Vertrauen, nicht betrachten

Liebe Gemeinde,

"Glauben heißt nicht Wissen", so höre ich es oft in belehrender Weise Schülern und Schülerinnen gegenüber, wenn sie ihre Sachen nicht gut genug gelernt haben. Ich selbst kann dann nicht anders und gehe gegen diesen Spruch vor. Ja, in der Tat, Glauben heißt etwas ganz anderes, als wir landläufig damit meinen, wenn wir z.B. sagen: "Ich glaube, morgen wird es regnen." Dieses Glauben und vielleicht auch jenes kritisierte Glauben aus dem Schulbeispiel könnte man wohl ersetzen durch das Wort "vermuten". Ich vermute, es wird regnen. Ich vermute, dies wäre die richtige Antwort auf die Lehrerfrage, wenn ich es denn wirklich nicht weiß.

Glauben aber heißt mehr – es meint etwas viel Tieferes. Manche Menschen meinen, sie könnten besser glauben, wenn sie doch nur ein Zeichen bekämen, welches ihnen sagt: "Ja, schau her: das alles und noch viel mehr kann Gott bitte-schön tun. Also geh hin und glaube an ihn!" Ob das so funktionieren würde? Gott lässt Feuer vom Himmel regnen – würden die Menschen an ihn glauben? Gott ließe Naturkatastrophen abwenden – würden die Menschen an ihn glauben? Vielleicht ist so der moderne Mensch: ohne Beweise geht gar nichts. Und wenn schon kein Beweis (Sie wissen, liebe Gemeinde, ein naturwissenschaftlicher Beweis ist nur gültig, wenn man ihn wiederholen kann und immer das gleiche Ergebnis dabei herauskommt: deswegen lassen sich z.B. Heilungen naturwissenschaftlich so schwer nachvollziehen: es müsste ja immer der exakt gleiche Kranke auf immer dieselbe Weise genesen – das ist nicht machbar.) Und wenn also schon kein Beweis, dann doch bitte wenigstens ein Hinweis, ein Zeichen: etwas also, was mir vermeintlich einen festen Boden gibt, von dem aus ich "sicher" über Gott reden kann. Diese Forderung nach Zeichen ist nicht neu. So hören wir das Predigtwort der Heiligen Schrift für den heutigen Sonntag, aus dem Evangelium nach Matthäus im zwölften Kapitel, die Verse 38-42.

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Tja, liebe Gemeinde: das ist das Dilemma unseres Glaubens: Zeichen auf Anfrage wird es nicht geben! Beweise im herkömmlichen, bereits kurz skizzierten Sinne schon gar nicht. Warum denn nicht, könnten wir fragen! Wäre es nicht viel einfacher, man könnte der Welt ab und an ein Zeichen senden, damit sie versteht, worum es uns geht? Es ist das Dilemma unseres Glaubens, dass Zeichen gar nicht möglich sind. Und das, liebe Gemeinde, hängt mit dem Begriff des Glaubens zusammen. Glauben ist nämlich mehr als nur vermuten, wie ich schon sagte, Glauben setzt eine Beteiligung voraus. Wer sagt: ich glaube, z.B. an Gott, der gibt damit etwas von sich selber kund, nämlich von seiner Person, wie er sich einbringt in die Welt, woran er sein Herz hängt, worauf er vertraut. In der Zeit nach Luther hat man versucht, den Begriff des Glaubens schärfer zu fassen und eine Dreiteilung vorgenommen, die nützlich zu wissen ist. Glauben, so heißt es dort bedeutet zunächst, dass man Kenntnis von bestimmten Inhalten hat, also z.B. dass wir sagen der Messias, auf griechisch der Christus, also der Gesalbte ist der Retter der Welt. Der nächste Schritt wäre nun, zu sagen: ich akzeptiere diese Inhalte, also: Ja, tatsächlich, ich sehe es genauso: der Messias ist die Retterfigur für unsere gesamte Schöpfung. Nun aber kommt der wichtigste Schritt: Glauben heißt in seiner tiefsten Bedeutung: "ich vertraue" – also, in unserem Beispiel: "Ja, ich vertraue für mein eigenes Leben darauf, dass Jesus, den ich den Christus nenne, tatsächlich der Retter der Welt ist und ich bin gewiss, dass er auch mich retten will und retten wird." Den ersten dieser drei Schritte: das können wir unterrichten, in der Schule, im Konfirmandenunterricht, in der Erwachsenenbildung. Damit können Sie Punkte machen im Allgemeinwissen oder z.B. bei der großen Bibelquizshow von Thomas Gottschalk oder bei Günther Jauch: Christus heißt Gesalbter und ist das gleiche Wort wie Messias. Christus ist also kein Nachname. Bei vielen kommt es gar nicht mehr zu diesem Wissen, es ist verschüttet oder nie da gewesen, genau so wenig wie das Wissen über unsere Feste, z.B. bei Weihnachten: warum stellen wir uns denn einen Tannenbaum in unser Weihnachtszimmer?

