Schuld ist immer der andere

<i>[Anmerkungen: Es kann sinnvoll sein, beim Lesen Kapitel 2,4bff. wenigstens zu skizzieren, den Abschnitt 3,14-15 zu übergehen und 3,20-23 hinzuzufügen. Am Ende der Predigt kann als Antwort auch die Epistel des Tages (Hebräer 4,14-16) gelesen werden.]</i>

Ein Blick auf den paradiesischen Zustand des Urmenschen. Gott, Mensch und Natur harmonisch vereint. Alles frei für Adam und Eva, gäbe es da nicht ein Verbot. Eigentlich ein Gebot, denn es schützt das Leben. Doch es macht auch neugierig. Was nicht erlaubt ist, fasziniert. Und so weckt die Frucht am Baum Lust auf Geschmack. Erregende Vorstellungen treiben zu verbotenem Tun. Es tut nichts zur Sache, wer zuerst das Verbot übertritt. Dass die Frau dem Mann von der Frucht gibt, lässt darauf schließen, dass der Mann ebenfalls Verlangen danach hat. Nun wird das Gewissen wach. Dazu gleich mehr. Auch auf die Versuchung komme ich noch zu sprechen.

Nach dem Biss in die verbotene Frucht beginnt die Geschichte zu eskalieren. Das Unheil nimmt seinen Lauf. Gott der Herr, der nicht wollte, dass der Mensch allein sei, kommt seine beiden Lieblinge zu besuchen. Doch inzwischen ist das Gewissen der beiden erwacht, sie schämen sich. Der paradiesische Zustand, die Freude und Lust aneinander ist getrübt. Scham erzeugt Angst. Angst treibt zur Flucht. Doch sich vor Gott zu verstecken, ist naiv. Gott weiß sofort, was passiert ist. Die Frage soll Einsicht wecken, eine Brücke zu einem Geständnis. Doch es kommt die Ausrede: „Die war’s, ich kann nichts dafür.“

Der Stein, der mit der Versuchung zu rollen begann, rollt weiter. Strafe ist unvermeidlich. Auch der passiv Beteiligte bekommt sie zu spüren. Die erste Kollektivstrafe der Geschichte der Menschheit mit schmerzlichen Folgen. Denn der Stein rollt bis zum heutigen Tag. Reißt nieder, was an Humanität, an Ethos, an Ge- und Verboten, an Warnungen und Strafen aufgestellt wird. Gesetze stehen auf schwachen Füßen, wenn die, die zur Einhaltung der Gesetze verpflichten, selbst schuldig werden. Kriminelle Energie stecke in jedem Menschen, hat man dieser Tage immer wieder zu hören bekommen. Da ist keiner, der Gutes tut, auch nicht einer, stellt ein Paulus resignierend fest. Wenn es nach Gott gegangen wäre, hätte der paradiesische Zustand bleiben können.

Gott ist vorbildlich kompromisslos, was die Missachtung seines Verbotes anbelangt. Aber er ist nicht unmenschlich. Er versorgt seine Lieblinge fürs erste mit einem Haarkleid und schiebt den angekündigten Tod 70 Jahre hinaus, wenn’s hoch kommt 80 Jahre. Zurzeit gibt er gar nicht so selten noch etliche Jahre zu. Und er macht, dass man auch außerhalb des Paradieses leben kann. Zwar ist der Acker verflucht und voll Dornen und Disteln, aber man lebt. Man kann die Erde bebauen, von der man genommen wurde und zu der man wieder wird. Man kann fruchtbar sein, neues Leben zeugen. Und mit einiger Anstrengung und Klugheit gelangt man auch zu einem gewissen Komfort und Wohlstand. Aber die Sehnsucht nach dem Paradies bleibt. Die Sehnsucht nach Frieden mit Gott, mit dem er’s sich verscherzt hat, lässt alle Adams und Evas keine Ruhe.

Eine Geschichte aus Bruchstücken zweier Jahrtausende und von philosophischen Gedanken durchsetzt. Kein Wunder, dass sie nicht mehr ernst genommen wird und zur Quelle von Karikaturen und Witzen wurde. Man versteht diesen Gott nicht, der wegen des Ungehorsams zweier Menschen die ganze Menschheit mit dem Makel der Erbsünde versieht. Die Frauen wehren sich, dass sie zu Verführerinnen gestempelt werden. Seit diesem Drama gilt Erotik als teuflisch und sündig. Dabei wird in der Geschichte das Wort Sünde gar nicht erwähnt. Aber „Der Sündenfall“ bestimmt seit jeher die Überschrift über dieses Kapitel.

Die Geschichten am Anfang der Bibel sind Urgeschichten. Sie beschreiben nicht, was einmal war, sondern was immer ist. Was kann und will uns diese Geschichte heute sagen? Ich setzte drei Akzente:

1. Die Versuchung ist groß

Neugier treibt den Menschen an. Viele Entdeckungen und Erfindungen sind so entstanden. Wir wüssten nichts von Amerika, hätte Kolumbus es nicht gewagt gen Westen zu segeln. Wir könnten nicht Auto fahren, hätte Carl Benz nicht experimentiert. Physik, Naturwissenschaft und Chemie kennen keine Grenzen. Die Medizin auch nicht mehr. Davor haben manche Bedenken. Gesundheitliche, moralische und ethische. Immer wieder stehen ein Adam und eine Eva vor dem Baum der Erkenntnis und fragen: Sollte Gott wirklich gesagt haben? Die Schlange ist die Neugier und die Frage ist das Warum. Warum dürfen wir alles, aber dieses eine nicht? Warum dürfen wir medizinisch alles erforschen, aber sollen die Gene in Ruhe lassen?

