Gedenke, Gott, deiner Barmherzigkeit

Liebe Gemeinde,

"predigt das Wort, sei es zur Zeit oder zur Unzeit" – diesen Satz lesen Sie auf dem Liedblatt, das hoffentlich vor Ihnen liegt. Im Moment komme ich mir eher so vor, als sei es die Unzeit. Es ist kalt, und alle warten eigentlich darauf, dass sie ins Warme zum Kaffeetrinken und Schwatzen gehen können. Aber zu einem Einführungsgottesdienst gehört nun mal auch eine Predigt. Ich stehe nicht unbedingt auf dem Standpunkt: "Es ist Passionszeit, da können wir ruhig alle ein bißchen leiden." Und der Gedanke daran, dass diese Kirche immer schon kalt war und früher die Leute sich auch im Winter mindestens 45 Minuten Predigt anhören mussten, der wärmt nicht auf. Zumindest ist aber die Atmosphäre zwischen uns als Gemeinde warm, sonst wären Sie alle nicht gekommen heute. Unser Predigttext führt uns in ein Land, wo es warm war, aber das Klima, in dem die Begebenheit spielt, ist eisig. Jesus wird von denjenigen, die in Jerusalem in Glaubensdingen das Sagen haben, in ein Gespräch verwickelt.

Derjenige, der hier als Gottes Sohn auftritt, passt ihnen nicht in ihre Denkwelt. Sie sind so mißtrauisch, dass es ihnen nicht genügt, zu erleben, wie sich Menschen verändern, denen Jesus begegnet. Sie wollen mehr: Sie fordern Zeichen. Hören wir den Predigttext:

[TEXT]

Jesus antwortet den Schriftgelehrten mit Beispielen aus ihrer Denkwelt, in der sie zu Hause sind. Vordergründig denken wir, sofern wir die Geschichte kennen, bei Jona nur an den Fisch und daran, dass sich der Prophet einem göttlichen Auftrag entziehen wollte, floh, und drei Tage im Bauch eines Fisches verbrachte. Jona, das ist aber auch die Geschichte eines Propheten, der über die Rettung der völlig verdorbenen Stadt Ninive sauer war und der sich von Gott durch ein Zeichen belehren lassen muss, dass der Herr auch mit Heiden gnädig umgeht. Die Leute von Ninive haben schließlich auf Jonas Warnung gehört und ihr Leben geändert. Gott ist nicht nur für Auserwählte, sondern für alle da, das ist die Botschaft, an die Jesus hier die Pharisäer erinnert. „und hier ist mehr als Jona“ sagt er. Die „Königin vom Süden“ ist jene Königin von Saba, die eine weite Reise von Südarabien, also vom Ende der damals bekannten Welt, nach Palästina antrat und Salomo besuchte, um seine Weisheit zu hören und seinen Reichtum zu betrachten, die aber bei dieser Gelegenheit auch von Gott erfährt. „Ich habe es nicht glauben wollen, bis ich es mit eigenen Augen gesehen habe“, meint die Königin. Sie hatte also durchaus Zweifel daran, was ihr zugetragen wurde. Und sie lernte nun, dass Reichtum und Weisheit nicht der größte Schatz im Leben des König Salomo sind, sondern sein Glaube und seine Beziehung zu Gott. Auch ihre Beziehung zu den Menschen verändert sich dadurch – sie beschenkt das Gastland reich, aber sie lobt auch den, der Ursprung allen Reichtums und aller Weisheit ist: „Gelobt sei der Herr, dein Gott,“ sagt sie. Jesus gibt kein Zeichen, er verweist nur auf die Geschichte Gottes mit den Menschen. Und die ist in der Tat wunderbar genug.

Dort, wo sich Menschen durch Gottes Wort bewegen, ihren alten Weg verlassen, dort entsteht eine lebendige Gottesbeziehung. Und wo Umkehr geschieht, da mischt sich Gottes Barmherzigkeit ins Leben, in Ninive ebenso wie bei der Königin des Südens. Selbst die eigene Vorgeschichte spielt dann keine Rolle mehr. Statt aufgrund eines einmaligen, göttlichen Zeichens sein Vertrauen auf Gott zu setzen, geht es Jesus um eine lebendig gestaltete Gottesbegegnung, die über den Moment hinaus Treue hält.

Reminiszere, so heißt der heutige Sonntag der Passionszeit, zu deutsch: Gedenke! Nicht wir sollen gedenken, Gott gedenkt seiner Barmherzigkeit – und wir erinnern dieses Zeichen, denn es eröffnet uns eine neue Zukunft.

Eigentlich brauchten wir wirklich keine Zeichen mehr, aber Menschen sind nun mal misstrauisch. So, wie die Schriftgelehrten. Was wollen sie eigentlich sehen, wenn ihnen Worte und Taten Jesu nicht reichen? Jesus vergleicht die Beziehung des Volkes Israel zu Gott mit einer Ehe. In einer Ehe ist Vertrauen die Grundlage dafür, dass die Beziehung hält. Wer einen eifersüchtigen Partner hat, wird wissen, wohin mangelndes Vertrauen bei Liebenden führen kann, zum Ende der Beziehung, zum Tod der Liebe. Mangelndes Vertrauen ist für Jesus schon Ehebruch: Ein böses und abtrünniges Geschlecht fordert ein Zeichen, sagt er – in der Einheitsübersetzung heißt es