Bei denen die aber das Wissen dazu haben, muss es noch lange nicht zum zweiten Schritt kommen, dazu, dass man diese Inhalte akzeptiert. Aber selbst die, die diesen zweiten Schritt tun, müssen noch lange nicht den dritten vollziehen, nämlich das Vertrauen für ihr eigenes Leben darin setzen. Das aber, liebe Gemeinde, ist das Zentrale. Denn selbst wenn ich nicht Griechisch und Hebräisch kann und nicht weiß, dass Christus der Gesalbte heißt, dann kann ich trotzdem mein ganzes Vertrauen auf Jesus setzen. Das, liebe Gemeinde ist der tiefste Sinn des Glaubens. Kurz gesprochen, wenn sie sagen, "ich glaube", dann heißt das eigentlich: "ich vertraue". Und jetzt wird deutlich, warum Jesus keine Zeichen geben will. Ganz klar: weil derjenige, der ein Zeichen möchte, ein Betrachter ist. Einer, der neben dran stehen möchte und sich wie im Bekleidungsgeschäft vom Verkäufer verschiede Kleider zeigen lässt, aus der Distanz, um dann vielleicht eines davon auszuwählen. Der Betrachter meint, das, was er betrachte, hätte mit ihm nichts zu tun, er stünde gewissermaßen außerhalb, fern ab von all dem, was er da ansieht. Und ganz nebenbei: das ist auch das Falsche an der Rede vom religiösen Supermarkt: der Mensch kann in Dingen des Glaubens nicht einfach wie ein Betrachter oder ein Kunde sich etwas auswählen: das zeigt nämlich v.a. eines: der Betrachter glaubt nicht, er vertraut nicht, er ist nicht innerlich beteiligt. Und deswegen, nur deswegen taugt ein Zeichen niemals als Grundlage für den Glauben. Andersherum, liebe Gemeinde, wird es gehen: wer glaubt, wer also vertraut, der wird Zeichen und Botschaften in seinem Leben erkennen: der wird die Heilung nicht dem Zufall zuschreiben, der wird seine Lebenswege nicht dem Schicksal andichten, sondern der wird die Quelle seines Lebens immer mit einem Namen benennen können. Aber das gilt nur für ihn, für den Glaubenden. Der Betrachter wird sich durch die Zeichen des Glaubenden nicht aus seiner Rolle des Zuschauers bewegen. Der Betrachter muss zu einem werden, der selbst beteiligt ist, der selbst vertraut: nur so kann er zum Glaubenden werden. Jesus spricht also: "diesem bösen Geschlecht wird kein Zeichen gegeben werden!", aber er erzählt zwei Begebenheiten, die mit unserem Glauben zu tun haben, weil sie ihn näher charakterisieren. Es sind: die Niniviten und die Königin von Süden, beides Geschichten aus dem Alten Testament. Weil der Glaube, liebe Gemeinde, im tiefsten Sinne Vertrauen ist, sind die Niniviten das erste Beispiel, auch für uns heute, für uns, die wir unser Leben Gott anvertrauen. Sie wissen der Prophet Jona predigte unwillig gegen die Menschen aus Ninive. Erst mit Umwegen kam Jona dazu, Gottes Auftrag auszufüllen. Und weil er so widerborstig und eigensinnig war, hat er eine der kürzesten Predigten gehalten, die ich kenne: "Noch vierzig Tage, so wird Ninive untergehen!". Ende der Predigt. Die Leute aber von Ninive, so heißt es im nächsten Vers, glaubten dieser Predigt und ihrem Prediger, so setzten sie ihr Vertrauen auf Gott. Und weil sie das taten, kehrten sie um von ihren bösen Wegen. Sie ließen ein großes Fasten ausrufen, zogen ihre Kleider aus und Säcke an und selbst der König setzte sich vom Thron herab in die Asche. Sie wissen es: noch heute sagt man "in Sack und Asche gehen" – das kommt von den Niniviten. Und so geschah das, was unseren Gott auszeichnet: die Niniviten wurden gerettet. So gehört die Umkehr elementar mit zum Glauben, die Buße, das Fasten als Vorbereitung zu dieser Buße.

