Gottvertrauen

Sicher kennen Sie alle diese Zeitungsfotos von Scheck- und Spendenübergaben. Je höher die Summe auf dem Scheck, umso größer das Foto. Dabei spielt es keine Rolle, dass der abgebildete Bankdirektor das Geld ja keineswegs aus seiner eigenen Tasche geopfert hat oder dass ein Unternehmer oder Sportler vielleicht einzig aus dem Grund eine erkleckliche Summe für eine Kirchensanierung, für Flutopfer oder für ein Waisenhaus locker gemacht hat, weil er durch diese Spende eine Menge Steuern sparen kann und gleichzeitig einen kostenlosen Werbeeffekt hat. "Bei der Bank ist mein Geld gut aufgehoben, die scheinen das Herz auf dem rechten Fleck zu haben", könnte mancher denken, oder "Eine Versicherung, die so viel für das Allgemeinwohl tut, wird auch mich nicht im Regen stehen lassen, wenn ich sie beanspruchen muss."

Auch Politiker spenden besonders gerne und öffentlich, vor allem in Wahljahren oder vor Weihnachten. Es kommt immer gut, wenn man sich wohldosiert in einer Gesellschaft zeigt, die man sonst eher meidet: mit Armen oder Behinderten. Man kann ja nachher duschen und wieder zum nächsten kalten oder warmen Buffet eilen oder es sich im Eigenheim gemütlich machen, mit gutem Gewissen. Hören wir heute von einer ganz anderen Spendenübergabe, die völlig unspektakulär stattgefunden hat und doch immer noch im Gespräch ist.

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Diese Geschichte schildert das letzte Auftreten Jesu in der Öffentlichkeit, bevor sein Leidensweg beginnt. Er ist nach Jerusalem gekommen, wo er sterben wird. Und er beobachtet mit seinen Jüngern, was sich da so tut, vor dem Tempel, vor der Schatzkammer, dort, wo die Vorbereitungen für das Passahfest nicht zu übersehen sind.

Die Reichen, die zum Spenden kamen, waren sich durchaus der Öffentlichkeit bewusst, die ihr Tun begleitet – und der Tempel von Jerusalem war der öffentliche Ort schlechthin, wo man garantiert nicht übersah, dass sie ihren Glaubenspflichten, zu denen auch die Mildtätigkeit gehörte, besonders eifrig nachkamen.

Anders die arme Witwe mit ihren zwei Geldmünzen. Vielleicht hat sie sich ein bißchen geschämt, als sie ihre zwei kleinen Münzen da in den Kasten warf, so, wie wir uns manchmal auch schämen in solchen Fällen. Ich kenne das Gefühl ganz gut, ich weiß, wie es ist, wenn man gerne mehr geben möchte als man hat.

Merkwürdigerweise kann ich mir die Witwe genau vorstellen. Als Konfirmandin musste ich jeden Monat den Gemeindebrief in der näheren Umgebung meines Elternhauses austragen. Ich hatte bei jedem evangelischen Haushalt zu klingeln, mich kurz als Konfirmandin vorzustellen und zu sagen: "Unser Gemeindebrief ist kostenlos, aber Ihre Kirchengemeinde bittet um eine kleine Spende." Die Spender trugen dann Namen und Betrag in eine Liste ein. Ganz oben stand unser Nachbar, ein Bestattungsunternehmer, mit fünf Mark. Mein Zustellbezirk reichte von der Ortsmitte bis an den einstigen Dorfrand. Und ziemlich weit hinten kam dann Frau Scheer mit ihren 20 Pfennig. Frau Scheer wohnte im alten Schulhaus, einem halbzerfallenen, stinkigen Bau, einer Art städtischem Armenhaus, in dem sonst lauter Problemfamilien wohnten, die den Gemeindebrief nicht haben wollten.

Wahrscheinlich waren meine Vorgänger, durch die ersten Rausschmisse abgeschreckt, nie bei der alten Frau Scheer gelandet: Sie öffnete mir beim ersten Mal reichlich mißtrauisch die Tür zu dem einen einzigen Raum, in dem sie lebte und schlief, dann wollte sie aber allerhand über mich und die Gemeinde wissen. In der Kirche war sie ewig nicht gewesen, sie führte ein armes einsames Leben. Sie ging überhaupt nur auf die andere Straßenseite in den kleinen Laden, wie ich erfuhr. Frau Scheer zählte mir 20 Pfennig auf den Tisch. "Mehr kann ich dir nicht geben, ich hab ja selbst kaum genug zum Leben", dafür waren Zimmer und Kleidung deutlicher Beweis. Aber nach dem ersten Gespräch lagen am ersten Dienstag im Monat, wenn ich kam, die 20 Pfennig auf dem Tisch. Der Gemeindebrief und auch ich – für sie war ich "Kirche" – wurde erwartet. So ungefähr wie Frau Scheer mag diese Witwe mit den Scherflein gewesen sein, dachte ich mir schon damals. Und irgendwie wuchs sie mir ans Herz – gerade weil sie nicht der Typ war, dem die Reichen öffentlich Schecks übergeben. Einmal übrigens sah ich sie dann auch im Samstagabendgottesdienst. Seitdem ärgere ich mich oft, wenn beim Kollektezählen Gemeindekirchenräte darüber schimpfen, dass so viel Kleingeld dabei ist. Wissen wir, ob 50 Cent für manchen nicht schon mehr sind als er entbehren kann?

