Erkenntnis vertreibt aus dem Paradies

Lieber Adam, Liebe Eva!

Ja, Sie haben richtig gehört: Lieber Adam, liebe Eva! Lieber Mensch! Liebe Mutter alles Lebendigen!

Dachten Sie bisher: Adam und Eva, das waren die ersten Menschen zu Beginn der Welt? Dachten Sie: Die beiden waren schuld, dass wir das Paradies verloren haben? Haben Sie bisher immer angenommen: Ohne die Schlange wäre alles gut gegangen? Nein, nein. Adam und Eva heißen nicht umsonst Adam und Eva, übersetzt der Mensch und die Mutter alles Lebendigen.

Adam und Eva, das sind wir heute. Erkennen Sie sich nicht wieder? Adam sagt: Die Frau hat mir von der Frucht des Baumes gegeben und ich aß. Eva sagt: Die Schlange betrog mich, so dass ich aß. Nein, ich bin nicht schuld. Der andere ist es. Die andere war es. Ich nicht.

Wer hat im Konfirmandenunterricht mal wieder ein Papierbällchen durch den Raum geworfen? Nein, ich war es nicht. Das war doch der, der gegenüber sitzt. Welches Handy hat wieder geklingelt? Meins nicht. Das ist ausgeschaltet. Der Klingelton kam doch aus der anderen Ecke. Adam und Eva – unter uns?

Wer hat im Scheidungskrieg die Wahrheit gesagt? Ich bin nicht schuld. Die Ehe war ja schon vorher zerrüttet. Du hast dich doch schon vorher nach anderen Frauen umgeguckt. Nein, ich bin nicht schuld. Du wolltest dich doch nur selbst verwirklichen. Dabei machst du deine Familie kaputt. Adam und Eva unter uns?

Politische Diskussionen verlaufen fast immer nach diesem Schema. Das, was ihr gemacht habt, ruiniert unseren Ort, unser Land. Ihr seid schuld an Betrug, an den Finanzen, an Ausgrenzung, an Arbeitslosigkeit. Adam und Eva unter uns?

Selbst die Ausleger der biblischen Geschichte haben sich in diese Tradition des Schuldzuweisens eingereiht. In dieser Reihe sind allerdings die Adams sehr wortgewaltig gewesen. Lange Zeit haben die männlichen Theologen betont, dass die Frau sich hat schneller verführen lassen als der Mann und dass sie dann selber zur Verführerin wurde. Hier sei begründet, dass die Frau sich dem Mann unterzuordnen habe. Seit Evas da sind, Theologinnen, hat sich auch die Auslegungsgeschichte geändert. Gott sei Dank!

Was treibt die beiden aus dem Paradies? Adam und Eva? – Es ist die Erkenntnis, die Erkenntnis von Gut und Böse. Wen wundert es? Müssen wir nicht immer ein Paradies verlassen, wenn wir zur Erkenntnis kommen? Wo wir Wahrheiten erkennen, werden uns Illusionen genommen. Wo wir Zusammenhänge aufspüren, werden uns auch die Schattenseiten nicht erspart bleiben. Sind nicht gerade deshalb viele Menschen bemüht, die Wahrheit zu verschleiern, weil sie die Illusion eines Paradieses aufrecht erhalten wollen? Manchmal zerbricht ein Paradies gerade dann, wenn man wie Adam und Eva besonders darum bemüht ist, sich das Paradies auf Erden zu holen. Wenn man alle Probleme durchschauen will und in den Griff kriegen will, gerät man doch an Grenzen. Denn wer Gut und Böse erkennt, der erkennt wohl auch Schuld, eigene Schuld und Schuld von anderen. Wer tiefer sieht, macht machmal Entdeckungen, die alles andere als angenehm sind. Wer Wahrheit aufdeckt, für den kann unter Umständen ein ganzes Weltbild zusammenbrechen. Mancher, der sich mit seiner eigenen Kindheit beschäftigt, verliert dabei Grund unter seinen Füßen.

Mancher, der politische und geschichtliche Zusammenhänge an den Tag bringt, erschrickt vor den Fakten und kommt ins Wanken. Für den, der etwas erkennt, kann es sein, als würde er aus einem Paradies der Geborgenheit vertrieben. So stellen Adam und Eva plötzlich fest, dass sie nackt sind. Eigentlich waren sie ja schon vorher nackt, aber erst jetzt nehmen sie es wahr.

Soll es Sünde sein, dass Adam und Eva erkennen? Kann man es als Strafe deuten, dass sie aus dem Paradies vertrieben werden? Auch diese Gedanken haben in der Kirchengeschichte Tradition. In der Kirche war es nicht immer gut angesehen, wenn Menschen Fragen gestellt haben und kritisch waren. Und die Schlange, die auf den Baum der Erkenntnis hinweist, ist oft verteufelt worden. Auf diese Ebene kann und will ich mich nicht begeben. Wie können uns freuen, wenn in unserer Kirchengemeinde Menschen Fragen stellen. Wenn etwas in Frage gestellt wird, sollten wir uns nicht angegriffen fühlen, sondern mitdenken und Antworten suchen.

Vielleicht ist es ganz gut, wenn wir manchmal aus unseren selbstgebastelten Paradiesen vertrieben werden. Wenn wir dabei sind, mit den Fingern auf die anderen zu zeigen, mag das ein Indiz dafür sein, dass wir notwendige Erkenntnis, auch Schulderkenntnis nicht zulassen wollen.

Es ist kein Wunder, dass die Geschichte von Adam und Eva heute am ersten Sonntag der Passionszeit Predigttext ist. Denn in der Passionszeit geht es ja auch darum, unsere Schattenseiten, unsere Grenzen und unsere Schuld in den Blick zu nehmen. Und es geht darum, dass Jesus durch seinen Leidensweg uns gerade in unserer Dunkelheit und Angefochtenheit nahe ist. Deswegen die Evangeliumslesung, dass Jesus selber den Versuchungen standhält. Und vorher habe ich den Psalm gelesen, dass Gott für uns wie ein Schirm ist und wie eine schützende Burg. In ihm sollen wir Halt und Geborgenheit suchen, eben nicht in den selbstgemachten Paradiesen.

Die Geschichte von Adam und Eva können wir heute auch als befreiende Geschichte hören. Unser Lebensglück und unser Lebenssinn besteht nicht allein in den paradiesischen Erlebnissen, die wir haben oder eben nicht haben. Dass wir auch paradiesische Erlebnisse brauchen und dass sie uns guttun, glaube ich schon. Aber das Ziel des Predigttextes besteht darin, dass wir unser Paradies darin suchen, dass wir Gottes Geschöpfe sind. Zu seinem Gegenüber sind wir geschaffen. In ihm besteht unser Glück. Er ist für uns Gnadensonne und Lebenslicht (EG 404) – So werden wir gleich singen. Er vergibt uns Schuld und steht uns bei in all unserer Begrenztheit.

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