Das ist die erste Antwort Jesu: wer glaubt, der wird in seinem Leben oft umkehren müssen von den falschen Wegen, die er erkannt hat. Wir sind, liebe Gemeinde, mitten in einer Buß- und Fastenzeit: wir sollen – gerade als Glaubende – immer wieder diese Umkehr und die Buße in unserem Leben üben.

Die zweite Antwort Jesu aber ist das Beispiel der Königin vom Süden, die Königin von Saba, wie sie im ersten Königsbuch genannt wird. Diese – unvorstellbar reich und erhaben – will den König Salomo besuchen, weil sie von seiner Weisheit gehört hat. Und sie bringt neben immensen Reichtümern mit eine Reihe von Rätselfragen, um eben diese Weisheit zu testen. Salomo konnte diese alle ohne Mühe beantworten und die Königin war so beeindruckt, dass sie schlussendlich ihr Haupt beugt vor dem, der Salomo dies alles ermöglicht hat: "gelobt sei der Herr, dein Gott" – so verabschiedet sie sich wieder, um die Kunde von all dem in ihr Land zu tragen. Demut, liebe Gemeinde, ist also die zweite Antwort von Jesus auf die Zeichenforderer: wer glaubt, der wird nicht nur immer wieder umkehren müssen, sondern er wird sein Leben demütig zu leben haben: in Demut vor diesem einen, alles bestimmenden und deswegen so mächtigen und großem Gott, dem wir unser Leben anvertraut haben. Die zweifache Antwort Jesu ist für uns eine Aufforderung: wenn schon die Heiden aufgrund so kurzer Predigt umkehren und trotz so hoher gesellschaftlicher Stellung sich demütigen, so sollten doch gerade die Kinder Gottes um so mehr von dieser Bedeutung ihres Glaubens wissen und sie in ihrem Leben üben.

In dieser Fastenzeit, liebe Gemeinde, bereiten wir uns vor auf das einzige Zeichen, das Jesus zulassen will: das Zeichen des Jona. Das Sterben unseres Gottes am Kreuz, seine Abwesenheit in der Welt, die glanzvolle Auferstehung nach drei Tagen. Alles in allem: das Osterfest als das höchste Fest in unserem Kirchenjahr: Christus hat den Tod besiegt und er wird ihn auch für uns, ganz persönlich, für jeden Einzelnen besiegen. Leid und Schmerzen werden verbannt sein in dieser neuen Welt und das Klagen der Menschen wird man dort nicht mehr hören. Darauf setzen wir unser Vertrauen, wenn wir sagen: "ich glaube an Gott". Daraus beziehen wir unsere Hoffnung für unser Leben hier auf Erden, eine Hoffnung, die fröhlich und frei sein darf – viel erfüllter und getragener als es das Leben eines Betrachters und Zeichenforderers je wird sein können.

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