Dieses böse und treulose Generation fordert ein Zeichen, und das griechische Wort, das hier verwendet wird, moichalis, bedeutet vor allem „ehebrecherisch“. Die Königin des Südens hatte zu Salomo gesagt: „Weil der Herr Israel lieb hat ewiglich, hat er dich zum König gesetzt, dass du Recht und Gerechtigkeit übst.“ Sie hatte mit freiem Blick als Außenstehende erkannt, wie das Verhältnis Gottes zu seinem Volk ist. „Und hier ist mehr als Salomo“ sagt Jesus zu denen, die ihn um ein Zeichen bitten und nicht merken wollen, dass Jesus selbst das Zeichen in Person ist. Die Treue in dieser Ehe ist sehr einseitig gelagert: Gott hält sein Versprechen, aber von Seiten der Menschen kommt nur Misstrauen. Die Schriftgelehrten können sich einfach nicht vorstellen, dass Jesus, dieser popelige Wanderprediger, derjenige ist, den Gott ihnen versprochen hat. Sie sind nicht in der Lage, neue Denkwege zu gehen, sich aufzumachen, aufzubrechen. „Gott ist so und so“, glauben sie zu wissen, und der angekündigte Erlöser hat so und so zu sein – und haben sich damit eigentlich schon ein Götzenbild geschnitzt.

Da sagt ihnen Jesus ganz unverblümt: Es werden Heiden sein, die beim letzten Gericht über euch entscheiden werden. Heiden, die Gott näher stehen als ihr, denn sie sind zum Umdenken in der Lage gewesen.

Aber was haben diese alten Geschichten mit uns heute zu tun, werden Sie fragen. Wenn Sie – auf die meisten von Ihnen trifft das zu – zur Kirche gehören, sitzen Sie doch auf der sicheren Seite. „Und in den Gottesdienst gehe ich auch meistens“, werden manche von Ihnen denken. „Mit der treulosen und ehebrecherischen Generation kann ich ja kaum gemeint sein“ – aber die anderen alle. Die, die zu den Seltengängern gehören vielleicht oder die, die ausgetreten sind, die doch ganz bestimmt. Vielleicht auch die Katholiken? Oder die Baptisten, die Altlutheraner – oder diejenigen, die sich Jesus-Freaks nennen und Gott mit Rockmusik preisen und bunte Haare und Piercings haben. Das hat doch mit Glauben nicht mehr viel zu tun und manche können nicht mal das Vaterunser und den Psalm 23 auswendig. Wenn ich so was höre, wird mir immer ganz komisch. Schließlich bin ich ja selbst manchmal nicht frei von Voreingenommenheit bei bestimmten Formen der Frömmigkeit. Wer sagt mir, dass ich nicht längst betriebsblind geworden bin und gar nicht mehr merke, wo, vielleicht ganz in meiner Nähe, wo ich es nie vermutet hätte, mehr ist als Jona und mehr als Salomo?

Statt uns um unsere eigene Beziehung zu Gott Gedanken zu machen, spekulieren wir darüber, wie es um den Glauben anderer bestellt ist. Manchmal gehen wir so weit, die Gottlosigkeit anderer für den Zustand dieser Welt verantwortlich zu machen.

Wir schimpfen pauschal über die gottesferne Jugend und wissen vielleicht gar nicht, dass es Jesus-Camps gibt, bei denen Leute für uns beten, denen wir uns in Glaubensdingen haushoch überlegen fühlen. Ich habe selten so viel Gottesnähe gespürt wie vor einigen Tagen beim Konfi-Castle auf Schloss Mansfeld. Normalerweise bin ich eher der konservative Typ, vor allem im Gottesdienst und bei der Kirchenmusik. Aber ich habe mich auf diese Form der Begegnung mit Gott eingelassen, mit Band, mit Lichteffekten, mit Gebeten, die ganz locker und doch ganz intensiv mit „He, Papa“ oder „Hallo Dad“ begannen. Ich gebe zu, ich war misstrauisch und auch ein bisschen ängstlich. Aber es hat mich gepackt, als ich merkte: Hier redet Gott, hier merkt man, hier fühlt man, dass er redet. Hier hört man es, weil es Leute gibt, die ihm zuhören. Leute, die von der Sehnsucht nach Gottes Nähe getrieben werden, die denjenigen lieben wollen, der sie spüren lässt, dass er sie liebt und Zeit für sie hat – immer. „He Papa“, so ähnlich hat ja auch Jesus Gott angesprochen – und warum sollten wir es nicht so hallten wie dieser, der unser Bruder ist?

Bestürzt hat mich die Auswertungsrunde unter Pfarrern, in der jemand kritisierte, dass die jungen Leute in der eiskalten Mansfelder Schlosskapelle beim Beten die Hände in den Taschen ließen.

Die Ebene dieses Einwandes hat mich ein bisschen an diese zeichenfordernden Schriftgelehrten erinnert, die ja überzeugt waren, dass Jesus nicht der war, der er vorgab zu sein. „So ein Blödsinn“, meinte ein Konfirmand ganz entsetzt, als ich ihm von der Kritik erzählte. „Ich falte nie beim Beten die Hände – und wer will denn wissen, ob alle, die da die Hände falten, wirklich beten?“

„Reminiscere“, gedenke, Gott, deiner Barmherzigkeit. Braucht Gott eine solche Erinnerung eigentlich? Es sind doch wir, die seine Großzügigkeit nicht wahrnehmen. Ich denke, wir sind es, die es brauchen, diese Aufforderung auszusprechen. Denn nur so machen wir uns bewusst, wie groß das Ausmaß der Liebe und Güte Gottes ist. Wir müssen uns selbst daran erinnern, indem wir Gott erinnern. Damit es uns vor Augen steht: Gegen alle Angst, gegen alles Misstrauen, gegen alles Verzweifeln steht Gottes Güte und Liebe, ja seine Wärme, die jedem an jedem Tag neu begegnet, ganz unspektakulär.

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