Auch unser ganz persönliches Leben unterliegt ständig Versuchungen. Kinder übertreten das elterliche Verbot und gehen allein auf die Straße. Agathe darf zwar die Geburtstagsparty von Hugo zu besuchen, soll aber die Jungens nicht an sich heranlassen.

Drogen sind verboten, trotzdem werden sie genommen. Alkohol ist gefährlich, trotzdem wird getrunken. Rauchen führt zu Lungenkrebs, trotzdem wird gequalmt. Fremdgehen zerstört die Ehe, trotzdem wird geflirtet. Geld nicht zu versteuern, führt zu Strafanzeigen, trotzdem laufen Millionen am Finanzamt vorbei. Korruption macht abhängig, trotzdem wird geschmiert. Versuchungen überall und immer wieder. Ihnen zu widerstehen fällt schwer. Wer Versuchungen nachgibt, riskiert gestörte Beziehungen. Mit List und Tücke lebt sich’s schlecht. Jesus wusste das und hat das Problem mit einer Bitte im Vaterunser markiert: Und führe uns nicht in Versuchung.

2. Das Gewissen ist wach

Für Martin Luther ist das Gewissen das innere Gehör des Menschen. Sich dagegen sich zu stellen, war ihm gleichbedeutend mit Ungehorsam gegen Gott. Das Gewissen ein Machtfaktor über unser Tun und Lassen? Das Gewissen, ein Ausdruck meiner Zugehörigkeit zu einer Macht? Ja. „Das Gewissen kann gute oder böse Geister beherbergen“, schreibt der Theologe Gerhard Ebeling. Und weiter: „Es kann Gott oder dem Teufel gehören und ist tatsächlich das Schlachtfeld von beiden“. Der große katholische Theologe Karl Rahner geht noch weiter, wenn er fragt, „Haben wir schon einmal eine Pflicht getan, die man scheinbar nur tun kann, wenn man eine entsetzliche Dummheit begeht, die einem niemand dankt?“

In unserer Zeit spielt das Gewissen kaum mehr eine Rolle. In Talkshows zeigt man den Menschen wie er ist. In der Literatur und im Film tut man so, als sei das Gewissen ein Relikt aus Urgroßvaters Zeiten. Wer vor Gefahren warnt, gilt als Miesmacher oder als Fundamentalist. Toleranz wird eingeklagt. Aber es ist schon grotesk, wenn man sieht, wie die Gesellschaft auf Toleranz gegenüber Minderheiten pocht, aber die Gewissensfreiheit in Frage stellt. Jesus gibt die Maxime des Handelns vor, wenn er fragt, Was hilft es denn dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber seine Seele Schaden nimmt.

3. Schuld ist immer der andere

Es ist vertrackt: Kaum einer gibt zu, einen Fehler gemacht zu haben. Kaum einer, der Schuld eingesteht. Es ist ja auch gesetzlich gestattet, dass niemand etwas sagen muss, womit er sich selbst belastet. Der Angeklagte genießt solange Schutz, bis der Staatsanwalt seine Schuld beweist und der Richter sein Urteil fällt. Was als Schutz vor einem Fehlurteil gedacht war, hat dazu geführt, dass ein Verdächtiger sagt, „Das müssen Sie mir erst beweisen“ und „ich rede kein Wort mehr, ohne meinen Anwalt“. Wir haben einen Rechtsstaat, gut so. Aber die Frage sei erlaubt, ob es unserer freiheitlichen Gesellschaft nicht besser anstünde, wäre Aufrichtigkeit, Korrektheit und Ehrlichkeit die erste und absolute Bürgerpflicht. Wie weitsichtig hat doch Jesus seinen Nachfolgern aufs Herz gelegt, dass ihre Rede ein Ja sei, wenn etwas zu bejahen ist und Nein, wenn etwas zu verneinen ist.

4. Schluss

„Nicht Stolz, nicht Egoismus und nicht der Ungehorsam ist es, was uns von Gott trennt“, meint Eugen Drewermann, „sondern das Misstrauen und die Angst bringen uns um das Paradies“. Misstrauen ist das Gegenteil von Vertrauen. Wenn das Gottvertrauen schwindet, macht Angst sich breit und Angst zwingt zum Widerstand. Auch zum Widerstand gegen Gott. Und wenn ich mich gegen Gott auflehne maße ich mir an, Gott überlegen zu sein oder ihn nicht ernst nehmen zu müssen. Das beginnt mit der leisen Frage: Sollte Gott gesagt haben?

Wenn ich ein bürgerliches Gesetz missachte, habe ich die Folgen zu tragen und muss den Kopf hinhalten. Anders lassen sich keine klaren Verhältnisse schaffen. Nur so kann Schuld gesühnt werden. Anders wird der Weg nicht frei zu einem Neuanfang. Dafür sorgt unser Rechtsstaat.

Und wie sorgt Gott für einen Neuanfang?

Wie kann mein Misstrauen gegen ihn, mein Ungehorsam, mein Egoismus, ja auch meine Neugier und mein Zweifel an seiner Wirklichkeit (was ja die eigentliche Sünde ist) getilgt werden?

Die Antwort ist schlicht und ergreifend: Am Kreuz auf Golgatha.

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