Ich stelle mir Jesus, den Wanderprediger, vor, wie er da, kurz vor dem Pessachfest, die Reichen beobachtet, die in eleganten Kleidern zum Tempel strömen und lässig und selbstbewusst einen ansehnlich Betrag in den Gotteskasten werfen, nach dem Motto "Sehen und gesehen werden. Tu Gutes und sprich darüber." Die arme Witwe hat wahrscheinlich nur er bemerkt, und er macht seine Jünger auf sie aufmerksam, sonst wäre sie ihnen sicher entgangen.

Jesus betrachtete die Menschen seiner Umgebung aus einem anderen Blickwinkel, er sieht den Menschen ins Herz. Und er weiß genau, was für diese mittellose Witwe (Renten gab es ja damals nicht und auch nicht mal Hartz IV) die zwei kleinen Münzen (von Luther mit zwei Scherflein – das macht zusammen einen Pfennig in seine Zeit übersetzt) bedeuten: Sie gibt alles hin, was sie eigentlich zum Leben dringend benötigte, ihre ganze irdische Sicherheit. Sie legt ihre Existenz, ihr Leben und ihre Zukunft in den Gotteskasten und damit zugleich in Gottes Hand. Was sie am nächsten Tag essen wird, ist ihr in diesem Augenblick egal – damit ist sie dem nahe, was Jesus in der Bergpredigt gesagt hat, als er die Vögel unter dem Himmel und die Lilien auf dem Feld bemüht:: 25 Deswegen sage ich euch: Sorgt euch nicht um euer Leben und darum, dass ihr etwas zu essen habt, noch um euren Leib und darum, daß ihr etwas anzuziehen habt. Ist nicht das Leben wichtiger als die Nahrung und der Leib wichtiger als die Kleidung? Euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft, trachtet zuerst nach dem Reich Gottes, so wird euch das alles zufallen.

"Gott will uns ganz und gar – oder gar nicht", hat Dietrich Bonhoeffer einmal zugespitzt gesagt.

Wer sich Gott zuwendet, muss es von ganzem Herzen tun – Äußerlichkeiten und Schaueffekte interessieren ihn nicht. Wer von seinem Überfluss etwas abgibt, was ihm nicht wehtut, wird sich und seine Art, zu leben, danach kaum selbst in Frage stellen. Er wird weiter so leben, dass er seinen vermeintlichen Überfluss vermehrt, durch das Leben hetzen, raffen und sammeln. Er wird nichts loslassen, weil er nicht loslassen kann. Er wird sich nicht dessen bewusst sein, woran Jesus erinnert: "Wer ist unter euch, der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen könnte, wie sehr er sich darum sorgt?" Die Witwe sieht das Wesentliche: Sie wagt es, sich in all ihrer Armut zu Gott zu kommen, ihre ganze Armut rückhaltlos in seine Hand zu geben: sie aber hat von ihrer Armut alles eingelegt, was sie zum Leben hatte.

Wenigstens ein oder zwei Tage hätte sie davon noch Brot kaufen, noch satt werden können. Wie wird sie morgen leben können? Die anderen vor ihr, die auch ihre Spenden dem Priester übergeben hatten, hatten mehr gegeben, viel mehr. Aber sie waren auch reicher und wussten recht gut, wie sie morgen noch satt werden würden. Sie aber stand jetzt vor dem Nichts.

Was hat diese Frau bewegt, sich so zu verhalten? Und warum sollte das wichtig sein, so wichtig, dass Jesus damals seine Jünger auf sie hinweist: Sie hat mehr gegeben als alle anderen. Die anderen gaben aus ihrem Überfluss, sie aber gab alles, was sie hatte. Ja, diese Frau ist so wichtig, dass wir heute noch an sie denken.

Wir wissen nichts weiter von ihr. Aber eins ist sicher: Irgendwann, irgendwie hat sie bemerkt, dass sie einer Kraft vertrauen kann, die größer ist als sie selbst und alle Kräfte in dieser Welt. Wie auch immer es gewesen sein mag, ob sie es plötzlich erfahren hat oder ganz allmählich im Laufe der Zeit. Sie hat ein Vertrauen entwickelt in die Kraft der göttlichen Liebe, die höher ist als alle menschliche Vernunft. Sie wusste etwas von der Liebe Gottes, die in dieser Welt unter Menschen aufleuchten kann und doch so viel höher und weiter ist als alles Irdische. Das hat sie angetrieben, loszulassen ohne Schmerz und den nächsten Tag Gottes Sache sein zu lassen. Sie vertraut darauf, dass Gott über alles hinaus handeln kann, über all unsere Berechnungen und Kalkulationen, über all unsere Normen und eingefahrenen Denkmuster. In meinem eigenen Leben habe ich es erfahren können, wie wunderbar Gott handelt, gerade dann, wenn man ihm nur noch ganz wenig bringen kann, weil vom alten Leben nur noch ein paar Bruchstücke geblieben sind. Die aber sollten wir ihm hinwerfen und anvertrauen.

Es ist eine Vertrauensfrage, die Gott uns täglich neu stellt: Wer sein Leben bedingungslos in seine Hand gibt, ihm sein zerrissenes, verwundetes Herz öffnet und anvertraut, der hat nichts mehr zu verlieren – er lässt die Angst vor dem Morgen hinter sich.

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