicht glauben wollen, dass Jesus als Gekreuzigter das Brot des Lebens ist. In immer schärferen und schrofferen Worten stellt Jesus die Zuhörer vor die Lebensentscheidung, das Brot des Lebens zu essen oder zu sterben. Am Ende schenkt nur noch ein kleiner Kreis von Anhängern Jesus Glauben (6,66-71). Im Predigttext befindet sich Jesus auf dem Höhepunkt der öffentlichen Auseinandersetzung mit der Volksmenge in der Synagoge von Kapernaum.

Er bedient sich besonders realistischer und zugleich abstoßender Bilder. Nur wer Jesu Fleisch isst und sein Blut trinkt, geht eine persönliche Lebensgemeinschaft mit Jesus ein und erlangt das (ewige) Leben. Auch seine Anhänger kann Jesus nicht alle überzeugen. Viele sind abgestoßen durch die Härte seiner Rede. Weder Jesu werbender Hinweis auf seine zukünftige Erhöhung noch die Aussicht auf die Erfahrung der Wirkkraft des Geistes im Wort hilft ihnen zu glauben.

"Ich bin das Brot des Lebens", das hat Jesus vorher gesagt. Und wenn ich gerade mit älteren Menschen rede, merke ich oft, dass sie das in ihrem Leben erfahren konnten: Ohne meinen Glauben hätte ich Flucht und Vertreibung und die ganze Hungerzeit nicht überstanden", sagen mir solche, die aus ihrer Heimat flüchten mussten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es in dem, was Jesus da sagt, konkret darum geht, was Menschen denken, während sie Abendmahl feiern. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Gottes Liebe so kleinlich ist, dass jemandem ein Abendmahl "zum Gericht" wird, wenn er zwar intensiv an Jesus denkt, wenn er glaubt, dass er für uns, ja für ihn speziell gestorben ist, wenn aber der Saft für ihn doch Saft bleibt und das Brot eine Oblate, die vielleicht auch noch am Gaumen klebt. Wie das Abendmahl zu verstehen sei, darüber haben sich seit Beginn der Ausbreitung des Christentums viele kluge Köpfe denselbigen zerbrochen. Nicht zuletzt Martin Luther hatte in den Marburger Gesprächen sich nicht mit den reformierten Ansichten eines Johannes Calvin anfreunden können – weshalb, oft ist uns das gar nicht bewusst, wir Evangelischen erst seit der Inkraftsetzung der Leuenberger Konkordie (die steht im Gesangbuch unter der Rubrik "Bekenntnisse") 1971 uns offiziell gegenseitig zum Abendmahl einladen. Und auch heute noch – und wohl auch in absehbarer Zukunft – gibt es sehr unterschiedliche Meinungen darüber, was es denn nun mit dem Blut und dem Fleisch auf sich hat – nicht nur zwischen Katholiken und Protestanten. Ich glaube, jede/r unter uns hat seine eigene Vorstellung davon, was denn da passiert, wenn wir Wein und Brot miteinander im Namen Jesu Christi teilen. Und für jede/n von uns bedeutet dieses Sakrament auch etwas anderes. Ich kann mir auch vorstellen, dass es nicht bei jeder Abendmahlsfeier gleich ist, was zwischen dem einzelnen Menschen und Gott passiert. Deshalb sagen wir ja: "Geheimnis des Glaubens, deinen Tod, o Herr, verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du wiederkommst in Herrlichkeit"! Diese alten Worte machen schon einen tiefen Sinn. Sie sagen, dass es Vorgänge gibt, die sich unserem Wissen und Verstand entziehen. Und es ist daher sinnlos, Dogmen darüber aufzustellen und zur verbindlichen Norm zu erklären. Wir haben Gott keine Vorschriften zu machen.

Niemand kann zu mir kommen, es sei ihm denn vom Vater gegeben, sagt Jesus. Das ist ein zentraler Satz in diesem Text. An anderer Stelle hat er gesagt: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater denn durch mich." Wie nun? Erst zum Vater und dann zu Jesus oder umgekehrt? Das ist eigentlich egal, denn Jesus und der Vater gehören zusammen. Aber was Jesus meint: Es muss dem Menschen geschenkt werden, dass er glauben kann. Es liegt nicht nur an seinem Wollen und Laufen, wie das Paulus einmal ausgedrückt hat, sondern maßgeblich an Gottes Gnade.

Wenn Jesus sich als das Brot, das vom Himmel kommt, bezeichnet, so will er eindeutig klar machen, dass unser Überleben mit seinem Sterben und Auferstehen untrennbar verbunden ist. Wer sagt: "Jesus ja, aber mit seinem Tod habe ich nichts zu tun, die Juden (oder die Römer oder die Zeloten oder wer auch immer) war schuld, der hat nichts begriffen. Nur wer sich auch der harten Erkenntnis stellt, dass Jesus auch für ihn selbst, für jeden von uns ganz persönlich, gestorben ist, der wird mit ihm auferstehen. Jeden Tag verraten und kreuzigen wir Jesus aufs Neue, oft, ganz ohne es bewusst wahrzunehmen. Wer könnte schon von sich sagen: "Mein Leben und mein Denken sind tadellos". Vor dieser Erkenntnis wird das Abendmahl zum harten Brocken. Auch, wenn ich weiß: Christus ist ein für allemal für unsere Schuld ans Kreuz gegangen: Es ist ja nicht einfach, eine so unendlich Liebe und Hingabe anzunehmen. Sogar schon in dem Wissen: Ich brauche Gottes Gnade immer wieder. Immer wieder werde ich auf seine Güte angewiesen sein, auch, wenn ich noch so gute Vorsätze fasse.

Ja zu sagen zu der Erkenntnis: "Jesus musste für mich sterben, das war furchtbar, aber es war meine Rettung", das bedeutet, zum einen, sich klein zu machen, also zu sehen, wie es mit mir als Mensch wirklich aussieht. Es bedeutet aber auch, bei allem Grausamen und Abstoßenden, was eine, was diese Kreuzigung bedeutet, zu wissen: Ich bin Gott unendlich viel wert. Und das ist wiederum ein Grund, zu wachsen. Der heutige Sonntag heißt "Laetare", freue Dich! Mitten in aller Scham, in allen Schuldgefühlen, in allem Ärger und allem Leid wissen wir: es gibt eine Lösung, eine Erlösung: Christi Blut, für dich, für mich vergossen und Christi Leib, für dich, für mich gegeben.

Aus dieser Freude heraus können wir Jesus lieben. Lieben, das ist mehr als dankbar sein. Lieben ist eine Begegnung auf gleicher Ebene, eine ganz freie Angelegenheit, bei der sich zwei ganz nahe kommen. Wer liebt und wiedergeliebt wird, dem wird es warm ums Herz, er könnte die ganze Welt umarmen. Und so können wir weitergeben, was wir empfangen haben.

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